Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 49 Staatsarchiv Osnabrück 1465

Beschreibung

Pergamenttafel mit der niederdeutschen Vita des Bruders Reiner. Sie hing früher am sog. Grab Reiners (vgl. Nr. 50) im Dom1) und dürfte zu diesem Zweck auf einen Rahmen gespannt worden sein. Möser vermerkt in dem 1782 gedruckten 3. Teil seiner Osnabrückischen Geschichte, das Pergament sei dort vor wenigen Jahren abgenommen worden2). Vermutlich hat man es anläßlich einer Renovierung des Doms entfernt.

Auf der Vorderseite des quadratischen Pergaments in schwarzer Tinte vierspaltig und in 22 Kapitel unterteilt die Vita. Den Kapiteln sind in roter Tinte Überschriften vorangestellt. Die Rückseite trägt den wohl von derselben Hand geschriebenen Vermerk: Vita & miracula fratris REINERI. qui Osnabrugi sub Conrado Ep(iscop)o obiit. 1465

Maße: H.: 63 cm; B.: 64 cm; Bu.: 0,3 cm.

Schriftart(en): Textura.

Kommentar

Auf die Wiedergabe des Textes wird hier verzichtet, da er bereits gedruckt vorliegt3) und im Rahmen dieser Arbeit unverhältnismäßig breiten Raum einnehmen würde.

Schon die Länge der „Inschrift“ macht deutlich, daß es sich um einen Grenzfall handelt. Das Material, Pergament, zählt im allgemeinen nicht zu den Inschriftenträgern, und auf den Schrifttyp lassen sich nicht die Kriterien der Epigraphik, sondern die der Buchschrift anwenden. Diese Merkmale verbieten es strenggenommen, von einer Inschrift zu sprechen, wenn man sich an die von Kloos gegebene Definition hält: „Inschriften sind Beschriftungen verschiedener Materialien ..., die von Kräften und Methoden hergestellt sind, die nicht dem Schreibschul- oder Kanzleibetrieb angehören.“4) Das Pergament ist jedoch von seiner Zweckbestimmung her der Kategorie Inschrift zuzuordnen. Öffentlich ausgehängt sollte es der Belehrung und Erbauung der Vorübergehenden dienen, so daß Ertmann Ende des 15. Jahrhunderts mit ausdrücklichem Verweis auf die Tabula im Dom darauf verzichten konnte, die Lebensgeschichte und die Wunder Reiners in seine Osnabrücker Chronik aufzunehmen5). Dieser Gesichtspunkt rechtfertigt es hinreichend, die Vita Reiners als eine Osnabrücker Inschrift zu bearbeiten.

In Kirchen aufgehängte Tabulae dieser Art hat es in weitaus größerer Zahl gegeben, als dies die Überlieferungssituation erwarten läßt. Darauf haben bereits Rieckenberg6) und Boockmann7) hingewiesen. Aus Pergament oder Holz waren sie ohnehin leichter dem Verfall ausgesetzt als andere Inschriftenträger. Darüber hinaus werden fehlende bildliche Darstellungen und die allgemein wohl recht schlichte Ausführung das geringe Interesse an ihrer Erhaltung begründet haben. Nur im günstigsten Fall wurde eine Pergamenttafel wie das Reiner-Pergament archiviert. Eine systematische Nachforschung in den Archiven könnte jedoch wohl den spärlichen Bestand vermehren. Die wenigen bisher bekannten Schrifttafeln haben entweder chronikalischen Inhalt (dazu vgl. Nr. 75) oder sie enthalten kürzere kirchliche Gebrauchstexte. In erster Linie ist hier die Hildesheimer Cusanustafel zu nennen (DI 58, Nr. 167). Boockmann hat auf eine Reihe weiterer Tabulae hingewiesen und auf bildliche Darstellungen von Kirchen aus dem Spätmittelalter aufmerksam gemacht, auf denen Tafeln als Ausstattungsgegenstände abgebildet sind. Auch die bei Boockmann angeführten Beispiele beschränken sich indessen auf kürzere geistliche Texte wie Ablaßverkündigungen, Gebete und den Dekalog. Die Anweisung Gersons, man solle seine katechetischen Werke auf Tafeln in Kirchen anbringen8), deutet darauf, daß die Tabulae ein beliebtes Mittel zur Unterweisung der Gemeinde waren. Eine der Osnabrücker Heiligenlegende vergleichbare Tafel ist die – nur kopial überlieferte – Tafel mit der Legende des Werner von Bacharach, die an seinem Grab aufgehängt war; für England lassen sich mehrere Tabulae mit Heiligenlegenden anführen – so die Tafel von Stone Priory mit der Legende von St. Wulfhad und St. Ruffin, die Tafel in St. George/Windsor mit der Georgslegende und Tafeln mit verschiedenen Heiligenlegenden aus Glastonbury9). Dies sollte jedoch nicht zu der Annahme verleiten, daß das Reiner-Pergament im deutschen Raum ein Ausnahmefall ist.

Die Vita Reiners zerfällt in zwei Abschnitte. Der erste Teil erzählt in neun Kapiteln seine Lebensgeschichte, die nachfolgenden dreizehn Kapitel berichten über die Wunder, die er nach seinem Tod bewirkte. Wie dem – im Kontext zusammenhanglosen und angehängt wirkenden – Schlußsatz zu entnehmen ist, stammte Reiner aus der Nähe von Groningen. Es wird mitgeteilt, er habe sich nach Osnabrück begeben, wo ihm Bischof Gerhard von Oldenburg (1191–1216) auf sein Bitten hin eine Klause im Dom für sein Einsiedlerleben zur Verfügung stellte. Seine Ankunft in Osnabrück muß aufgrund der erwähnten historischen Ereignisse und Personen in die Zeit um 1211 verlegt werden10). Die 22 Jahre bis zu seinem Tod führte Reiner laut seiner Vita ein Büßerleben im Osnabrücker Dom. Das Kettenhemd, das er auf der bloßen Haut getragen haben soll, sowie der hölzerne Block, der ihm als Kopfstütze diente, waren noch im 19. Jahrhundert an seinem sog. Grab im Dom aufgestellt (vgl. Nr. 50). Es läßt sich nicht belegen, ob es sich bei Reiner um eine historische Figur handelt. Jostes11) hat die These aufgestellt, man habe es im Grunde mit der Legende des heiligen Reinold von Köln zu tun, der als Werkmeister am Dombau in Köln beteiligt war und von Steinmetzen erschlagen wurde12). Hiermit meint er den – in der Tat merkwürdigen – Umstand erklären zu können, daß die Vita die wahrheitsliebenden Menschen in Mainz, Köln und Bremen als Zeugen für die Wundertaten Reiners nennt13). Daß Reiner sein Einsiedlerleben in einer Klause im Dom verbrachte, führt Jostes auf die Wohnung zurück, die Reinold als Werkmeister am Kölner Dom zustand. Die Legende wurde nach seiner Auffassung durch Bischof Gerhard nach Osnabrück gebracht, der Reliquien Reinolds, vor allem Kettenhemd und Kopfblock, erworben hätte. Jostes geht dabei völlig darüber hinweg, daß in der Legende Reinolds niemals von diesen beiden Gegenständen die Rede ist, die ohnehin nicht recht zu der Figur des Dombaumeisters passen. Den Umstand, daß die Legende den einen, Reinold, gewaltsam zu Tode kommen läßt, dem anderen aber ein friedliches Ende bereitet, versucht er durch das Einfließen einer dritten Legende zu erklären14). Die Transponierung der Reinold-Legende in Köln zu einer Reiner-Legende in Osnabrück möchte Jostes in eine Zeit weit nach dem angeblichen Erwerb der Reliquien durch Bischof Gerhard verlegen. Dies beruht jedoch auf einem Irrtum, da Jostes einen Eintrag im Domnekrolog fälschlich frühestens auf das 14. Jahrhundert datiert15), der jedoch aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt16). Er besagt, daß man fortan für den Einsiedler Reiner an seinem Todestag Vigilien abhalten und Messen lesen wolle als Dank für seine Hilfe17), worauf auch die Vita Bezug nimmt, die berichtet, das Domkapitel habe Reiner in schwerer Bedrängnis angerufen. Es ist aber kaum anzunehmen, daß innerhalb eines halben Jahrhunderts aus einem Werkmeister Reinold im Bewußtsein der Bevölkerung und speziell des Domkapitels ein Einsiedler Reiner geworden sein soll. Auch die Feststellung von Jostes „als nun auch das Rittertum von seiner Höhe herabsank und seine Ideale verblaßten, da ward der Reinerverehrung ihre einzige Stütze entzogen, und sogar seine Memorie verschwand aus den Osnabrücker Domkalendarien“18) entbehrt jeder Grundlage. Ganz im Gegenteil wurden offensichtlich immer wieder – allerdings vergebliche – Versuche unternommen, Reiner heiligsprechen zu lassen. Besonders bemühte sich darum Konrad III. von Diepholz, der immerhin die Seligsprechung Reiners bewirkte19). Seine Bemühungen standen im Zusammenhang mit dem Versuch, die Volksfrömmigkeit zu beleben und dem geistlichen Leben neuen Aufschwung zu verleihen, was auch in Klosterreformen seinen Niederschlag fand. Aus diesem Grund wird er 1465 die Erhebung der Gebeine Reiners und deren Beisetzung in einem neu errichteten Grabmal veranlaßt haben (vgl. Nr. 50). Die Tatsache, daß man bei der Grabung im Dom auf Knochen stieß, kommt allerdings keine Beweiskraft in der Frage der Historizität Reiners zu.

Von der Erhebung der Gebeine Reiners ist im letzten Kapitel der Vita die Rede. Es ist zu vermuten, daß Konrad III. ihre Abfassung veranlaßte im Hinblick auf die von ihm betriebene Heiligsprechung des Einsiedlers, die im übrigen von Ertmann ebenfalls befürwortet wurde20). Darauf, daß die Vita zu diesem Zweck angefertigt wurde, läßt die Einrichtung der dreizehn Kapitel des zweiten Teils schließen, die jeweils ein Wunder enthalten. Zunächst wird in recht knapper Form der Hergang berichtet, darauf folgt eine Aufführung von Zeugen, die bei dem Wunder zugegen waren, die allerdings so vage bezeichnet werden, daß eine Identifizierung nicht möglich ist. Dies erweckt den Eindruck, als habe die Vita auch zu dem Zweck gedient, einer Prüfungskommission vorgelegt zu werden, die mit der Kanonisation befaßt war. Möglicherweise hat sich im 17. Jahrhundert Bischof Franz Wilhelm von Wartenberg (1625–1661) erneut um die Heiligsprechung Reiners bemüht21). Jedenfalls war er an der Geschichte des Einsiedlers interessiert, die er in seine Officia propria Sanctorum Ecclesiae et Dioecesis Osnabrugensis von 1652 aufnahm22). Die Verehrung Reiners wurde also in ungebrochener Tradition bis in die heutige Zeit hinein fortgesetzt. Heute befinden sich die Gebeine Reiners in einem Schrein neben dem Hauptportal im Dom.

Anmerkungen

  1. Aus einer Notiz im Findbuch StAO Rep. 2, Nr. 18, geht zweifelsfrei hervor, daß es sich um dasselbe Pergament handelt: „Ein großer Pergamentbogen, hing früher im Dom bei den Reliquien.“
  2. Möser, Ges. Werke, Bd. 13, S. 251.
  3. C. Hüdepohl, Leben des Bruder Reiner, in: OM 1, 1848, S. 289–311, die Vita S. 298–311.
  4. Kloos, Epigraphik, S. 2.
  5. Ertmann, S. 67.
  6. Rieckenberg, S. 570ff.
  7. Boockmann, passim.
  8. TRE 12, Art. „Gerson, Johannes“, S. 532–538, hier S. 535.
  9. Die auf der Tafel aufgezeichnete Legende Werners von Bacharach gedr. in: Acta Sanctorum April Bd. 2, S. 804f. Die englischen Tafeln bestanden aus auf Holzrahmen gespannten Pergamenten. Die Holzrahmen waren so miteinander verbunden, daß sie wie die Seiten eines Buches aufgeschalgen werden konnten. Vgl. Gerould, Tables, und ders., St. Wulfhad and St. Ruffin.
  10. Vgl. Hüdepohl (wie Anm. 3), S. 296.
  11. Franz Jostes, St. Reinhild von Riesenbeck und St. Reiner von Osnabrück, in: Zs. f. vaterl. Geschichte 70, 1912, S. 191–249.
  12. LCI 8, Art. „Reinold“, Sp. 260.
  13. Hüdepohl (wie Anm. 3), S. 298.
  14. Er zieht dazu die Vita des heiligen Guthlac heran, dessen Todestag mit dem Reiners übereinstimmt und der ebenfalls ein Einsiedlerleben führte, womit die Parallelen zwischen beiden aber auch schon erschöpft sind. Jostes (wie Anm. 11), S. 244.
  15. Ebd., S. 242.
  16. Vgl. das Vorwort Meyers zum Nekrolog, OM 4, 1855, S. 9.
  17. Ebd., S. 68.
  18. Jostes (wie Anm. 11), S. 247f.
  19. Stüve, Hochstift, Bd. 1, S. 414.
  20. Ertmann, S. 67.
  21. Möser (wie Anm. 2), S. 253.
  22. Osnabrück, S. 140.

Nachweise

  1. Hüdepohl (wie Anm. 3), S. 298–311.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 49 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di026g003k0004900.