Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 25 Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael) vor 1382, 1382, 15. Jh., 1511

Beschreibung

Grabplatte des Goszlinus (Goeslin oder Gossolt) genannt Schultheiß; Zweitverwendung für einen Unbekannten im 15. Jahrhundert, Drittverwendung für den Kanoniker Johannes Giltz. Ursprünglich im südlichen Nebenchor im Boden, nach 1945 außen am Chor, auf dem Kopf stehend angebracht; im Dezember 2001 Aufstellung im Vorchor an der Nordwand. Zur ursprünglichen Gestaltung der Platte gehören die Rahmung durch einen schmalen Wulst und die Umschrift A zwischen Linien, erhalten auf der rechten Längsseite, auf der Fußzeile und im unteren Drittel der linken Längsseite; dazu gehört ferner ein erhaben gearbeiteter Wappenschild mit Ritzzeichnung des Wappenbildes. Die Kopfzeile von A ist zerstört. Eine fragmentarische spätere Beschriftung B setzt die linke Längszeile fort; die ersten Buchstaben enthalten noch Reste einer dunklen Füllmasse. Im Feld – um 180° gedreht – die dritte Bestattungsinschrift C als Schriftblock von vier Zeilen; darunter in Ritzzeichnung ein Kelch und ein kreuzförmiger, schrägstehender Gegenstand, vielleicht ein Schwertgriff. Die Platte ist unterhalb der Mitte unregelmäßig quer gebrochen und schlecht erhalten.

Maße: H. 205, B. 83, T. 19–25, Bu. 6,5 (A), 7,5 (B), 3,5 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A), Gotische Minuskel (B), Gotische Minuskel mit Versalien (C).

  1. A

    [– – – / . . . .] 〈XXII° · [SA]ḄẠTO · ṢỊC̣ỊẸṆTES ·〉 · O(BIIT) GOSZLI/N(VS) · D(I)C(TV)S · SCHVL/TH(EI)S ·

  2. B

    et v[. . . . . . .] · [. . . . . . . . . .] · pre[. . . . . .]

  3. C

    An(n)o d(omi)ni 1511 / die septi(m)a Janarịa) / O(biit) d(omi)n(u)s Joh(anne)s Giḷtzb) / h(uius) ecc(les)ie cano(nicus) c(uius) a(nima) r(equiescat) i(n) p(ace)

Übersetzung:

(Im Jahr des Herrn 13)82 am Samstag (an dem man singt) „Sitientes“ (22. März) starb Goszlin genannt Schultheiß (A). – Im Jahr des Herrn 1511 am siebten Tag des Januar starb Johannes Giltz, Stiftsherr dieser Kirche, dessen Seele in Frieden ruhen möge (C).

Wappen:
Goeslin1.

Kommentar

Das Todesjahr in der Inschrift A ist weitgehend zerstört. Erkennbar sind nur noch die Reste einer römischen Zahl. Diese wird bei Trost als 1322 angegeben, was dem Befund [MCCC]XXII entspricht, aber – wie gezeigt werden wird – nicht zutreffen kann. Da deutlich ein kleines hochgestelltes o als Casusendung der Ordinalzahl secundo und damit als Abschluß der Jahreszahl erkennbar ist, kann die Jahreszahl auch nicht als [MCCCLX]XXIII oder als noch späteres Jahr angesprochen werden, obgleich angesichts der nachfolgenden Lücke im Buchstabenbestand auf den ersten Blick auch weitere Deutungen möglich wären. Die danach zu erwartende Tagesangabe ist kaum mehr zu entziffern und deutlich von einer anderen Hand ausgeführt als die übrige Sterbe-Inschrift A mit dem Namen des Verstorbenen. Letztere besteht aus tief eingehauenen und breit proportionierten Buchstaben in lockerer Anordnung und erweist sich als eher konservativ, als typische Schrift der Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Angabe des Todesdatums ist also nachträglich in veränderter Schrift eingetragen und deutlich von jüngerer Hand, denn die Buchstaben haben hier die hochgestreckte, schlanke Form, die im späten 14. Jahrhundert häufig anzutreffen ist. Die Bogenschwellungen sind spitz ausgezogen, was in dieser Region für die Zeit nach 1360/1380 spricht2. Damit ist vom epigraphischen Befund her eine Ansetzung um diese Zeit möglich, was für eine Ergänzung der Jahreszahl zu [MCCCL]XXII sprechen würde.

Die biographischen Daten des Verstorbenen erlauben eine Präzisierung, denn ein Goeslin (Goszlinus) Schultheiß ist 1365, 1366, 1367 und 1376 als Bürger und Richter zu Pforzheim urkundlich nachweisbar und demnach 1376 noch am Leben3. Das Todesdatum kann also nicht [MCCCL]XXII gelautet haben, sondern nur [MCCCLX]XXII, sofern dieser Goeslin mit der in A genannten Person identisch ist. Er wird mehrfach als Bruder des Heinrich (Heinz) Schultheiß (nachweisbar 1342–1367/77) bezeichnet, der spätestens ab 1365 den Familiennamen seiner Frau Luitgard Göldlin angenommen hatte4. Die vorliegende Grabplatte zeigt, daß auch Goszlinus in enger Beziehung zu den Göldlin stand, weil er zwar nicht den Namen, aber das Wappen der Göldlin führte. Die Namen Goslin, Goeslin oder Gosolt waren ursprünglich Vornamen und als solche Leitnamen desselben Geschlechts, wurden aber im 15. Jahrhundert zum Familiennamen der Goeslin, einer Familie, die bis ins 17. Jahrhundert hinein in Pforzheim durch Grabplatten nachweisbar ist5. Der Name Schultheiß, ursprünglich eine Amtsbezeichnung, war hier zum Familiennamen geworden.

Wie das Wappen ausweist, gehörte der Verstorbene zu dem in Pforzheim begüterten Geschlecht, das sich auf Grabplatten bald Liebener6, bald Gosolt oder Goeslin7 sowie Göldlin8 nannte. Ein Zweig der Göldlin wurde im 14. Jahrhundert zunächst in Speyer, dann in Heilbronn ansässig und lebt bis heute in der Familie der Göldlin (von Tiefenau) in der Schweiz fort. Das Wappen stimmt mit demjenigen auf dem Grabmal des Gosolt Liebener von 13189 überein, das dieses Wappen erstmals in Pforzheim trägt. Die Gestaltung des Wappens als großer, plastisch aus der Ebene der Platte hervortretender Schild mit Ritzzeichnung des Schildbildes tradiert einen Grabplatten-Typus, der schon im 13. Jahrhundert in Pforzheim vorkommt, aber auch im 14. Jahrhundert noch beliebt war10.

Die zweite, nur noch fragmentarisch vorhandene Grabschrift B war in einer engstehenden Gotischen Minuskel mit dunkel gefärbter Füllmasse ausgeführt. Vermutlich war die Randleiste der linken Längsseite nach dem Wort SCHVLTH(EI)S leer gelassen worden, so daß sich der freie Raum für einen späteren Eintrag anbot. Möglicherweise wurde die Grabplatte – und damit auch der Grabplatz im Nebenchor – im 15. Jahrhundert für weitere Angehörige der Familie benutzt.

Die dritte Grabschrift C von 1511 wurde zeilenweise im Feld eingetragen. Da diese Inschrift um 180 Grad gedreht ist, erschiene das Wappen jetzt wie gestürzt, wenn man die Aufstellung nicht gemäß der ältesten Beschriftung der Platte vorgenommen hätte. Der Name in C läßt sich mit einiger Mühe als Giltz entziffern, wobei die letzten drei Buchstaben am Zeilenende in die Randleiste hineinlaufen. Bernhard und Heinrich Giltz sind für 1507 als Grundbesitzer in der Auer Vorstadt von Pforzheim nachweisbar11. Ein Johannes Giltz war seit dem 5. 11. 1464 an der Universität Erfurt immatrikuliert12. Am 23. 10. 1482 wurde er Stiftsherr mit der Pfründe am Laurentius-Altar der Pforzheimer Stiftskirche. Diese Stiftsherrnstelle tauschte er 1501 mit Johannes Wels gegen eine Kaplanei in Bickesheim (Gde. Durmersheim, Lkr. Rastatt). Diese tauschte er wiederum 1505 gegen ein Kanonikat der Stiftskirche in Ettlingen (Lkr. Karlsruhe). Auch diese Stelle gab er 1507 wieder ab und wurde schließlich Stiftsherr am St. Johannes Bapt.-Altar an der Pforzheimer Stiftskirche. Da gerade dieser Altar nur gering ausgestattet war, erstaunt dieser Pfründentausch13. – Die großformatige Minuskel verwendet mehrfach Versalien und, da wenig Platz zur Verfügung stand, zahlreiche Kürzungen.

Textkritischer Apparat

  1. So für Januarii.
  2. Johs. Grek Trost.

Anmerkungen

  1. Das Wappen entspricht dem Wappen der Göldlin; vgl. nr. 14.
  2. Vgl. zwei Nagolder Inschriften von 1360 und 1374 sowie die Hochgrabplatte des Grafen Walram I. von Sponheim in Pfaffen-Schwabenheim von 1380; DI 30 (Calw) nrr. 37, 41; DI 34 (Bad Kreuznach) nr. 63. Ferner zwei Grabinschriften in Oppenweiler und Murrhardt von 1365 und 1372; vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis) nrr. 14, 15 u. Einl. XLVI.
  3. Pflüger 1862, 103, 115; Becht, Pforzheim im Mittelalter 1983, 59. – Nachweise bei Carl, Regesten Pforzheim 1998, 80 nr. 154, 82 nr. 157, 83 nr. 160, 86 nr. 167, 88f. nr. 174.
  4. Vgl. nr. 20.
  5. Vgl. nrr. 230, 234.
  6. Vgl. nrr. 2, 13.
  7. Außer der vorliegenden Katalognummer vgl. die Grabplatte des Kanonikers Peter Goeslin nr. 64.
  8. Vgl. nrr. 19, 20. Vgl. dazu auch Alberti 232f.
  9. Vgl. nr. 13.
  10. Vgl. nrr. 22, 31.
  11. Ehmann, Einwohnerverzeichnis 1501–1527, 410.
  12. Kremer, Lateinschule 1997, 134. Zu den biographischen Daten vgl. Fouquet, St. Michael in Pforzheim 1983; 152, nr. 19. Die hier vorliegende Grabinschrift und das Todesdatum des Johannes Giltz sind von Fouquet nicht ausgewertet worden. Johannes Giltz entstammte vermutlich derselben Pforzheimer Familie wie der Plebanus Johannes Giltz († 1450?) an der Pfarrkirche in Niefern; zu dessen Grabplatte vgl. DI 22 (Enzkreis) nr. 84 mit Abb.
  13. Fouquet (wie Anm. 12) 133, nr. 11.

Nachweise

  1. Crusius, Annales Suevici 1595, pars III, 564.
  2. Trost, Schloßkirche 1962, 14, 67 nr. 10, 78.

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 25 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0002506.