Inschriftenkatalog: Stadt Minden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 46: Stadt Minden (1997)

Nr. 91 Brüderstr. 26 1567

Beschreibung

Gedenktafel für Heinrich Becker. Sandstein. Das Fachwerkhaus Ecke Brüderstraße/Königswall, das Heinrich Becker bewohnte, wurde im Jahr 1979 abgerissen. Die Sandsteintafel befand sich früher auf der Seite zum Königswall hin links oben neben der Eingangstür.1) Heute hängt sie auf der Seite zur Brüderstraße hin links neben der Haustür. Es handelt sich um eine querrechteckige Steintafel, die lediglich die Inschrift und keinen weiteren Schmuck trägt.

Maße: H.: 82,5 cm; B.: 124,7 cm; Bu.: 3,8–5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis mit Versalien.

Sabine Wehking [1/1]

  1. INCOLIT HENRICVS CVLTAS PISTORIVS AEDES /NOMINA QVI CLARVS DOCTA MAGISTER HABET /HVIC ETIAM MEDICAS ARTES LARGITVS APOLLO /EXIMIVMa) PATRIAE CONTVLIT ESSE DECVS /ET QVONIAM EST LARGVS MVSARVM FAVTOR ET HOSPES /MVSA ILLVM IMPRIMIS AEMYLIANA CANIT /DET DEVS VT PYLIOS VIVAT TRANQVILLVS IN ANNOS /ET SOBOLIS VIDEAT PROSPERA FATA SVAE /1 · 5 · GEO(RGIVS) AEMYL(IANVS) · DOC(TOR) · 6 · 7

Übersetzung:

Das stattliche Haus hat Heinrich Becker bewohnt2), der als berühmter Magister gelehrte Titel trägt. Apollo hat ihm auch medizinische Künste geschenkt und bewirkt, daß er eine hervorragende Zierde seiner Vaterstadt ist. Und weil er auch ein freigebiger Gönner und Freund der Musen ist, besingt ihn besonders die Aemilianische Muse. Gebe Gott, daß er friedlich ein nestorisches Alter erlebt und ein glückliches Schicksal seiner Nachkommenschaft sieht.

Versmaß: Elegische Distichen.

Kommentar

Bünemann gibt die Inschrift mit dem Hinweis wieder, daß man die Verse an dem Wohnhaus des Kommandanten nach dem Walle zu finde. Über Becker berichtet Bünemann, daß dieser der zweite Rektor des nach der Reformation im Kloster St. Pauli eingerichteten Ratsgymnasiums war, aber nach einiger Zeit diese Tätigkeit niederlegte, um sich der Medizin zuzuwenden, die er studiert hatte.3) Von den Kenntnissen Beckers als Mediziner spricht auch die Inschrift. Laut Hamelmann war Becker zuvor an der bischöflichen Schule in Minden tätig.4) Genaue Lebensdaten sind jedoch nicht überliefert. Im Jahr 1533 immatrikulierte sich Heinrich Becker an der Universität Rostock.5) Das Rektorenamt dürfte Becker um das Jahr 1540 herum bekleidet haben.6) Verheiratet war er mit Anna Vogeler. Vor seinem Tod im Juli 1567 amtierte Heinrich Becker als gräflich-hoyascher Leibarzt.7) Da er in der Inschrift als lebend erwähnt und ihm eine hohes Alter gewünscht wird, muß die Tafel im ersten Halbjahr 1567 angefertigt worden sein. Die Inschrift läßt darauf schließen, daß Becker zu diesem Zeitpunkt Minden verlassen hatte, denn eine solche öffentlich angebrachte Lobeshymne auf eine lebende Person ist schwerlich denkbar, solange der Gerühmte noch in den Stadtmauern – geschweige denn noch in dem Haus – lebte.8) Das Haus an der Brüderstraße wurde Heinrich Becker und seiner Frau Anna vom Stift St. Martini verpachtet, nachdem der bisherige Inhaber, der Domvikar Bernhard Becker, im Jahr 1560 verstorben war.9)

Der Verfasser der Inschrift, Georg Oemler, war Geistlicher und zugleich auch als Botaniker tätig. Von 1553 bis zu seinem Tod im Jahr 1569 übte er das Amt des Generalsuperintendenten in Stolberg aus. Er verfaßte verschiedene poetische Werke.10) Über seine Beziehung zu Becker ist nichts bekannt.

Textkritischer Apparat

  1. EXIMIVM] Exeimium Döhler.

Anmerkungen

  1. Vgl. ein Foto des Hauses, KAM, Fotosammlung, Mappe A I 93.
  2. Eigentlich: bewohnt. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß eine solche rühmende Inschrift noch zu der Zeit angebracht wurde, als Pistorius in dem Haus Brüderstr. 26 lebte; vgl. Kommentar.
  3. Bünemann, StA Münster, Msc. VII, Nr. 2421, p. 101f.
  4. Hamelmann, Reformationsgeschichte, S. 87.
  5. Matrikel Rostock, Bd. 1, S. 12.
  6. Vgl. dazu die relative Chronologie, die sich aus der Reihe der bei Hamelmann, Reformationsgeschichte, S. 87, genannten Rektoren ergibt.
  7. Diese biographischen Angaben sind einem Artikel im Mindener Tageblatt vom 21. Januar 1978 zu entnehmen, der sich mit dem Haus an der Brüderstraße befaßt.
  8. Der in dem Artikel des Mindener Tageblatts (vgl. Anm. 7) gezogene Schluß, Becker hätte die Inschriftentafel selbst an seinem Haus noch kurz vor seinem Tod anbringen lassen, ist völlig absurd.
  9. StA Münster, Findbuch A215 (Minden, St. Martini, Urkunden), Regest Nr. 549.
  10. ADB, Bd. 1, S. 127f.

Nachweise

  1. Bünemann, StA Münster, Msc. VII, Nr. 2421, p. 101f.
  2. Döhler, Die Inschrift an dem Haus Königswall 21. In: MHB 10, 1932, Nr. 5.

Zitierhinweis:
DI 46, Stadt Minden, Nr. 91 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di046d003k0009104.