Inschriftenkatalog: Rems-Murr-Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 37: Rems-Murr-Kreis (1994)

Nr. 313 Schorndorf, ev. Gemeindehaus 2. V. 17. Jh.

Beschreibung

Gemälde mit Darstellung der Verlesung der Confessio Augustana vor Kaiser Karl V. Aus der Sakristei der ev. Stadtkirche. Öl auf Leinwand. Nach dem Kupferstich des Johann Dürr aus dem Verlag von Paul Fürst, Nürnberg 1630, mit geringfügigen Abweichungen in der Bildkomposition und mit – zum Teil stark – verkürzten Beischriften1. Im Vordergrund der Kaiser, die protestantischen Fürsten und die Vertreter der Reichsstände Nürnberg und Reutlingen, im Hintergrund Abbildung verschiedener gottesdienstlicher Handlungen der lutherischen Kirche mit erklärenden Bibelsprüchen; nähere Beschreibung im Folgenden. Farben stark nachgedunkelt, Einzelszenen stellenweise nur mehr schemenhaft zu erkennen; 1978 restauriert, die Inschriften offenbar zum größten Teil aufgefrischt, dennoch teilweise kaum mehr zu lesen.

Maße: H. 66, B. 109,5, Bu. 0,2–0,6 cm.

Schriftart(en): Schrägliegende humanistische Minuskel2, Kapitalis (nur A).

Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/7]

A. In der Bildmitte Kaiser Karl V. auf dem Thron, flankiert von zwei bekrönten und wappenbelegten Säulen, die jeweils von einem Schriftband umwunden sind3:

  1. PL/US // VL/TRA/ ·a)

B. Links von dem Kaiser stehend der kursächsische Kanzler Christian Beyer beim Verlesen der Glaubensartikel, in den Händen das aufgeschlagene deutsche Exemplar des Katechismus haltend, Text teilweise verdeckt:

  1. So haltten / wir es nun / das der / mensc[h / ge]recht4)

C. Im Vordergrund auf einem Podest im Halbkreis vor dem Thron stehend die fünf protestantischen Fürsten, jeweils mit Wappen und Namenbeischrift zu Füßen, sowie die Vertreter der Reichsstädte, ebenfalls mit Wappen und Stadtnamen, rechts unten vier weitere Stadtwappen mit Beischriften:

  1. Johannes / Churfürst / zu Sachsen Georg Margk=/grav zu Brand=/tenburgk Ernst / Herzog / zu / Lüne/burgk Philipus / Landgrav / zu Heßen. Wolfgang / [F]ür[st] / zu / Anhalt. N[ur]mberg, Reüt=/lingen Diese · 4 · Stä[.]t haben sich hernach [in] / [n]och werendem Reichstag zu der Aug=/spurgischen Confession Frölich bekandt / [vnd da]rbey mit Gottes hilff zu verharr[en]5) Winsheim. Weiszenburg. Heilbrun. Kempten.

D. Im Hintergrund links oben Trauung vor einem Retabelaltar, links daneben und darunter je ein Bibelspruch:

  1. Genesis / Gott schuff den / Menschen / im zum / Bilde6) und Gott der Herr sprach, es / ist nit gut das der Mensch / allein sei: Genesis7)

E. Am linken Bildrand vor der vorgenannten Szene Beichte im offenen Gestühl, darüber ein Bibelspruch:

  1. Ezechiel 33, / So war als ich lebe / spricht der Herr ich / hab kein gefallen am8)

F. In der Mitte der linken Bildhälfte Abnahme des Katechismusexamens vor versammelter Gemeinde: der Pfarrer im Stuhl sitzend, rechts von ihm ein Kind in der Katechismuskanzel, links die übrigen Kinder in einem Gestühl; über dem Frager und über den im Chor Antwortenden die entsprechenden Beischriften:

  1. Wes glaubens / seit ihr Wir seindt / Christen / darumb / wir an I(esum) C(hristum) / glauben

G. In der rechten Bildhälfte ganz hinten eine Wandorgel und ein Sängerchor, jeweils mit Bibelsprüchen:

  1. Lobet den He[rrn] / lobet in mit hellen / Cimbaln Ps. 150.9) Lobet ihn mit Posaunen, lobet ihn mit / Psalter vnd Harpfen Psal: 150.10)

H. In der rechten oberen Ecke leuchtendes Auge Gottes im strahlenden Wolkenkranz, darunter Taube des Hl. Geistes im Strahlenkranz, dessen einer Lichtstrahl auf den Gekreuzigten darunter (s. unten) fällt; der Wolkenkranz oben und unten mit je einer Inschrift versehen:

  1. Ehre sey Gott in der Hö[. . .11) D[as] ist mein lieber Sohn, an den hab / ich ein wolgefallen12)

J. Rechts außen Kanzelpredigt, vor dem Prediger ein Bibelspruch13:

  1. Der Her spricht / so geschichts / Psal: 3314)

K. Weiter links Kindstaufe, darüber ein Bibelspruch15:

  1. Den wivi[e]l ewer getauft sein / die haben Christum ange/zogen.16)

L. Rechts vorn Altartisch mit hohem Kruzifixus; oben am Kreuz ein Täfelchen mit Titulus, zu beiden Seiten des Gekreuzigten je ein Bibelspruch, zu seinen Füßen eine hohe Schrifttafel mit den Einsetzungsworten Christi; hinter der Altarmensa stehen der Apostel Paulus und drei Evangelisten, jeweils mit Namenbeischriften über ihren Köpfen bezeichnet, und deuten auf die erwähnte Tafel; auf dem Tisch die geöffnete Bibel mit dem Anfang des Vaterunsers; rechts und links vor dem Altar Austeilung des Hl. Abendmahls17:

  1. I. N. R. I. Sihe das [ist] / Gottes lam / welchs der / welt sünde / trägt. Ioh 118) Das Blut / Iesu Christi / Gottes S(o)h(n)s / macht vns / rein vonn / aller sünde / 1. Ioh: 3.19) Vnser Herr Ie/sus Christus / in der nacht da / er verrathen / ward,20) / Deselben gleich(e)n / nam er auch / den Kelch, na[ch] / dem Abentmal / vnd sprach. / trincket alle da=/raus.21) S: Paulus. S: Matthaeus. S: Marcus. S: Lucas. Vatter vn/ser der du /bist im / him(m)el, / geheili/get werde / dein nam / zukome / vns dein / reich, dein22)

M. Unter der Altarmensa liegen der besiegte Tod und ein zertretener Schlangenkopf; darunter vor den Altarstufen ein Bibelspruch23:

  1. Der todt ist verschlungen in de[m] / Sig, todt wo ist dein Stachel. / Helle wo ist dein Sieg. / 1. Corinther 5524)

 
Wappen:
Kaiser Karl V. (spanische und burgundische Lande), Kaiser Karl V. (deutsche Erblande, Ungarn, Böhmen); Kursachsen, Brandenburg, Braunschweig, Hessen, Bernburg (für Anhalt); Reichsstädte Nürnberg, Reutlingen, Windsheim, Weißenburg in Franken, Heilbronn, Kempten.
Die im wesentlichen von Philipp Melanchthon verfaßte Bekenntnisschrift der Protestanten, die sogenannte Confessio Augustana, wurde am 25. Juni 1530 auf dem Reichstag von Ausgburg in der bischöflichen Kapitelsstube vor sämtlichen Fürsten und Ständen durch die protestantischen Fürsten und durch Vertreter protestantischer Reichsstädte in einer lateinischen und einer deutschen Ausfertigung an Kaiser Karl V. überreicht, ihr deutscher Wortlaut wurde durch den sächsischen Kanzler Beyer öffentlich verlesen25. Die Confessio enthält in 21 Artikeln die evangelisch-lutherische Glaubenslehre und in 7 weiteren Artikeln die Abweichungen gegenüber den „Mißbräuchen“ der alten Kirche. Das älteste bekannte und erhaltene Konfessionsbild befindet sich in der St. Johanniskirche in Schweinfurt und wurde wohl noch am Ende des 16. Jahrhunderts von einem unbekannten Künstler gemalt. Das Schweinfurter Bild diente als Vorlage für den Dürrschen Kupferstich aus dem Jubiläumsjahr 1630, unterscheidet sich aber von diesem und damit auch von dem Schorndorfer Tafelbild darin, daß die Szene im Vordergrund nicht die Verlesung der Confessio, sondern ihre Übergabe durch die protestantischen Fürsten an den Kaiser zeigt. Sämtliche Inschriften des Kupferstichs finden sich bereits, teilweise freilich ausführlicher und in etwas abweichender Anordnung, auf dem Schweinfurter Gemälde26. Das Schorndorfer Bild reduziert Wortlaut und Anzahl der Inschriften dann, wie gezeigt, noch weiter. Zwar mit dem Platzmangel erklärbar, aber dennoch auffällig ist dabei, daß die Namen der in der Abendmahlslehre (nach lutherischem Verständnis) Irrenden weggelassen sind, wodurch dem programmatischen Bild ein besonders kämpferisches Element der Vorlage genommen ist27.

Textkritischer Apparat

  1. Rosettenförmiger Zierpunkt.

Anmerkungen

  1. Gute Abb. des Kupferstichs in: Marsch, Abb. 46. Ausführliche Würdigung der Vorlagen und Parallelen ebd. passim, bes. 46f.: Kopien nach dem Dürrschen Kupferstich aus der Mitte des 17. Jh. befinden sich in Langenburg (Kr. Schwäbisch Hall), Waldenburg (Hohenlohekreis) und in Helmstedt. Vgl. auch Klaus Lankheit, Art. „Confessio Augustana“, in: RDK III Sp. 853–859.
  2. Der Vorlage entsprechend.
  3. Die „Säulen des Herkules“, Bilddevise Karls V.; zusammen mit der Wortdevise PLUS OULTRE bzw. PLUS ULTRA seither Bestandteil des Wappens der spanischen Könige. Sphragistischer Erstbeleg: Siegel Karls V. und Johannes von Kastilien 1516, vgl. Otto Posse, Die Siegel der deutschen Kaiser und Könige von 751 bis 1806, Bd. 3, Dresden 1912, ND Leipzig 1981, Taf. 11, 3.
  4. …gerecht werde, ohne des gesetzes werck, allein durch den glauben (Röm 3, 28). Im Wortlaut nicht Bestandteil der Confessio, aber Kernaussage der Artikel 4 und 20. Textausg.: Die Bekenntnisschriften der ev.-luth. Kirche, Göttingen 1930, 51963.
  5. Beitritt am 15. Juli 1530, noch während des Reichstags.
  6. 1 Mose 1, 27.
  7. 1 Mose 2, 18.
  8. Hes 33, 11.
  9. Ps 150, 1 und 5.
  10. Ps 150, 3.
  11. Lk 2, 14.
  12. Mt 3, 17; 17, 5.
  13. Der auf dem Dürrschen Kupferstich im Hintergrund angedeutete Leichenzug und eine weitere, hinter der Kanzel angebrachte und auf die Predigt bezogene Beischrift (Joel 3, 1) fehlen.
  14. Ps 33, 9.
  15. Weitere Sprüche auf dem Taufstein und auf dem gestuften Sockel (Mt 19, 14; 1 Joh 5, 6) sind weggelassen.
  16. Gal 3, 27.
  17. Der Kupferstich hat zusätzlich: Jes 53, 4–6 (rechts neben dem Kreuz), Belegstellen für die Abendmahlslehre Martin Luthers (auf dem Antependium) sowie die bei der Reichung von Brot und Wein gesprochenen Worte (über dem Teller bzw. Kelch).
  18. Joh 1, 29.
  19. 1 Joh 1, 7.
  20. 1 Kor 11, 23.
  21. 1 Kor 11, 25.
  22. Lk 11, 2.
  23. Von dem Schlangenkopf geht ein Strahlenkranz aus, in den auf dem Dürrschen Kupferstich Namen von Gegnern der lutherischen Abendmahlslehre eingetragen sind: Carolstadt Zwingel Schwenckfelt Companijs Öcolumpadius Caluinus Betza Müntzer Wiiderteuffer Ertzketzer Bapst vnd ihr Vatter der Teuffel. Der Strahlenkranz ist auf dem Gemälde zwar angedeutet, die Beschriftung wurde aber weggelassen.
  24. 1 Kor 15, 55.
  25. Zu Vorgeschichte, Entstehung, Übergabe und Verlesung der Confessio Augustana ausführlich: Helmut Baier, Die Ausgburger Konfession, ihre Entstehung und Geschichte, in: Marsch 10–32, bes. 20–22.
  26. vgl. Marsch 41–46, Abb. 16.
  27. Vgl. Lieske 98.

Nachweise

  1. Lieske 97f., 124–126.
  2. Kdm Rems-Murr 919 (Abb.).
  3. Reformation in Württemberg. Ausstellung zur 450-Jahr-Feier der Ev. Landeskirche, Württ. Landesbibliothek Stuttgart 15. Mai – 22. Juli 1984, Katalog, Stuttgart 1984, 88f. nr. 6.17.
  4. 450 Jahre Reformation Schorndorf, Titelbild (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 37, Rems-Murr-Kreis, Nr. 313 (Harald Drös, Gerhard Fritz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di037h011k0031303.