Inschriftenkatalog: Altkreis Witzenhausen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 87: Witzenhausen (Altkreis) (2017)

Nr. 25 Witzenhausen, Liebfrauenkirche 1505

Beschreibung

Glocke. An der Glockenschulter umlaufende Inschrift A, darüber Fries aus stilisierten Lilien, darunter Fries aus Rosen(?), als Worttrenner kommen Bügelschere (M1), sechsstrahlige Sterne, Rosetten und Lilien vor. Auf der Flanke Reliefbild mit Krönung der hl. Jungfrau im Himmel, um dieses Bild umlaufend Inschrift B, links oben mit einer Rosette beginnend; Worttrenner: undeutliche Quadrangel. Oberhalb dieses Reliefbildes ein Pilgerzeichen1) der hl. Anna mit fünfeckigem Umriss, am unteren Rand beschriftet (Inschrift C). Gegenüber ein drittes Reliefbild, das Petrus mit einem Schlüssel und Paulus links daneben mit einem Schwert darstellt. Die Inschriften sind erhaben gegossen, B und C teilweise verwittert.

Ergänzungen in B nach Schäfer und Wenzel.

Maße: Dm. ca. 130, Bu. 5,5 cm (A), Bild: H. 20, B. 15, Bu. 1 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der Frühhumanistischen Kapitalis (A, B), Kapitalis mit frühhumanistischen Elementen (C).

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, Fotograf: Christian Feist [1/10]

  1. A

    * Anno · d(omi)ni · m · ccccc · v · meister · hans · kortrocka) · von · homberg · de(m) · got · gnade · me · fecit · in · profesto · santib) · iacoibb) · ap(osto)li

  2. B

    · O florens · rosa // mater · domini / speciosa ·o uirgo · mitis //·o vericundissimac) · vitis /[c]lariord) · a[w]rora · [p]ro · nobis · iugiter / o[ra]o[ra p]ro · nob[is] · // [o] beata · virgo · mariae)

  3. C

    [S(AN)T] AN[NA]

Übersetzung:

(A) Im Jahre des Herrn 1505 schuf mich Meister Hans Kortrog von Homberg, dem Gott gnädig sei, am Tag vor dem Fest des hl. Apostels Jakobus (24. Juli 1505).

(B) O blühende Rose, strahlende Mutter des Herrn, o milde Jungfrau, o sittsamster Weinstock, leuchtender als die Morgenröte, bitte beständig für uns, bitte für uns, o heilige Jungfrau Maria.

Versmaß: Vier Hexameter, davon 1-3 leoninisch zweisilbig gereimt (B).

Wappen:
Marke/Gießerzeichen: Kortrog (M1)2)

Kommentar

Der Versal A mit beidseitig überstehendem Deckbalken und geknicktem Mittelbalken ist der frühhumanistischen Kapitalis entlehnt; die Kapitalisbuchstaben von Inschrift C auch, dort sind die A nicht so leicht zu differenzieren.

Der aus Homberg stammende Glockengießer Hans Kortrog, der sich auf dieser Glocke Hans Kortrock schreibt – was in dieser Nummer vorübergehend beibehalten ist –, hat vor allem in Hessen zahlreiche Glocken gegossen; im Untersuchungsgebiet stammt noch eine Glocke in Fürstenhagen (Kat.-Nr. 29) von ihm. Besonders bekannt sind seine in den Jahren 1520 und 1521 gegossenen beiden Glocken in Harle. Auf ihnen verwendet er als Worttrenner sein Gießerzeichen, die Bügelschere,2) sowie Rosetten, Sterne und männliche Gesichter.3) Bügelschere, fünfblättrige Rosette4) und Stern erkennt man auch auf der Witzenhäuser Glocke.

Das Relief der Marienkrönung erscheint auf vier weiteren Glocken: in Fritzlar (1456), Bernkastel (1499), Gensungen (1501) und Trier-Euren (1505). Die Umschrift des Reliefs auf der Witzenhäuser Glocke stimmt völlig überein mit der Umschrift des Reliefs in Trier-Euren und muss, da die Inschriften der Stadt Trier publiziert sind,5) hier nicht noch einmal ausführlich behandelt werden, zumal alle vier Glocken berücksichtigt sind.

Es fällt auf, dass die Glocke in Trier-Euren wie auch die in Witzenhausen eine Plakette der hl. Anna aufweist. Hans Kortrog hat auf 14 Glocken eine Medaille der St. Anna-Wallfahrt aufgebracht, die erst im Jahre 1501 in Düren begonnen hat, und hat schon im selben Jahr eine Glocke in Gensungen damit geschmückt, die St. Anna-Wallfahrt war also sehr beliebt.6) Das erklärt das Auftreten der Anna-Plakette auf beiden Glocken.

Zur metrischen Einstufung der Verse7) scheint eine kurze Erörterung angebracht. Denn die Form, in der Dreves die Verse druckt, deutet nicht unbedingt auf Hexameter hin. Eine genauere Betrachtung liefert folgende Beobachtungen:

Der dritte Vers ist ein einwandfreier leoninischer Hexameter, nicht so die übrigen Zeilen – es sei denn, man rechnet mit Lizenzen beim Gebrauch des Metrums. Dann kann im zweiten Vers das zweite o als Kürze gemessen sein und im ersten die Unregelmäßigkeit vorliegen, dass das pyrrhichische Wort rosa wie ein Spondeus gehandhabt wird. Die Länge -sa kann dabei als die verbreitete Längung in arsi (vor der Zäsur) aufgefasst werden. Bei der Längung der vorhergehenden Silbe liegt eine Längung in thesi vor, bei der man vor der Frage steht, ob man sie als seltene Lizenz akzeptieren oder als metrischen Fehler kritisieren soll. Für diese Entscheidung ist es hilfreich, vier Fortsetzungen des Textes einzubeziehen:

1. ut simus digni postrema luce beari8)
2. ut salvi simus, hac dum de carne venimus9)
3. ora tu pia pro me, rosa virgo Maria10)
4. ora pro nobis, [o] beata virgo Maria

Die ersten beiden sind einwandfreie leoninische Hexameter. Die dritte Fortsetzung macht von derselben Lizenz Gebrauch wie die erste Zeile und behandelt pia als Spondeus. Die vierte ist einem Hexameter sehr ähnlich; er wäre einwandfrei, würde man bei [o] beata das o kurz und das letzte a lang messen. Jedenfalls liegt ein korrekter 1. Teil (bis zur Zäsur) vor, dann ein korrekter zweiter Teil eines akzentuierenden Hexameters. Darum scheint mir die Nähe zum Hexameter so groß, dass ich nicht von einer Prosafortsetzung sprechen möchte. Insgesamt zeigen die Fortsetzungen, dass O florens rosa als hexametrisches Gedicht aufgefasst wurde.

Dieses Urteil wird zunächst dadurch erhärtet, dass einer der Nachahmer o florens rosa in o praerubra rosa verbessert, um die anstößige Kürze zu beseitigen.11) Ferner existiert bei Dreves ein längeres hexametrisches Gedicht, das in seinen vier Schlussversen O florens rosa ... pro nobis omnibus ora enthält und dann mit ora tu ... Maria endet. Auch hier muss der Dichter die Verse als Hexameter aufgefasst haben.12) Mir scheint es also schwieriger, dafür zu argumentieren, dass O florens rosa nicht aus Hexametern besteht,13) zumal mir kein weiteres Beispiel für diese Art Hymnenstrophe bekannt ist.

Vielleicht fasst man die Beispiele am besten so auf, dass der Hexameter in einen akzentuierenden Vers übergegangen ist, mit der Betonung auf der 1. (oder 2.) Silbe und meist auf der 4. und 7. Silbe und stets auf der fünftletzten und vorletzten Silbe. Einem solchen Vers fügt sich auch das in verecundissima veränderte vecundissima.

Textkritischer Apparat

  1. kortroik Schäfer.
  2. Sic!
  3. Sic für verecundissima; vecundissima Schäfer, Wenzel (d. i. fecundissima).
  4. Dahinter fügt Schäfer irrtümlich clarissima ein, Wenzel ein zweites clarior.
  5. Wenzel gibt an, dass noch amen christus iesus folgt. Auf dem Rand ist es nicht zu finden, und auch Schäfer erwähnt es nicht, und es steht auch nicht in den Parallelzeugnissen.

Anmerkungen

  1. Dieses kleine Relief wurde bisher übersehen. Es hat große Ähnlichkeit mit PZ #629, das sich auf einer von Kortrog im Jahre 1506 gegossenen Glocke in Obermelsungen befindet. Denn von der Form her ist es ein Quadrat mit aufgesetztem Giebel, dessen Höhe etwa ein Drittel der Grundseite beträgt, und auch in den Abmessungen entspricht es PZ #629 (39:30 mm), ich habe 40:31 gemessen. Die Darstellung ist nicht mehr gut zu erkennen. Doch meine ich, etliche Merkmale des von Köster, St. Anna 193 beschriebenen Typs G III wiederfinden zu können: die vierfache Fältelung des Brusttuchs, die Art des Kopfschleiers und die Inschrift unter dem leicht gebogenen Zierreifen. Auch die Taube und die kreisförmigen Gebilde daneben zeichnen sich ab, die Engel nur sehr undeutlich, und die rahmende schmale Doppelleiste erkenne ich gar nicht.
  2. Auch als Schafschere angesehen, vgl. bei Anm. 3, doch da Hans Kortrog Kupferschmied war, deutete Jörg Poettgen das Werkzeug als Blechschere (Freundlicher Hinweis von Jörg Poettgen). Eine Blechschere hat aber normalerweise eine Achse wegen der notwendigen Hebelwirkung. Der Scherentyp muss nichts mit der Zunft zu tun haben.
  3. http://www.mathstat.dal.ca/~dilcher/Harle/geschichte.html (letztmals kontrolliert 01. 2. 2016).
  4. Wenzel zählt sechs Blätter. Ich erkenne hier wie auch auf der Fürstenhagener Glocke nur fünf, s. Kat.-Nr. 29.
  5. s. DI 71/I (Stadt Trier) Nr. 359. Dort auch genaue Angaben zu allen fünf Glocken und zur Herkunft des Textes.
  6. Hinweis von J. Poettgen brieflich. Nach seiner Ansicht stammt das Relief aus einem Model, der seinen Ursprung in einem anderen Verwendungszusammenhang hat und vermutlich von Bilderbäckern verwendet wurde.
  7. Ihnen liegt ein Marienhymnus zugrunde, der, wie Dreves angibt, nach Schubigers Zeugnis von Hermannus Contractus stammt, s. Analecta hymnica 24, S. 10. Die Verse sind mit verschiedenen Variationen besonders der letzten Zeile in den Analecta hymnica noch an anderen Stellen zu finden, s. Analecta Hymnica 24, S. 54; 32, S. 200, Nr. 152; 50, S. 319, Nr. 246.
  8. So die 4. Zeile des dem Hermannus Contractus zugeschriebenen Hymnus. Sie wird z. B. in einem Manuskript des 14. Jahrhunderts zitiert, s. Colophons de manuscrits occidentaux des origines au XVIe siècle, Bd. 5 hg. von Pierre Gasnault (Spicilegii Friburgensis subsidia 6) Fribourg 1979, S. 176, Randnr. 16216 oder bei Wattenbach 501.
  9. s. Analecta hymnica 24, S. 54.
  10. s. Analecta hymnica 32, S. 199f., Nr. 152.
  11. s. Analecta hymnica 24, S. 54.
  12. s. Analecta hymnica 32, S. 199f., Nr. 152. Dort findet man in v. 33 fero vor der Penthemimeres als Spondeus behandelt (wie oben rosa oder pia). Längung in thesi fand ich in amica (v. 2), stella (17), petendo (21), precatur (21). Längung in arsi, aber nicht vor der Zäsur, tritt auf in v. 3: salutis (– – –); v. 4: pia (v–); v. 26: tuaque (vv–); v. 27: culpamque (– – –). Vergleichbare prosodische Unsauberkeiten auch in DI 79 (Rhein-Hunsrück-Kreis II) Nr. 18pia (– –), sonos (– –), per bonos (v– –).
  13. Dreves selbst druckt die Verse, wo er sie für sich behandelt, als Langverse mit zwei reimenden Vershälften. Nur in Analecta hymnica 24, S. 54, gibt er sie als Kurzzeilen mit Endreim wieder; wahrscheinlich wollte er sie der Umgebung anpassen.

Nachweise

  1. Schäfer 16ff.
  2. Wenzel, Glockenkunde 24, fol. 73v–74r.

Zitierhinweis:
DI 87, Witzenhausen (Altkreis), Nr. 25 (Edgar Siedschlag, Mitarbeit: Fuchs, Rüdiger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di087mz13k0002509.