Inschriftenkatalog: Stadt Minden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 46: Stadt Minden (1997)

Nr. 92 Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Gemäldegalerie 1568

Beschreibung

Gemälde. Öl auf Eichenholz. Porträt des Pastors Hermann Huddaeus von Ludger tom Ring d. J. Das Bild, das vermutlich ursprünglich im Besitz der Kirche St. Martini war und vielleicht in deren Auftrag gemalt wurde, läßt sich bereits im 18. Jahrhundert im Besitz der Königlichen Schlösser Berlin nachweisen, seit 1830 im Besitz der Gemäldegalerie Berlin.1) Seine Provenienz aus Minden ergibt sich aus dem Bildgegenstand. Das Gemälde zeigt als Bildhintergrund die Stadt Minden und die Porta Westfalica, im Vordergrund ein Brustbild des Hermann Huddaeus, vor dem auf einer Brüstung eine Sanduhr, ein Totenschädel, zwei Zettel und ein Buch angeordnet sind. Die Sanduhr trägt oben auf dem Deckel das Meisterzeichen des Malers (M3), oben und unten auf der Einfassung die Inschrift A. Auf einem an den Totenschädel gelehnten Zettel befindet sich die nur undeutlich zu lesende Inschrift B, die sich in der Inschrift C auf einem weiteren, auf der Brüstung liegenden Zettel fortsetzt. Die Inschrift C kann lediglich anhand einer Infrarotaufnahme gelesen werden. Sie ist für den dargestellten Huddaeus lesbar angeordnet. Auf dem Bucheinband die Inschrift D. Die Vorderseite der Brüstung zeigt seitlich je einen Wappenschild, in dem linken ein Pelikan, der sich die Brust aufreißt, mit seinen Jungen und der Inschrift E, der rechte mit Hausmarke (M4) und Initialen (F). In dem langen Feld zwischen den Wappenschilden die Inschrift G, die Zahlbuchstaben des Chronogramms sind in gelber Farbe hervorgehoben.

Maße: H.: 40,3 cm; B.: 31,4 cm; Bu.: 0,15 cm (A, D, E), 0,1 cm (B, C), 0,25 cm (F), 0,4 cm (G).

Schriftart(en): Kapitalis (A, D, E, F), Kursive (B, C), humanistische Minuskel mit Versalien (G).

Sabine Wehking [1/6]

  1. A

    1568. // AE(TATIS) . 50 .

  2. B

    Tres sunt nu(n)tii mor=/tis, Cas(us) Infirmitas / Senectus AEtatem queris / Collige lustra decem

  3. C

    Sic quina aetatem lustra / [....] elabunt(ur)a)

  4. D

    W · G · // D · P · V · V · P · D // H H // W · G · 2)

  5. E

    H(IS) Q(UI) P(RAESUNT) // P(RO) · LE(GE) · E(T) · P(RO) · G(REGE)3)

  6. F

    H H

  7. G

    Ut laeti exurgunt frutices ramiq(ue)b) virescuntSic Euangelij voce Sarepta viget4)

Übersetzung:

1568 im Alter von 50 (Jahren). (A)

Es gibt drei Boten des Todes: der Unfall, die Krankheit und das Alter. Fragst du nach dem Alter, zähle fünf mal zehn Jahre. (B)

So vergehen fünf mal fünf Jahre ... (?). (C)

Denen, die an der Spitze stehen für das Gesetz und für das Volk. (E)

Wie die Sträucher üppig sprießen und die Zweige grünen, so blüht Sarepta durch die Stimme des Evangeliums. (G)

Versmaß: Ein Pentameter (B, zweite Zeile), ein Hexameter (C), ein Chronodistichon (G).

Kommentar

Die Datierung des Bildes ergibt sich aus der Inschrift A und dem Chronodistichon der Inschrift G, das ebenfalls die Jahreszahl 1568 darstellt.

Hermann Huddaeus stammte aus der Mindener Familie Huddinck. Am 28. Mai 1540 immatrikulierte er sich unter dem Namen Hermann Hotteckh Mindensis an der Universität Wittenberg.5) Er war zunächst als Conrector und Rector des Mindener Gymnasiums tätig, bevor er im Jahr 1557 Pastor an St. Martini wurde. 1565 übernahm er die Stelle des Superintendenten.6) Huddaeus galt als einer der führenden Köpfe während der Reformationszeit in Minden. Er war maßgeblich an der Schaffung einer lutherischen Litanei für den Gottesdienst in den Mindener Kirchen beteiligt7) und stand im brieflichen Kontakt mit Melanchthon8). In einem Brief vom 3. Oktober 1559 bat Melanchthon den Mindener Pastor, ihm von einer Edition seiner eigenen Gedichte abzuraten. Zwar habe er immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig das Verfassen von Gedichten für das Erlernen der lateinischen Sprache sei, aber er käme sich vor wie ein Rabe, der unter Schwänen singt. Auch bei den von ihm verfaßten Epitaphien habe es sich lediglich um Gefälligkeiten gehandelt.9) Die Reaktion des Huddaeus auf die von Melanchthon vorgebrachten Bescheidenheitstopoi ist nicht überliefert.

Über die Ehefrau des Hermann Huddaeus ist nichts bekannt. Man hat jedoch aus dem auf dem Gemälde befindlichen Wappen des seine Jungen nährenden Pelikans geschlossen, daß Huddaeus mit einer Frau aus der Mindener Familie Dove verheiratet war. Der Pelikan im linken Wappenschild kommt zusammen mit der gleichen Devise, die dort vollständig ausgeführt ist, noch einmal auf einem Stein am Haus Ritterstr. 27 vor, das von Huddaeus erbaut und bewohnt wurde (vgl. Nr. 102).10) Die Darstellung zusammen mit der Inschrift galt bisher als das Wappen der Familie Dove.11) Gegen eine solche Vermutung spricht schon die Anbringung des Wappens auf der linken Seite der gemalten Brüstung, wo man das Wappen des Mannes erwarten dürfte. Überhaupt wäre zu fragen, was das Wappen der Ehefrau auf einem – wohl eher für die Kirche bestimmten – Pastorenporträt für einen Sinn machen sollte. Zudem beruht die Zuweisung des Wappensteins Nr. 102 an die Familie Dove auf reinen Vermutungen, da Walter Dove in der Untersuchung über die Geschichte seiner Familie sonst neben einer Hausmarke nur ein von dieser geführtes Wappen nachweisen kann, das einen Pelikan mit einem Fisch im Schnabel zum Inhalt hat. Der im Wappenschild auf dem Gemälde abgebildete Pelikan, der seine Jungen nährt, war vielmehr das Emblem der Kurfürsten von Brandenburg; die dazugehörige Devise lautete – wie in den beiden Mindener Wappenschilden – Pro lege et pro grege.12) Es ist zu vermuten, daß diese Devise ähnlich wie diejenige Friedrichs des Weisen VDMIE (vgl. Nr. 73) weitere Verbreitung fand und als protestantisches Emblem ebenso wie als allgemeines Sinnbild für eine sich dem Wohl des Volkes aufopfernde Persönlichkeit verwendet wurde. In diesem Sinn wird auch Hermann Huddaeus das Emblem und die Devise als Leitbild für seine persönliche Lebensführung gewählt haben. Um ein Wappen der Familie Huddinck dürfte es sich dabei nicht gehandelt haben, zumal sich auf dem Gemälde auch die mit Initialen bezeichnete Hausmarke der Familie findet.

Das Todesdatum des Hermann Huddaeus ist nicht bekannt. Im Jahr 1577 war er noch am Leben, da er die in diesem Jahr verabschiedete und 1580 publizierte Konkordienformel unterzeichnet hat.13) Im Jahr 1579 pachtete ein Hermann Huddaeus ein Haus in der Videbullenstraße;14) es könnte sich bei dem Pächter aber auch um einen gleichnamigen Sohn des Superintendenten gehandelt haben. Der Umstand, daß das Pelikanemblem im Jahr 1579 an dem Haus Ritterstr. 27 angebracht wurde, deutet aber darauf hin, daß Huddaeus d. Ä. zu dieser Zeit noch am Leben war.

Textkritischer Apparat

  1. Sic ... elabunt(ur)] Si quina aetatem lustra Aeti. elabunt(ur) Schroeder. Die Inschrift ist nicht sicher zu lesen und auch ihre Bedeutung bleibt unklar.
  2. ramiq(ue)] Der Zahlbuchstabe u ist im Kürzungszeichen besonders gekennzeichnet, indem der obere Teil des Kürzungszeichens in Form einer 3 in gelber Farbe ausgeführt ist wie die anderen Zahlbuchstaben, der untere Teil dagegen in dunkler Farbe wie die übrigen Buchstaben.

Anmerkungen

  1. Johann Karl von Schroeder, Das Bildnis des Mindener Superintendenten Hermann Huddaeus von Ludger tom Ring dem Jüngeren. In: Westfalen 47, 1969, S. 119–130, hier S. 119.
  2. Als Auflösung der Initialen schlägt Schroeder (wie Anm. 1, S. 125) vor: W(ort) G(ottes), H(ermann) H(uddaeus), D(eus) P(er) V(erbum) V(erbum) P(er) D(eum).
  3. Vgl. Nr. 102.
  4. Nach 1. Kö. 17: Der Prophet Elias nahm auf Gottes Befehl hin in der Stadt Sarepta (Zarpath) bei einer Witwe Quartier, und Gott bewirkte, daß der Witwe Öl und Mehl nicht ausgingen.
  5. Matrikel Wittenberg, Bd. 1, S. 180.
  6. Vgl. Schlichthaber, Kirchengeschichte, Teil 2, S. 104f.
  7. Vgl. Stupperich in: Dom und Rathaus, S. 211.
  8. Corpus Reformatorum, Bd. 9, 1842, Sp. 170 u. Sp. 939f.
  9. Ebd., Sp. 939f.
  10. KAM, Stadt Minden AI, Nr. 747. Für den archivalischen Nachweis der Erbauung des Hauses durch Hermann Huddaeus danke ich Herrn Dr. Fred Kaspar, Stadtforschung Minden. Vgl. a. Barthold/Kaspar, BKDW Minden, Ritterstr. 27.
  11. Vgl. u. a. Dove, Bürgerfamilie, Nr. 11/12; Schroeder (wie Anm. 1), S. 122f.; zuletzt Kat. die Maler tom Ring, hg. v. Angelika Lorenz. 2 Bde., Münster 1996, hier Bd. 2, S. 619. Nach Dielitz, Wahl- und Denksprüche, S. 257, ist die Devise Pro lege et pro grege allgemein an die Darstellung des Pelikans mit seinen Jungen gebunden.
  12. Vgl. Dielitz, Wahl- und Denksprüche, S. 257.
  13. Vgl. Nordsiek, Glaube und Politik, S. 56f. Die Angabe in Kat. die Maler tom Ring (wie Anm. 11), Huddaeus sei im Jahr 1575 verstorben, kann nicht zutreffen.
  14. StA Münster, Minden, St. Martini, Urkunden Nr. 617.

Nachweise

  1. Theodor Riewerts u. Paul Pieper, Die Maler tom Ring. O. O. 1955, S. 117, Nr. 131, Abb. 114.
  2. Johann Karl von Schroeder, Hermann Huddaeus – Persönlichkeit und Bildnis, Die Stadtansicht von 1568. In: MHB 37, 1965, S. 161–167.
  3. Ders., Das Bildnis des Mindener Superintendenten Hermann Huddaeus von Ludger tom Ring dem Jüngeren. In: Westfalen 47, 1969, S. 119–130.
  4. Kat. Kunst und Kultur, Bd. 2, Nr. 113, S. 417, Abb. 145.
  5. Kat. die Maler tom Ring, hg. v. Angelika Lorenz. 2 Bde., Münster 1996, hier Bd. 2, S. 619 (B, D–G; B u. E unvollständig), Abb. Bd. 1, S. 88.

Zitierhinweis:
DI 46, Stadt Minden, Nr. 92 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di046d003k0009202.