Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 42 Weikersheim, ev. Stadtkirche 1419

Beschreibung

Mauerquader mit Bauinschrift. Außen am nördlichen Strebepfeiler der Westseite, unter dem Gurtgesims. Querrechteckiger Quader aus rotem Sandstein. An der Stirnseite eingetieftes Feld mit profiliertem Rahmen, die Inschrift 5zeilig eingehauen und zeilenweise mit einfacher Ritzlinie gerahmt. Schrift mit schwarzer Farbe nachgezogen.

Maße: H. ca. 50, B. 89,5, Bu. ca. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

  1. Anno · d(omi)ni · M° · cccc°a) · / xviiii°a)b) · feria · s(e)c(vn)da · / post · vrbani · inceptv(m)c) / hoc · op(vs) · in h(on)ored) · sang/(vi)nise) · ch(risti)f) · et · georij · mar(tyris)g)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1419 am Montag nach Urbani (29. Mai) wurde dieses Werk begonnen zur Ehre des Blutes Christi und des Märtyrers Georg.

Kommentar

Die Minuskel ist dünnstrichig, dabei aber verhältnismäßig breit angelegt, Buchstabenhöhe und ‑abstände schwanken erheblich. Versalien sind ein pseudounziales A der gotischen Majuskel und ein den Formen der Textura durch Bogenbrechung angepaßtes links geschlossenes unziales M. Worttrennung durch Quadrangel in halber Zeilenhöhe.

Die Inschrift bezeichnet den Baubeginn der neuen Pfarrkirche. Gleichzeitig wurde die alte Georgskirche außerhalb der Stadtmauern auf dem noch heute benutzten Friedhof abgebrochen. Romanische Bauteile dieser Kirche fanden im Neubau Verwendung1. Das zusätzliche Heiligblut-Patrozinium ist von einer im frühen 14. Jahrhundert gestifteten Kapelle übernommen2, in der die hl. Sakramente vorübergehend während des Kirchenbaus und nach Abbruch der alten Georgskirche ab 1420 aufbewahrt wurden3. Förderer des Kirchenbaus war der damalige Stadtherr des von den Hohenlohe verpfändeten Weikersheim, der Reichserbkämmerer Konrad von Weinsberg. Er ist auf dem um 1420 entstandenen Tympanon des Hauptportals (jetzt innen an der Westwand des Langhauses) als Kirchenstifter dargestellt zusammen mit seiner Frau Anna von Hohenlohe-Weikersheim, der Witwe Konrads von Brauneck4. Das Relief zeigt unter dem von dem Paar emporgehobenen Kirchenmodell die beiden Vollwappen von Weinsberg und Hohenlohe; zwei Spruchbänder, die von dem Paar ausgehen, lassen keine Schriftreste (mehr) erkennen. Begleitet wird das Stifterpaar von einem jungen Ritter und einer Frau: sicherlich Herzog Erich V. von Sachsen-Lauenburg († 1436) und seine Frau Elisabeth, die einzige Tochter Konrads von Weinsberg aus der Ehe mit Anna von Hohenlohe5. Unter dem Tympanon wurde nach der Versetzung ins Kircheninnere 1855 eine Inschrift angebracht6. Ihr erster, bewußt altertümlich in gotischer Minuskel ausgeführter Teil beruht wohl kaum auf einer 1419 inschriftlich ausgeführten Vorlage, da eine solche weder von Wibel noch von Schönhuth noch in den „Denkmalen des Alterthums“ überliefert wird, obwohl alle Autoren sowohl das Tympanon erwähnen als auch den Wortlaut der Bauinschrift von 1419 wiedergeben7.

Textkritischer Apparat

  1. Hochgestelltes o nicht farbig nachgezogen.
  2. XIIII Wibel I; Lesung allerdings bereits korrigiert in Wibel IV, 102.
  3. Kürzungsstrich nicht farbig nachgezogen.
  4. Ohne Worttrennung nach der Präposition.
  5. Kein Kürzungsstrich; am Beginn der letzten Zeile ist vor nis ein Kreisfeld mit sechsstrahligem Stern eingetieft; sancte Wibel.
  6. Als „griechisches“ Nomen sacrum; Befund: x.
  7. Das a übergeschrieben als zu zwei Quadrangeln reduziertes offenes a; sonst kein Kürzungszeichen.

Anmerkungen

  1. Daß die alte Georgskirche bereits 1414 abgerissen worden sein soll (so OAB Mergentheim 813f.) und daß man daher mit dem Bau der neuen Kirche ebenfalls in diesem Jahr begonnen habe (so LdBW IV, 363), beruht offenbar auf der Verlesung der Jahreszahl in der vorliegenden Bauinschrift durch Wibel; vgl. Anm. b. Zur Baugeschichte vgl. Merten, Stadtkirche 2f.
  2. Stiftungsbestätigung durch den Bischof von Würzburg 1323; vgl. OAB Mergentheim 823, 815f.
  3. Vgl. ebd. 813, 827. Die Lage der Kapelle vermutet Merten, Stadtkirche 3, auf dem Heiligen Wöhr.
  4. Zu ihr vgl. auch nr. 30.
  5. Vgl. zuletzt Seeliger-Zeiss, Grabmal d. Prinzen 259f. m. Abb. 3.
  6. In gotischer Minuskel: Conradus de Weinsberg et Anna de Hohenlohe coniux, / huius domus fundatores, a(nn)o D(omi)ni Mccccxviiii / quorum memoria sit semper laeta. Darunter in humanistischer Minuskel: Monumentum hoc pietatis in Deum pie reservavit / Ernestus Princeps de Hohenlohe, anno D(omi)ni / MDCCCLV.
  7. Engel, Prinzle 3, bezeichnet diese Inschrift dagegen in ihrer heutigen Form als „gleichzeitig“ mit dem Tympanon. Dies ist schon vom Schriftbefund her ausgeschlossen.

Nachweise

  1. Wibel, Hohenloh. Kyrchen- u. Reformations-Historie I, 188 (zu 1414); IV, 102 (zu 1419).
  2. Denkmale des Alterthums 138f.
  3. StAL, E 258 VI Bü 2608 (1844, wohl nach Wibel).
  4. Schönhuth, Denkmale Weikersheim 97.
  5. OAB Mergentheim 779, 816.
  6. Keppler 232 (nur teilweise).
  7. Engel, Prinzle 3.
  8. Seeliger-Zeiss, Grabmal d. Prinzen 273 Anm. 20.
  9. Drös, Mittelalterl. u. frühneuzeitl. Inschriften 11 (m. Abb.).

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 42 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di054h014k0004202.