Inschriftenkatalog: Stadt Wiesbaden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 51: Wiesbaden (2000)

Nr. 62† Wiesbaden, Museum (vom ehem. Uhrturm) 1548

Beschreibung

Namensansage, Herstellungs- und Meisterinschrift sowie Gußjahr auf Wacht- und Feuerglocke. An der Schulter befand sich das einzeilig umlaufende Schriftband (A) zwischen einem Steh- und einem Hängefries; am Wolm drei Stege. Die Glocke trug unter dem Spruchband auf zwei Seiten kleine figürliche Reliefs von einem Engel mit Buch und einem zweiten mit einer Waage. Zu Seiten des einen Engels stand das Gußjahr (B). Nach der Niederlegung des Uhrturms 1873 kam die Glocke an die Bergschule, wo sie im Feuermeldeturm aufgehängt wurde; Anfang 1943 wurde sie ins Museum, SNA, verbracht, ist dort aber offenbar seit 1945 verschollen.

Nach Inv.-Bd. SNA.

Maße: H. 83, Dm. 93 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.1)

  1. A

    ·a) EIN AVERb) GLOCK HEIS ICHWISBADEN DIN ICHPAVLVSc) FISCHER CV BINGEN GOS MICH

  2. B

    1548.

Versmaß: Deutsche Reimverse (A).

Kommentar

Die Inschrift vereint die Namensansage und die Meisterinschrift mit dem Hinweis auf die Bestimmung der Glocke, nämlich im Dienst der Stadt und deren Sicherheit zu stehen.

Die mittelalterliche Stadtbefestigung hatte zwei Stadttore oder Pforten, das Obere (Oberpforte) und das Untere oder Niedere Stadttor. Die Oberpforte an der Marktstraße Richtung Michelsberg trug im Turm die Sturmglocke und spätestens seit dem 16. Jahrhundert die Stadtuhr,2) weshalb die Pforte 1524 den Namen „Uhrturm“ erhielt. Im Uhrturm lagerte das nicht ständig gebrauchte Schriftgut des Wiesbadener Stadtgerichts.3) Türmer, die spezielle Wachdienste zu versehen hatten, taten umschichtig Dienst auf dem Uhrturm.4)

Beim großen Stadtbrand 1547 wurden die Uhr und die ältere Glocke zerstört. Nach Vorverhandlungen mit Frankfurter Glockengießern erhielt der Binger Gießer Paul Fischer den Zuschlag zum Guß der neuen, acht Zentner schweren Sturmglocke, wofür er 25 1/3 Gulden verlangte.5) Er hatte 1539 eine Osanna-Glocke in Wallendorf bei Merseburg6) und 1541 zwei Glocken in Oberwesel-Langscheid gegossen.7) Die angeblich8) von ihm für die Mauritiuskirche angefertigten Glocken hingegen stammen von Pallas von Bingen.9) Der „Uhrturm“ mußte 1873 dem wachsenden Straßenverkehr weichen und fiel der Spitzhacke zum Opfer; die Archivbestände wurden dann in einem Turm der Marktkirche, später im Obergeschoß des Neuen Rathauses untergebracht, 1933 ans Staatsarchiv abgegeben.10)

Textkritischer Apparat

  1. Textbeginn mit nicht identifizierbarem Zeichen markiert.
  2. AVE Luthmer. AVER mundartlich für Uhr.
  3. Pavl Roth, Pawl Luthmer.

Anmerkungen

  1. Alle Angaben aus SNA-Inventarband, freundl. Hinweis von Dr. Günter Kleineberg, Museum Wiesbaden, vom 17. März 1999.
  2. Vgl. Renkhoff 124f., auch zum Folgenden.
  3. Bleymehl-Eiler, Stadt 11f., 12 zum Archivraum („Gewölb“).
  4. Ebd. 655-658 zum Stadttürmer.
  5. Renkhoff 125. Wohl ein Verwandter (Vater?) war Hans Fischer aus Bingen, dem zwischen 1505 und 1525 sechs Glocken zugewiesen werden können, u.a. auch eine Marienglocke in Dickschied, vgl. dazu DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 348.
  6. Vgl. Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Merseburg 241.
  7. Vgl. Fritzen, Glockengießer 74, auch zu der 1553 gegossenen Glocke in St. Goarshausen-Weißel; zu den Oberweseler Glocken vgl. künftig DI Rhein-Hunsrück-Kreis.
  8. So etwa Roth 287f.
  9. Richtiggestellt von Renkhoff 175 mit Anm. 289.
  10. Vgl. Bleymehl-Eiler, Stadt 13f., auch zu Verlusten in den Archivbeständen.

Nachweise

  1. Roth, Geschichte Wiesbaden 439.
  2. Meuer, Überreste 60.
  3. Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler (1921) 151.
  4. Spielmann 6f.
  5. Inventarband SNA 1939-1945, o.S. (mit Abb.).
  6. Berger, Herkunft 224 Anm. 17 (nach Spielmann).
  7. Müller-Werth, Geschichte 25 (nach Roth).
  8. Renkhoff, Wiesbaden im Mittelalter 125 (nach Roth).

Zitierhinweis:
DI 51, Wiesbaden, Nr. 62† (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di051mz05k0006203.