Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 31 Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael) 1408

Beschreibung

Grabplatte des 13. Jahrhunderts für eine unbekannte Person, wiederverwendet für Gerhusa Weis. Ursprünglich im nördlichen Nebenchor im Boden, nach 1945 außen am Chor; im Dezember 2001 Aufstellung an der Nordwand des Vorchors. Rechteckplatte aus rotem Sandstein mit großem, erhaben gearbeitetem Wappenschild; das Schildbild und die ursprüngliche Inschrift sind abgearbeitet. Oben und unten in der Feldmitte sind zwei viereckige Löcher eingehauen1. In die Randleiste wurde bei der Zweitverwendung eine Umschrift zwischen Linien neu eingemeißelt. Die Fußzeile fehlt, zwei Fehlstellen in der linken Längszeile.

Maße: H. 200,5, B. 82,5, T. 20–21, Bu. 8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

  1. + / Anno · domini · millesimo · / [qu]adrigentesi(m)o · octauo · obijt · gerhvsa · dicta · weisin · [. . . / . . . . . . . . . . . . . / . . .]ịṭ[. .]is · reqvies[cat · in · p]ace ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1408 starb Gerhusa genannt Weis (…). Sie ruhe in Frieden.

Kommentar

Die Grabplatte wurde ursprünglich für einen unbekannten Wappenführer in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts gearbeitet, wie an der Spitzform des Schildes abzulesen ist. Zu dieser frühen Ansetzung paßt auch das komplizierte Randprofil der ungewöhnlich tiefen Platte, das eine Kehle und einen doppelten Wulst aufweist. Wahrscheinlich ragte die horizontal verlegte Platte ursprünglich über das Bodenniveau empor.

Nach Tilgung des Schildbildes ist die Platte für die Familie Weis erneut genutzt worden. Die Weis oder Weise gehörten zu den führenden Pforzheimer Geschlechtern, die schon im 13. Jahrhundert nachweisbar sind2. Vielleicht ist die hier als verstorben bezeichnete Gerhusa identisch mit einer 1383 nachweisbaren Gerhusa Weis, Tochter des Pforzheimer Bürgers Wernher Weise und Witwe eines Risach von Vaihingen3. Da die Wels erst im 14. Jahrhundert in Pforzheim ansässig wurden, spricht vieles für die Verbindung dieser – nach der Wappen-Umrißform sehr frühen – Grabplatte des 13. Jahrhunderts mit dem Geschlecht der Weis. Die Wiederverwendung von Grabplatten (und damit auch von Grabplätzen) innerhalb einer Familie läßt sich häufig beobachten. Unverständlich ist dann freilich das Abarbeiten des Wappenbildes. Somit muß diese Frage einer Zuordnung an die Weis offenbleiben.

Die Umschrift endet links in der Mitte und ist nicht bis zur Kopfzeile fortgeführt. Diese setzt mit einem Invokationskreuz ein, das unter das Anfangs-A gestellt ist. Die Gotische Minuskel ist für die frühe Zeitstellung ungewöhnlich gebildet, weil sie im Gegensatz zu den in Pforzheim vorkommenden Beispielen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Buchstaben und auch die Wörter dicht zusammenfügt. Auf Versalien und Kürzungen wurde verzichtet, wenn man von dem Anfangs-A absieht. Ober- und Unterlängen sind vorhanden, aber wenig ausgeprägt.

Anmerkungen

  1. Vielleicht waren hier Metalldübel eingelassen, die ursprünglich zur Befestigung von Ringen zum Aufheben der Grabplatte als Deckplatte über einer Gruft gedient haben. Zum Vergleich die Grabplatte des Helwic Risplin, 1. Hälfte 14. Jahrhundert, in Weil der Stadt (Lkr. Böblingen); vgl. DI 47 (Böblingen) nr. 26. Weitere Beispiele aus dem 13. und frühen 14. Jahrhundert in Bebenhausen; vgl. Bebenhausen, Grabdenkmale 1989, nrr. 3, 11. Allerdings sind bei diesen Beispielen ringförmige Vertiefungen zur Aufnahme der umgeklappten Ringe vorhanden.
  2. Schon 1240 ist ein Pforzheimer Schultheiß Erlewin Weis nachweisbar; vgl. Carl, Regesten Pforzheim 1998, 21 nr. 2, 22 nrr. 3, 4, 6, 23 nr. 7.
  3. Vgl. ebd. 95 nr. 189.

Nachweise

  1. Trost, Schloßkirche 1962, 20, 68 nr. 18, 70.

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 31 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0003104.