Inschriftenkatalog: Altkreis Witzenhausen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 87: Witzenhausen (Altkreis) (2017)

Nr. 32 Witzenhausen-Wendershausen, Kirche 1514

Beschreibung

Glocke. An der Schulter umlaufend zwischen zwei doppelten Rundstegen Inschrift A. Text von einem Christuskopf unterbrochen. Unter dem Wort maria ein kleines Bild einer Pieta, wohl des Pilgerzeichens von Willershausen (Gem. Herleshausen, Werra-Meißner-Kreis, PZDB #195?); die teigige Form weist auf eine Nachbildung hin, kaum auf den Guss vom Objekt selbst. Auf der unteren Leiste Inschrift B, erhaben.

Maße: Glocke: H. 72, Dm. 85, Bu. 2,5; Pilgerzeichen: H. 5, B. 3,6, Bu. 0,3 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, Fotograf: Christian Feist [1/9]

  1. A

    anno d(omi)ni m ccccc xiiiia) hilf got · maria berotb) et sancta barbara

  2. B

    [wylaeshvsen]c)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1514. Hilf Gott, Maria, gib Rat, und heilige Barbara.

Kommentar

Die von vielen rechten Buchstabenenden abhängenden Zierstriche sind durchweg etwas fett geraten. Auffällig ist die weite Spationierung ohne Anzeige der Worttrennung.

Nach Wehking findet sich die Formel „hilf got, maria berot“ mit der anschließenden Nennung des Kirchenpatrons auf fünf Glocken im Untereichsfeld, die vermutlich vom Gießer Andreas Botger stammen.1) Da Wendershausen von dort nicht weit entfernt ist, wird die Wendershäuser Glocke ebenfalls diesem Gießer zuzuschreiben sein. Das gilt jedoch nur, wenn die Glocke von Germershausen (1513)1) von diesem Gießer stammt; zumindest gleicht die Glocke in Wendershausen in hohem Maße jener in Größe, Buchstabengröße (2,5 cm), Doppelstegen, Pilgerzeichen mit Marienthema und in den wenigen überprüfbaren Buchstaben, insbesondere den c und dem eigenwilligen x. Die von Wenzel vorgenommene Zuordnung zu Homberger Glockengießern,2) in diesem Falle also an Hans Kortrog, ist eher unwahrscheinlich, zumal dessen Formulare nicht passen.

„Der Inschrifttypus ,Hilf got usw.‘ stammt aus den östlichen deutschen Ländern Schlesien und Preußen. Er ist dort auf Hunderten von Glocken anzutreffen und beginnt im frühen 15. Jahrhundert. Im Laufe des Jahrhunderts wanderte er immer weiter nach Westen, wobei Hessen offenbar die westlichste Region ist. Am Rhein ist er völlig unbekannt. Er lautet in vollem Umfang: hilf got maria berot al(le)s das wir beginnen das (soll) uns ein gut ende gewinne(n). Die Vollständigkeit hängt von der Größe der Glocke ab, da in der Regel die Inschrift nur eine einzige Zeile umfaßte.“3)

Textkritischer Apparat

  1. Das x vom vorhergehenden c durch Spatium getrennt, nicht aber vom nachfolgenden i. Damit ist es als Zahlzeichen bestätigt, wenn es auch durch die Brechung links unten, das reduzierte Quadrangel rechts oben und den beidseitig überstehenden kurzen Balken eher ungewöhnlich aussieht. Auch Wenzel liest 1514. Die Lesung 1410 (s. Ganßauge 188, Merkel 16) ist unzutreffend.
  2. D. i. berat in der Bedeutung helfen, mit Rat und Tat an die Hand gehen, s. DWB s. v. berathen.
  3. Nach dem Eintrag in der Pilgerzeichendatenbank ist Willershusen zu erwarten; man könnte allerdings, wie hier vorgeschlagen, nach dem Bild in Odensachsen von 1471 konjizieren, vgl. DI 91 (Hersfeld-Rotenburg) Nr. 69. Wenzels meizuhilf kann ich weder nachvollziehen noch verstehen. Für mich sind die meisten Buchstaben undeutlich, doch meine ich am Anfang ein W und am Ende se[n] zu erkennen. Die Lesung Willershusen korrigiert Eckhardt in Weldershusen, doch meint er, dass es sich bei dem Pilgerzeichen auf der Wendershäuser Glocke nicht um das von Willershusen/Weldershusen handelt (s. Eckhardt, Wallfahrt 48). Auf dem ihm vorliegenden Foto ist nämlich die Inschrift nicht zu erkennen, und Lanze und Wappenschild sind ja tatsächlich nicht vorhanden. Übrigens enthält sein Zitat der Glockeninschrift irrtümlich die Jahreszahl 1500 (m ccccc) statt 1514.

Anmerkungen

  1. Sabine Wehking schreibt in DI 66 (Lkr. Göttingen) Nr. 122, Hilkerode, kath. Kirche St. Johannis: „Der Spruch hilf got maria berot jeweils in Kombination mit den Namen der Kirchenpatrone tritt um 1500 im Untereichsfeld häufiger auf (Nrr. 80, 81, 117). Vermutlich wurden alle Glocken vom selben Gießer angefertigt, der der Sprachform der Inschrift nach aus dem mitteldeutschen Bereich stammen könnte (vgl. dazu auch Einleitung S. 25). Da jedoch nur die Glocke in Germershausen (Nr. 117) erhalten ist, läßt sich eine Zuschreibung an denselben Gießer nicht durch einen Vergleich der Gestaltung belegen.“ Zu Belegen s. auch Walter, Glockenkunde 168f., vgl. den Hinweis in Anm. 3 zur problematischen Frühdatierung bei Walter; s. zu wenigen Glocken Botgers Walter, a.a.O. 698f.
  2. So gemäß Zitat in Wenzel, Glockenkunde 51 (Homberger Glockengießer), fol. 22v.
  3. Freundliche Mitteilung von Jörg Poettgen. Zum Formular s. auch DI 91 (Hersfeld-Rotenburg) Nr. 64, s. auch Poettgen, Handbuch der deutschen Glockengießer XV.

Nachweise

  1. Wenzel, Glockenkunde 24, fol. 69v; Glockenkunde 51, fol. 22v.
  2. Ganßauge 188.
  3. Eckhardt, Wallfahrt 48.

Zitierhinweis:
DI 87, Witzenhausen (Altkreis), Nr. 32 (Edgar Siedschlag, Mitarbeit: Fuchs, Rüdiger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di087mz13k0003202.