Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 40 Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael) um 1428, 1438

Beschreibung

Grabplatten-Fragment eines unbekannten Priesters aus der Familie Rot (Reut) genannt Veyhinger oder Rappenherr. Im nördlichen Seitenschiff des Langhauses an der Nordwand. Oberer Teil einer hochrechteckigen Grabplatte mit Umschrift zwischen Linien aus rotem Sandstein; im Feld Wappen in Ritzzeichnung. Das untere Drittel quer abgeschnitten; links eine rechteckige Fehlstelle, die ausgeflickt ist; der Rand oben und unten ausgebrochen.

Maße: H. 140, B. 92,5, Bu. 8,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

  1. · Anno · d(omi)ni · / M° · cccc° · xx〈x° viii〉· obij[t – – – / – – – / – – –] · Reqvie(sca)t [. . . . . . .] in pace

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1438 starb (…). Er möge in Frieden ruhen.

Wappen:
Rot (Reut) gen. Veyhinger oder Rappenherr, kombiniert mit Kelch als Priesterwappen.

Kommentar

Das Fragment ist offenbar erst nach 1945 aufgefunden worden, denn es ist nur bei Trost verzeichnet. Die Pforzheimer Familie Rappenherr gehörte zur obersten sozialen Schicht der Stadt Pforzheim. Sie führte das gleiche Wappen wie die Familie Rot (Reut) genannt Veyhinger. Daher ist der Verstorbene nicht mit Sicherheit zu identifizieren. Ein Pfarrer Hans Rappenherr zu Pforzheim erwarb am 1. Mai 1425 einen Hof zu Eutingen (Stadt Pforzheim) von den Herren von Münchingen1. Auch die Reut oder Rot genannt Veyhinger waren eng mit der Pfarr- und späteren Stiftskirche St. Michael verbunden. Sie besetzten seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Maria-Magdalena-Altar2.

Einen Hinweis zur Identifizierung und für die Zuordnung zu einer Werkstatt gibt die Gestaltung der Schriftleisten. Die Schrift allein, eine kräftige, tief eingehauene Gotische Minuskel, gibt noch keinen Anhaltspunkt, denn es ist die Schrift, die für die inschriftliche Produktion in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Pforzheim typisch ist, wie u. a. die Eberstein-Grabplatte von 1431 zeigt3. Aber die Wahl großer Vierblatt-Blüten als Worttrenner und einer fünfblättrigen Blume anstelle eines Invokationskreuzes zu Beginn der Inschrift sind so bemerkenswerte Zutaten, daß eine enge Beziehung zu einer Grabplatte mit denselben Merkmalen angenommen werden muß, nämlich zu der Grabplatte des Petrus Rot genannt Veyhinger († 1428)4. Auch das pseudounziale Anfangs-A ist auf beiden Denkmälern völlig gleichartig gestaltet. Es liegt also nahe, daß beide Platten von derselben Hand und gleichzeitig für zwei nahe Verwandte derselben Familie ausgeführt wurden.

Deshalb ist die Zuweisung der vorliegenden Grabplatte zur Familie Rot genannt Veyhinger wahrscheinlich, auch wenn erst in der übernächsten Generation ein Johannes Rot genannt Veyhinger († 1518) als Pforzheimer Stiftsherr nachweisbar ist5. Vermutlich handelt es sich hier um den „Pfaffen Hans Röt“, Sohn des verstorbenen Contz Rot, der am 1. Oktober 1414 eine Pfründe am Allerheiligen-Altar in der Schloßkirche St. Michael stiftete6.

Anmerkungen

  1. Carl, Regesten Pforzheim 1998, 124 nr. 265.
  2. Fouquet, St. Michael in Pforzheim 1983, 157 nrr. 42, 43.
  3. Vgl. nr. 50.
  4. Vgl. nr. 39.
  5. Vgl. Fouquet (wie Anm. 2) 1983, 157 nr. 42.
  6. Vgl. Carl, Regesten Pforzheim 1998, 114 nr. 241.

Nachweise

  1. Trost, Schloßkirche 1962, 70 Nr. 53.

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 40 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0004003.