Inschriftenkatalog: Die Inschriften des Rhein-Hunsrück-Kreises II

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 79: Rhein-Hunsrück-Kreis II (2010)

Nr. 35 Biebern, Katholische Pfarrkirche St. Johannes d. Täufer 1475

Beschreibung

Glocke. Die offenbar erst im 19. Jahrhundert erworbene Glocke1) wurde am 31. März 1942 zu Kriegszwecken abgeliefert2) und kehrte leicht beschädigt im Herbst 1945 an ihren heutigen Standort im mittelalterlichen Glockenturm der 1770 bzw. 1964 neuerbauten Kirche zurück. Große Glocke mit einzeiliger Schulterumschrift zwischen Rundstegen, unter pancracii kleines Relief (4 x 3 cm) des Heiligen mit Lanze und Wimpel3). Gewicht 930 kg, Schlagton g.

Maße: H. 100, Dm. 115, Bu. 3 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Escherich) [1/8]

  1. + in ◦ honore sanctea) pancracii ◦b) O rex ◦ glorie ◦ veni ◦ cum ◦ pace ◦ anno ◦ domini ◦ mo cccco lxxvoc)

Übersetzung:

Zu Ehren des heiligen Pankratius. – O König der Herrlichkeit, komm mit Frieden. – Im Jahr des Herrn 1475.

Kommentar

Die schlanke, mit teilweise stark reduzierten Brechungen ausgeführte Minuskel zeigt als Besonderheit einen spitzovalen, linearen Versal-O (kein Majuskel-O) vor rex. Als Worttrenner dienen meist unsauber ausgeführte Rosetten, einmal Flechtwerk.

Als Inschriftenspruch wurde die auf Glocken allgemein weit verbreitete Bitte um Frieden gewählt4), die sich aber im Bearbeitungsgebiet nur selten nachweisen lässt. Aufgrund stark differierender Merkmale der Schriftgestaltung und dem abweichenden Formular ist die von Baumgarten vermutete Zuschreibung der bis auf das Relief schmucklosen Glocke an Tilmann von Hachenburg oder in das Frühwerk des Trierer Gießers Clais von Echternach unwahrscheinlich.

Textkritischer Apparat

  1. Flechtwerk als Worttrenner.
  2. Sic!
  3. MCCCCLXXII Busley; zxxii Kdm.; Schellack/Wagner (transkribieren 1472).

Anmerkungen

  1. So Schellack/Wagner ohne Angabe der Herkunft; spätestens seit 1886 befand sie sich aber am heutigen Standort.
  2. Inv.-Nr. 15/25/256 C; vgl. dazu und zum Folgenden DGA und Baumgarten, Chronik 345f.
  3. Vgl. dazu Schütz, Pankratius 110. – Da Figürchen des hl. Pankratius äußerst selten nachzuweisen sind, hat möglicherweise der Gießer auf Veranlassung des Auftraggebers eine vorgefundene Heiligendarstellung durch Hinzufügung der passenden ikonographischen Attribute zu dem passenden Glockenpatron umfunktioniert; freundlicher Hinweis von Herrn Jörg Poettgen, Schreiben vom 25. März 2009.
  4. Vgl. etwa Nr. 20 und Einleitung Kap. 4.3.

Nachweise

  1. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 651.
  2. Busley, Kunstdenkmäler Simmern 26.
  3. DGA Nürnberg, Karteiblatt mit Foto Nr. F 3681 und F 14158.
  4. Kdm. Rhein-Hunsrück 1, 177.
  5. Schellack/Wagner, Kirchen und Kapellen 15.
  6. Baumgarten, Chronik 345 (mit Abb. Relief).
  7. Rockenbach, Biebern 85 (m. Abb.).

Zitierhinweis:
DI 79, Rhein-Hunsrück-Kreis II, Nr. 35 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di079mz12k0003502.