Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 513† St. Michaelis 1578

Beschreibung

Epitaph(ien) des Thomas Mawer und seiner Ehefrauen Ursula Voits und Margaretha Lossius. Die inschriftliche Ausführung der Texte A und C wird in den Überlieferungen nicht ausdrücklich erwähnt, sie ist für die Inschrift B aber von Thomas Mawer selbst bezeugt, der die Distichen mit dem Vermerk erectum Luneb. in templo D. Mich. wiedergibt.1) Der Beginn der Inschrift A spricht ebenfalls für eine inschriftliche Ausführung auf einem Epitaph, das Thomas Mawer im Bild darstellte. Es lässt sich auch nicht klären, ob es sich um ein Epitaph oder um drei separate Epitaphien gehandelt hat.

Inschriften A und C nach Lossius, B nach Mawer.

  1. A

    Hic veterum Lector spectans monumenta piorumSi dubitas haec sit cuius imago viriEst Thomae effigies Maueri expressa verendiReddere vt haec potuit parua tabella tibiAngelica Pastor docuit qui fidus in aedeHac Christi veram cum pietate fidemTribula Slesiacis vrbs quae celebratur in orisHunc celebrem misit nomine et arte virumVir tribus hic doctus linguis felixque poetaDoctrina clarus iudicioque fuitPendebat cuius populus tradentis ab oreArdenti zelo dogmata vera DeiSed cito cum natis rapuerunt fata duobusVt primum tollunt inuida fata bonosExuuiae recubant illic vbi semina verbiDiuini sparsit sedulus ante diuSpiritus aetherio gaudet sed laetus olympoInter iusticiam qui docuere viros

  2. B

    Vrsula Mauueri quondam charißima coniunxNunc cinis in viridi facta quiescit humoPatria cui vitam et dederat Seruesta maritumHuic Luneburga datas rursus ademit opesTertius haud iusto veniens in tempore partusHanc tulit in matris prole manente sinuSic sublata Deo mandato in munere credensIn Christo dormit mox rediuiua suoInterea coniunx bina cum prole relictusHoc statuit magni triste doloris opusVrsula Mauueri quondam charißima coniunxAeternum salve perpetuumque vale

  3. C

    Margaris hac coniunx Maueri condor in vrnaLoßiade fueram quae generata patreNon ego quaesiui fastum non deliciasqueSpes mea sed Christus deliciumque fuitHuius dilexi prae cunctis dogmata verbiQuae mihi in aerumnis sola leuamen erantErgo mihi Christum praesentem mortis in horaExperiens petij culmina celsa poliIn quibus aspectu nunc Christi perfruor interAngelicos capiens gaudia vera chorosExuvijs donec mea mens reddatur ab altoCum venies summo Spes mea Christe die

Übersetzung:

Wenn du, Leser, hier beim Betrachten der Grabmäler der frommen Vorfahren im Zweifel bist, wen dieses Bild darstellt: die Gestalt des verehrungswürdigen Thomas Mawer ist so abgebildet, wie sie diese kleine Tafel für dich wiedergeben konnte. Er hat in dieser Engelskirche (St. Michaelis) als treuer Hirte voll Frömmigkeit den wahren Glauben an Christus gelehrt. Triebel, die berühmte Stadt in Schlesien, hat diesen aufgrund seines Namens und seiner Bildung weitbekannten Mann geschickt. Er war ein in den drei (heiligen) Sprachen (Hebräisch, Griechisch, Latein) ausgebildeter Gelehrter und erfolgreicher Dichter, hochangesehen ob seiner Gelehrsamkeit und seines reifen Urteils. Das Volk hing an seinen Lippen, wenn er mit brennendem Eifer die wahre Gotteslehre verkündete. Doch allzu rasch raffte ihn zusammen mit zwei Söhnen der Tod dahin, wie ja das missgünstige Schicksal immer zuerst die Guten hinwegnimmt. Seine sterbliche Hülle ruht dort, wo er zuvor eifrig lange Zeit den Samen des göttlichen Wortes ausgestreut hat. Sein Geist aber freut sich selig im himmlischen Olymp inmitten der Männer, welche die Gerechtigkeit gelehrt haben. (A) Ursula, einst Mawers innig geliebte Ehefrau, ruht nun, zu Asche geworden, unter diesem grünen Rasen. Ihre Heimatstadt Zerbst hat ihr das Leben und ihren Mann geschenkt, und diesem hat Lüneburg die ihm geschenkten Schätze wieder weggenommen, denn die dritte Geburt, die zur unrechten Zeit eintrat, raffte sie dahin, wobei das Kind im Schoß der Mutter verblieb. So ist sie in dem ihr aufgegebenen Dienst an Gott glaubend hinweggenommen worden und schläft nun in ihrem Christus, wird aber bald auferstehen. Inzwischen hat ihr Gatte, der mit zwei Kindern zurückgeblieben ist, dieses traurige Zeichen tiefen Schmerzes aufgestellt: Ursula, Mawers einst innig geliebte Ehefrau, leb immer wohl und sei ewig gegrüßt. (B) Ich, Margaretha, Mawers Ehefrau, ruhe in diesem Grab. Mein Vater stammte aus der Familie Lossius. Ich suchte nicht das stolze Leben und keine Vergnügungen, vielmehr war Christus meine Hoffnung und meine Freude. Mehr als alles andere liebte ich die Lehre seines Wortes, die mir der einzige Trost in den Kümmernissen war. So habe ich in der Todesstunde Christus als meinen Beistand erlebt und die Höhen des Himmels erstiegen, wo ich nun inmitten der Engelschöre den Anblick Christi genieße und der wahren Freuden teilhaftig bin, bis dann mein Geist in seine Hülle zurückkehrt, wenn du, Christus, meine Hoffnung, am Jüngsten Tag aus der Höhe kommen wirst. (C)

Versmaß: Elegische Distichen (A, B, C).

Kommentar

Der in Trzebiel/Niederlausitz geborene Thomas Mawer immatrikulierte sich am 12. Mai 1556 an der Universität Wittenberg und erwarb dort am 10. Februar 1558 den Magistertitel.2) Seit dem Jahr 1560 amtierte er zunächst als Rektor an der Schule in Aschersleben, danach in Zerbst, wo er seine erste Ehefrau Ursula Voits heiratete, und seit 1565 als Rektor der Michaelisschule in Lüneburg. 1570 übernahm er die Pastorenstelle an St. Michaelis und zugleich die Superintendentur von Verden und Lübeck.3) Nach dem Tod der Ursula Voits, die am 13. September 1567 starb, heiratete Thomas Mawer Margaretha, die Tochter des Lucas Lossius (vgl. Nr. 541). Wie sein Schwiegervater schrieb auch Thomas Mawer zahlreiche lateinische Gedichte. Für seine erste Ehefrau Ursula verfasste er die Grabschrift B selbst, die er in seinem 1570 veröffentlichten Gedichtband (Thomae Maweri Tribulensis poematum libri VII quos scripsit in inclita urbe Saxoniae Lunaeburga ab Anno 1565 usque ad annum 70) publizierte. Bemerkenswert an dieser Versgrabschrift ist die sonst sehr selten vorkommende Thematisierung des Todes im Kindbett. Die Inschriften A und C schrieb Lucas Lossius für seinen Schwiegersohn und seine Tochter, die beide noch vor ihm starben, Thomas Mawer am 10. August 1575, Margaretha Lossius am 3. September 1578.4) Die Inschrift C ist bei Lossius in seinen Epitaphia mit P(ater) f(ecit) gekennzeichnet.5)

Anmerkungen

  1. Mawer, Poematum Libri (o. S.). Für die Mitglieder der Familie Mawer gibt es außer diesen drei Versgrabschriften noch sieben literarische Versgrabschriften von verschiedenen Autoren, vgl. Anhang 2, Mawer u. Voits.
  2. Matrikel Wittenberg, Bd. 1, S. 318, sowie Köstlin, Baccalaurei, S. 19.
  3. ADB, Bd. 20, S. 716f.
  4. Sagittarius, Historia, p. 389, vermerkt: Thomam Mawerum ex Scholae ad Michaelem Rectore Pastorem illius aedis Anno MDLXXV. demortuum. Sed iuvat hic inserere tum ipsius, tum utriusque uxoris, quarum prima Anno MDLXVII. die XIII. Septembris, altera Anno MDLXXVIII. die III. Septembris decessere, Carmina epitaphia. Hierbei könnte es sich um eine Zusammenfassung von auf dem Epitaph oder den Epitaphien angebrachten Prosainschriften handeln.
  5. Lossius, Epitaphia Principum, S. 35.

Nachweise

  1. Lossius, Epitaphia Principum, S. 33–35.
  2. Mawer, Poematum Libri (B, o. S.).
  3. Rikemann, Epitaphiorum Tomus III, p. 307f.
  4. Sagittarius, Historia, p. 389.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 513† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di100g019k0051304.