Inschriftenkatalog: Die Inschriften des Rhein-Hunsrück-Kreises II

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 79: Rhein-Hunsrück-Kreis II (2010)

Nr. 26 Karbach, Katholische Kirche St. Anna (aus Karbach, St. Quintin) 1440?

Beschreibung

Glocke. Sie wurde am 29. August 1877 aus der baufälligen Kirche St. Quintin an ihren heutigen Standort überführt. Im 2. Weltkrieg zu Kriegszwecken abgeliefert, kehrte sie am 20. Dezember 1947 aus dem Hamburger Glockenlager zurück1). Schmucklose Glocke mit einzeiliger Schulterumschrift zwischen Rundstegen, die sich auf der Haube in einem Wort fortsetzt. Gewicht 310 kg.

Maße: H. ca. 72, Dm. 78, Bu. 3 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Escherich) [1/7]

  1. +a) Jn ◦ den ◦ iore ◦ vnsers ◦ here ◦ da ◦ man ◦ schreif ◦ mcccc ◦ vnd ◦ xlb) ◦ Joir ◦ noch ◦ crist ◦ g//eburt

Kommentar

Die gut ausgeführte Minuskel zeigt als Besonderheit ein fast waagerecht liegendes rundes s sowie zwei der gotischen Majuskel entstammende J-Versalien, die am Schaft einseitig mit zwei Zacken geschmückt sind. Als Worttrenner dienen Rauten.

Die bislang stets ins Jahr 1411 datierte Glocke gehört zusammen mit ihrer über 40 Jahre älteren Schwesterglocke2) zur sonst verlorenen Ausstattung der außerhalb Karbachs gelegenen mittelalterlichen Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Quintin3). An der Inschrift ist sowohl die frühe Verwendung der Volkssprache als auch die inhaltliche Beschränkung auf die umständliche Mitteilung der Jahreszahl ihrer Herstellung bemerkenswert. Die Glocke stammt auf keinen Fall von einem der bekannten Trierer Gießer; vielmehr deutet die unsauber abgesetzte Haubenplatte und der aus dem Rahmen fallende Text auf einen eher ungeübten Gießer aus Koblenz4). Der Datierungsvermerk in deutscher Sprache ist in dieser Form zum erstenmal5) auf der vorliegenden Glocke nachzuweisen, dann 1442 bei dem Kölner Glockengießer Johan Broderman6) sowie 1459 und 1460 bei Tilman von Hachenburg und später auch bei Clais von Echternach7).

Textkritischer Apparat

  1. Tatzenkreuz als Zeichen des Textbeginns.
  2. 11 BAT; xi Lehfeldt.

Anmerkungen

  1. Inv.-Nr. 15/25/226 C; vgl. dazu DGA und Chronik Karbach 126f. und 296ff.
  2. Vgl. 17.
  3. Vgl. dazu ausführlich Chronik Karbach 239ff.
  4. Freundliche Mitteilung von Jörg Poettgen, Schreiben vom 8. April 2010.
  5. Trotz der sicheren Lesung der Jahreszahl gibt Jorg Poettgen mit Schreiben vom 8. Februar 2010 u. a. zu bedenken, daß deutsche Glockeninschriften im Bistum Trier bislang erst ab 1461 bekannt sind und der markante Datierungsvermerk im iar da man schreif erst zwischen 1483 und 1505 insgesamt sechsmal nachzuweisen ist. Daher wäre zu überlegen, ob nicht der Glockengießer eigentlich das Jahr 1490 meinte und anstelle des dafür nötigen c irrtümlich ein l bzw. ein langes s gesetzt habe.
  6. in den iaren uns heren da man schrif nach goitz gebuirt, freundlicher Hinweis von Jörg Poettgen, Schreiben vom 3. Februar 2010.
  7. Vgl. zu ihnen Einleitung Kap. 4.3.

Nachweise

  1. Holsinger, Aufschrifften.
  2. BAT Abt. 122 Nr. 11 fol. 252r (Inventar 1847).
  3. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 586.
  4. DGA Nürnberg, Karteiblatt mit Foto 3717.
  5. Schug, Dekanate 207.
  6. Chronik Karbach 296 mit Abb. S. 297.

Zitierhinweis:
DI 79, Rhein-Hunsrück-Kreis II, Nr. 26 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di079mz12k0002603.