Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 239 Oberstetten (Stadt Niederstetten),
ev. Pfarrkirche (St. Bonifatius)
1578

Beschreibung

Taufstein. Im Langhaus vor dem Chorbogen. 1855/56 renoviert1. Sandstein. Halbkugeliges Becken; oben am Rand eingehauene Umschrift (A); darunter Jahreszahl (B). Der Schaft ist als Baluster mit vier Löwenfüßen gestaltet und mit Akanthusblättern belegt; über den Löwenfüßen vier skulptierte Wappenschilde; runder Sockel mit Volutenschmuck an den vier Seiten, dazwischen auf dem Rand eingehauene Nameninschriften (C). Farbig gefaßt; die Inschriften (A) und (C) mit schwarzer, die Jahreszahl mit roter Farbe ausgemalt. Inschrift (C) mit Fehlstelle, der Stein hier ergänzt und übermalt.

Maße: H. 118,5, Dm. (Becken) 75, (Sockel) 98, Bu. 3,8–4,4 (A), 4,5–5,5 (C), Zi. 5,5 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. A

    LAVACRA PVRI GVRGITISCOeLESTIS AGNVS ATTIGIT,PECCATA · Q(VAE) NO(N) DETVLITa)NOS ABLVE(N)DO SVStVLITb) ·2)

  2. B

    15//78

  3. C

    WENDEL [. . . . . . . . .] // HANS OeD BEDE H(EILIGEN)c)//PFLEGER

Übersetzung:

Das himmlische Lamm hat das Taufbecken der reinen Flut berührt; die Sünden, die es nicht mit sich nahm, hat es durch unsere Taufe genommen.

Versmaß: Ambrosianische Hymnenstrophe mit vokalischer Assonanz (A).

Wappen:
Hohenlohe, Stadt Rothenburg, Horn (?)3, unbekannt4.

Kommentar

Die Kapitalis ist in Inschrift (A) schmal proportioniert. R hat einen kleinen Bogen und eine steile, geschwungene Cauda; die Sporen an den Bogenenden sind s-förmig geschwungen, O ist oval oder spitzoval. Der Schrägschaft des N ist in dem Wort NOS nach unten ausgebuchtet. Besonders auffällig ist der Nexus litterarum von O und Minuskel-e. Dem Schriftbefund nach dürfte es sich bei dem Taufstein um eine Arbeit des Michel Niklas von Reinsbronn handeln, der vor allem am Epitaph der Susanna von Seckendorff in Creglingen (nr. 223) eine sehr ähnliche schlanke Kapitalis einsetzt.

Der Text von Inschrift (A) ist die elfte Strophe des Hymnus abecedarius „A solis ortus cardine“ des Sedulius (Mitte 5. Jh.). Liturgische Verwendung fand sie in der Römischen Kirche im Rahmen der Stundengebete an Epiphanias und an der Oktav dieses Festtags, die zugleich das Fest der Taufe des Herrn ist5. Die Inschrift auf dem Taufbecken zeigt, daß die Hymnenstrophe auch in der lutherischen Kirche in Gebrauch blieb.

Das hohenlohische und das Rothenburger Wappen am Schaft des Taufsteins stehen für das Kirchenpatronat, das ab 1525 von Hohenlohe und Rothenburg gemeinsam ausgeübt wurde. Erst 1605 ging es an die Reichsstadt allein über6, die auch die Ortsherrschaft besaß. Das dritte Wappen ist dem Wappenbild nach vermutlich Georg Horn zuzuweisen, der ab spätestens 1547 bis zu seiner Emeritierung 1598 Pfarrer in Oberstetten war. Er ist 1600 gestorben7.

Textkritischer Apparat

  1. I verkleinert über den Balken des L gestellt.
  2. St-Ligatur: der Schaft des an den Bogen des S angehängten t endet weit über der Grundlinie.
  3. Kürzung durch Doppelpunkt.

Anmerkungen

  1. Vgl. Pfarrbeschreibung für die Pfarrei Oberstetten 1906 (LKA, A 29, 3360,3) p. 99–101.
  2. Sedulius, Hymnus abecedarius „A solis ortus cardine“, 11. Strophe; ed. AH 50, 58–60; Walther Bulst, Hymni latini antiquissimi LXXV, Psalmi III, Heidelberg 1956, 71–73, 187.
  3. Bebandetes Jagdhorn auf Dreiberg, beseitet von 2 Pflanzen mit je 3 Blättern (Wein?).
  4. Marke (T-Kopfschaft mit rechtschnittigem Sparrenfuß und schrägrechter Mittelkreuzstrebe mit hinterem Endschaft), unten begleitet von einer Rosette (oder Stern?).
  5. Vgl. Ulysse Chevalier, Repertorium Hymnologicum. Catalogue des chants, hymnes, proses, séquences, tropes en usage dans l’Église Latine depuis les origines jusqu’à nos jours, T. II, Louvain 1897, 42 nrr. 10573–10575; Philipp Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts I, Leipzig 1864, 46f. nr. 50.
  6. Vgl. Pfarrerbuch Württ. Franken 1, 37.
  7. Vgl. ebd. 2, 191 nr. 1122.

Nachweise

  1. Keppler 124 (nur erwähnt).
  2. Pfarrbeschreibung Oberstetten (wie Anm. 1) p. 99–101 (nur A, fehlerhaft).
  3. Kdm. Jagstkreis I, 310 (nur erwähnt).
  4. HB-Kunstführer Rothenburg, Taubertal, Hohenlohe (Nr. 25), Hamburg 1987, 28 (nur erwähnt).
  5. Dehio BW I, 604 (nur erwähnt).
  6. Friedrich König, Durch die Täler und über die Höhen … – eine Beschreibung der Ortschaften, in: 650 Jahre Stadt Niederstetten 630–656, hier: 638 (nur erwähnt).

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 239 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di054h014k0023902.