Inschriftenkatalog: Stadt Minden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 46: Stadt Minden (1997)

Nr. 54 Dom, Schatzkammer 1464

Beschreibung

Kelch. Silber, vergoldet. Runder Fuß über einer Fußplatte und einer hohen Zarge mit durchbrochenem Rautenfries. Um den Rand des Fußes läuft ein breites Band mit der Inschrift A auf schraffiertem Grund. In die zum Fußhals hin aufsteigende glatte Fläche ist auf der einen Seite ein Medaillon mit einem Kruzifix eingraviert, am Kreuz auf einem geschwungenen Band der Titulus B; auf der anderen Seite ein Medaillon mit eingestelltem Vierpaß, darin unter einer Mitra ein Wappenschild, links und rechts des Wappenschildes jeweils zweizeilig die Inschrift C. Auf den Schaftstücken ober- und unterhalb des Nodus die Inschrift D. Der abgeflachte runde Nodus ist oben und unten mit plastischem Blattwerk belegt. Außen in sechs rhombenförmigen Rotuli die Inschrift E. Die schlichte Kuppa ist trichterförmig.

Maße: H.: 18,4 cm; Dm.: 15,5 cm (Fuß), 12,3 cm (Kuppa); Bu.: 1,7 cm (A), 0,15 cm (B), 0,3 cm (C), 0,7 cm (D), 0,6 cm (E).

Schriftart(en): Gotische Minuskel, mit Versalien (A).

Sabine Wehking [1/4]

  1. A

    Gerhart · et · richeit · me · contulerunt · s(an)c(t)o · pet(ro) · Mo · cccc · lxiiij

  2. B

    i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udeorum)1)

  3. C

    jo(hannes) epi(scopus) / ecc(lesi)e // misin/is

  4. D

    jesus · autem · tra(n)sie(ns) · // per · mediu(m) · illor(um) · ib(a)t ·2)

  5. E

    ies(us) // the//tra//gra//ma//ton

Übersetzung:

Gerhard und Richeit haben mich dem heiligen Petrus übergeben (im Jahr) 1464. (A) Johannes, Bischof der Kirche von Missenum. (C) Jesus aber ging, indem er durch ihre Mitte hindurchging. (D)

Wappen:
Schleppegrell?3)

Kommentar

Die Inschrift auf den Rotuli (E), die neben dem Namen Jesu auch den Namen Gottes, aber nur in der abstrakte Bezeichnung als Tetragrammaton enthält, ist in dieser Form ungewöhnlich. In der Literatur zu dem Kelch ist sie gar nicht oder nur als ungeklärt erwähnt.4)

Inschrift C nimmt Bezug auf den Mindener Weihbischof Johannes, dessen Titularbistum Missenum in Thrakien war. Als Mindener Weihbischof ist er erstmalig im Jahr 1435 nachzuweisen. Er starb im Jahr 1468.5) Das Wappen deutet darauf hin, daß Johannes aus der Familie von Schleppegrell stammte.3) In welcher Weise der Weihbischof in Verbindung mit den Stiftern des Kelches stand und aus welchem Grund sein Name und sein Wappen auf dem Kelch erscheinen, läßt sich nicht klären. Die Stifter Gerhard und Richheit sind in den Urkunden nicht nachzuweisen.

Anmerkungen

  1. Io. 19,19.
  2. Lc. 4,30.
  3. Wappen Schleppegrell? (gebogenes Bärenbein). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 113, Bd. 2, Tafel 281. Der Nachname des Johannes ist nicht sicher überliefert. Nach Schrader (Weihbischöfe, S. 40) läßt sich der Familien-name nicht eindeutig klären, da Johannes in den Urkunden nur als Weihbischof von Missenum und Augustiner-Eremit bezeichnet ist. Nach Brandt/Hengst, Ecclesia, S. 80, handelte es sich um Johannes Christian von Schleppegrell.
  4. Kat. Kunst und Kultur, Bd. 2, Nr. 325, S. 616.
  5. Vgl. Schrader, Weihbischöfe, S. 39–58.

Nachweise

  1. Ledebur, Kunstdenkmäler, S. 11 (A, C, D).
  2. Schrader, Weihbischöfe, S. 56 (A, C).
  3. Ludorff, Kunstdenkmäler, S. 76 (A, C, D).
  4. Kat. Kunst und Kultur, Bd. 2, Nr. 325, S. 615 (A, C).
  5. Heppe, Goldschmiedekunst, S. 283 (A, C) u. Nr. 196, S. 454 (A, C).
  6. Kessemeier/Luckhardt, Dom und Domschatz, S. 62 (Abb.).
  7. Garg, Domschatz, S. 12 (A, C, D), Abb. S. 13.

Zitierhinweis:
DI 46, Stadt Minden, Nr. 54 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di046d003k0005407.