Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 88 St. Johannis 1445

Beschreibung

Messingtafel. Die querrechteckige Tafel in jüngerem Holzrahmen hängt am Mittelpfeiler der Elisabethkapelle. Die vierzeilige Inschrift leicht erhaben in vertiefter Zeile des Mittellängenbereichs vor aufgerautem Hintergrund. Die Worttrenner in Form kleiner aufgerollter Bänder.

Maße: H.: 16,7 cm; B.: 36,9 cm (Maße ohne Rahmen); Bu.: 2,8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Sabine Wehking) [1/1]

  1. Anno · d(omi)ni · M° : cccc° : xlv° : sexto · ydus · a/prilis1) · erecta · e(st) · p(rae)p(osi)tura · ecclesie · sa(n)cti · Joh(ann)is / in · luneburg · cui(us) · tunc · rector · et · p(rae)p(osi)tus / primus · fuit · d(omi)n(u)s · Johan(n)es · de · minda

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1445 am sechsten Tag vor den Iden des April ist die Propstei an der Kirche St. Johannis in Lüneburg eingerichtet worden, deren damaliger Rektor und erster Propst Herr Johannes von Minden gewesen ist.

Kommentar

Es handelt sich um eine sehr sorgfältig als Gitterschrift ausgeführte gotische Minuskel mit eingerollten Ober- und Unterlängen. Die i sind durch i-Punkte bezeichnet.

Die Inschrift teilt in Kurzfassung den Inhalt einer am 7. April 1445 durch Papst Eugen IV. ausgestellten Urkunde mit.2) Der Pfarrer an St. Johannis wurde dadurch zum Propst erhoben und erhielt zugleich die Vorrangstellung vor allen übrigen Pröpsten und Pfarrern der Diözese Verden. Diese Verordnungen markieren eine wichtige Etappe in den Streitigkeiten, die sich aus der Vereinigung der Ämter des Pfarrers von St. Johannis und des Archidiakons von Modestorp ergaben (vgl. Nr. 22 u. 41), die am 7. Juli 1444 durch den Heiligen Stuhl verfügt worden war. Erst 1448, nachdem der letzte Archidiakon von Modestorp, Konrad Abbenborg, in Rom gestorben war, wo er bei der Kurie vergebens um Wiedereinsetzung interveniert hatte, konsolidierten sich die Verhältnisse.

Johannes von Minden trat sein Amt als Pfarrer an der Johanniskirche vermutlich im Jahr 1441 als Nachfolger des verstorbenen Konrad Abbenborg d. Ä. an (vgl. Nr. 82). Zuvor war er als Lüneburger Stadtschreiber angestellt. Am 23. Dezember 1444 bestätigte Johannes von Minden gemäß der päpstlichen Verordnung die Übernahme des Archidiakonats von Modestorp.3) Allerdings musste er sich offenbar seit Beginn seiner Amtszeit gegen Vorwürfe zur Wehr setzen, er betreibe eine auf sein persönliches Prestige ausgerichtete Politik. Schon in einem – in auffällig unterwürfigem Ton formulierten – Schreiben aus dem Februar 1443 bat Johannes von Minden den Rat um Vermittlung in dieser Angelegenheit.4) Auch nach der Vereinigung der beiden Ämter 1444 rissen die Anfeindungen der Gegner dieser Neuordnung nicht ab. Im August 1447 wandte sich Johannes von Minden erneut an den Rat, wente id tred an myne sele / vnd an myne truwe / vnd mogen vele lude an geerghert werden, zum einen wegen des Vorwurfs, er habe dem Rat die Ämterzusammenlegung aus persönlichen Interessen und aus vorhavenheit eingeredet, nicht vmme nutticheit willen der Stad Luneburg, zum anderen weil gesagt würde, dass alles, was in dissen saken gescheen sy vnd schee were nicht gescheen vnd schege nicht / hedde de kercken to sunte Johanse eyn ander (d. h. einen anderen Propst und Pfarrer).5) Außerdem betonte er, dass ihm Mester Curde, also der letzte Archidiakon Konrad Abbenborg, die Kirche St. Johannis überlassen habe. Johannes von Minden nahm also an, dass sich der Widerstand in kirchlichen Kreisen nur gegen seine eigene Person und nicht gegen die Maßnahme als solche richtete. Vermutlich trat er deshalb im Jahr 1448 vom Amt des Propstes von St. Johannis zurück und lebte danach als Domherr in Lübeck. In dieser Funktion ist er noch 1464 im Zusammenhang der Spende einer Rente für den Langen Hof genannt.6)

Anmerkungen

  1. 8. April.
  2. Zu diesen Vorgängen detailliert Krüger/Reinecke, Kunstdenkmale, S. 63–65. Die Quellenangaben Reineckes dürften sich auf die Akte StA Lüneburg, AA E1b Nr. 2 beziehen, die heute im Bestand fehlt.
  3. Ebd., S. 64.
  4. StA Lüneburg, Br 22/64, 1443 Februar 20.
  5. StA Lüneburg, Br 22/65, 1447 August 14.
  6. StA Lüneburg, UA b: 1464 März 11 a. Dort ist er als ehemaliger Stadtschreiber und Rektor von St. Johannis genannt.

Nachweise

  1. Reinbeck, Chronik, p. 404.
  2. Dithmers, Chronik, p. 123.
  3. Sagittarius, Historia, p. 157.
  4. Michelsen, Cronica, p. 69.
  5. Bellmann, Cronica, p. 121.
  6. Bode, Kirchen, Nr. 132.
  7. Mithoff, Kunstdenkmale Fürstentum Lüneburg, S. 145.
  8. Krüger/Reinecke, Kunstdenkmale, S. 91.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 88 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di100g019k0008803.