Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 4 Mainz, Mittelrheinisches Landesmuseum, von einem Friedhof b. Bergkloster 8. Jh.?

Beschreibung

Grabstein des Aldualuhus/Aldualah. Schon im 18. Jahrhundert in eine Wand des Bergklosters eingemauert, über die Sammlung Bandel 1862 ins Museum gelangt, Inv. Nr. S 3002. Hochrechteckige Platte aus Kalkstein mit siebenzeiliger Inschrift in gerahmtem und liniertem Feld. Diese Linien tief und u-förmig. Als Worttrenner Dreiecke. Buchstaben am Ende kleiner. Oberfläche und Rand bestoßen.

Maße: H. 45, B. 30, Bu. 4-4,5 cm.

Schriftart(en): Angelsächsische Schrift (?), Kapitalis mit Unziale.

  1. HIC · PAV/SAT · COR/PUS · ALD/UALUHIa) · CV/IUS · ANIMA · / GAUDETb) · IN / CAELO

Übersetzung:

Hier ruht der Körper Aldualuhis, dessen Seele sich im Himmel freut.

Kommentar

Der Grabstein des Aldualuhus stammt als einziger in Worms nicht von einem nördlichen Gräberfeld; er unterscheidet sich auch erheblich in Schriftform und Formular von jenen früheren.1) Die eingestreuten Unzialen mit teilweiser Anlehnungen an halbunziale Formen bei A, D, E, H, L und M kommen bei anderen mittelrheinischen Inschriften aus fränkischer Zeit nicht vor; zumindest seltener finden sich dort die deutlich ausgeführten Sporen. Wie beim zweiten A überkreuzen sich mehrfach Linien kurz vor den Sporen. Auffälliger Wechsel von runden und eckigen Varianten eines Buchstabens läßt sich jedoch nicht betonten und unbetonten Silben zuordnen.2) Das ungewöhnliche Formenrepertoire wurde, wenngleich nicht ohne Widerspruch, auf insulare Einflüsse zurückgeführt; dafür spricht, daß das Zusammentreffen mehrerer Eigentümlichkeiten wie das Nebeneinander von eckigen und unzialen Formen sowie tiefliegender Schrägbalken des N bei insular beeinflußten Auszeichnungsschriften beobachtet wurde.3) Wie kaum einer anderen vorkarolingischen stand der Schrift des Aldualuhus-Steines das Formenrepertoire handschriftlicher Auszeichnungsschriften Pate, und in der Tat wird man für die meisten Fremdformen, etwa auch für die Pseudoligatur ET, das Vorbild in insularen Unzialen und Halbunzialen suchen müssen. Gegenseitige Beeinflussung von Scriptorium und Steinmetzwerkstatt im frühmittelalterlichen Nordhumbrien wies kürzlich John Higitt nach.4) In der Tat besteht eine auffällige Nähe der Aldualuhus-Inschrift zu angelsächsischen und keltischen Auszeichnungsschriften seit dem Ende des 7. Jahrhunderts, so etwa zum Evangliar von Lindisfarne beim schon charakterisierten N, bei der Verwendung von unzialem A mit spitz auslaufendem Bogen, erhöht angesetzten Mittelstrichen des E und seiner Ligatur mit T. Späteren Unzialen näherstehende Formen des G und M finden sich etwa im Codex aureus von Canterbury; unziales L, offenes P, R und das S mit weit eingezogenen Armen sind an Auszeichnungsschriften des Echternacher Evangeliars in Trier zu beobachten.5) Alle diese Belege stammen in der Regel von hervorstechenden Teilen der jeweiligen Handschriften, meist von Incipits.

Ebenfalls nicht in seinen Einzelteilen, sondern in der Kombination von Besonderheiten wartet das Begräbnisformular mit Ungewöhnlichem auf: Die Person des Verstorbenen tritt ohne die zeitübliche Standesbezeichnung hinter der Antithese von Körper und Seele, dem Hier und dem Himmel, zurück.6) Ohnehin seltenes PAUSAT begegnet häufiger nur in Trier.7)

Aus der Zusammenschau ergibt sich eine Datierung ins 8. Jahrhundert, die nur bedingt auf Ende 7. oder ins 9. Jahrhundert auszudehnen ist.8)

Für den Namen wurde die Herleitung aus Aldwalh/Alduald mit den Bedeutungskomponenten „alt“ und „fremd“ oder Halidwalh für „Held“ und „fremd“ vorgeschlagen.9)

Textkritischer Apparat

  1. AZDUAIUHI Schannat; das erste L wie Z geformt, quasi die eckige Ausführung des zweiten, ebenfalls oben nach links geknickten und stark von Minuskeln geprägten unzialen L. ALDUALAHI impliziert bei Staab, Untersuchungen zur Gesellschaft 19f., dabei zweites U als offenes A gesehen; das widerspricht dem Charakter als Auszeichnungsschrift und auch dem Spektrum der Vorlagen, im gallo-romanischen Bereich wäre es denkbar. Bei Staab Anm. 72 gallo-romanische Namen auf -alah in gehobenen Gesellschaftsschichten.
  2. Mittelbalken des unzialen E in den Deckbalken des kleineren T weitergeführt; die Konstruktion ist gut belegt in den Evangeliaren von Lindisfarne und Kells und im Salaberga-Psalter.

Anmerkungen

  1. Vgl. die Nrn. 1-3.
  2. Boppert gg. Gundermann bei Körber.
  3. Bauer mit Vergleich zur Schrift des Trierer Evangeliars der Echternacher Gruppe, vgl. Anm. b u. 5. Die Kritik von Boppert, daß alle einzelnen Formen auch in Gallien vorkämen, trifft nicht den Kern in der außergewöhnlichen Kombination gegenläufiger Tendenzen und verfremdeter Buchstaben.
  4. J. Higgitt, The stone-cutter and the scriptorium: Early medieval inscriptions in Britain and Ireland, künftig in: Epigraphik 1988. Tagungsband Graz, 149-162. Ähnlichkeit besteht zu Inschriften in insularer Majuskel, vgl. bei E. Okasha, Hand-list of Anglo-Saxon non-runic inscriptions. Cambridge 1971, z. B. Nr. 9 Billingham, Nr. 145 Yarm.
  5. C. Nordenfalk, Insulare Buchmalerei. Illuminierte Handschriften der Britischen Inseln, 600-800 (Die großen Handschriften der Welt) München 1977, insbesondere 60ff., 88ff., 96ff.
  6. Boppert zu umfangreichem Formularvergleich.
  7. Krämer, Frühchristliche Grabinschriften Triers 33f.
  8. Bauer, Reuter, Boppert. Mitte 6. bis Ende 7. Jahrhundert J. Becker, Die altchristlichen Inschriften von Wiesbaden, in: Nass. Annalen 13 (1874) 185; Ende 7. Jahrhundert Kraus; 9. Jahrhundert von Boppert nicht ausgeschlossen.
  9. Reeb, Germanische Namen 44 nach Förstemann, Altdeutsches Namenbuch I Sp. 63 u.a. mit angelsächsischer Variante Ealdvealh, vgl. auch O. v. Feilitzen, The pre-conquest personal names of Domesday Book (Nomina Germanica 3) Uppsala 1937, 155.

Nachweise

  1. Schannat, Hist. ep. Worm. I 162 Taf. IV,3.
  2. Klein, Ludwigsbahn 105.
  3. Lindenschmitt, Alterthümer unserer heidnischen Vorzeit I,3 Taf. VIII Nr. 8.
  4. Steiner, Sammlung und Erklärung altchristlicher Inschriften 56 Nr. 105.
  5. Klein, Römische Inschriften 344 Nr. 193.
  6. Becker, Älteste Spuren des Christentums 14 Nr. 7.
  7. Weckerling, Römische Abteilung I 95.
  8. Kraus, Christliche Inschriften I 17 Nr. 29 Taf. III,3.
  9. Körber, Inschriften des Mainzer Museums 137 Nr. 227.
  10. Riese, Rheinisches Germanien Nr. 4418.
  11. CIL XIII 2,1 Nr. 6256.
  12. Bauer, Mainzer Epigraphik 19 Abb. 41.
  13. Diehl, Inscriptiones Latinae Nr. 3417.
  14. Gombert, Frühchristliche Grabsteine 35 Abb. 36.
  15. Reuter, Johann Philipp Bandel 63 Nr. 13 u. Taf. 5,2.
  16. Boppert, Frühchristliche Inschriften 155ff. (mit Abb.).

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 4 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0000408.