Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 378 St. Johannis 1552 o. später

Beschreibung

Epitaph des Nikolaus Stöterogge. Stein, farbig gefasst. Das große Epitaph umgibt den nordwestlichen Pfeiler des Mittelschiffs und bildet damit das Gegenstück zu Nr. 377. Das dreiteilige Epitaph zeigt in seinem unteren von zwei freistehenden Hermenfiguren gerahmten Mittelteil drei Vollwappen nebeneinander und darunter eine große Rollwerktafel mit der Inschrift A. Auf dem Fries darüber die dreizeilige Inschrift B. Im oberen, von Säulen gerahmten Teil ein quadratisches Feld mit einem Relief der Auferstehung, darin eine Tafel mit der Inschrift C. Im Fries darüber die Inschrift D, oben in der Bekrönung im Relief der von Engeln umgebene Gnadenstuhl. Alle Inschriften in erhabenen Buchstaben in Gold gefasst auf schwarzem Grund.

Maße: H.: ca. 650 cm; B.: 259 cm (Rundung); Bu.: 3 cm (A, C), 4,5 cm (B, D).

Schriftart(en): Kapitalis.

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Sabine Wehking) [1/6]

  1. A

    NICOLEOS ISTA TEGITVR STOTEROGGVS IN VRNA /ISTA BREVIS TANTVM SI CAPIT VRNA VIRV(M) /QVI PATRISa) INSIGNI VESTIGIA LAVDE SECVTVS /HAC ETIAM PRAESTANS CONSVL IN VRBE FVIT /CVI POST SALVIFICAE STVDIVM PIETATIS ADHAESIT /CIVILIS SEMPER MAXIMA CVRA STATVS /VNDE VELVT PATRIAE PATER ALTA PVBLICA MENTE /COMMODA PRIVATIS FRVCTIBVS ANTETVLIT /DE PROPRIIS OPIBVSb) VERBI QVOQ(VE) GRATA MINISTRIS /PAVPERIBVSQ(VE)c) PIO MVNERA CORDE DEDIT /IN TALIQVE DIEM CLAVDENS PIETATE SVPREMVM /PER VERAM PETIIT COELICA REGNA FIDEM

  2. B

    VENIET · HORA · IN QVA O(MN)ES · QVI IN MONVME(N)TIS SVNT AVDIENT / VOCE(M) FILII DEI & PIRODIBVNTd) QVI BONA FECERVNT IN RESVRRECTIONE(M)e) / VITAE · QVI VERO MALA EGERVNTf) · IN RESVRRECTIONE(M)g) CONDE(M)NATIONISh) · IOAi) 5j)1)

  3. C

    SVRGENT ALIJ / IN VITA(M) AETERNA(M) /ALIJ IN OPPROBRIV(M) / DANIELIS 122)

  4. D

    SANCTI ESTOTE · QVONIAM ET EGO SANCTVSk) · SVMl) DOMINVSk) / DEVS · VESTER · LEVITICI · 19 · 20 ·3) QVONIA(M) ESTIS FILII · EMISITm) DEVSk) / SPIRITV(M) FILII SVI IN CORDA N(OST)RA CLAMA(N)TE(M) · ABBA · PATER · GALA 44)

Übersetzung:

Nikolaus Stöterogge wird von diesem Grab bedeckt, wenn dieses kleine Grab einen so bedeutenden Mann aufnehmen kann, der mit seinem hohen Ansehen in die Fußstapfen seines Vaters trat und in dieser Stadt ebenfalls ein hervorragender Bürgermeister war, dem nach dem Eifer für die heilbringende Frömmigkeit immer die größte Sorge um die politische Lage anhaftete, weshalb er wie ein Vater der Vaterstadt mit hohem Sinn den gemeinen Nutzen vor den eigenen Vorteil stellte, aus dem eigenen Vermögen auch den Dienern des Wortes und den Armen dankenswerte Geschenke mit frommem Herzen gab. In solcher Frömmigkeit seinen letzten Tag beschließend strebte er durch wahren Glauben zum Himmelreich. (A)

Es wird kommen die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Gottessohns hören werden, und die hervorkommen werden, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung der Verdammnis. (B)

Sie werden auferstehen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach. (C)

Heilig sollt ihr sein, denn auch ich bin heilig, der Herr, euer Gott. Da ihr seine Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der schreit: Abba, Vater! (D)

Versmaß: Elegische Distichen (A).

Wappen:
Elver5)Stöterogge6)Glöde7)

Kommentar

Insgesamt ist die Buchstabengestaltung der Kapitalis hier weniger qualitativ als auf dem Gegenstück Nr. 377, das offensichtlich aus einer anderen Bildhauerwerkstatt stammt. Die dort durch die ausgeprägte Verwendung von Haar- und Schattenstrichen hervorgerufene Wirkung fehlt hier weitgehend. Die O weisen durch leichte Bogenverstärkungen eine schräge, nach links gekippte Schattenachse auf, M mit geraden Hasten und fast bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil; als besonderes Merkmal kann das Q mit weit nach rechts unten ausgezogener Cauda gelten. Die Buchstaben der Inschriften B und D sind feiner gehauen als die gröber ausgeführte Kapitalis der Inschrift A. Die Inschrift C hebt sich deutlich von den anderen Inschriften ab: auffallend besonders das A mit weit in Bögen ausgezogener linker Schräghaste und nach links im Bogen ausgezogenem Mittelbalken sowie das V mit gerader linker Haste, das später auch in den Inschriften auf den Werken des Albert von Soest vorkommt (vgl. Nr. 435). Behncke schreibt dieses – von ihm später datierte – Epitaph Albert von Soest zu (zur Datierung s. u.),8) dessen erstes bekanntes und signiertes Werk in Lüneburg allerdings erst aus dem Jahr 1566 stammt (Gestühlswangen Nr. 435). Behncke weist den kurz vor 1590 in unbekanntem Alter verstorbenen Bildhauer unter Rückgriff auf archivalische Quellen erst ab dem Jahr 1567 als in Lüneburg ansässig nach; über seine frühere Tätigkeit und seine Herkunft ist nichts bekannt.9) Die drei unterschiedlichen hier verwendeten Kapitalisinschriften zeigen abgesehen von dem erwähnten V keine deutlichen Übereinstimmungen mit den sehr charakteristischen Inschriften auf den signierten Werken Alberts von Soest (vgl. dazu Einleitung, Kap. 7.5.), und das Epitaph ist qualitativ insgesamt schlichter als die späteren, signierten Arbeiten des Bildhauers in Stein und Holz. Einen versteckten Hinweis auf Albert von Soest könnte es jedoch in der Inschrift D geben: das zweite A in ABBA ist als auffallend großer Versal gearbeitet, für den es auf den ersten Blick keine Erklärung gibt – es sei denn, man wollte hier die gegenläufige Leserichtung des Hebräischen andeuten, allerdings ohne retrograde B –, und unter den verschiedenen verschränkten Buchstaben in den beiden Zeilen darüber findet sich rechts außen dreimal verschränktes VS, was die Initialen des Bildhauers ähnlich darstellen könnte wie in seiner Marke (vgl. Abb. 188).

Auffallend sind die eigenartigen Spationierungen in den Inschriften. Die Inschrift A zeigt nach links und rechts ausgerückte Wörter bzw. Wortbestandteile, die für sich genommen jedoch keinen Sinn ergeben, obwohl die seltsame Spationierung dies vermuten lassen könnte.10) Dagegen sind die Inschriften B und D in einer Kapitalis mit sehr breiten Buchstaben, aber nahezu ohne Spatien ausgeführt, aus Platzgründen sind besonders in der Inschrift B zahlreiche Buchstaben miteinander verschränkt. Nach Lossius und Rikemann stammte die Inschrift A von dem Pastor und Rektor der Michaelisschule Thomas Mawer (vgl. Nr. 513).11)

Nikolaus I. Stöterogge wurde am 3. August 1497 als Sohn des Bürgermeisters Hartwig Stöterogge und der Margaretha Stoketo geboren (vgl. Nr. 377). Im Wintersemester 1514 immatrikulierte er sich an der Universität Leipzig.12) Er ist seit 1519 als Sülfmeister, seit 1523 als Barmeister und seit 1542 als Sodmeister nachweisbar.13) Im Jahr 1533 wurde er zum Ratsherrn gewählt, 1550 zum Bürgermeister. Dem regierenden Rat gehörte er letztmalig im Jahr 1560 an.14) Nikolaus Stöterogge starb am 1. Januar 1561. In erster Ehe war er seit 1519 mit Ilsabe Elver, der Tochter des Dietrich Elver (vgl. Nr. 291) verheiratet, die schon 1524 starb, in zweiter Ehe mit Barbara Glöde, der Tochter des Syndikus Martin Glöde (vgl. Nr. 314), die 1548 starb.15) Er war der Bruder der Medinger Äbtissin Margaretha Stöterogge (vgl. DI 76, Nr. 125). In einem Brief an seine Schwester aus dem Jahr 1554 drückte er seine Freude darüber aus, dass diese sich nach langem Widerstand endlich dem lutherischen Bekenntnis zugewandt hatte.16)

Das bereits 1559 abgefasste Testament des äußerst vermögenden Nikolaus Stöterogge samt umfänglichen Erläuterungen ist erhalten.17) Testamentarisch legte er die Anfertigung einer Kopie des an seinen ältesten Sohn vererbten Wurzel-Jesse-Pokals für das Ratssilber fest, wofür 400 Lübische Mark aufgewendet werden sollten (vgl. Nr. 403). In den Erläuterungen zu seinem Testament traf er genaue Bestimmungen darüber, wer die in seinem Haushalt vorhandenen Kleinodien erhalten sollte. Insgesamt 12000 Gulden setzte er für Stipendien und den Armenkasten to Milden Gebrucke aus. Außerdem bestimmte er, dass er bei seinen beiden Ehefrauen in der Sepultur seiner Eltern nahe der Taufe in St. Johannis beigesetzt werden wollte. Da von der Errichtung eines Epitaphs in den äußerst detaillierten Bestimmungen, besonders in den Erläuterungen zum Testament, nirgends die Rede ist, kann es als sehr wahrscheinlich gelten, dass das Epitaph schon zu Lebzeiten des Nikolaus Stöterogge vermutlich etwa gleichzeitig mit dem inschriftlich auf 1552 datierten Gegenstück für seinen Vater (Nr. 377) errichtet wurde. Dafür spricht auch, dass sich in den Inschriften des Epitaphs kein Sterbevermerk findet. Zudem ist es wahrscheinlich, dass die Familie Stöterogge den äußerst prominenten Platz für die beiden ungewöhnlich großen Epitaphien an den gegenüberliegenden Pfeilern zur selben Zeit erwarb.

Textkritischer Apparat

  1. patria alle Exemplare Rikemann.
  2. Das I nicht farbig gefasst.
  3. Pauperibus largo Rikemann, Beschrivinge, Ex. Göttingen u. Ex. Lüneburg, in letzterem pio gestrichen.
  4. Anstelle von PRODIBVNT.
  5. Aus Platzgründen verschränkte Buchstaben: S und V, C und T, I und O.
  6. Aus Platzgründen verschränktes V und N.
  7. Aus Platzgründen verschränkte Buchstaben: S und V, C und T, I und O.
  8. Aus Platzgründen verschränkte Buchstaben: O und N, I und S.
  9. Aus Platzgründen O und A verschränkt.
  10. Die 5 aus Platzgründen hochgestellt.
  11. V und S verschränkt.
  12. V und M verschränkt.
  13. I und S verschränkt.

Anmerkungen

  1. Nach Io. 5,28f.
  2. Nach Dn. 12,2.
  3. Nach Lv. 19,2.
  4. Nach Gal. 4,6.
  5. Wappen Elver (Sparren, darüber zwei Adlerköpfe, darunter ein Adlerkopf). Vgl. Büttner, Genealogiae.
  6. Wappen Stöterogge (gestümmelter eingerollter Zweig mit Kleeblättern). Vgl. Büttner, Genealogiae.
  7. Wappen Glöde (Widderhorn). Vgl. Büttner, Genealogiae.
  8. Behncke, Albert von Soest, S. 82–85.
  9. Ebd., S. 100. Vgl. a. Haupt, Ratsstube, S. 44–47.
  10. Nach links ausgerückt: NICO // QVI // CVI // VND // DE // IN; nach rechts ausgerückt: IT // NTE // IT // IS // M.
  11. Lossius, Epitaphia Principum, S. 59. Rikemann, Beschrivinge, Ex. Hannover, p. 326. Für Nikolaus Stöterogge sind auch zwei von Thomas Mawer und Lucas Lossius verfasste literarische Versgrabschriften überliefert, vgl. Anhang 2.
  12. Matrikel Leipzig, Bd. 1, S. 538.
  13. Büttner, Genealogiae, Stammtafel Stöterogge III.
  14. Stahl, Ratslinie, Nr. 273, S. 178.
  15. Büttner, Genealogiae, Stammtafel Stöterogge III.
  16. Urkundenbuch des Klosters Medingen, bearb. v. Joachim Homeyer. Hannover 2006 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 233, Lüneburger Urkundenbuch, 10. Abt.), Nr. 705, S. 679.
  17. StA Lüneburg, AA P3Cs Nr. 6 u. 6a.

Nachweise

  1. Lossius, Epitaphia Principum, S. 59 (A).
  2. Rikemann, Beschrivinge, Ex. Hannover, p. 326 (A).
  3. Rikemann, Beschrivinge, Ex. Göttingen, p. 183 (A).
  4. Rikemann, Beschrivinge, Ex. Lüneburg, fol. 195v (A).
  5. Witzendorff, Wegweiser, p. 105f. (A).
  6. Sagittarius, Historia, p. 381f. (A).
  7. Reinbeck, Chronik, p. 933 (A).
  8. Behncke, Albert von Soest, S. 84f., Abb. Tafel X.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 378 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di100g019k0037804.