Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 534 Rathaus 1580–1584

Beschreibung

Portal. Eichenholz. Das von Albert von Soest geschaffene und signierte (A) Portal umgibt die Tür zum Vorzimmer in der Großen Ratsstube. Das Gesims mit dem großen Giebelaufbau ruht auf ehemals drehbaren, freistehenden Stützen, die in geschnitzte Architektur-, Ornament- und Figurenbestandteile aufgelöst sind. In der Mitte in Nischen große Figuren vor baldachingeschmückten Pfosten, die die Neun Guten Helden (Tituli B und D) darstellen, sieben Figuren einzeln, Artus und Gottfried von Bouillon in einer Nische, außen vor den Ecken jeweils vier kleinere Figuren, die Tugenden (Tituli C und F) verkörpern. Im Schild Hektors die Künstlersignatur A. In der bekrönenden Zone darüber Frauenfiguren, von denen sich nur wenige erhalten haben: Jael mit Titulus D an der linken Säule, dort auch die Heiligen Brigitta und Elisabeth zusammen auf einem Sockel; an der rechten Säule Maria mit dem Kind (Titulus G). Ursprünglich waren alle Figuren durch Tituli auf kleinen Schrifttafeln ausgewiesen. Heute fehlen sowohl einzelne Figuren als auch Schrifttafeln, andere sind ebenso wie die Wappenschilde der Figuren vertauscht. Dazu vgl. im Einzelnen die detaillierte Aufstellung bei Haupt mit Vorschlägen zur Ergänzung des Bildprogramms.1) Ediert werden hier nur die heute überprüfbaren Tituli, da sich bei Albers und ihm folgend bei Mithoff die Tituli mit den Figurenbenennungen vermischen. Linke Säule B–D, rechte Säule E–G. Der Giebelaufbau ist in drei Bildfelder unterteilt. Im Hauptfeld der Ädikula in der Mitte ein Relief, das die Freilassung der gefangenen Braut des Allucius durch Scipio darstellt; bezeichnet ist die Szene durch eine Tafel mit der Inschrift H im Fries darüber. Links der Ädikula ein kleineres Relief mit dem Opfertod des Marcus Curtius und der Inschrift I oben im Fries, rechts der Martertod des Marcus Attilius Regulus mit der Inschrift J oben im Fries. Die Ädikula wie auch die seitlichen Felder sind durch Hermen gerahmt und mit Figuren sowie dem Lüneburger Stadtwappen bekrönt. Alle Inschriften sind erhaben geschnitzt, die Inschriften H–J in Gold auf schwarzem Grund gefasst.

Inschrift G nach Foto.

Maße: Bu.: 1 u. 0,6 cm (B, E), 0,6 cm (C, D, F), 3–4 cm (H, I), 3 u. 2 cm (J).

Schriftart(en): Kapitalis.

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Sabine Wehking) [1/6]

  1. A

    A(LBERT) V(ON) S(OEST) 1580a)

  2. B

    IVDASb) / MACHA/BEVS. // DAVID / REX. // HECTOR / TROIA/NVS. // ARTVS / REX. / GOTFRI/DVS. DVX

  3. C

    CHARI/TAS // FIDES. // IVSTI/TIA // SPES

  4. D

    IA·EL

  5. E

    DARI/USc) // IVLIVSd) / CAESARe) // ALEXANDER // SCIR/USc)

  6. F

    TEMPE/RANTIA // PRVDE[N]/TIA.f) // FORTI/TVDO // PATIENTIAg)

  7. G

    MARIA. IES[VS.]h)

  8. H

    CASTITAS ET FORTITVDO P(VBLII) / COR(NELII) SCIP(IONIS) AFR(ICANI) MAIORIS. / LIVIVS LIB. VI. ET. X. DECAD. III.2)

  9. I

    AMOR ERGA PATRIAM. M(ARCI) CVRTII / LIVIVS LIB. VII. DECADIS I.3)

  10. J

    FIDES ET CONSTANTIA. M(ARCI) ATTI/LII. REG(VLI) / EPITOME FLORI. LIB. VIII. DECADIS. II4)

Übersetzung:

Liebe. Glaube. Gerechtigkeit. Hoffnung. (C)

Mäßigung. Klugheit. Tapferkeit. Geduld. (F)

Die Keuschheit und Tapferkeit des Publius Cornelius Scipio Africanus des Älteren. Livius im 6. und 10. Buch der 3. Dekade. (H)

Die Vaterlandsliebe des Marcus Curtius. Livius im 7. Buch der 1. Dekade. (I)

Die Treue und Standhaftigkeit des Marcus Attilius Regulus. Epitome des Florus im 8. Buch der 2. Dekade. (J)

Kommentar

Die erhabenen Kapitalisinschriften weisen die typischen Merkmale der Werkstatt des Albert von Soest auf (vgl. Nr. 447), der hier die mit Abstand aufwendigste Arbeit unter den von ihm angefertigten Portalen der Großen Ratsstube schuf. Zu dem großen Bildprogramm im Einzelnen und seinen möglichen Vorlagen vgl. Haupt.5) Auch wenn das Portal inschriftlich auf das Jahr 1580 datiert ist, lieferte Albert von Soest noch 1584 die taefelenn szoe baeven der Doerre ... gesettet is woerden, also vermutlich den Giebelaufbau über der Tür. Damit dürfte die Arbeit an dem Portal abgeschlossen gewesen sein.6)

Im Gegensatz zu den beiden großen Portalen Nr. 447 und Nr. 505 stehen hier keine biblischen Themen im Mittelpunkt der Darstellungen, sondern die Tugenden bzw. die beispielhaft für die Tugenden stehenden Guten Helden und Heldinnen. Die Bilderläuterungen H–I beschränken sich auf die Namen der dargestellten römischen Helden und die von ihnen verkörperten Tugenden ohne die dargestellte Szene zu benennen und verweisen den gebildeten Betrachter mit einem Literaturnachweis zum Relief lediglich darauf, wo er die entsprechende Episode ausführlich nachlesen kann. Verwiesen wird hier auf die Römische Geschichte des Titus Livius, die durch Lucius Aennaeus Florus ergänzt wurde, und im 16. Jahrhundert in verschiedenen Ausgaben verbreitet war, die die in den Inschriften zitierte Aufteilung in Dekaden und Bücher aufwiesen.7) In der Lüneburger Ratsbücherei ist in dem von Büttner († 1745) angelegten Bestandskatalog eine bereits 1485 in Treviso gedruckte Inkunabel verzeichnet, die beide Autoren enthält und dem Entwurf der Inschriften zugrundegelegen haben könnte.8) Heute gehört die Inkunabel nicht mehr zum Bestand der Ratsbücherei.

Textkritischer Apparat

  1. S mit V verschränkt, nicht überprüft, da unzugänglich auf der Rückseite.
  2. D und A verschränkt.
  3. Das runde U weist darauf hin, dass dieses Täfelchen mit dem Titulus erneuert wurde.
  4. V und S verschränkt.
  5. C und A verschränkt.
  6. Die Ligatur der ersten beiden Buchstaben wird dadurch gebildet, dass hier an das P lediglich eine Cauda angesetzt ist, so dass es als R erscheint.
  7. Nach Haupt, nicht am Original überprüft.
  8. Das Foto R1005, Fotosammlung Museum Lüneburg, Rathaus, Große Ratsstube, zeigt die am Beginn und am Ende beschädigte Schrifttafel, hier sinngemäß ergänzt.

Anmerkungen

  1. Haupt, Ratsstube, S. 90–103.
  2. Livius, Ab urbe condita, 26,50. Zu den Stellenangabe in den Inschriften s. Kommentar.
  3. Livius, Ab urbe condita, 7,6.
  4. Florus, Epitome de Tito Livio bellorum omnium, 1,18.
  5. Haupt, Ratsstube, S. 88–112.
  6. Der Eintrag in der Kämmereirechnung zit. bei Behncke, Albert von Soest, S. 110. Nur für diese Arbeit an dem Portal erhielt Albert von Soest 111 Mark, 10 Groschen. Weitere Arbeiten an dem Portal sind unter pauschalen Entlohnungen für die Arbeiten des Bildhauers in der Ratsstube erfasst (ebd., S. 109), so dass man die Gesamtkosten für das einzelne Portal nicht ermitteln kann.
  7. Vgl. Katalog VD 16.
  8. StA Lüneburg, AA S10m Nr. 10, Repositorium M, Nr. 45: Titi Livii, Patavini, Decades, Tarvisii, impr. Jo. Vercellensis 1485. Lucii Flori Epitomae Decadum quatuordecim T. Livii Pat. Historici. Im Katalog der Wiegendrucke vielfach verzeichnet (British Library, Incunabula Short Title Catalogue il00244000): Titus Livius, Historiae Romanae decades. Add. Lucius Aennaeus Florus, Epitome. Treviso, Johannes Rubeus Vercellensis, 1485.

Nachweise

  1. Foto R100, Fotosammlung Museum Lüneburg, Rathaus, Große Ratsstube.
  2. Albers, Rathaus, S. 27f. (B, F, H–J).
  3. Mithoff, Kunstdenkmale Fürstentum Lüneburg, S. 182 (B, F, H–J nach Albers).
  4. Behncke, Albert von Soest, S. 31 (A), 32 (H), 34 (I, J).
  5. Tipton, Res publica, S. 359f.
  6. Haupt, Ratsstube, S. 88 (A), S. 92–94 (B, E), S. 96–99 (C, F), S. 104 (G), S. 106 (I), S. 107 (H), Abb. S. 89 u. 92.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 534 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di100g019k0053406.