Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 55 Dom um 1480

Beschreibung

Gemälde. Es bildet den Hintergrund einer Pieta in der bischöflichen Grabkapelle im Chorumgang. Früher befanden sich Bild und Pieta in der nördlichen Kapelle des Chorumgangs1). Unter dem leeren Kreuz mit Titulus stehen links vier Frauen, rechts vier Männer, Nikodemus, Joseph von Arimathia, zwei Bürger, vor ihnen knien Johannes sowie ein älterer Mann, in dem vermutlich der Stifter dargestellt ist.

Maße: H.: 216 cm; B.: 155 cm; Bu.: 4 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. I · N · R · I2)

Kommentar

Es ist umstritten, ob Pieta und Hintergrundstafel ursprünglich zusammengehörten. Im 19. Jahrhundert befanden sie sich zwar in derselben Kapelle, waren aber getrennt voneinander aufgestellt, obwohl man schon damals ihre Zusammengehörigkeit vermutete3). 1930 veranlaßte Dolfen4) die Vereinigung der beiden Stücke. Wenn auch grundsätzlich darüber Einigkeit herrscht, daß das Bild als Hintergrund einer Pieta konzipiert ist, da die Figuren auf einen imaginären Punkt außerhalb des Bildes bezogen sind, so bestehen doch Zweifel daran, ob beide gleichzeitig angefertigt wurden. Gmelin5) nimmt aus stilistischen Gründen an, zwischen der Entstehung des Bildes, das er um 1480 datiert, und der Plastik habe ein Zeitraum von etwa 20 Jahren gelegen6). Die Kreuzabnahmetafel möchte er in enger Verwandtschaft mit den Tafeln des Lüneburger Lambertialtars sehen, die große Ähnlichkeit besonders der Kopfbedeckungen der Figuren zu dem Osnabrücker Bild aufweisen.

Pieta und Hintergrundsgemälde wurden immer wieder mit einem Bild identifiziert, das der Bäcker Johann Stegemann dem Dom laut einer Urkunde7) 1478 gestiftet hat und das dort als dat grote unsser leven frouwen belde geheten tor noith bezeichnet wird8). Als Standort gibt die Urkunde indessen einen Pfeiler im Dom an – für die Aufstellung einer Skulptur vor einem Gemälde wohl kaum der geignete Platz –, so daß man wohl davon ausgehen muß, daß es sich bei der Stiftung Stegemanns um ein anderes, heute nicht mehr erhaltenes Bild gehandelt hat.

Anmerkungen

  1. Mithoff, S. 108.
  2. Io. 19,19: I(esus) N(azarenus) R(ex) I(udeorum).
  3. Mithoff, S. 108; Siebern/Fink, S. 41 u. 55.
  4. Jahresbericht des Diözesanmuseums Osnabrück, 1930/31, S. 1.
  5. Gmelin, S. 116.
  6. So auch Rothert, Geschichte, Bd. 2, S. 309, in Anlehnung an W. Burmeister, Die westfälischen Dome Paderborn, Soest, Osnabrück, Minden, Münster, Berlin 1936, S. 47.
  7. Gedr. in: OM 6, 1860, S. 167.
  8. Vgl. Rothert, Geschichte, Bd. 2, S. 309, Anm. 57; Jahresbericht (wie Anm. 4), S. 1f.; Manske, S. 88; Gmelin, S. 116.

Nachweise

  1. Siebern/Fink, S. 56, Abb. Fig. 23.
  2. Gmelin, S. 115, Abb. ebd.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 55 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di026g003k0005501.