Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 13 Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael) 1318

Beschreibung

Grabplatte des Gosolt Liebener. Im südlichen Nebenchor an der Südwand, früher ebd. im Boden. Rechteckplatte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien, im Feld Wappen in Ritzzeichnung. Die Platte war zerbrochen und ist aus mindestens sieben Teilstücken wieder zusammengesetzt; Buchstabenverlust durch abgeplatzte Oberfläche. Die Inschrift beginnt rechts oben mit einem schräggestellten Kreuz.

Maße: H. 232, B. 87,5, T. 20, Bu. 4,5–5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. + ANNO · DOMINI · M° · CCC · XVIII · CRAS[TINO · MARCE]LLI · (ET) · PETRI · / OBIJT · GOSOLT · LIEPB/ENERa) · BJTENT · GOT · DURH · SJNE[N · ṬOṬb)] · DAZ · ER · JM · HELFE · VS / ALLER · NOT · AMEN

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1318 am Tag nach Marcellus und Petrus (2. Juni) starb Gosolt Liebener und bat Gott durch seinen Tod, daß er ihm helfe aus aller Not. Amen.

Versmaß: Deutscher Reimvers.

Wappen:
Liebener1.

Kommentar

Die Fürbitte für den Verstorbenen ist in der Volkssprache abgefaßt, während der Anfang der Inschrift dem üblichen lateinischen Anno-Domini-Formular folgt2. Wahrscheinlich sollten die Vorübergehenden damit zur Fürbitte angesprochen werden. Eine Grabplatte von 1330 oder 1334 in Alpirsbach ist vergleichbar, denn sie verbindet ebenfalls das lateinische Anno-Domini-Formular mit der deutschen Fürbitte3. Dadurch wird auch wahrscheinlich, daß es sich bei dem Verstorbenen um einen Laien handelt, in diesem Fall um ein Glied einer der führenden Familien Pforzheims, wie auch das Wappen zeigt. Dieses Wappen, das Personen dreier führender Pforzheimer Familien, nämlich der Göldlin, Liebener und Goeslin führten, legt nahe, daß diese drei Familien im 13. Jahrhundert ursprünglich stammesverwandt waren4. Ein „Gözelin genannt Liebner“ erscheint am 30. August 1282 als Zeuge für Markgraf Rudolf I.5 Ein „Gozzold Liebener“ ist 1295 als Geschworener zu Pforzheim nachweisbar; am 1. September 1300 war er Zeuge und Gerichtsverwandter6.

Altertümlich ist die Anordnung der Umschrift mit dem Beginn des Textes an der rechten Längsseite. Die Schrift verwendet zahlreiche Doppelformen, so für A, E, I, N, T. Die Schäfte einzelner Buchstaben sind mit Knoten verziert, so bei I, N und T. Bei C und einmal bei E im Namen ist auf die Schließung verzichtet. Diese Einzelheit weist ebenso wie die eher breiten Proportionen der Buchstaben, die noch keine ausgeprägten Bogenschwellungen zeigen, auf das 13. Jahrhundert zurück.

Textkritischer Apparat

  1. Beim ersten E sind der obere Balken und der Mittelbalken durch einen Bogen verbunden, so daß ein E mit einem P in Nexus litterarum entstand. Vermutlich handelt es sich um einen Steinmetzfehler, der sich auch beim E in AMEN wiederholt.
  2. Das Wort mit drei Buchstaben könnte auch zu SON ergänzt werden, jedoch ist TOT wegen des Reims TOTNOT vorzuziehen.

Anmerkungen

  1. Geteilt, darin zwei aus einer oberhalben gestürzten Lilie herauswachsende Rosen. Dasselbe Wappenbild führten die Göldlin und die Goeslin.
  2. Zu diesem Formular und zu seiner Benennung vgl. Scholz, Totengedenken 1999, 51ff.
  3. Vgl. Seeliger-Zeiss, Alpirsbach, Inschriften 2001, 546f. nr. 13 mit Abb. 552. Vgl. ferner DI 54 (Mergentheim) nr. 26 (dort 2.-3. V. 14. Jh.).
  4. Zu den Göldlin grundlegend: Arnold, Die Göldlinschen Pfründestiftungen zu Pforzheim im 14. Jahrhundert. In: FDA 63 (1935) 244–261; hier 245 Anm. 5; Kirchgäßner, Heinrich Göldlin 1975, 97–109; ders., Commercium et connubium. In: Pforzheim im Mittelalter 1983, 63–76; vgl. auch Becht, Pforzheim im Mittelalter 1983, ebd. 48f. mit Stammtafel auf S. 50; Fouquet, St. Michael in Pforzheim 1983, 114.
  5. RMB I nr. 539.
  6. Carl, Regesten Pforzheim 1998, nrr. 49, 55.

Nachweise

  1. Trost, Schloßkirche 1962, 14, 68, 77, nr. 27.

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 13 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0001306.