Inschriftenkatalog: Rheingau-Taunus Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 43: Rheingau-Taunus-Kreis (1997)

Nr. 42 Eberbach, Hospitalanbau (aus Klosterkirche) 1331

Hinweis: Das Fragment befindet sich aktuell im Abteimuseum, vgl. Monsees, Grabmäler im Kloster Eberbach, Nr. 88.

Beschreibung

Fragment des Tumbendeckels vom Grabmal des Grafen Wilhelm I. aus der älteren Linie derer von Katzenelnbogen. Das Grabmal befand sich 1612/14 in der Kirche vor dem Johannesaltar, der Anonymus sah es 1704/7 an der Wand neben dem Fenster; das Reststück aus rotem Sandstein ist heute an der inneren Südwand des Durchganges im Hospitalbereich befestigt. Stark unterarbeitetes Fragmentstück des oberen Plattenbereiches mit reichem, durchbrochenem Architekturschmuck: drei mit je fünf Krabbenparen besetzte, kreuzblumenbekrönte Wimperge mit zwei eingestellten und am Rande je hälftigen Fünfpaßrosetten-, darunter Spitzbogen mit Fischblasen- und Dreipaßmaßwerk, plastischer Schmuck in Form von nach unten blickenden Fabeltieren und Kröten. Auf dem nach außen abgeschrägten Rand der Tumba umlaufende Inschrift mit Beginn unten rechts, oben rechts kleine Beschädigung; ehemals wohl ein? Wappen.1)

Erg. nach Bär.

Maße: H. 98, B. 144, Bu. 4,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

Bender_Forschungsstelle Die Deutschen Inschriften bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz [1/3]

  1. [ANNO DOMINI M CCC XXXI XVa) KALENDAS DECE(M)BRIS OBIIT NOBILIS VIR COMES WILHE]LMUS · DE · KATZENELLE[N]b)/BOGEN · Q(U)Ic) · CONSTRUXIT · / CASTRUM · DICTUM [RICHENBERG]d)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1331, am 15. Tag vor den Kalenden des Dezember (17. November) starb der edle Mann, Graf Wilhelm von Katzenelnbogen, der die Reichenberg genannte Burg erbaute.

Wappen:
Katzenelnbogen.1)

Kommentar

Das Fragment mit der äußerst seltenen Verwendung des durchbrochenen Maßwerks deutet auf ein qualitätvolles Denkmal hin. Die Inschrift ist auf der rechten Seite voll ausgebildet, während die linke Leiste unfertig blieb – bei dem Wort CASTRUM sind die Buchstaben CAS vorgeritzt oder nur gering eingetieft. Die Schrift der rechten Fragmentseite wirkt durch weit ausgezogene Sporen und einige mit tropfenartigen Schwellungen versehene Buchstaben manieriert: M kommt sowohl mit unterem Abschlußstrich als auch unten offen mit nach außen gebogenen Bogenenden vor, das A zeigt an beiden Hasten Schwellungen und schwingt links weit aus, begleitet von einem nach links überstehenden Deckbalken, L zeigt einen gebogenen Schaft und einen starken Sporn; ungewöhnliche Schwellungen finden sich bei D, L und Z. Ab O von CONSTRUXIT sind die Buchstaben in Doppellinien für die Schwellungen ausgeführt, jedoch nicht durchgehauen worden. Halbkugelig eingetiefte Punkte dienen als Worttrenner.

Graf Wilhelm I. entstammte der Ehe Graf Diethers von Katzenelnbogen mit Margarethe von Jülich. Sein Bruder Berthold, Propst in Oberwesel, war bereits 1316 verstorben (Nr. 24).2) Kurz vor dem 30. Juni 1284 verheiratete sich Wilhelm mit Irmgard von Isenburg-Büdingen; zu Anfang 1314 verband er sich in zweiter Ehe mit Adelheid Gräfin von Waldeck, deren hochwertiges Grabmal sich in der Stiftskirche zu St. Goar erhalten hat.3) Eine politsche Rolle spielte Wilhelm vor allem im Zollkrieg König Albrechts gegen die rheinischen Kurfürsten.4)

In der Eberbacher Grabinschrift wird die Rolle des Grafen als Burgenbauherr hervorgehoben, wenngleich sich Helwich in der Zuschreibung der Burg irrte. Er überlieferte als Namen des Bauwerkes die Burg Schwalbach, was sicherlich auf einem Lese- oder Zuordnungsfehler beruht. Vielleicht notierte er sich den Text der Grabinschrift und fügte den Burgnamen später aus der Erinnerung oder einer unbekannten Quelle schöpfend hinzu. Er verwechselte Graf Wilhelm I. mit dessen Sohn Eberhard V., der die Burg Schwalbach in den sechziger Jahren des 14. Jahrhunderts als eigene Residenz erbaute.5) Wilhelm von Katzenelnbogen gilt vielmehr als Initiator zum Bau der Burg Reichenberg.6) Erzbischof Balduin von Trier bestätigte in seiner Urkunde vom 10. August 1319, daß der Graf von der Trierer Kirche die Dörfer Bornich, St. Goarshausen, Patersberg und Offenthal zu Lehen besäße und gab ihm zugleich die Erlaubnis, auf dem Berg Reichenberg im Gebiet der genannten Dörfer eine Burg zu bauen, die als ständiges Lehen Trier geöffnet sein sollte.7) Damit war die Burg von Anfang an Bestandteil der aktiven Burgen- und Lehnspolitik des Trierer Erzbischofs.8) 1324 erwarb Wilhelm Stadtrechte für Reichenberg und ab 1326 sind Burgmannen auf der Burg nachgewiesen.9) Der Graf erlebte allerdings die Fertigstellung der als repräsentativer Prunkbau konzipierten Anlage nicht mehr. In den letzten Jahren vor seinem Tod nahmen ihn andere Aufgaben, vor allem die Erbfolgeregelung innerhalb der Familie und der Kampf gegen die Nassauer in Anspruch. Zudem überstieg der kostspielige Bau die finanziellen Möglichkeiten des Grafen. Sein Sohn Wilhelm II. zeigte zwar kaum Interesse am Baufortgang, doch gelang die Fertigstellung der Burg noch vor dessen Tod 1385.10)

Auf Schloß Rheinfels befand sich nach Wenck11) eine Tafel mit verschiedenen Totengedächtnisinschriften, darunter eine für Graf Wilhelm mit dem Todestag 18. November.12) Wenck hielt den 18. für Wilhelms Begräbnistag,13) während Demandt in seiner Quellensammlung diesen Tag als den Todestag angibt.14)

Textkritischer Apparat

  1. Zahlen fehlen bei Helwich und Anonymus, dagegen mit dem Tagesdatum XIV bei Reg. Katz.
  2. T kleiner Buchstabe, wahrscheinlich später eingefügt.
  3. I in Q eingestellt.
  4. So richtig Würdtwein, Bär, Wenck. Dagegen Helwich Borg Schwalbach und Winkelmann Diegum.

Anmerkungen

  1. Vgl. Einleitung Kap. 3.
  2. Biographischer Nachweis in Reg. Katz. I 49 mit Sterbetag 18. November.
  3. Reg. Katz. I 49; zu dem Grabmal der Gräfin vgl. Kessel, Heiligenverehrung 208f.
  4. Demandt, Anfänge 64.
  5. Winkelmann I 115 Nr. XI; vgl. zur Burg Schwalbach Kunze, Burgenpolitik 70-72.
  6. Reg. Katz. I 58; Kunze, Burgenpolitik 65-68 zu Reichenberg; vgl. auch R. Bonte, Über die Gründung und Bauweise der Burg Reichenberg. In: Mitt. d. Ver. f. Nass. Alterthumskde. u. Gesch.forsch. Jg. 1906/07, Sp. 45-64.
  7. NUB I 3 Nr. 1678; Reg. Katz. I Nr. 605.
  8. Kunze, Burgenpolitik 66; s. auch Wolf-Rüdiger Berns, Beobachtungen zur Burgenpolitik Balduins. In: Balduin von Luxemburg, Erzbischof von Trier – Kurfürst des Reiches 1285-1354. Fschr. aus Anlaß d. 700. Geb. Hrsg. v. F.-J. Heyen unter Mitwirkung v. Johannes Mötsch. Mainz 1985 (Quell. u. Abh. z. mittelrhein. Kirchengesch. 53.) 303-316.
  9. Zum 18. Januar 1324 vgl. NUB I 3 Nr. 1777.
  10. So wurden Wohnbauten, Eckturm und Kasematten in einem Baufortgang fertiggestellt, vgl. Kunze, Burgenpolitik 66; v. Stramberg, Rheinischer Antiquarius II 5 wie bei Nr. 58.
  11. Wenck I, 272 Anm. 5.
  12. Ebd. 273 Nr. XI; Wortlaut der Rheinfelser Tafel: Anno Domini M.CCC.XXXI. obiit Wilhelmus Comes in Katzenelnbogen in vigilia b(ea)tae Elysabeth, qui anno eiusdem mill[...] incaepit construere Castrum Richenberg. Vgl. zur Rheinfelser Tafel DI 60, Nr. 114.
  13. Ebd. mit Anm. 12.
  14. Reg. Katz. I Nr. 770 aufgrund einer nicht näher spezifizierten Hs. aus dem 18. Jh. im HHStAW.

Nachweise

  1. Helwich, Syntagma 157.
  2. Winkelmann, Hess. Chronic I 115 Nr. XI.
  3. Anonymus ed. Roth, Geschichtsquellen III 80.
  4. Bär, Epitaphiensmlg. fol. 1v.
  5. Würdtwein, Epitaphienbuch 235.
  6. Wenck, Hessische Landesgesch. I UB, Grabschriften 273 Nrr. X.
  7. Aufhebungsprotokoll 20 Nr. XIV.
  8. Roth, Geschichtsquellen III 257.
  9. Beitr. Gesch. Erzstift 26.
  10. Reg. Katz. I Nr. 770.

Zitierhinweis:
DI 43, Rheingau-Taunus-Kreis, Nr. 42 (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di043mz05k0004205.