Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 226 Niederstetten, ev. Pfarrkirche (St. Jakob) 1576

Beschreibung

Epitaph für Friedrich Zeisolf von Rosenberg und seine Frau Anna geb. von der Kere. Innen an der Nordwand, 2. Grabmal von Osten. Bis zur Kirchenrenovierung 1961–63 stand das Epitaph an der Ostwand links hinter dem Altar und war teilweise durch Orgelempore und Treppe verdeckt. Monumentale Ädikula aus rotem Sandstein. Im Giebel zentrales Rundbogenfeld mit Relief der Auferstehung Christi, links und rechts davon in Muschelnischen Adam und Eva; darüber, dem Bogenverlauf folgend, eingehauener Bibelspruch (A); in der Bekrönung über dem Rundbogen zwei Putti mit Früchtekorb; als Seitenteile des Giebels Roll- und Beschlagwerk. Im Hauptgeschoß zwischen zwei Pilastern eine Flachbogennische, vor der die vollrunden lebensgroßen Figuren der Eheleute in Anbetung des Kruzifixus knien: links der Mann mit langem Vollbart, in voller Rüstung, rechts die Frau in langem faltenreichen Gewand und Haube; der federgeschmückte Visierhelm ist vor dem Kreuz abgestellt; in den Bogenzwickeln zwei Putti mit gesenkten Fackeln, der linke außerdem mit Stundenglas. Auf den beiden außen von Karyatidhermen flankierten Pilastern sind jeweils vier Vollwappen untereinander angebracht. Im Sockel sind zwei querrechteckige Schriftfelder nebeneinander eingetieft, darüber auf dem schmalen Rahmen Inschrift (B). Im linken Schriftfeld steht das Grabgedicht Friedrich Zeisolfs (C), darunter auf dem Rahmen die zugehörige Sterbenotiz (D); im rechten Schriftfeld die Sterbeinschrift der Ehefrau (E), ebenfalls in Versen. Jeder zweite Vers ist eingerückt. Auf den Seitenteilen des Sockels Stiermasken. Der gesamte Kruzifixus, das Kreuz, die Unterarme des Ritters und die Hände der Frau sind Ergänzungen der letzten Restaurierung. Inschrift (E) ist durch Feuchtigkeitseinwirkung sehr stark beschädigt, das Ende von Inschrift (B) wohl bei einer Restaurierung beseitigt. Das Mittelband der Minuskelschriften ist mit Hilfslinien vorgeritzt.

Maße: H. 552, B. 259, Bu. 2,5 (A: Fraktur), 2,9 (A: Kapitalis), 2,5 (B), 2,1 (C), 2,6 (D), 2,1 cm (E).

Schriftart(en): Fraktur (A, E), Kapitalis (A, B, D), humanistische Minuskel (C).

  1. A

    Er ist vmb vn/ser sünd willen dahin gegeben, vnd vmb vnser gerechtigkait willen aufferweckt · PAVLVS / AD ROM : IIII ·1)

  2. B

    D(EO) · O(PTIMO) · M(AXIMO) [· S(ACRVM)]

  3. C

    Marmore sub gelido recubant hîc membra Zasolphi,Qui Rosebergiaco sanguine cretus erat ·Quem sua commendat pietas, morumq(ue) venustas,Iuris amor, Virtus Inclyta, Prisca fides ·Lustra decem vitae postquàm compleuerat, illumHinc auida rapuit Parca seuera manu ·Ossa quidem rigido iam sunt inclusa sepulchro,Spiritus at rutili Viuit in arce Poli ·

  4. D

    O(BIIT)a) ANNO · M · D · LXXVI · KAL(ENDAS)b) XIIII · AVG(VSTI)b)

  5. E

    Als man zalt · Funffzehen Hunder[t Ja]r,Vnnd Sechṣ vnd Sibent[zi]g die [Jar za]l warDen ṿị[. . . . .]ṭ [. . . . . . . . .]ṃ[. . . e]benVeṛ[schie]den ist aus disem lebenẠnna von R[o]s[en]b[e]rg ḍịe [Ehrbar]c)Ẹinẹ geborne vo[n] der [K]eer [w]aṛ,Jhr seel nun lebt ị[m H]immel[s] saalDa sie mehr [.]ụ̈[. .] wụ̈rḍ Ḷ[.]i[. . . . .]ḷḷ

Übersetzung:

Dem besten und größten Gott geweiht. – Unter dem eiskalten Stein hier ruhen die Glieder Zeisolfs, der dem Stamm von Rosenberg entsprossen war. Ihn zeichnen aus seine Frömmigkeit, sein feines Betragen, seine Liebe zu dem, was Recht ist, seine wohlbekannte Tüchtigkeit und seine altüberkommene Zuverlässigkeit. Nachdem er zehn Lebenslustren (50 Jahre) vollendet hatte, hat ihn die grausame Parze von hier mit gieriger Hand fortgerissen. Zwar sind nun seine Gebeine im harten Grab eingeschlossen, sein Geist jedoch lebt in der goldschimmernden Himmelsburg. – Er ist gestorben im Jahr 1576 am 14. vor den Kalenden des August (19. Juli).

Versmaß: Elegische Distichen (C), deutsche Reimverse (E).

Wappen:
Rosenbergvon der Kere
HuttenBoyneburg
WollmershausenHeßberg
SpethBrandenstein.

Kommentar

Die Inschriften zeichnen sich durch eine hervorragende Gestaltung aus. Besonders qualitätvoll ist die besten Vorlagen verpflichtete humanistische Minuskel mit sorgfältig ausgeführten Serifen. Die Kapitalis folgt in der Form der Einzelbuchstaben wie in der Ausprägung der Linksschrägenverstärkung und der linksschrägen Schattenachse der Bogenlinien dem Muster der klassischen Kapitalis. Lediglich die geschwungene Cauda des R und die quadrangelförmigen Interpunktionszeichen entsprechen nicht diesem Schriftkanon. Kapitalis und humanistische Minuskel finden sich in ganz ähnlicher Ausführung auf Grabmälern in Crailsheim, Vellberg-Stöckenburg, Schwäbisch Hall und Schwäbisch Hall-Unterlimpurg, die wohl zurecht der Werkstatt des Haller Bildhauers Sem Schlör zugeschrieben werden2. Auch die Fraktur Schlörs zeigt deutliche Parallelen zu der des Niederstettener Epitaphs. Besonders charakteristisch ist das spitzovale, rechts oben eingedrückte o. Figuren- und Reliefstil, die Häufung der Ornamente und die Form der Wappenschilde, Helme und Helmdecken weichen freilich von den Werken Schlörs ab. Nur gelegentlich findet sich die Wappen- und Helmdeckenform auch auf Grabmälern, die Schlör zugeschrieben sind, so auf dem Epitaph des Hans Ludwig Speth und der Anna von Herberstein von 1580 in Höpfigheim (Lkr. Ludwigsburg)3, auf dem Epitaph des Ulrich von Rechberg und der Anastasia von Wöllwarth von 1572 in Straßdorf (Stadt Schwäbisch Gmünd, Ostalbkreis) sowie – zusammen mit typischen „Schlör-Wappen“ – auf dem Grabmal des Hans Philipp von Wollmershausen und der Anna Maria von Nippenburg in Crailsheim (1581). Am Rosenberg-Epitaph dürften demnach mehrere verschiedene Kräfte der Werkstatt Schlörs beteiligt gewesen sein4.

Friedrich Zeisolf von Rosenberg starb an den Folgen eines Sturzes vom Pferd5. Er war ein Sohn Zeisolfs von Rosenberg zu Haltenbergstetten und der Ursula von Hutten. Seine Frau Anna war die Tochter des würzburgischen Erbmarschalls Jakob von der Kere zu Schweickershausen und Roßrieth und der Anna von Boyneburg6.

Textkritischer Apparat

  1. O durchstrichen, zusätzlich Doppelpunkt als Kürzungszeichen.
  2. Kürzung durch Doppelpunkt.
  3. Ehrbar konj. aufgrund des Reims.

Anmerkungen

  1. Rö 4, 25.
  2. Zu Schlör vgl. Fleischhauer, Renaissance 133–140 (m. weiterer Lit.).
  3. Ebd. Abb. 72; vgl. DI 25 (Ludwigsburg) nr. 379.
  4. Anna von der Kere bestellte laut erhaltener Rechnung 1576 einen Grabstein beim „Bildhauer von Schwäbisch Hall“; vgl. Koch, St. Jakob 432, 444 Anm. 25. Vielleicht ist damit das vorliegende Doppelepitaph gemeint, möglicherweise aber auch das erhaltene Epitaph für die im selben Jahr verstorbene Tochter des Ehepaars, Anna Maria (vgl. nr. 225), das dieselbe Frakturschrift aufweist..
  5. Vgl. Neumaier, Verbum Domini 113.
  6. Biedermann, Ottenwald, tab. CCCCXIII.

Nachweise

  1. Kdm. Jagstkreis I, 305 (nur erwähnt).
  2. Rapaschinski 3 nr. 10 (E nur teilw.).
  3. Neumaier, Verbum Domini 113 (nur A).
  4. Koch, St. Jakob 431f. (nur erwähnt, Abb.).

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 226 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di054h014k0022608.