Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 78 Creglingen, ev. Herrgottskapelle 1496

Beschreibung

Altarretabel aus der Werkstatt Jakob Mülholzers. Südlicher Seitenaltar. Im Gesprenge die Figur des Schmerzensmannes zwischen zwei Engeln. Im Schrein und auf den Flügelinnenseiten vor einem Vorhang mit Blumenmuster die gefaßten und vergoldeten Schnitzfiguren der hll. Afra, Ottilia, Johannes Evang., Lucia und Agatha; hinter der Johannesfigur – und durch diese unzugänglich verdeckt – auf der inneren Rückwand eine hochkant 2zeilig aufgemalte Malersignatur (A). Auf den Außenseiten der Flügel Bild der Verkündigung an Maria: links Maria auf einer Bank, in einem Gebetbuch lesend und sich nach rechts zurückwendend, im Nimbus Umschrift (C) in gelber Farbe auf Gold; rechts der Erzengel Gabriel, in der Rechten ein verschlungenes Spruchband (B) haltend, vor ihm am Boden eine inschriftlich bezeichnete Blumenvase (D) mit Maiglöckchen; im Fensterausschnitt im Hintergrund Darstellung der Heimsuchung. Die beiden Standflügel sind jeweils in zwei Registern mit Heiligenfiguren bemalt: links oben die hll. Kilian und Wolfgang, ersterer mit Inschrift (E) auf der Mitra, links unten die hll. Apollonia und Margareta, letztere mit Inschrift (F) auf dem unteren Gewandsaum; rechts oben die hll. Jakobus d. Ä. und Wendelin, unten Sebastian und Rochus. In der Predella geschnitzte und gefaßte Darstellung des Abendmahls, auf den Flügeln gemalte Bilder: auf den Innenseiten links die Speisung Abrahams durch Melchisedek, rechts das Mannawunder; auf den Außenseiten links die hl. Anna, rechts die hl. Dorothea. Im Bild der Speisung Abrahams finden sich auf einer Fahne hebräische Schriftzeichen, die keine sinnvolle Lesung ergeben (G). Ferner ist im Bild des Mannawunders ein Hut mit Schriftzeichen versehen, die der hebräischen Schrift nachempfunden sind, aber nicht als Inschrift wiederzugeben sind.

Wortlaut von (A) nach Foto1.

Maße: H. (Schrein) 146, B. 135,5, B. (linker Standflügel) 67,5, Bu. 2,3 (B), 2,4 (C), 1,5 (D), 1,2 (E), 1,2 cm (F).

Schriftart(en): Gotische Kursive (A), frühhumanistische Kapitalis (B–F).

  1. A

    Jacob Mülholtzer 1496a) / Maler Zu windszhaim

  2. B

    AVE GRACIA PLENA / · / D(OMI)N(V)S TECVMc) · LVCE · 13)

  3. C

    ECCE ANCILLA D(OMI)NI · FIAT MICHIb) SECVNDVMc) VER(BVM)d)2)

  4. D

    SANCTAe) · ET · IN · MACV(LATA)c)f)

  5. E

    IE(SV)S // CHR(ISTV)Sg)

  6. F

    S(ANCTA) // MARGARETA

  7. G

    q v / a

Übersetzung:

Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast. – Gegrüßt seist du, Gnadenvolle, der Herr ist mit dir. – Die Heilige und Unbefleckte.

Kommentar

Der südliche Seitenaltar, der dem Evangelisten Johannes und der hl. Lucia gewidmet war, ist der jüngste der vier Altäre der Kapelle. Er wurde (um 1427?) von Graf Michael von Hardeck gestiftet, was 1432 durch Bischof Johann von Würzburg urkundlich bestätigt wurde4. Alle Malereien und die Fassung der Schnitzfiguren stammen von dem Windsheimer Maler Jakob Mülholzer, der auch Teile des nördlichen Seitenaltars der Herrgottskirche geschaffen hat (vgl. nr. 77). Die eigenhändige Signatur ist wie dort in einer flüssigen Kursive mit breitem Pinselstrich aufgemalt, sie verwendet aber mehr kalligraphische Elemente. Auffälligster Unterschied ist die doppelte Brechung des unteren Schaftendes bei h und l. Die frühhumanistische Kapitalis weist einige ungewöhnliche Buchstabenformen auf: eckiges G, C mit sehr flachem Bogen, extrem schmales L mit kaum sichtbarem Balken und rundes F. E kommt zweibogig, unzial mit flachem Bogen und – in Nexus litterarum – kapital vor. Bemerkenswert ist die Häufung von Nexus litterarum, auch mit dem dafür eher ungeeigneten Buchstaben C. Insgesamt entspricht die sorgfältige Formung und Ausführung der Inschriften in ihrer hohen Qualität der bildlichen Darstellung.

Textkritischer Apparat

  1. Obere Hälfte der letzten Ziffer zerstört; die Ziffer 9 mit breitem unterem Balken, wie eine 2 (ähnlich wie bei nr. 77C).
  2. Nexus litterarum von C und H: der Bogen des C ist gleichzeitig linker „Schaft“ des H; der Mittelbalken nach unten ausgebuchtet. Versehentlich ist auch zwischen dem rechten Schaft des H und dem folgenden I ein Mittelbalken (ohne Ausbuchtung) eingefügt.
  3. Nexus litterarum von C und V: der Bogen des C dient – bis auf den untersten Bogenabschnitt – gleichzeitig als „Schrägschaft“ des V.
  4. Die ersten drei Buchstaben durch den Kopf Mariae zur Hälfte, der Rest des Wortes ganz verdeckt.
  5. Nexus litterarum von A, N und C: der senkrechte rechte Schaft des A durch einen Schrägschaft mit Ausbuchtung nach unten mit dem C verbunden.
  6. Falsche Worttrennung.
  7. Nomina sacra in gräzisierender Schreibweise: IHS XPS.

Anmerkungen

  1. Kleberger/Krohm, Jakob Mülholzer 304 Abb. 222; LDA Stuttgart, Fotoarchiv, Nr. 3872.
  2. Lc 1, 38.
  3. Lc 1, 28.
  4. StAL, B 70a, S PU 96; vgl. Ehmer, Herrgottskapelle 146.

Nachweise

  1. Schönhuth, Creglingen u. seine Umgebungen 57 (nur C, D).
  2. Ders., Burgen … Württembergs, 2. Aufl., II 119f. (nur C, D).
  3. Schmidt, Herrgottskirche 13, Abb. 20 (B, C, D), Abb. 21 (A).
  4. Nasse, Herrgottskirche 20 (nur A).
  5. Dehio/Piel 82 (nur A).
  6. Kleberger/Krohm, Jakob Mülholzer 304 m. Abb. 222 (A), 310 Abb. 231 (F), Taf. 11 (B, C, D).
  7. Simon, Marienaltar 36 (nur A).

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 78 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di054h014k0007802.