Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 5† Worms-Neuhausen, Cyriakusstift 847?/1158?

Beschreibung

Zwei verlorene Bleiplättchen von oder aus Reliquienbehältern. Eine Inschrift quer wohl in der Mitte (A), eine andere am Rand (B) angebracht.1)

Nach chronikalischem Bericht bei Kranzbühler.

Schriftart(en): Karolingische Kapitalis oder romanische Majuskel?2)

  1. A

    CORPVS S(AN)C(T)I CYRIACI

  2. B

    RELIQVIAE ET CINERES MVLTOR(VM) MARTYR(VM)

Übersetzung:

Körper des hl. Cyriakus. – Reliquien und Aschen zahlreicher Märtyrer.

Kommentar

Gefunden wurden die Plättchen 1460 von Plünderern, die in das infolge der mainzisch-pfälzischen Fehde verlassene Stift eindrangen, nach Schätzen suchten und dabei den Hauptaltar verwüsteten; aus seinem Inneren raubten sie den Leichnam des Stiftspatrons und vieler anderer Heiliger samt Behältnissen. Der Domdekan erwarb die Reliquien, barg alle in der Lade des Cyriakus und ließ sie in feierlicher Prozession und unter Mitwirkung des Wormser Klerus zurückführen. Nach diesem Rückkauf konnten die Inschriften abgeschrieben werden, und der Gewährsmann sagt ja ausdrücklich „stant ... verba“ und „sunt scripta verba“. Für die Entstehungszeit der Inschriften bedeutet das zunächst: zwischen der Mitte des 9. Jahrhunderts, als Bischof Samuel das Cyriakusstift gründete, und der Plünderung von 1460, da auch nach der Weihe von 847 Änderungen am Cyriakus-Hauptaltar, der hier erstmals erwähnt wird, vorgenommen worden sein konnten.3) Zwar entspricht schon die Kirchenweihe an Christus Salvator, Maria, Cyriakus und alle Heiligen dem Befund der Inschriften, denn Reliquien Christi und Mariens waren für den Cyriakusaltar nicht nötig und außerdem sind schon früh Salvator-Verehrung und später Marienaltar bezeugt;4) die Kargheit der inschriftlichen Information glichen nach Ausweis des Gewährsmannes handschriftliche Schriftstücke mit Reliquienauthentiken im Altargrab aus. Gelegenheit, die Inschriften anbringen zu lassen, bestand außer bei der Altar- und Kirchweihe 847 auch bei der Besichtigung der Reliquien durch Bischof Konrad I. am 7. Dezember des Jahres 1158 in Anwesenheit des Abtes von Schönau, zweien seiner Mönche, des Dekans von Neuhausen und mehrerer Stiftsherren, ohne daß etwa ein solcher Vorgang erwähnt würde.5) In der Mitte des 12. Jahrhunderts ist die Kennzeichnung der Reliquienbehältnisse auf andere Weise wahrscheinlicher, da in romanischer Zeit Reliquien vermehrt erhoben und in teils kostbaren Schreinen geborgen wurden.6) Trotzdem sprechen für diesen späteren Ansatz der Inschriften die Verwendung von Bleikästchen und die pauschale Benennung der Heiltümer.7) Traut man dem Berichterstatter gar eine Umkehrung der Ereignisse zu, dann könnten die Inschriften auch anläßlich der Bergung angebracht worden sein, als man den gestörten Befund nicht mehr genau rekonstruieren konnte. Ohne die Kenntnis des genauen Aussehens wird aber eine Entscheidung nicht möglich sein.

Alle Altäre der Stiftskirche gingen im pfälzisch-calvinistischen Bildersturm nach der Auflösung des Stifts 1565 zugrunde; die Cyriakusreliquien hatten die Stiftsherren dem bischöflichen Generalvikar und Dekan an St. Martin Stephan Holzapfel zur Aufbewahrung übergeben; danach wurden sie nur noch 1660 von den Bollandisten Henschen und Papebroch im Dom gesehen.8)

Anmerkungen

  1. „Et in una plumbea lamina stant in transversum hec verba ...“, folgt A; „in alia vero lamina sunt scripta verba in oblongum videlicet ...“, folgt B.
  2. Die Buchstaben in Pseudo-Nachzeichnung mit kapitalem Charakter.
  3. Zur Weihe Jüngere Bischofschronik, nach Boos, Quellen III 23* und alle Benutzer; weitere Zerstörungen fanden 1242 und besonders 1386 statt, vgl. Chronicon Wormatiense saeculi XV 49 u. 73f.
  4. Villinger, Beiträge Neuhausen 30ff.; vgl. auch Nr. 284.
  5. Chronicon Wormatiense saeculi XV 39.
  6. J. Braun, Die Reliquiare des christlichen Kultes und ihre Entwicklung. Freiburg i.Br. 1940, 178ff. zählt Schreine seit dem 11. Jh. auf, bei denen z.T. die Erhebung der Reliquien erwähnt ist; vgl. auch A. Stuiber, Art. Altar II. Alte Kirche, in: TRE 2 (1978) 308-318 u. P. Poscharsky, Art. Altar III. Mittelalter, in: TRE 2 (1978) 318-321. Vgl. auch S. Beissel, Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland bis zum Beginne des 13. Jahrhunderts (Stimmen aus Maria Laach, Ergänzungsheft 47) Freiburg i.Br. 1890, 101ff., bes. 125f.
  7. Vgl. auch J. Braun, Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung I. München 1924, 635ff. zu Reliquienbehältern und ihren Aufschriften. Die aus der Spätantike bekannten Reliquienkennzeichnungen sind von ausführlichen Aufzählungen und Formeln wie „Hic habentur“ oder „Hic sunt memoriae“ u.ä. geprägt, vgl. H. Leclerq, Reliques et Reliquaires, in: Dictionnaire d‘archéologie chrétienne et de liturgie XIV 2. Paris 1948, Sp. 2342ff. u. M. Heinzelmann, Translationsberichte und andere Quellen des Reliquienkultes (Typologie des sources du moyen âge occidental, Fasc. 35) Turnhout 1979, 85ff.
  8. Villinger 101 Reg. Nr. 234, 104 Reg. Nr. 256.

Nachweise

  1. Chronikalischer Bericht aus dem Umfeld der Jüngeren Bischofschronik, Habels Archiv Fasc. Nr. 318, Abschrift von E. Kranzbühler, StA Worms Abt. 150 Nr. 109.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 5† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0000507.