Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 318† St. Marien 1536 o. später

Beschreibung

Epitaph (?) mit dem Bildnis des Johannes Koller. Sagittarius spricht von Koller cujus imago spectatur in templo D. Mariae Virginis, additis sequentibus ab auctore ad viatorem versibus, a Lossio in Luneburga repetitis. Er bezeugt damit die Existenz eines Gemäldes, das an den Vorübergehenden gerichtete Verse trug, in St. Marien. Nach Bertram war das Bild zu seiner Zeit (vor 1719) wegen Renovierungsarbeiten aus der Kirche entfernt worden.1) Möglicherweise handelte es sich bei dem Porträt um das heute im Museum Lüneburg befindliche Gemälde Nr. 319 (vgl. den Kommentar dort).

Inschrift nach Sagittarius.2)

  1. Est haec clara viri praestantis imago viatorUrbi qui Phoebes commoda multa tulitQui cives caros habuit clarumque senatumOfficiis juvit consiliisque diuClarus Joannes fuit hic virtute celebriCollerus felix consiliique bonusQuem Phoebes clarum reddebat in urbe verendaIn vita probitas consiliisque fidesNamque fuit rerum magnarum maximus ususClara sacri juris cognitioque viriQuicquid habet veterum novit monumenta virorumEt retulit veteres res retulitque novasQuas memorans populum de multis multa monebatQuae patitur mundus nunc mala multa dolensHaec pia cum moritur referebat verba precandoCommendans urbis moenia clara DeoTe bone Christe precor cives sanctumque senatumHujus conserves urbis ubique piaeQuae veteres urbi pepererunt justa parentesHaec precor ut serves inviolata DeusUt tua sancta colant vera pietate per urbemDogmata quae mundi sunt via vita salusSic orans tandem fortunam expertus utramqueHac clara cunctis charus in urbe bonisCunctorum luctu rapitur vir tantus acerboExspirans placide coelica regna petit

Übersetzung:

Dies, Wanderer, ist das berühmte Bildnis eines hervorragenden Mannes, welcher der Stadt Lüneburg (Stadt der Mondgöttin) viele Vorteile eingebracht hat, dem die Bürger lieb waren und der den angesehenen Rat lange Zeit durch seine Dienste und mit seinem Rat unterstützt hat: dies war der hochangesehene Johannes Koller, begabt mit von allen gerühmter Tüchtigkeit und klugem Rat. Sein Ansehen in der Stadt Lüneburg verschaffte ihm seine ehrfurchtgebietende sittliche Lebensführung und seine Vertrauenswürdigkeit in den Entscheidungen. Denn er war in sehr wichtigen Angelegenheiten von großem Nutzen, und seine Kenntnis des heiligen (kanonischen) Rechts war weithin bekannt. Er kannte alle Schriften der Männer der Vergangenheit und berichtete von alten und neuen Ereignissen. Durch diese Erzählungen hat er dem Volk viele Ermahnungen erteilt über vieles, was die Welt heute erleidet und an Übeln schmerzlich zu ertragen hat. Als er starb, sprach er betend die folgenden frommen Worte, indem er Gott die Mauern dieser berühmten Stadt empfahl: „Dich, gütiger Christus, bitte ich: bewahre überall die Bürger und den ehrwürdigen Rat dieser frommen Stadt. Was ihre Vorfahren an Gerechtem geschaffen haben, erhalte du unversehrt, darum bitte ich dich, Gott, damit sie deine heilige Lehre mit wahrer Frömmigkeit in der ganzen Stadt verehren, die ja Weg, Leben und Heil der Welt ist.“ So betete er zuletzt, er, der das wechselhafte Schicksal selber erfahren hatte, der allen Guten in dieser berühmten Stadt teuer war. Dieser große Mann wurde zur bitteren Trauer aller vom Tod dahingerafft: er starb friedlich, und strebt zum himmlischen Reich empor.

Versmaß: Elegische Distichen.

Kommentar

Zu Johannes Koller vgl. seine Grabplatte Nr. 316. Die von Lucas Lossius (zu seiner Biographie vgl. Nr. 541), der als Sekretär von Urbanus Rhegius 1532 nach Lüneburg kam, zur Würdigung des letzten katholischen Propstes von St. Johannis verfassten Verse sind äußerst bemerkenswert, weil in ihnen – unabhängig von allen konfessionellen Auseinandersetzungen – die außerordentliche Wertschätzung zum Ausdruck kommt, die Johannes Koller in der Stadt Lüneburg erfuhr. Über eine stereotype Würdigung unter Verwendung von gängigen Versatzstücken – wie sie später häufig von Lossius abgefasst wurde – geht diese Versgrabschrift weit hinaus. Sie schildert den Propst als einen besonnenen, stets um das Wohl der Stadt besorgten Mann, dessen Tod von allen betrauert wurde. Darüber, warum man ein Denkmal zur Erinnerung an Johannes Koller in St. Marien und nicht in seiner Propsteikirche St. Johannis errichten ließ, lässt sich nur spekulieren. Die Nähe zum Grab dürfte hier weniger ausschlaggebend gewesen sein. Denkbar wäre, dass der evangelischen Kirchenleitung eine solche Würdigung des letzten katholischen Propstes in St. Johannis unpassend erschien.

Anmerkungen

  1. Bertram, Evangelisches Lüneburg, S. 59.
  2. Die literarische Version bei Lossius, Epitaphia, [p. 8f.], zeigt – im Gegensatz zu Lossius, Lunaeburga, S. 35 – verschiedene Abweichungen zu dem bei Sagittarius wiedergebenen Text. Bei Lossius, Lunaeburga, ist AUTOR AD uiatorem über den Text gesetzt, dies könnte zur Inschrift gehört haben.

Nachweise

  1. Sagittarius, Historia, Ex. Göttingen, p. 286.
  2. Lossius, Lunaeburga, S. 35.
  3. Lossius, Epitaphia aliquot virorum, [p. 8f.] mit Abweichungen.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 318† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di100g019k0031802.