Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 64 Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael) 1472

Beschreibung

Grabplatte des Peter Goeslin (Goslin). Ursprünglich im südlichen Nebenchor; nach 1945 am Chor außen auf der Nordseite; seit Dezember 2001 Aufstellung im Vorchor an der Nordwand. Rechteckplatte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien, im Feld in flachem Relief ein Kreuz mit Lilienenden, das aus einem Kelch mit achteckigem Fuß aufsteigt, darunter ein Wappen in Relief. Trotz vielfacher Bruchstellen, die die Platte 1945 in mindestens neun Stücke zerteilt haben, ist nur in der Mitte der linken Längszeile ein zusätzlicher Buchstabenverlust zu verzeichnen.

Ergänzt nach KdmBadenIX/6.

Maße: H. 182, B. 68, T. 10–21, Bu. 7,5–8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

  1. Anno · d(omi)ni · M · / CCCC · lxxii · decima · die · me(n)sis · maij · obijt · / honorabilis · / d(omi)n(v)s · pet[rvs · goslin co(n)a(n)ic(vs)a) · c(v)i(vs)b)] · a(n)i(m)a · req(v)i(escat) · in pace ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1472 am 10. Tag des Monats Mai starb der ehrwürdige Herr Peter Goeslin, Stiftsherr, dessen Seele in Frieden ruhen möge.

Wappen:
Goeslin.

Kommentar

Der Verstorbene gehörte dem Familienverband der Goeslin-Göldlin-Schultheiß an und damit einer der angesehensten und ältesten Familien Pforzheims, die alle das gleiche Wappen führten. Ein „Petrus Gueslinus de Pfhortzen“ war ab Juni 1423 an der Universität Heidelberg eingeschrieben1. Er ist schon am 3. Juli 1426 als Frühmesser an der damals noch als Pfarrkirche organisierten Stiftskirche St. Michael genannt und gehörte zusammen mit einem Jakob Goeslin zu deren ersten Kanonikern, die 1460 bei der Erhebung der Schloßkirche zur Stiftskirche berufen wurden2. Jakob Goeslin war außerdem 1466 bis zu seinem Tod vor Mai 1471 Dekan des Stifts3. Vermutlich steht die Stiftung eines aus Metall gegossenen Epitaphs der Familie Goeslin mit diesen beiden Stiftsherren in Verbindung4.

Das Formular verwendet die Datierung nach Monatstagen in der Form decima die mensis maij wie schon auf der Grabplatte des Petrus Suser5. Wie dort ist die Inschrift in einer großformatigen und kräftigen Gotischen Minuskel mit deutlichen Brechungen ausgeführt. Die Ausführung des Buchstaben C mit mehrfachen Brechungen verrät dieselbe Handschrift wie dort. Die Worttrenner – jetzt durch Abrieb der Oberfläche meist zu Vierkantpunkten reduziert – hatten die Form von Paragraphzeichen.

Textkritischer Apparat

  1. So statt ca(n)o(n)ic(vs).
  2. So für cvi(vs).

Anmerkungen

  1. Januar 1425 Bacc. artium, 21. März 1427 Mag. artium; vgl. Kremer, Lateinschule 1997, 127.
  2. Fouquet, St. Michael in Pforzheim 1983, 153.
  3. Ebd. 139, 146. – Auch Jakob absolvierte seine Studien an der Universität Heidelberg; imm. April/Mai 1434, 17. Juli 1438 Bacc. artium und Lic. decretalium; vgl. Kremer, Lateinschule 1997, 128.
  4. Das Epitaph ist 1741 „auf hohen Befehl“ nach Karlsruhe überführt worden, vielleicht in die markgräfliche Kunstkammer, und ist verloren. Es wird beschrieben als „eine geschriebene Mesingerne Tafel, etwa 2 ½ Fuß hoch und 2 Fuß breit“; vgl. GLA 65/1074 (Hss.), Memorabilia Phorcensia 1760/70, fol. 21v.
  5. Vgl. nr. 63.

Nachweise

  1. Pflüger 1862, 86.
  2. KdmBadenIX/6, 151 nr. 23, Abb. 128.
  3. Trost, Schloßkirche 1962, 14, 67 u. nr. 9.

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 64 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0006403.