Inschriftenkatalog: Rems-Murr-Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 37: Rems-Murr-Kreis (1994)

Nr. 267 Schorndorf, ev. Stadtkirche 1613, 1621

Beschreibung

Grabdenkmal der Eheleute Burkhard Stickel und Margareta geborene Bihler. Innen an der Südwand des Chores. Große Ädikula; als Bekrönung rundes Medaillon mit Rollwerkrahmung und Auferstehungs-Relief, flankiert von zwei Putten gehaltenen Vollwappen; auf dem Architrav zwei Inschriftfelder nebeneinander (A), außen je ein Engelskopf; im Hauptgeschoß zwischen zwei Karyatidhermenpilastern die lebensgroßen, fast vollrunden Standfiguren der Verstorbenen, der Mann im Harnisch, mit Helm und Löwe zu Füßen; im Sockelgeschoß zwischen zwei Löwenkonsolen eine rollwerkgerahmte Tafel mit zweispaltig angeordneter Versinschrift (B); unter der Tafel kleiner Sockel mit Datierung und Künstlersignatur (C). Sandstein, hellgrau bemalt, die Schriftfelder in hellerem Ton grundiert, die Schrift ausgehauen und schwarz nachgezogen. Der linken Figur fehlen der linke Unterarm, das Schwert an der Seite und die Fahne (?) in der Rechten1.

Maße: H. ca. 400, B. 205, Bu. 1,5 (A, B), 4,0 (C), Ziffern 7,0 cm (C).

Schriftart(en): Fraktur, Kapitalis.

Heidelberger Akademie der Wissenschaften; Helmut Hartmann, Bechtheim [1/4]

  1. A

    Anno 1613. den 25. Martij Jn der Nacht Zwische(n) 10 / Vnd 11 Vhr Jst in Christo Seelig Entschlaffe(n) der Edel / gestreng Herr Burckhardt Stickhell F(ürst)l(ich)a) Wirt(embergischer)a) Ober Leüte(n)=/ampt Vnd Kriegs Raht gewesner Ober Vogt zu Leon=/berg seines alters 72 · Jahr der seelen Gott gnad

    〈Anno 1621. den 4. tag Julij starb die Edel V(nd) / Tugentsam Fraw Margretha Stickhlerin gebor=/ne Bihlerin Jhres alters 75. Jahr deren Gott / ein fröliche Vfferstehung Verleihe(n) Wölle AME(N)〉

  2. B

    Der Edle Gestreng vnnd MannhafftBurckhardt Stickel durch Gottes krafft.Hatt ausz gstanden vil grosze gfahrMitt der grauszamen Türcken schaar.Jm fünfzehn hundert Jar ich meldSibenzig ains wardt auch gezeld.Must er sich wehren der feindt machtAls ein soldatt auff der Meer schlacht.Disz fihnlein er gantz mannlich führtWardt auch zum Findrich Jnstalliert.Dasz fihnlein offt man fliegen sahBey der sehr groszen ARMADIA.Bracht solches entlich durch Gottes handtMitt im heim in sein Vatterlandt.Er dienett weitter im kriegsweszenVil Jhar ist sein lust geweszen. /

    Endtlich so hatt in Gott ergötztBey dem hausz Württemberg eingesetzt.Zum Obern Leitenampt vnd KriegsRahttVon wegen seiner mannliche Thatt.Zu Löwenberg2) der dapffer Held wahrObervogt drey vnnd zweintzig Jahr.Lestlich er im allter grosz Sein leben endtlich hie beschlosz.Ligt hie in seinem schlaff kämerleinJst ihm zu Ehrn dasz fihnlein sein.Daselbsten über sein grab gesteckhtBisz in Gott wider aufferweckht.Namlich am groszen tag desz herrnWirdt auff genom(m)en zu Ewigen ehrn.Jn höchster freüdt vnd seeligkeitAMEN sprech die gantz Christenheit.

  3. C

    I(eremias) · 1 · 6 · 1 · 3 · S(chwartz)

Versmaß: Deutsche Reimverse (B).

Wappen:
Stickel3, Bihler4.

Kommentar

Burkhard Stickel stand von 1566 bis 1577 in kaiserlichen und spanischen Kriegsdiensten. 1571 nahm er als Fähnrich an der Flottenexpedition unter Don Juan d’Austria gegen die Türken teil. Auf die Schlacht von Lepanto (7. Oktober), in der die Türken vernichtend geschlagen wurden, nimmt vermutlich die Versinschrift Bezug, auch wenn Stickel nicht persönlich teilnahm. Nach 1577, ab 1583 als Hauptmann, diente Stickel dann unter anderem unter kurkölnischer und französischer Fahne5. 1587 wurde er vom Herzog von Württemberg in Bestallung genommen, ab 1592 war er Obervogt in Leonberg6. Als Militärsachverständiger hat er 1607 eine „Kriegsfeldordnung“ für Württemberg ausgearbeitet7 und war für die Inspektion der landesherrlichen Festungen zuständig8. Sein gleichnamiger Vater († 1564) war zuletzt württembergischer Rentkammerexpeditionsrat in Stuttgart gewesen9.

Das Grabdenkmal ist ein spätes Werk – gleichzeitig eines der wenigen signierten – des Jeremias Schwartz aus Leonberg10. Die Sterbeinschrift der Ehefrau wurde komplett erst nach ihrem Tod in die leergebliebene Kartusche eingemeißelt.

Textkritischer Apparat

  1. Doppelpunkt als Kürzungszeichen.

Anmerkungen

  1. Fahnenschaft angeblich erst 1908 entfernt, vgl. Kdm Rems-Murr 926.
  2. Leonberg.
  3. Geteilt, oben 2 aus den Rändern hervorkommende Arme, 2 Dolche überkreuz haltend, unten ein schreitender Löwe.
  4. Aufgerichteter Hund mit Halsband und Kette auf einem Dreiberg.
  5. Vgl. Burkhard Stickel’s Tagebuch, passim.
  6. Die in der Inschrift genannte Amtsdauer ist nicht korrekt; bis 1592 amtierte noch Samuel von Reischach als Obervogt, vgl. Pfeilsticker § 2531f.
  7. Vgl. Hugo Gmelin, Uber [!] Burkhard Stickel und dessen Kriegsfeldordnung vom Jahr 1607, in: WVjh. 12 (1889) 4–10.
  8. Vgl. Maurer, Landesherrl. Burg 123.
  9. Vgl. Bernhardt 658–660.
  10. Fleischhauer, Renaissance 359f.; zuletzt ausführlich: Anneliese Seeliger-Zeiss, Heidelberger Werke des Bildhauers Jeremias Schwartz von Leonberg, in: Jb. d. Staatl. Kunstsammlungen in Baden-Württ. 29 (1992) 105–127, bes. 109–112.

Nachweise

  1. Burkhard Stickel’s Tagebuch 312–314.
  2. Schmid, Etwas Historisches 39v–41.
  3. Reichert nr. 113.
  4. Reichert, Inschriften der Stadtkirche nr. 45.
  5. Schahl, Kunsttopograph. Teil 159.
  6. Wandel, Schorndorfer Inschriften nr. 59.
  7. Kdm Rems-Murr 925f.
  8. Anneliese Seeliger-Zeiss, Bietigheimer Grabmäler der Spätrenaissance aus der Werkstatt des Bildhauers Jeremias Schwarz aus Leonberg, in: Bll. zur Stadtgeschichte [Bietigheim-Bissingen] 7 (1988) 103–136, hier: 119 (Abb.).
  9. Dies., Heidelberger Werke (wie Anm. 10) 109f., 120 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 37, Rems-Murr-Kreis, Nr. 267 (), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di037h011k0026706.