Inschriftenkatalog: Die Inschriften des Rhein-Hunsrück-Kreises II

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 79: Rhein-Hunsrück-Kreis II (2010)

Nr. 49(†) Simmern, Evangelische Stephanskirche 1486

Beschreibung

Bauinschrift in sieben Zeilen auf einer Bleitafel, anlässlich der Grundsteinlegung zum Neubau der damaligen Schlosskirche angefertigt. Laut dem kurzen „Bericht“ in einem wohl Ende des 16. Jh. angefertigten Aktenverzeichnis der Simmerner Kanzlei „hatt zum Kirchbauw Hertzog Hanns den ersten Stein gelegt vnnd dieße nach geschriebene Vers in Bleÿ“1).

Nach Bericht.

  1. Annis transactis post Christi NatiuitatisMille quadringentis Sex octuaginta volutisMaÿ bis nona Jovis die Luce SerenaIllustris princeps dux inclitus ecce IohannesHic Comes in Sponheim Comes et Rheni PalatinusAmpliat hoc templum lapidem locat ipseque primoQua propter domino grates vos reddite Christo

Übersetzung:

Siehe, als nach Christi Geburt eintausendvierhundertsechsundachtzig Jahre vergangen waren, hat am 18. Mai, einem Donnerstag, einem heiteren Tag, der durchlauchtige Fürst, der berühmte Herzog Johannes, Graf hier in Sponheim und Pfalzgraf bei Rhein, diese Kirche vergrößert und als erster selbst den (Grund)Stein gelegt. Deswegen sagt Dank unserem Herrn Christus.

Versmaß: Sieben Hexameter, die ersten drei leoninisch gereimt.

Kommentar

Sollte die überlieferte Schreibung dem Original entsprechen, war die Inschrift in gotischer Minuskel mit Versalien ausgeführt.

Die Inschrift bezieht sich auf den 1486 anstelle einer kleineren romanischen Vorgängerkirche begonnenen Neubau einer spätgotischen dreischiffigen Hallenkirche2) mit langgestrecktem Chor und der südlich angeschlossenen herzoglichen Grabkapelle St. Anna. Die Kirche wurde während der Regierungszeit Herzog Johanns I. von Pfalz-Simmern3) errichtet und war wohl bei seinem Tod 1509 weitgehend fertiggestellt. Der Anlass zum Kirchenbau steht mit Sicherheit in Zusammenhang mit dem Ausbau Simmerns zur herzoglichen Residenzstadt, welcher mit dem Schlossbau unter Johanns Vater Friedrich4), dem der Begründer der älteren Linie der Herzöge von Pfalz-Simmern, beginnt. Dann folgte ab 1486 der Bau eines Rathauses und eben einer neuen Kirche.

Erstaunlicherweise verwendet die sich offensichtlich an ein imaginäres Publikum wendende Inschrift mit dem zweitletzten Vers (Ampliatprimo) buchstabengenau den gleichen Text, wie ihn die vierte Zeile der sechszeiligen Bauinschrift zur Grundsteinlegung von 1248 für den Kölner Dom aufweist5).

Anmerkungen

  1. Bericht fol. 18v. – Für die Identifizierung, Datierung und Bereitstellung einer Kopie dieses bislang ohne Signatur zitierten Archivale danke ich Herrn Prof. Dr. Konrad Krimm, Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe, Brief vom 30. August 2007.
  2. Vgl. zur Baugeschichte ausführlich Fischer 162–171 und Kdm. 933ff.
  3. Vgl. sein Epitaph Nr. 66.
  4. Der 1480 verstorbene Herzog Friedrich und seine 1486 verstorbene Gemahlin Margarete wurden noch im Kloster Ravengiersburg beigesetzt, ohne dass ihre Grabinschriften überliefert worden wären; vgl. dazu Wagner, Wittelsbacher 149.
  5. Freundlicher Hinweis meines Kollegen PD Dr. Michael Oberweis. – Vgl. zu dieser (im Gegensatz zur vorliegenden) über dem Eingang des Doms öffentlich und sichtbar angebrachten Bauinschrift Kdm. Köln Dom 58.

Nachweise

  1. Bericht fol. 19r.
  2. Wagner, Simmern 83.
  3. Busley, Kunstdenkmäler Simmern 291.
  4. Fischer, Kirchenbaukunst 163.
  5. Kdm. Rhein-Hunsrück 1, 934.
  6. Wagner (u. a.), 500 Jahre Stephanskirche 9.
  7. Wagner, Wittelsbacher 162 (alle nach Wagner).

Zitierhinweis:
DI 79, Rhein-Hunsrück-Kreis II, Nr. 49(†) (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di079mz12k0004903.