Inschriftenkatalog: Stadt Trier I

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 70: Stadt Trier I (2006)

Nr. 15 Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum,
aus Gering bzw. von einem Trierer Gräberfeld
E. 7.-1. H. 8. Jh.?

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Grabstein eines Unbekannten. Die fast quadratische Marmorplatte wurde 1888 bei der Öffnung des barocken Hochaltars St. Nikolaus in Gering (Lkrs. Mayen-Koblenz) gefunden1) und gelangte wohl nach Errichtung des Neubaus 1922 ins Museum nach Trier (Inv. Nr. BM 87, 17 = E 17).2) Allseitig beschnitten, doch links mit Wortanfängen und Lineatur, zeigt sie maximal sieben Zeilen Inschrift, die beiden oberen in größerer Schrift, die unteren links und knapp über einer nach rechts gewandten Taube fast verloschen – es fehlt also mehr als die rechte Hälfte der Inschriftenzeilen, da Tauben immer paarweise vorkommen und zwischen ihnen noch ein Christogramm oder andere Ornamente stehen können. Hier sieht man noch nach links unten reichend den Rest eines spitz zulaufenden Blattes. Die Zeilen in kleinerer Schrift sind allerdings keine nachträgliche Anfügung, sondern gehören, so auch Merten, zum ursprünglichen Text. Auch dieser Textteil, so ist zu beachten, lief rechts neben den Bildnissen weiter und nahm offenbar auf diese Rücksicht. Die Tauben stehen in einem großen Mißverhältnis zur Buchstabengröße ab der zweiten Zeile. Daher muß man damit rechnen, daß die heute sichtbare Beschriftung auf eine teilweise geglättete und vielleicht beschnittene Platte erfolgte, die Darstellung also gar nicht zeitgenössisch zur Schrift zu sein braucht, wie das auch bei der Platte für Rotfridus (Nr. 23) zu beobachten ist; dazu paßt gut, daß das Blatt ähnlich dem eines spätantiken Steines aus Ettelbruck (Luxembourg)3) gestaltet und plaziert ist.

Nach den Zeilen des Originals wiedergegeben.

Maße: H. (Fragm.) 23, B. (Fragm.) 24,5, Bu. 1,5-3,3 cm.

Schriftart(en): Vorkarolingische Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Rüdiger Fuchs) [1/1]

  1. [– – –]a)CARETATE DE[I] FVS[– – –]b)QVI VIXTc) ANNOS [– – –]FILIOLVSd) SVOS [Q]VE[M] E[X] COe)//[– – –]LABACRO E[X– – –]f) // [– – –]CE[N]T TEg)[– – –] // [– – –]h)[...VIA– – –]i)[D]E[. – – –]k)

Übersetzung:

... mit der Liebe Gottes benetzt ... , der ... Jahre lebte, ... sein Söhnchen, welches er mit der Gattin ... durch die Taufe ...

Kommentar

Die Platte schloß ein Reliquiensepulkrum, das gemäß Siegel von einer Weihe durch den Trierer Erzbischof Egilbert (1079-1101) stammte.4) Diese Tatsache war für Kraus Grund genug, eine Herkunft des Steines aus Trier zu erschließen, namentlich aus St. Maximin oder St. Matthias. Paläographisch wurde diese Hypothese gestützt, da die Buchstabenformen den von Gauthier als spät erkannten und vor allem jenen des Modoald-Steins (Nr. 6) vom nördlichen Gräberfeld entsprechen sollen.5) Hier gilt es trotz des knappen Buchstabenbestandes zu differenzieren. Wirklich beurteilbar sind nur die Buchstaben der beiden ersten Zeilen, die sich allerdings durch eine verhältnismäßig stabile Strichführung auszeichnen: A mit dem hohen Dreiecksporn aus den sich oben überschneidenden Schrägschäften sowie einem rechtsschrägen Balken kommt zwar bei den jüngeren Steinen genau so nicht vor, jedoch mit linksschrägem Balken bei den Steinen für Modoald und Hari- (Nr. 6, 11); das asymmetrische D mit nach unten verschobenem Bogenscheitel ist selten;6) das E, nicht jedoch das F, gehört wegen der Schaftverlängerung zu den typischen Buchstaben des sogenannten (rhein-)fränkischen Schrifttyps7) und ist in Trier gleich mehrfach und eben nur bei den jüngeren Steinen für Modoald, Ebraharius und drei Fragmenten (Nr. 6, 10, 2, 13, 17) zu beobachten, in einer Vorform mit überstarken Sporen am Schaft bei den Steinen Leodomundus und Hari- (Nr. 4, 11); das N mit eingezogenem Schrägbalken kann ebenfalls als Kennzeichen der jüngeren Steine etwa bei Leodomundus, Hari-, Ludubertus (Nr. 4, 11, 22), drei Fragmenten (Nr. 13, 16, 17) und bei Widargildus (Nr. 28) gelten; ebenso könnte kleines, meist breites oder vollrundes O wie bei Flodericus/Hlodericus (Nr. 1) und wenigstens teilweise bei Ursinianus und mehreren Fragmenten (RICG I Nr. 170, hier Nr. 4, 16, 17, RICG I Nr. 242) eine Leitfunktion übernehmen; das gilt auch für das fast vollrunde Q mit rechts unten die offene Bogenlinie schneidender gewellter Cauda;8) das offene R wie bei Flodericus/Hlodericus, Ebraharius und Ludubertus (Nr. 1, 10, 22) ist nicht in gleichem Maße typisch, auch nicht der langgezogene Mittelteil des S bei Flodericus/Hlodericus, Hari-, -audes und einem Fragment (Nr. 1, 11, 17, RICG I Nr. 191) sowie seine eingebogenen Bogenenden bei Modoald (Nr. 6). Ausnahmslos in der Gruppe dezidiert jüngerer Grabinschriften Triers (Nr. 1, 11, 16, 17) kommt das extrem asymmetrische X mit stark nach links unten verlängertem Rechtsschrägschaft vor; da das Zwei-Linien-Schema nicht durchbrochen wird, verschiebt sich der Schnittpunkt der Schrägschäfte nach rechts oben.9) Es fällt auf, daß weder dieses X noch N, R und S in ähnlicher Form in der Referenzinschrift des Modoald (Nr. 6) festzustellen sind, auch daß es keine andere Trierer Inschrift gibt, die in der Mehrzahl der ausgesuchten Merkmale übereinstimmt, freilich auch keine an der unteren Mosel und im Neuwieder Becken als dem Fundort näheren Bereichen.10)

Weder Abhängigkeiten noch zeitliche Verschiebungen sind im Vergleich mit den Inschriften des übrigen Gallien ausreichend aufgearbeitet worden, so daß nur kursorisch auf Parallelen hingewiesen wird: Das D kommt wohl 573 in Chartres11), 631 in Saint-Romain d’Albon und 689 in Narbonne12) vor, E und andere Buchstaben mit Schaftverlängerung in der Inschrift Theoderichs III. wohl zum Jahr 676 in St-Pierre du Ham bei Valognes (Dép. Manche), in der es auch mehrfach offenes R gibt13); N ist in Gallien häufig, oft aber in Mischung mit dem N mit normalem Schrägschaft; das X mit stark nach links unten verlängertem Rechtsschrägschaft findet sich zweimal in Lyon14).

Ab der dritten erhaltenen Zeile ist der Text nicht mehr ausreichend sicher lesbar und auch früher nicht so überzeugend gelesen worden, daß man seine Struktur genau erkennen könnte – das meiste sind zusammenhanglose und zweifelhafte Buchstaben. Gegen Merten wird man nach der Krausschen Lesung dort doch den näher spezifizierten Sohn EX CONIVGE vermuten, obgleich diese Formel den frühchristlichen Inschriften fremd ist. Einleitend hat man eine Ruheformel anzunehmen, vielleicht sogar noch den Namen des Verstorbenen, dann mit CARETATE ein seltenes Totenlob. Dessen genauer Wortlaut ist umstritten: Merten hielt den Buchstaben nach DE für ein F und ergänzte zu CARETATE DEFFVSA, wobei letzteres eine vulgäre Form von DIFFVSA sein soll. Sie kann dafür auf einen Balkenansatz am betreffenden Schaft zurückgreifen, obwohl der etwas höher als am benachbarten F ansetzt und ihm der dort zu beobachtende Sporn fehlt. Außerdem kann sie auf eine parallele Formulierung in Vienne verweisen; dort heißt es in der Inschrift der Nonne Dulcitia (Mitte 6. Jh.) zum Totenlob ... MOREBVS OPTIMIS / VOLONTATE DIFF[V]SA CHARITATE / LARGISSIMA / QVAE VIXIT ...15) Hier gehört DIFFVSA aber zu VOLONTATE, was die Junktur sprengt. Weiterführend ist der Hinweis von Hemgesberg16) auf eine Anlehnung an Römerbrief 5,5, wo es heißt: „quia caritas Dei diffusa est“; das Simplex des Verbs statt des Compositums könne aus der Benutzung einer Vetus latina-Bibel resultieren. Die Junktur der „caritas Dei“, die in unseren Herzen ausgegossen wird, findet sich reichlich in Väterschriften, v. a. bei Augustinus, abgewandelt auch bei Paulinus von Nola: „caritas Christi bene fusa caelo“17). Wie in der Vienneser Inschrift muß es sich in der fraglichen Passage um einen Teil eines vielleicht ausführlichen Totenlobs handeln. Alle übrigen Trierer Belege für CARITAS stehen in der Stifterformel,18) das trifft für die vorliegende Inschrift eben nicht zu.

Textkritischer Apparat

  1. Kraus ergänzte hier – aus einem Mißverständnis des Formulars heraus – HIC IN PACE QUIESCIT ...... CUI PRO.
  2. Kraus ergänzte zu [... PRO] CARETATE DEI FVS[CA VXOR TITULUM POSUIT]; Merten sah die Junktur CARETATE DEFFVS[A], was von Hemgesberg, Rez. zu Merten, Katalog 481 bestritten und zur Krausschen Lesung CARETATE DEI FVS berichtigt wurde, vgl. dazu unten nach Anm. 14.
  3. Sic für VIXIT, kaum mit Nexus XI wie Kraus, Altarfund.
  4. Kraus hat davor CUM, wofür es keine Anzeichen gibt, und deutet das als CVM FILIOLIS SVIS.
  5. Bei Kraus nach SVOS nicht gesichert QVEM EX CO... wohl für EX CONIVGE; Merten hat ohne Sinnzusammenhang SVOS VEIIEC. Die Kraussche Lesung kann anhand spärlicher Reste nachvollzogen werden; sichtbar sind vor allem Sporen von Schaftenden, die zum Raumangebot in Beziehung gesetzt werden können. Vor VE sieht man schwach eine Bogenlinie ohne Sporen, was nur für O und Q zutreffen kann – das Spatium erzwingt einen Buchstaben gegen Merten. Beim X sind die Sporen nach der Disposition des X der zweiten Zeile verteilt. Das O ist klein leicht hochgesetzt und nimmt so Rücksicht auf den Kopf der Taube.
  6. So auch Kraus für LAVACRO, der danach E oder F las, LABACRET Merten; die Disposition der Sporenreste läßt auf das typische X der zweiten Zeile schließen.
  7. CENT TE IV Kraus; CE[.]ITTE Merten. Nachfolgende Löcher von Sporen lassen nur Buchstaben mit Schäften erahnen, jedenfalls keine Bögen.
  8. Danach eine unleserliche Zeile bei Merten, was nicht nachzuvollziehen war.
  9. Zweimal ID IVN . EI Kraus, einmal mit Kürzung über ID, einmal mit Kürzung über IVN; [– – –]EI[– – –] Merten. Die Kraussche Lesung läuft auf eine Tagesdatierung hinaus, die in Beziehung zu den Iden des Juni steht, es folgt dann vielleicht EI(VS), vgl. auch folgende Anm.
  10. [L– – – E – – –I] Kraus, nicht bei Merten. Am Beginn der Zeile könnte man auch DEP für DEP(OSICIO) vermuten, was sich gut an die Kraussche Lesung der vorangehenden Zeile anschlösse und Gepflogenheiten der jüngeren Steine entspräche.

Anmerkungen

  1. Nach Kraus.
  2. So Merten.
  3. Vgl. RICG I Nr. 238; Merten wies darauf hin, daß jener Stein wie der aus Lampaden (Lkrs. Trier-Saarburg) (d. i. RICG I Nr. 28) möglicherweise aus Trier stammt.
  4. Kraus las aus dem Wachssiegel eine Konsekration als Tragaltar, was ohne Wortlaut der Weiheurkunde nicht nachzuvollziehen ist. Vgl auch Kraus, Altarfund zur orientalischen Holzbüchse.
  5. Merten v. a. nach RICG I 28 f. PL.V. und Nr. 147. Der paläographische Hinweis bei Kraus auf ähnliche R und L auf dem Grabstein des Gundiisclvs(?) vom Jahr 547, vgl. Le Blant, Inscriptions chrétiennes II Nr. 467 m. Abb. 373, ist irreführend, weil seine Beobachtung nicht zutrifft und die Merkmale nicht relevant sind. Die Datierung in die Mitte des 6. Jahrhunderts entbehrt daher jeder Grundlage.
  6. Dieses D begegnet sowohl in spätantiken paganen und altchristlichen Inschriften wie auch in der capitalis rustica früher Bücher, vgl. dazu Steinmann, Vom D, bes. Abb. 22a-b. Dieses die Produktionsweise aus Schaft mit Balken unten nach rechts und Bogen von oben wiedergebende Aussehen reflektieren noch viele Inschriften bis ins Hochmittelalter, vgl. auch Kaufmann, Handbuch 449 ff. u. Deschamps, Étude sur la paléographie 68.
  7. Vgl. Bauer, Epigraphik 12 ff. mit zahlreichen Belegen am Mittelrhein; vgl. auch Boppert, Frühchristliche Inschriften – Tafel mit Alphabeten.
  8. Vgl. Einleitung Kap. 5.1.
  9. Dieses X kommt auch auf den relativ späten Steinen für Audolendis, Badegisel in Mainz, schwächer und unregelmäßig auf dem der Bertichildis in Bingen vor, vgl. Boppert, Frühchristliche Inschriften 21, 24, 108, außerdem auf dem Stein des Adelbertus in Andernach, vgl. Boppert, Frühchristliche Inschriften Andernach Abb. 7, jetzt auch DI 111 (Lkrs. Mayen-Koblenz) Nr. 42 – es ist also nicht typisch trierisch.
  10. Bei den Bopparder Inschriften kommt A mit rechtsschrägem Balken früh, mit linksschrägem spät vor, vgl. DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis I) Nr. 2, 7, 10; Schaftverlängerung, vgl. ebd. Nr. 7, 8; N mit eingezogenem Balken bei ebd. Nr. 6a, 7; offenes R, ebd. Nr. 1, 7, 10; S mit langem Mittelteil, ebd. Nr. 2 – insgesamt ergibt sich betreffs Umfang und Zeitstellung übereinstimmender Merkmale ein uneinheitliches Bild.
  11. Vgl. Le Blant, Inscriptions chrétiennes I Nr. 211.
  12. Vgl. Deschamps, Étude sur la paléographie 68.
  13. Vgl. Le Blant, Inscriptions chrétiennes I Nr. 91 – diese Inschrift hat noch mehr mit den (rhein-)fränkischen Schriften gemein, allerdings nicht deren extreme Vereckung.
  14. Vgl. ebd. I Nr. 37, 47.
  15. Vgl. ebd. II Nr. 406; RICG XV Nr. 69.
  16. Hemgesberg, Rez. zu Merten, Katalog 481, auch zum folgenden.
  17. Paulinus Nolanus, Carm. 17, 289, ed. W. Hartel (CSEL 30) Wien 1894, 94.
  18. Vgl.   S. 609, 624 (Index).

Nachweise

  1. F.X. Kraus, Der Altarfund von Gering, in: ZS f. christl. Kunst 1 (1888) 415-426, hier 419 f. m. Abb.
  2. Ders., Christliche Inschriften I 127 Nr. 258 u. Taf. IV,5.
  3. Kdm. Mayen II 79 (erw.).
  4. Wiegand, Führer Diözesan-Museum 46 (erw.).
  5. Merten, Katalog Nr. 28 m. Abb.
Addenda & Corrigenda (Stand: 17. Juni 2024):

Hinweis zum Kommentar: Der Hinweis auf DI 111 in Anm. 9 wurde hinzugefügt.

Zitierhinweis:
DI 70, Stadt Trier I, Nr. 15 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di070mz10k0001500.