Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 364† Wien, Schatzkammer des Deutschen Ordens 1604

Beschreibung

Kredenzschale. Angefertigt für den Hoch- und Deutschmeister Erzherzog Maximilian III. von Österreich; ab 1606 im Deutschordensschatz in Mergentheim nachgewiesen1; 1619 nach Mainau, 1632 nach Wien geflüchtet, 1660 wieder in Mergentheim2; seit 1805 in Wien, 1865 noch vorhanden, Verbleib und Zeitpunkt des Verlusts unbekannt. Silber, Außenseite und Rand feuervergoldet. Am äußeren Rand ein gegossenes (?) bekröntes Wappen. Im runden, leicht konkaven Feld in Kupferstichmanier gravierte Darstellung der Abreise von Abraham, Sarah und Lot, die drei Personen inmitten des Hausgeräts und umgeben von zahlreichen Haustieren, im Hintergrund eine Herde mit zwei Hirten; ganz oben über der Szene ein geschwungenes Schriftband (A) mit Datierung und Bibelstellenangabe, darunter ein aus den Wolken hervorkommender, nach links unten auf die liegende Gestalt des Lot gerichteter Strahl mit von rechts oben nach links unten laufender und daher auf dem Kopf stehender Inschrift (B); auf einem Stein im Vordergrund die Künstlersignatur (C), darunter auf einem großen, unten eingerollten Schriftblatt Bibelspruch (D) und Widmungsinschrift (E). Bei einem Diebstahl 1703 wurde die Schale verbogen und danach wieder notdürftig gerichtet; deutliche Spuren der Beschädigung in der oberen Hälfte. Die Füße der Schale sind abgebrochen.

Beschreibung nach der Abb. in Dudík, Kleinodien.

Maße: Dm. 17 , Bu. 0,14 (A), 0,05 (B, C), 0,07 (D)3, 0,07 bzw. 0,13 cm (E).

Schriftart(en): Kapitalis (A), schrägliegende Kapitalis (E), schrägliegende humanistische Minuskel (B, C, E), Fraktur (D).

  1. A

    16 / GENES. XII / 04

  2. B

    Egredere de terra tua.4)

  3. C

    Io(hannes) Theodore / de Brÿ F(ecit)

  4. D

    VNda) der HERRb) sprach zu Abram,c) Gehe aus deinem Vaterland, / vnd von deiner Freundschafft, vnd aus deines Vaters Hause, in ein Land / das ich dir zeigen wil. Vnd ich wil dich zum grossen Volck machen, vnd / wil dich segenen, vnd dir einen grossen Namen machen, vnd solt ein / Segen sein, Jch wil segenen die dich segene(n), vnd verfluchen die dich verfluchen. / Vndd) in dir sollen gesegenet werden alle Geschlecht auff Erden.5)

  5. E

    R(everendissi)moe) et ILL(ustrissi)mof) principi et D(omi)no D(omi)n(o) MAXIMILIANO . Archiduci / Austr(iae) Duci Burgund(iae) Supremo Ord(inis) Teuton(ici) Magistro . / Comiti Habspurg(ico) et Tyrol(iae) D(omi)n(o) suo Cle(mentissi)mof) D(ono) D(edit) .

Übersetzung:

Gehe aus deinem Vaterland (B). – Johann Dietrich de Bry hat (dies) gemacht (C). – Dem ehrwürdigsten und durchleuchtigsten Fürsten und Herrn Herrn Maximilian Erzherzog von Österreich, Herzog von Burgund, Hochmeister des Deutschen Ordens, Grafen von Habsburg und Tirol, seinem allergnädigsten Herrn, hat (er dies) als Geschenk verehrt (E).

Wappen:
Deutscher Orden (Hochmeister) / Haus Österreich6.

Kommentar

Die kunstvolle Schriftgestaltung mit variierenden Schriftarten ist von derselben hohen Qualität wie die bildliche Darstellung. Der in Frankfurt am Main vorwiegend als Kupferstecher und Radierer tätige, aus Lüttich stammende Künstler Johann Dietrich de Bry (1561–1623)7, Lehrer Sandrarts und Schwiegervater Matthias Merians, hat für den Hochmeister Maximilian noch eine zweite, ebenfalls in den Ordensschatz gelangte Kredenzschale angefertigt (nr. 365†)8. De Bry hat sich auch als Schriftgestalter durch die Ausgabe figürlicher und grotesker Zieralphabete hervorgetan.

Textkritischer Apparat

  1. V als reich mit Zierschnörkeln geschmückte Initiale, die die Höhe der ersten drei Zeilen einnimmt; N als Frakturversal; die gesamte erste Zeile in vergrößertem Schriftgrad.
  2. Das ganze Wort in Frakturversalien.
  3. Als Interpunktionszeichen ein kurzer Schrägstrich auf halber Zeilenhöhe; hier und im Folgenden als Komma wiedergegeben.
  4. Die letzte Zeile in vergrößertem Schriftgrad.
  5. Cauda des R mit geschwungenem Kürzungsstrich durchstrichen, mo verkleinert hochgestellt.
  6. mo verkleinert hochgestellt.

Anmerkungen

  1. Inventar 1606 VI 27, vgl. Dudík, Kleinodien 112.
  2. Vgl. ebd. 112f.
  3. Erste und sechste Zeile in deutlich größerem Schriftgrad.
  4. Gn 12, 1.
  5. 1 Mo 12, 1–3.
  6. Spiegelverkehrt graviert. Korrekte Stellung: Über Schildfuß durch Hochmeisterkreuz quadriert, 1. geteilt und 2mal halbgespalten, oben Ungarn, unten (von innen nach außen) Neu-Österreich, Leon, Kastilien, 2. geteilt und 2mal halbgespalten, oben Böhmen, unten Burgund, Steiermark, Kärnten, 3. 2mal gespalten: (von innen nach außen) Kyburg, Elsaß, Pfirt, 4. 2mal gespalten: Habsburg, Tirol, Görz; im Schildfuß: Alt-Österreich. Der Schild war bekrönt von dem österreichischen Erzherzogshut.
  7. Vgl. Thieme-Becker V (1911) 162; zum Werk vgl. Friedrich Wilhelm Heinrich Hollstein, Dutch and Flemish Etchings, engravings and woodcuts, ca. 1450–1700, Bd. IV, Amsterdam 1951, 27–44.
  8. Johann Dietrich de Bry erwähnt in einem Brief vom 6. Okt. 1604 an Erzherzog Ferdinand von Österreich in Innsbruck, daß der Deutschordenskomtur zu Frankfurt, Eberhard von Karpfen, ihn darauf hingewiesen habe, daß der Erzherzog an „künstlich ausgestochenen schalen“ besonderen Gefallen fände und ein Dutzend solcher Schalen machen zu lassen beabsichtige. Er habe gerade jetzt eine solche Schale verfertigt und bitte darum, sie als Geschenk entgegenzunehmen. Gerne werde er weitere Exemplare anfertigen; vgl. Urkunden und Regesten aus dem K. K. Statthalterei-Archiv in Innsbruck (Forts.), hg. v. David Ritter von Schönherr, in: Jb. d. Kunsthistor. Sammlungen d. Allerhöchsten Kaiserhauses 17 (1896) I–CVIII, hier: LII Reg. 14562. Am 2. November 1604 berichtet Eberhard von Karpfen an Erzherzog Maximilian, er werde dem Meister de Bry die silberne Schale bezahlen; vgl. ebd. LIIf. Reg. 14564. Offenbar ging diese Schale demnach in den Besitz Maximilians, nicht Ferdinands, über. Es könnte sich hierbei um das in den Deutschordensschatz gelangte Exemplar handeln.

Nachweise

  1. Dudík, Kleinodien 110f. (m. Abb.).

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 364† (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di054h014k0036403.