Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 68 St. Johanniskirche 1499

Beschreibung

Reliquienschrein in Form einer einschiffigen Kirche. Holz mit Silber- und Messingbeschlägen. 1948 wurde der Reliquienschrein durch Diebe stark beschädigt. Seither fehlt ein Teil der Beschläge und Edelsteine. Von den Konsolfiguren waren schon Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch drei erhalten1). An den Giebelseiten jeweils ein Fenster, an den Längsseiten drei Fenster mit spätgotischem Maßwerk. Um den Sockel zieht sich ein Band mit der Inschrift (A). Nach dem Wort ioh(ann)is folgt die eingravierte Gestalt eines knienden Geistlichen in Bethaltung; vor ihm lehnt sein Wappenschild, darauf drei Ovale, an einem Gestell. Er hat die Kapuze seines Gewandes über den Kopf gezogen. Neben ihm ein Mann mit erhobener Rechter, in der Linken einen Kelch. Am Ende der Inschrift das Brustbild Bischof Detmars mit Bischofsstab und Kirchenmodell. An allen Strebepfeilern standen ursprünglich unter kleinen Ziergiebeln insgesamt acht Heiligenfiguren auf Konsolen, worauf heute noch die Sockelinschriften (B) hinweisen. Erhalten sind drei Figuren an einer der Längsseiten: Johannes, in der Hand einen nicht näher zu definierenden Gegenstand; eine weibliche Heiligenfigur mit taillenlangen Haaren und Stirnband, die Hände zum Gebet gefaltet; Georg mit Dolch in der erhobenen Rechten und Schild in der Linken über dem Drachen. Im Giebel an einer der Schmalseiten Maria mit dem Kind, die Figur an der anderen Schmalseite ist nicht erhalten.

Maße: H.: 51 cm; L.: 54 cm; T.: 34 cm; Bu.: 1,5 cm (A), 0,3 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Sabine Wehking [1/5]

  1. A

    anno · d(omi)ni · m · cccc · xcix · / ve(ner)abilis · d(omi)n(u)s · ioh(ann)es · wacker · de · q(ua)keburgensisa) / cano(n)ic(us) · s(an)c(t)i · ioh(ann)is · / osnaburge(n)sis · me · figere · fecit

  2. B

    s(an)c(tus) amors(an)c(tus) io(hann)ess(an)c(ta) laudis(anctus) georgs(anctus) mauri(tius)s(an)c(tus) serva(tius)s(an)c(tus) lamb(ertus)

Übersetzung:

Im Jahr 1499 ließ mich der ehrwürdige Herr Johannes Wacker aus Quakenbrück, Kanoniker zu St. Johann in Osnabrück anfertigen. (A)

Wappen:
Wacker (drei Ovale, 2:1)2)

Kommentar

Die Worte der Inschrift (A) sind durch Rosetten und Rankenornamente sowie durch die vorspringenden Strebepfeiler voneinander getrennt. Der Hintergrund des Schriftbandes ist schraffiert. Die mit s(an)c(ta) laudi bezeichnete weibliche Heiligenfigur konnte bisher noch nicht identifiziert werden. Gemeint ist eventuell die heilige Lidwina, auch Ludwina oder Lydia genannt, die als junges Mädchen mit langen offenen Haaren dargestellt wird3). Merkwürdig ist auch die Figur des heiligen Amor an einem nordwestdeutschen Reliquienschrein, da dieser sonst nur lokale Verehrung als angeblicher Gründer des Klosters Amorbach erfährt4).

Vermutlich ist der Stifter des Reliquienschreins mit dem Johannes Wacker identisch, der als Presbyter aus der Diözese Osnabrück 1462 an der Universität Köln ein Studium der Rechte absolvierte5). Ab 1471 wird er häufig in den Urkunden von St. Johann als Zeuge genannt, zunächst als Kanonikus6). 1487 tritt er erstmalig in der Eigenschaft als Thesaurar auf7), ab 1496 führt er die Titel Senior und Thesaurar des Johannisstifts8). Wacker war nicht nur Kleriker an St. Johann, er besaß gleichzeitig eine Pfründe am Kollegiatsstift St. Silvester in Quakenbrück. Anläßlich der Verlegung des Silversterstifts von Bramsche nach Quakenbrück durch Bischof Konrad II. im Jahr 1489 wird er als Vikar des Barbara- und Johannisaltars bezeichnet9). Wahrscheinlich ist er bald nach 1503, dem Jahr der letzten Erwähnung in den Urkunden, gestorben. Im Nekrolog von St. Johann findet sich unter dem 29. Januar ein Eintrag über zwei Florin, die zum Gedächtnis an Johannes Wacker gestiftet wurden10).

Textkritischer Apparat

  1. Sic!

Anmerkungen

  1. Siebern/Fink, S. 114.
  2. Nicht nachweisbar.
  3. LCI 7, Art. „Lidwina“, Sp. 405.
  4. LCI 5, Art. „Amor“, Sp. 125.
  5. Matrikel Köln, Bd. 1, S. 684, 294, 1.
  6. StAO Rep. 5 ab Nr. 1024.
  7. StAO Rep. 5, Nr. 1094.
  8. StAO Rep. 5, Nr. 1135.
  9. StAO Dep. 14a, Nr. 281.
  10. StAO Rep. 2, Nr. 202, S. 4.

Nachweise

  1. Berlage, St. Johann, S. 312.
  2. Mithoff, S. 119f.
  3. Siebern/Fink, S. 114f.
  4. Borchers, Kirchenschatz, S. 142f., Abb. 19–23.
  5. Manske, S. 144.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 68 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di026g003k0006808.