Inschriftenkatalog: Die Inschriften des Rhein-Hunsrück-Kreises II

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 79: Rhein-Hunsrück-Kreis II (2010)

Nr. 56† Gemünden, Evangelische Pfarrkirche 15. Jh.

Beschreibung

Inschriften auf einem Messgewand. Noch 1886 von Lehfeldt ausführlich beschrieben, seit unbekannter Zeit verschollen. Es handelte sich wohl um eine Kasel mit Darstellungen aus der Passion und dem Marienleben sowie entsprechenden Inschriften. Auf der Vorderseite Kaselkreuz mit schrägen Armen, darauf Christus am Kreuz zwischen Maria und Johannes, darunter Hymnus (A); dann ein Kelch „nebst Symbolen“, darüber Bibelzitat (B); oberhalb des Kreuzstammes Christus als Auferstandener; am rechten Balken Christus vor Pilatus, darüber Inschrift (C); am linken Balken Christus vor dem Volk, darüber Inschrift (D). Auf der Rückseite ebenfalls ein Kaselkreuz mit schrägen Armen, darauf auf dem Kreuzstamm (von oben nach unten) die Inschrift (E), gefolgt von zweimal einem Baum, dann Inschrift (F); dann nach einer Rosette Inschrift (G); dann das Lamm mit der Beischrift (H) sowie die Martersäule mit den Leidenswerkzeugen; am rechten Balken Christus „und eine Frauengestalt“, darüber Inschrift (I); auf dem linken Balken der Judaskuß, darüber Inschrift (K). Die Kasel dürfte während des 19. Jahrhunderts restauriert worden sein, da die „eigentümlichen Darstellungen auf modernem rothem Grund“ appliziert waren.

Nach Lehfeldt.

Schriftart(en): Gotische Minuskel1).

  1. A

    o crvx ave spes vnica2)

  2. B

    svrge gl(ori)a mea svrge psalteriv(m) et cithavaa)3)

  3. C

    maria

  4. D

    ihesvs

  5. E

    s(anctvs) ioachi(m)b) / s(anctvs) ioachi(m)b)

  6. F

    s(ancta) anna / s(ancta) anna

  7. G

    maria

  8. H

    ecce agnvs dei4)

  9. I

    maria

  10. K

    ihesvs

Übersetzung:

O Kreuz, einzige Hoffnung, sei gegrüßt (A). – Auf, mein Ruhm, auf, Saitenspiel und Harfe (B). – Seht, das Lamm Gottes (H).

Versmaß: Akatalektischer jambischer Dimeter (A).

Kommentar

Da sich Aufbau, Form und zum Teil auch Darstellungen des szenisch und inschriftlich reich ausgestatteten Messgewandes überraschend gut mit einer um 1450 entstandenen Kasel aus Oberwesel5) vergleichen lassen, dürfte die von Lehfeldt (mit Fragezeichen) vorgenommene Datierung „Ende des 16. Jahrhunderts“ – von Kdm. auf das gesamte 16. Jahrhundert ausgeweitet – durch die hier vorgeschlagene zu ersetzen sein.

Textkritischer Apparat

  1. So für cithara.
  2. emendiert; wachi Lehfeldt

Anmerkungen

  1. Nach der die Schriftart ‚gotische Minuskel’ anzeigenden Drucktype bei Lehfeldt.
  2. Beginn der 6. Strophe des Hymnus „Vexilla Regis“; vgl. dazu DI 54 (Lkrs. Mergentheim) Nr. 124.
  3. Ps 56,9 (teilw.).
  4. Joh 1,29 (teilw.) bzw. 1,36 (teilw.); zugleich liturgische Formel der römischen Messe (vor der Kommunion).
  5. DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis 1) Nr. 7676 mit Abb. 60f. – Vgl. auch ebd. Nr. 110 von 1491, ebenfalls mit dem Zitat aus dem Hymnus (A).

Nachweise

  1. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 658.
  2. Busley, Kunstdenkmäler Simmern 47.
  3. Kdm. Rhein-Hunsrück 1, 336.

Zitierhinweis:
DI 79, Rhein-Hunsrück-Kreis II, Nr. 56† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di079mz12k0005607.