Inschriftenkatalog: Stadt Minden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 46: Stadt Minden (1997)

Nr. 87 St. Marien 1564

Beschreibung

Epitaph des Joachim von Glabeck. Sandstein, farbig gefaßt. Das Epitaph, das am südöstlichen Pfeiler des Kirchenschiffs hängt, besteht aus einem hochrechteckigen Stein, dem ein profilierter Fries aufgesetzt ist, und einem großen runden Medaillon als Bekrönung. Um das Medaillon verläuft die Inschrift A. Sie umgibt einen im Relief gearbeiteten Wappenschild. Das leicht vertiefte Innenfeld des hochrechteckigen Steins ist von einer abgerundeten Leiste eingefaßt, die einen Blattfries trägt. In den vier Ecken des Steins je ein Wappenschild. Im Innenfeld ein Kruzifix mit Titulus B auf einem Schriftband. Unter dem Kruzifix kniet links der Verstorbene mit einem Sohn, denen beiden je ein Schriftband zugeordnet ist (C, D), rechts die Ehefrau, ebenfalls mit Schriftband (E). Das Kreuz und die Stifterfiguren stehen auf einer Art Altarmensa, die an der Vorderseite die Inschrift F trägt.

Maße: H.: 290 cm; B.: 129 cm; Bu.: 4 cm (A), 3 cm (B), 2,5–3,5 cm (C–E), 2–2,3 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis, mit Versalien (F).

Sabine Wehking [1/3]

  1. A

    ANNO 1564 DEN 14 NOVE(M)BRIS DI(N)SDAGES NA MARTINI STARF DE ERBAR VN(DE) ERNTVEST JOCHIM VA(N) GLABECK DE(M) GOT GNADE ·

  2. B

    · I(ESVS) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDAEORVM) ·1)

  3. C

    O HERE ERBARM DI MINER DORCH CHR(ISTV)M DINEN SON ·

  4. D

    SVM TVVS IN VITA, TVA SVNT MEA FV(N)ERA CHR(IST)E

  5. E

    O HERE ERHORE MI WEN ICK ROPE IN DER TIDT DER NOTH.

  6. F

    EPITAPHIVM MAIORVM IMAGINIBVS CLARI / VIRI IOACHIMI DE GLABECK ·ELATV(M) SPECTAS MARMOR NITIDVMQ(VE) SEPVLCHRVMSI QVAERIS? DICAM QVID LAPIS ISTE VELIT ·STIRPE GLABECIACA IOACHIMVS PRISCA ORIVNDVSCLARVS IMAGINIBVS CLARVS ET ELOQVIOCONSILIO BONVS, ORE POTENS, SERMONE DISERTVSJNGENIO SOLLERS, INTEGER ATQ(VE) FIDEHIC, SAEVA TANDEM CONSVMPT(VS) MORTE, QVIESCITCORPVS HVMO TEGITVR. MENS SVPER ASTRA VOLAT.

Übersetzung:

Ich bin dein im Leben, und mein Tod ist dein, Christus. (D)

Epitaph des durch die Bilder der Vorfahren berühmten Herrn Joachim von Glabeck.

Du siehst edlen Marmor und ein schönes Grabdenkmal. Falls du fragst, werde ich dir sagen, was dieser Stein bedeutet: Joachim, der aus dem altehrwürdigen Glabeckischen Geschlecht hervorgegangen ist, berühmt durch Bildnisse, berühmt auch durch seine Redegabe, vortrefflich durch seine Klugheit, machtvoll durch sein Wort, gewandt in der Rede, von hoher Begabung und untadelig in seinem Glauben. Schließlich durch den grimmigen Tod dahingerafft, ruht der Körper hier und wird von Erde bedeckt, die Seele fliegt hinauf zu den Sternen. (F)

Versmaß: Ein Hexameter (D), elegische Distichen (F).

Wappen:
Glabeck2)Bar3)
Mengersen4)Münchhausen5)

Kommentar

Das Epitaph zeichnet sich durch eine vergleichsweise hohe bildhauerische Qualität aus. Dasselbe gilt auch für die Ausführung der Inschriften. Die beiden ersten Zeilen der Inschrift F sind in einer rechtsgeneigten Kapitalis ausgeführt. Das erste Distichon der Inschrift F beginnt mit einem besonders großen Versal, für den das leicht vertiefte Inschriftenfeld nach oben hin erweitert ist. Das runde E weist einen nach oben geknickten Mittelbalken auf, der im unteren Teil eingebuchtete Bogen bildet unten eine Schleife und ist am Ende eingerollt. Die I der Inschriften C–F sind mit i-Punkten versehen. Die Q weisen eine weit unter die Grundlinie gezogene Cauda auf. Bemerkenswert ist die in Inschrift F durchgeführte Interpunktion, die im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts noch nicht allgemein gebräuchlich ist. In Inschriften tritt die Interpunktion gewöhnlich nicht wesentlich vor dem 17. Jahrhundert auf. Andere Kriterien wie die schräggestellten Hasten und der kurze Mittelteil des M sowie die durchgehende V-Schreibung sprechen jedoch ebenso gegen eine nachträgliche Anfertigung des Epitaphs lange nach dem Tod des Verstorbenen wie die Gestaltung des Grabdenkmals als hochrechteckiger Stein und Aufsatz.

Mit den MAIORVM IMAGINIBVS in Inschrift F sind möglicherweise die am Epitaph angebrachten Wappen der Familie gemeint. Joachim von Glabeck trat im Jahr 1553 zusammen mit einer Reihe von Adligen als Vermittler zwischen den Herzögen Heinrich dem Jüngeren und Philipp Magnus von Braunschweig auf, als ein Vergleich zwischen diesen und der Stadt Minden wegen der Beteiligung der Stadt am Schmalkaldischen Bund geschlossen wurde.6) Im selben Jahr übernahm er vermutlich das Amt des Drosts von Wedigenstein, da sein Vorgänger, Franz von Halle, 1553 verstarb.7) Vgl. a. Nr. 88.

Anmerkungen

  1. Io. 19, 19.
  2. Wappen Glabeck (geteilt, oben linksgewendeter Löwe, unten neun Wolken). Bei Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 59 u. Tafel 140: quergeteilt, oben laufender Löwe, unten sechs Hermelinschwänze.
  3. Wappen Bar (Bär). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 9, S. 3 u. Tafel 2.
  4. Wappen Mengersen (Flug, dazwischen ein Ring). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 88; Bd. 2, Tafel 212.
  5. Wappen Münchhausen (Mönch). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 3, Abt. 2,1, S. 274 u. Tafel 325.
  6. KAM, Stadt Minden AI, Nr. 619. An der Urkunde befindet sich das Siegel Joachims von Glabeck.
  7. Vgl. Bernd-Wilhelm Linnemeier, Der Wedigenstein. In: MMG 66, 1994, S. 39–85, hier S. 50.

Nachweise

  1. St. Marien, S. 97.
  2. Wagener, Marienkirche (o. S.).
  3. Krins, Niederdeutsche Inschriften, S. 120f.
  4. Vieth, Gegenstände, S. 20 (Verse nur in Übersetzung).

Zitierhinweis:
DI 46, Stadt Minden, Nr. 87 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di046d003k0008706.