Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 341† Oberwesel, Kath. Pfarrkirche St. Martin 1624

Beschreibung

Grabinschrift für den Dekan Friedrich Bettingen, erstmals 1870 vollständig mit dem Grabgedicht (A) und der Grabinschrift (B) überliefert. Verloren, Ausführung unbekannt; aus der Inschrift (A) ist ein Wappen zu erschließen.

Nach NN.

  1. A

    Quod Friderice tuo nituit candida scuto Res omnino tuis moribus apta fuit. At tum quod iam praecipiti rosa lapsa ruina est Res indigna tuis moribus ista fuit. Nempe tui poterant hoc iure exposcere mores Hanc ne prorueret mors inimica rosam.

  2. B

    Reverendo domino Frederico Bettingen Treverensi artium magistro sacrae theo- logiae baccalaureato huius ecclesiae decano et parocho vigilantissimo ad Beatama) Virginem canonico dignissimo eximia virtute viro profunda eruditione incenso animarum zelo beneficentia hospitalitate candore patientia et modestia singulari posteaquam in Beatam Virginem annos IX menses II in Erarvensteinb) et Walluf annum I menses VI in hac demum ecclesia annos VII menses IV dies IIXX magno zelo studio ac subditorum fructu pastoralem animarum curam gessisset tandem diem supremum obiit pridie sancti Martini sub finem primarum oculis et manibus in coelum tensis salvifici Jesu nominis invocatione MDCXXIV.

Übersetzung:

(A) Weil die glänzende Sache (die Rose) in deinem Schild, Friedrich, strahlte, paßte sie völlig zu deinen Sitten. Da aber mittlerweile die Rose durch den jähen Sturz hingesunken ist, ist dieses Geschehen deinen Sitten unangemessen gewesen. Freilich konnten deine Sitten mit diesem Recht fordern, daß der feindliche Tod die Rose nicht umreisse1). - (B) Dem hochwürdigen Herrn Friedrich Bettingen aus Trier, Magister der (freien) Künste, Baccalaureus der heiligen Theologie, dem Dekan und unermüdlich tätigen Pfarrer dieser Kirche, dem würdigsten Kanoniker an Liebfrauen, einem Mann von ausgezeichneter Tugend, tiefer Gelehrsamkeit, verzehrendem Seeleneifer, Wohltätigkeit, Gastfreundschaft, Lauterkeit, Geduld und außerordentlicher Bescheidenheit, der, nachdem er neun Jahre und zwei Monate in Liebfrauen, ein Jahr und sechs Monate in Frauenstein und Walluf, zuletzt in dieser Kirche sieben Jahre, sechs Monate und 18 Tage mit großem Eifer, Streben und Nutzen die Seelsorge für die ihm Anvertrauten ausgeübt hatte, schließlich verstarb am Tag vor dem Fest des hl. Martin (10. November) gegen Ende der Prim, Augen und Hände zum Himmel erhoben unter Anrufung des Namens Jesu, des Erlösers, 1624.

Versmaß: Drei Distichen (A).

Wappen:
Bettingen2)

Kommentar

Der erste Hinweis auf diese heute verlorene Grabinschrift stammt von dem in den Jahren 1728 bis 1765 als Pfarrer von St. Martin amtierenden Johann Peter Prim3). Allerdings dürfte er in seiner handschriftlich überlieferten Version4) den umfangreichen, vom Anonymus zuverlässig überlieferten Text5) zusammengefaßt und zum Teil auch erweitert haben. Aufgrund der signifikanten Zusätze kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, daß Prim nicht den Text des Grabdenkmals, sondern den eines weiteren unbekannten Inschriftenträgers oder einer anderen Quelle überliefert hat.

Friedrich Bettingen6) wurde am 19. Januar 1581 in Trier als Sohn des gleichnamigen Schneidermeisters und seiner Frau Margaretha zur Winsburg geboren. Ebenfalls in Trier erwarb er 1600 das theologische Baccalaureat und 1601 den Grad eines Magister Artium. Laut der vorliegenden Inschrift war er zunächst Kanoniker an Liebfrauen in Oberwesel, dann Pfarrer in Frauenstein und Walluf im Rheingau. Am 20. Februar 1616 erhielt er seine Ernennung zum Dekan und Pfarrer von St. Martin. Aufgrund der von Pfarrer Prim überlieferten Version der Grabinschrift ist davon auszugehen, daß das Grabdenkmal mit dem den Verstorbenen in zeittypisch überzogener Weise verherrlichenden Totenlob von seinen Angehörigen väterlicherseits in Auftrag gegeben wurde. Die Distichen beziehen sich auf die Rose als sein Wappenbild, spielen mit ihrer Symbolik der Sittsamkeit und setzten sie in Beziehung zum Charakter des Verstorbenen. Darüberhinaus bedient sich der Text einer Redefigur7), wonach sittsame Lebensweise eigentlich zu einem langen Leben führen sollte.

Textkritischer Apparat

  1. Verbessert aus D.
  2. So vermutlich für Frawenstein bzw. Frauenstein.

Anmerkungen

  1. Die Übersetzung der drei Distichen verdanke ich meinem Kollegen Dr. Sebastian Scholz.
  2. Eine Rose (?); so bei Gruber, Wappenbilder-Index 17 Mitte des 15. Jh. für Johann Beltgin von Bettingen nachgewiesen.
  3. Vgl. zu ihm Pauly, Stifte 498.
  4. Reverendo Domino Friderico Bettingen Trevirensi huius ecclesiae decano et parocho vigilantissimo et canonico ad Beatam Virginem, postquam in hac ecclesia annis septem curam animarum praeclare gessisset, tandem pridie sancti Martini sub primam vesperarum finem post trinam salutiferae nominis Iesu invocationem spiritum creatori suo placidissime reddidisset anno Christi 1724 (sic!) hanc agnati memoriam posuere" (Bistumsarchiv Trier, Abt. 71/129, Nr. 240 S. 137; zit. nach Pauly, Stifte 496f.). - Sowohl Pauly, Stifte 496f. als auch Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 558f. betrachten - ohne die Überlieferung bei NN. zu berücksichtigen - diesen Text als die eigentliche Inschrift des verlorenen Grabdenkmals.
  5. Da NN. vor der Zitation des Textes ausdrücklich vermerkt: "Sein Grabstein in der St. Martinskirche trägt die Inschrift ...", ist an der Existenz des Grabdenkmals - bei dem es sich wohl um ein Epitaph gehandelt haben dürfte - und an der Ausführung der Inschrift nicht zu zweifeln.
  6. Vgl. zum Folgenden Keil, Promotionsbuch 99f. und Pauly, Stifte 496.
  7. Vgl. das Grabgedicht des Dekans Johannes Houst von St. Simeon in Trier von 1568/1572 bei Brouwer/Masen, Metropolis 1, 208f.

Nachweise

  1. NN., Liebfrauenkirche 32f.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 341† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di060mz08k0034101.