Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 187 Neunkirchen (Stadt Bad Mergentheim),
ev. Pfarrkirche (St. Laurentius)
1563

Beschreibung

Epitaph des Sebastian Geyer von und zu Giebelstadt. Innen an der Ostwand. Aus dem Vorgängerbau in die 1822/23 neu errichtete Kirche übernommen. Hochrechteckige Sandsteinplatte. Umschrift (A) zwischen Linien; im vertieften Feld Kruzifixus, Kreuztitulus (B) auf Täfelchen; zu beiden Seiten des Gekreuzigten ein geschwungenes Spruchband mit 2zeiliger Inschrift (C); unter dem Kreuz großer Totenschädel und Knochen; in den Ecken vier Vollwappen. Für alle Inschriften sind Hilfslinien zur Markierung des Schriftbands vorgeritzt. Der Bildgrund ist durch senkrecht geführte schmale Zickzacklinien gemustert. Ränder eingeputzt; Schrift mit schwarzer Farbe nachgezogen.

Maße: H. 196, B. 98, Bu. 4,6–4,8 (A), 1,5 (B), 2,0 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis mit Frakturversalien (A), Kapitalis (B, C), gotische Minuskel (B).

  1. A

    ANNO DOM(IN)I 1 · 563 · DINSTTAG · NOCH · / LVCZIA JST JN GOT · VERSCHIDEN · DER · EDEL · VND · ERNVEST · SEBASTIANa) · GEIER · VON / ·b) VND · / ZV · GIBELSTAT · REGIRD · HOTc) DER · SEL · GOT · DER · ALMECHTIG · GENEDIG SEI AMEN ·d)

  2. B

    · i · n · r · i · I · N · R · I ·

  3. C

    O HER AVF · DICH // HOF ICH · O · HER ERLVS / MICH VON // DEM GRAVSAMENe) FEINDT

Datum: 14. Dezember.

Wappen:
Geyer von GiebelstadtMarschall von Ostheim
WolfskeelKönigshofen1.

Kommentar

Die Ausführung des Kreuztitulus in zwei verschiedenen Schriftarten, wobei das r der gotischen Minuskel offensichtlich durch einen den Schaft kreuzenden Balken und durch die breite Ausführung des Abstrichs an der Fahne bewußt altertümlich verfremdet wurde, ist vermutlich der Versuch einer Nachahmung der – auch inschriftlich umgesetzten – zwei- und dreisprachigen Kreuztituli in lateinischer, griechischer und hebräischer Schrift. Die Kapitalis ist weit vom klassischen Vorbild entfernt. Bemerkenswerte Formen sind: A mit senkrechtem rechten und schrägem, weit unter die Grundlinie gezogenen linken Schaft, zum Teil auch mit nach links überstehendem Deckbalken; I regelmäßig mit Punkt und mit links am Schaft angehängter kurzer Unterlänge; spitzovales O, R mit unter dem Bogen am Schaft ansetzender geschwungener und unter die Grundlinie reichender Cauda, V regelmäßig mit darübergesetztem kleinem Bogen, unabhängig vom Lautwert. Zweimal ist epsilonförmiges E am Wortanfang verwendet, H hat einmal einen nach oben ausgebuchteten Balken. Ungewöhnlich ist der – freilich sparsame – Einsatz von Frakturversalien (A und J); das A am Beginn der Umschrift (A) ist besonders durch Zierlinien ausgeschmückt. Auffällig ist die ungeschickte Aufteilung der Umschrift, die sehr ungleichmäßige Wortabstände zur Folge hat. Die ungenügende Vorbereitung der Inschrift zeigt sich auch in dem merkwürdigen Formular mit der wenig geglückten Ergänzung. Ein 1581 entstandenes epitaphähnliches Denkmal in der Friedhofskapelle Möckmühl (Lkr. Heilbronn) stammt nach Ausweis der identischen Schriftformen – freilich ohne Frakturversalien – und der Gestaltung des Kruzifixus eindeutig von der Hand desselben Steinmetzen, der dort mit den Initialen B und AL (in Nexus litterarum) sowie mit Steinmetzzeichen signiert2. Die bislang frühesten nachweisbaren Werke des Steinmetzen sind zwei 1558 entstandene Wappentafeln des Grafen Ludwig Kasimir von Hohenlohe und seiner Frau Anna in Neuenstein (Hohenlohekreis)3 und das vor 1560 gefertigte bekannte Epitaph des Götz von Berlichingen mit der Eisernen Hand in Kloster Schöntal4.

Sebastian Geyer von Giebelstadt war bischöflich würzburgischer Amtmann in Bütthard (Lkr. Würzburg). 1550 erwarb er von Wilhelm Sützel von Mergentheim die Hälfte von Neunkirchen5. Er war dreimal verheiratet: mit Brigitta von Finsterlohr, mit Regina von Berlichingen und mit Anna von Spessart6. Das Epitaph in Neunkirchen bezeichnet nicht die Grabstätte, denn Sebastian Geyer wurde in der Würzburger Karmeliterkirche beigesetzt7.

Textkritischer Apparat

  1. Eigenartiger Nexus litterarum durch partielles Verschmelzen eines Teils des unteren Bogens von B mit dem weit unter die Grundlinie gezogenen linken Schrägschaft des A.
  2. Am Beginn der Fußzeile Zierranke, danach fast die gesamte Leiste freigelassen; erst am Ende der Zeile ein Efeublattworttrenner und ein einziges Wort.
  3. HOT klein über der Zeile auf dem Rand nachgetragen (gleiche Hand).
  4. Eichel mit zwei Blättern als Zeilenfüller.
  5. Cauda des R und linker Schrägschaft des A überkreuzt.

Anmerkungen

  1. Übereck geteilter Flug; Helmzier: 2 übereck geteilte Büffelhörner. Vgl. Alberti 414. Die Teilungslinien fehlen hier.
  2. Fotokartei der Heidelberger Inschriftenkommission. In Möckmühl befinden sich als weitere Werke des Steinmetzen ein unsigniertes Epitaphfragment (Friedhofskapelle) und eine Bauinschrift (vom Haus Reidenberger, jetzt an der Stadtmauer), beide ebenfalls von 1581.
  3. Hintere Straße 34; Fotokartei der Heidelberger Inschriftenkommission.
  4. Fotokartei der Heidelberger Inschriftenkommission.
  5. OAB Mergentheim 658.
  6. Biedermann, Grafen Häuser, tab. CLXX.
  7. Vgl. ebd. und Bauer, Grafschaft Geyer 4.

Nachweise

  1. Bauer, Grafschaft Geyer 12 (Wortlaut teilweise).
  2. OAB Mergentheim 651.

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 187 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di054h014k0018706.