Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 541† St. Johannis, Schule 1582

Beschreibung

Epitaph des Lucas Lossius. Nach Sagittarius und Reinbeck hing das Epitaph an der Außenwand der Schule, einer anderen Lüneburgischen Chronik zufolge wurde Lossius neben der Schule zwischen den beiden vorderen Fenstern begraben.1) Die Inschrift C verzeichnet Rikemann, der das Chronogramm nicht erkennt, im gleichen Zusammenhang unter der Überschrift Distichon ab amico factum.

Inschriften A und B nach Rikemann, C nach Büttner.

  1. A

    Epitaphium Lucae Lossÿ senioris ab ipso sibi factum Anno Christi 1581 die 16 Iunÿ Anno Aetatis circiter 75

  2. B

    Hac placide Lucas requiescit Lossius urnaParte cinis terrae qua levis ille fuitPars melior vivens caeli mens incolit arcemInter qui multos erudiere virosQui pubi decies quinos atque amplius annosTradidit hic artes cum pietate bonasEdidit et facilesa) qui simplicitate libellosNon paucos Christi Pieridumque scholisFinibus Hassiacis nemorosis natus et agrisb)Vachamc) quamd) praeter clare Visurge fluisHaec ubi cognoscise) quo te via ducit euntemLector abi et faelix vive valeque diu

  3. C

    HIC tegItVr LVCas angVsta LossIVs VrnaHoC sIt nosse tIbI LeCtor aMatef) satIs

Übersetzung:

Epitaph des Lucas Lossius des Älteren, von ihm selbst für sich verfasst im Jahr Christi 1581 am 16. Tag des Juni, etwa in seinem 75. Lebensjahr. (A) In diesem Grab ruht sanft Lucas Lossius, was den Teil von ihm betrifft, mit dem er nur leichte Asche der Erde war. Sein besserer Teil, sein Geist/seine Seele, lebt und bewohnt die Himmelsburg inmitten von denen, die viele Menschen unterrichtet haben. Er hat mehr als 50 Jahre lang die Jugend in den schönen Künsten und in der Frömmigkeit unterwiesen. Er hat auch viele wegen ihrer Einfachheit leicht verständliche Bücher für den christlichen und weltlichen Unterricht veröffentlicht. Geboren ist er im Hessenland in den waldreichen Gefilden von Vaake, an dem du, klare Weser, vorbeifließt. Wenn du dies zur Kenntnis genommen hast, Leser, zieh weiter, wohin dich dein Weg führt, sei glücklich und lebe noch lange wohl. (B) Hier liegt Lucas Lossius zugedeckt in seinem engen Grab, dies zur Kenntnis genommen sei dir, geneigter Leser, genug. (C)

Versmaß: Elegische Distichen (B, C), das Chronodistichon C ergibt die Jahreszahl 1582.

Kommentar

Es ist bezeichnend, dass sich der produktivste Inschriftenverfasser Lüneburgs, der Konrektor des Johanneums Lucas Lossius, schon zu Lebzeiten um sein Epitaph kümmerte und die Inschriften A und B dafür selbst verfasste. Ausgeführt wurde das Epitaph jedoch nicht zu seinen Lebzeiten, sondern erst 1582 durch einen Bildhauer, den der Schreiber des betreffenden Kämmereiregisters als Soeuen Taellern (Sven Taler?) nennt; im Jahr 1583 ist der Maler Jochim Jagow aufgeführt, der das Epitaph farbig gefasst hatte.2) Es dürfte sich hier um den singulären Fall handeln, dass die Abfassung einer Inschrift auf den Tag genau inschriftlich datiert ist. Im Gegensatz zu den sonst oft aus blumigen Versatzstücken und wenig individuellen Lobpreisungen bestehenden Versgrabschriften für andere hat Lossius für sich selbst eine Grabschrift entworfen, die in knapper Form die für ihn wichtigsten biographischen Daten an den Leser weitergibt und diesen dann mit guten Wünschen auf den Weg schickt. An den in Versform gebrachten, Bescheidenheit zeigenden schlichten Inhalten orientiert sich auch die Formulierung des Chronodistichons C.

Geboren wurde Lucas Lossius in Vaake an der Weser (heute Reinhardshagen/Hessen). Nach dem Besuch verschiedener Schulen in Hann. Münden, Hessisch-Oldendorf, Göttingen, Lüneburg und Münster immatrikulierte er sich im Sommersemester 1530 als Lucas Locz Gottingensis an der Universität Leipzig und 1531 an der Universität Wittenberg.3) Als Sekretär von Urbanus Rhegius kam Lossius 1532 nach Lüneburg, wo er seit 1533 am Johanneum tätig war und seit ca. 1542 bis zu seinem Tod am 8. Juli 1582 das Amt des Konrektors bekleidete. Offenbar bot diese Stelle Lossius alle Möglichkeiten, seiner Hauptbeschäftigung als Dichter, Theologe, Verfasser von Lehrbüchern und Musiktheoretiker viel Zeit zu widmen, so dass er es vorzog, in Lüneburg zu bleiben, und ihm angebotene Professorenstellen in Wittenberg und Kopenhagen ablehnte.4)

Textkritischer Apparat

  1. facili Sagittarius.
  2. est arvis Büttner.
  3. Korrekt wäre Vachae, da aber alle Überlieferungen gleichlautend Vacham bieten, ist anzunehmen, dass dies so auf dem Epitaph ausgeführt war.
  4. quae Sagittarius.
  5. cognotis Rikemann, cognoris Sagittarius, Büttner, Reinbeck.
  6. So nach Rikemann, der die Zahlbuchstaben des Chronodistichons wie Reinbeck nicht hervorhebt; ornate bei Büttner und Reinbeck.

Anmerkungen

  1. Sagittarius, Historia, Ex. Wolfenbüttel, fol. 139r, u. Reinbeck, Chronik, p. 723; Schomakersche Chronik mit Fortsetzungen, Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover, MS XXIII Nr. 843, p. 325.
  2. StA Lüneburg, AB 56/5, fol. 447r u. 467r. Die von diesem Stadtschreiber notierten Namen sind teilweise aufgrund der manierierten Schreibweise mit zahlreichen eingestreuten Dehnungs-e nur schwer zu identifizieren.
  3. Matrikel Leipzig, Bd. 1, S. 603. Matrikel Wittenberg, Bd. 1, S. 141.
  4. Zur Biographie und den von Lossius verfassten Werken ADB, Bd. 19, S. 220f., u. NDB 15, S. 202f.

Nachweise

  1. Rikemann, Beschrivinge, Ex. Hannover, p. 334f.
  2. Büttner, Annales scholae, p. 37r (B, C).
  3. Sagittarius, Historia, Ex. Göttingen, p. 319 (B).
  4. Sagittarius, Historia, Ex. Hann., MS XXIII, Nr. 904, p. 462 (B).
  5. Reinbeck, Chronik, p. 723.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 541† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di100g019k0054109.