Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 44 Weikersheim, Schloß 1425

Beschreibung

Epitaph des Reinhard von Uissigheim. Ursprünglich in der Klosterkirche oder im Kreuzgang des nach Einführung der Reformation zerstörten Klosters Schäftersheim; im Sommer 1874 „in einer Scheune des ehemaligen Klosters“ aufgefunden „bei einer baulichen Veränderung“1. Wenn die Angabe stimmt, daß sich „bei dem Denkmal … auch die Gebeine des Herrn Reinhart“ fanden, dann muß die Scheune im Bereich der abgebrochenen Kirche oder des Kreuzgangs unter Verwendung alter Bauteile errichtet worden sein. Über die näheren Fundumstände ist freilich nichts bekannt. Das Epitaph wurde 1874 ins Weikersheimer Schloß gebracht und dort zunächst in einer Remise aufbewahrt2; jetzt an der Westwand des „Tumbaraums“ im Erdgeschoß des Südflügels. Hochrechteckige Platte aus rotem Sandstein. Auf weit vorspringendem, als Rasenboden skulptiertem Standsockel steht die fast vollrunde Figur des Ritters, bekleidet mit einem weitärmeligen, fast knielangen, unter dem Schurz aus Ringwerk sichtbaren Waffenrock, Halsberge, Arm- und Beinzeug und umgürtet mit tief sitzendem, mit Rosetten verziertem Dupsing; die Linke ruht am Schwertgriff; zu Füßen rechts ein kleiner Wappenschild, der dazugehörige Stechhelm mit Helmzier rechts über der Schulter des Ritters. Die Sterbeinschrift ist zwischen Ritzlinien oben und an den beiden Längsseiten umlaufend eingehauen, mehrfach unterbrochen durch Helmzier, Helmdecken, Wappen und Arm der Figur. Die Platte ist in der unteren Hälfte stark verwittert; Kopf und rechte Hand des Ritters fehlen, ebenso ein Teil der Helmzier. Hinter der Helmzier, die in die Umschrift hineinragte, ist die Platte etwa 2 cm tief ausgeschnitten. In diese rechteckige Aussparung war ursprünglich ein angestücktes Teil mit der die übrige Platte überragenden Helmzier eingefügt. In der Rechten hielt die Figur ursprünglich vielleicht eine Fahnenlanze o. ä.

Maße: H. 231, B. 105, Bu. 5,5–5,7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

  1. +a) anno · domini · mil/lesimob) · vi//cesimoc) · qvinto · obijt · reinhart · voṇd) · ṿ[szi(n)ke(m) · pi]ee) // · memorie · feria · qvinta // · antẹf) · palmarvm · reqviestatg) ·h)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1(4)25 starb Reinhard von Uissigheim seligen Angedenkens am Donnerstag vor Palmsonntag (29. März). Er möge ruhen!

Wappen:
Uissigheim3.

Kommentar

Die gotische Minuskel ist, soweit noch erkennbar, sehr regelmäßig gehauen, wenn auch die Schäfte nicht immer genau senkrecht stehen. Versalien sind nicht verwendet, als Worttrenner dienen Quadrangeln, die nur nach unten in eine geschwungene Zierlinie ausgezogen sind. Ober- und Unterlängen sind nur wenig ausgeprägt; der Oberbogen des a ragt deutlich in den Oberlängenbereich hinein. Der regelmäßig gesetzte i-Punkt ist ringförmig.

Dem Wappen und den Schriftresten nach war Reinhard ein Angehöriger des nach Uissigheim (Stadt Külsheim, Main-Tauber-Kreis) benannten, um die Mitte des 16. Jahrhunderts ausgestorbenen4 Niederadelsgeschlechts. Die bisherigen Identifizierungen als Reinhard von Hartheim (urk. 1293)5 oder Reinhard von Rosenberg († 10256 bzw. 14257) gehen folglich ins Leere. Die völlig unzureichende Aufbereitung der Uissigheimer Genealogie erlaubt keine Einordnung Reinhards in die Stammreihe8. 1414 schlichtete er zusammen mit Abt Syfried von Zell einen Streit zwischen der Gemeinde Tauberrettersheim und dem Kloster Schäftersheim, er war damals Amtmann zu Weikersheim9. 1418 tritt er als Bürge auf bei einem von Georg Zobel von Obernhofen und dessen Frau getätigten Verkauf an die Frühmesse der Weikersheimer Heiligblutkapelle10.

Am Ende der Sterbeinschrift fällt die ungewöhnliche Verkürzung der Fürbittformel gegenüber dem üblichen requiescat in pace auf; Platz für die Einfügung der Abkürzung i(n) p(ace) hätte durchaus zur Verfügung gestanden11. Haltung, Rüstung und Kleidung der Ritterfigur erinnern an das (inschriftlose) Epitaph für Engelhard von Weinsberg († 1417) in Wimpfen12 sowie an das Epitaph des 1420 verstorbenen Reinhard Hofwart von Kirchheim in Widdern (Lkr. Heilbronn).

Textkritischer Apparat

  1. Tatzenkreuz.
  2. Nach mil blieb ein Drittel der Kopfleiste unbeschriftet, da hier die (jetzt fehlende) Helmzier die Schriftleiste überdeckte. Danach fehlt die Angabe der Jahrhunderte.
  3. CCC Bossert. Aufgrund der völlig unverständlichen Verlesung datiert Bossert das Grabmal auf 1305.
  4. Sic! Deutschsprachige Präposition innerhalb des im übrigen lateinischen Formulars. Obere Hälfte des letzten Buchstabens zerstört.
  5. Erster Buchstabe nur im unteren Drittel erhalten, vielleicht auch b. Die hier vorgeschlagene Textergänzung berücksichtigt die vorhandenen Buchstabenreste (erhalten sind nur untere Schaftenden) und ihre Abstände zueinander. Zur Schreibweise des Namens vgl. DI 1 (Bad. Main- u. Taubergrund) nr. 109 (1336): VSSINKE(M); ebd. nr. 132 (1431): vssickem; harteim konj. Bossert, vom Befund her ausgeschlossen.
  6. ante fehlt Bossert.
  7. So statt requiescat.
  8. Danach als Zeilenfüller eine eingeritzte Rosette.

Anmerkungen

  1. Bossert (wie unten) 58.
  2. Ebd. 59.
  3. Stamm- und wappengleich mit den von Rosenberg. Die Helmzier ist zwar nur im unteren Viertel erhalten, doch ist deutlich zu erkennen, daß sich zwischen den beiden voneinander abgewandten Schwanenhälsen keine Rose befindet. Da diese Rose als Unterscheidungsmerkmal nur von den Rosenbergern geführt wurde, ist die Wappenidentifizierung hier m. E. eindeutig.
  4. Vgl. Biedermann, Rhön u. Werra, tab. CCCCXXIV.
  5. Bossert (wie unten) 59.
  6. OAB Mergentheim 719: „… Gedächtnisbild, erinnernd an den schon im Jahr 1025 gestorbenen Reinhard von Rosenberg“.
  7. Möller, Stamm-Taf. II, Taf. LXXIV; dort – unter Vorbehalt – als Sohn Kuntz’ V. d. Ä. von Rosenberg und der Anna von Sickingen eingereiht; der Eintrag bezieht sich aufgrund des Sterbejahrs 1425 offensichtlich auf den in Schäftersheim Bestatteten, auch wenn dies nicht ausdrücklich im Kommentar belegt wird.
  8. Biedermann, Rhön u. Werra, tab. CCCCXXIV führt lediglich als Neffe des Deutschordenskomturs zu Mergentheim Kunz von Uissigheim einen 1405 bezeugten, mit Beatrix von Seckendorff verheirateten Reinhard von Uissigheim auf. Adelsheimer Lehnsurkunden von 1513 und 1557 erwähnen als Vorbesitzer eines Lehens bei Lauda einen Reinhard von Uissigheim, der aber vielleicht erst in die 2. H. 15. Jh. gehört; vgl. Andermann, Urkunden Adelsheim nrr. 189, 273.
  9. Urkunde von 1414 VIII 6, vgl. Wibel, Hohenloh. Kyrchen- u. Reformations-Historie II, 239f.
  10. Engel, Urk.regesten Hohenlohe, nr. 174 (1418 IX 24).
  11. Vgl. Anm. h.
  12. Vgl. DI 4 (Wimpfen) nr. 40.

Nachweise

  1. G[ustav] Bossert, Das neuaufgefundene Grabdenkmal in Schäftersheim, in: Zs. d. hist. Ver. f. d. württ. Franken 10 H. 1 (1875) 58f.
  2. OAB Mergentheim 718f.

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 44 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di054h014k0004406.