Inschriftenkatalog: Mergentheim (Landkreis)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 54: Landkreis Mergentheim (2002)

Nr. 22† Frauental (Stadt Creglingen), ehem. Klosterkirche 1368

Beschreibung

Grabschrift des Gottfried von (Hohenlohe-)Brauneck. Standort und Ausführung unbekannt1.

Wortlaut nach Wibel, Frauenthal.

  1. Annis millenis transactis ter quoque centum
    Nec non octonis junctis sexies quoque denis
    Tricenis demptis horis quoque denisa)
    Postquam in venis Christum concepit amoenis
    Vberibus plenis2) genuit virguncula lenis
    Gottfridus dictus de Brauneck hic quoque pictus
    Gottfrid descriptus quasi Gottfrid3) tumba4) relictus
    Intrans conflictus nunquam in proelio5) victus
    Strenue non victus miles palmam non amictus6)
    [– – –]b)
    His expers malis semper fuerat liberalis
    Sobrius equalis fuerat magni quoque salis
    Et peregrinalis7) fuerat gestibus curialis
    Hic exosus malis et reprobis exitialis
    Nunc non est talis in laude tam generalis
    Hic exspiravit febris quem pessima stravit
    Proh dolor intravit communem viamque Dauid8)
    Quem collaudavit mundus clerus praedicauit
    Angliae laudauit Rex in hostesque legauit
    Hunc deplorauit Francogenusquec) rogauit

Übersetzung:

Als tausend Jahre vergangen waren und dreimal hundert, dazu noch acht und sechsmal zehn (=1368), abzüglich dreihundert und (…mal) zehn Stunden, nachdem in den anmutigen Kanälen (ihres Leibes) das sanfte Jungfräulein Christus empfangen und bei vollen Brüsten geboren hatte, hauchte Gottfried, genannt von Brauneck, er, den ein sehr übles Fieber dahinraffte, seinen Geist aus und – o weh! – schlug den (uns allen) gemeinsamen Weg ein, Gottfried, der hier auch gemalt ist, dargestellt gleichsam wie „Gottes Fried“, zurückgelassen im Grab, wenn er in den Kampf zog, niemals im Gefecht besiegt, als Ritter wacker den Siegespreis, nicht Nahrungsmittel, nicht Mäntel (erstrebend …), frei von diesen Übeln, war er immer edel gewesen, besonnen, ausgeglichen, auch war er von großem Verstand gewesen, und, weitgereist, war er in seinen Umgangsformen ein Höfling gewesen, dieser, den Schlechten verhaßt und den Verworfenen verderblich – heutzutage findet man einen solchen, so allgemein im Lob stehenden (Menschen) nicht –, dieser, den als David die Welt gerühmt und die Geistlichkeit gepriesen hat, den der König von England lobte und gegen seine Feinde entsandte, diesen beklagte der Franzose (=der französische König) und fragte um seine Meinung (?).

Versmaß: Leoninische Hexameter, bis auf den ersten Vers unisoni.

Kommentar

Der Verfasser der Verse ist sichtlich um rhetorischen Aufwand und poetischen Schmuck bemüht9, wie Wortwahl, Satzbau, poetische Paraphrasen, Einsatz einer Namen-Etymologie und die Verwendung sonstiger rhetorischer Mittel deutlich zeigen. Umständlicher Satzbau – die gesamte Inschrift bildet einen einzigen Satz – und komplizierte Ausdrucksweise erschweren freilich das Verständnis erheblich. Der Text scheint weitgehend eigenständig zu sein, jedenfalls konnten keine eindeutigen Zitate oder Anleihen aus der antiken oder mittelalterlichen Dichtung festgestellt werden. Schon Wibel urteilte zutreffend: „Die Verse mögen seyn, wie sie wollen, so geben sie doch zimliche Nachricht von demjenigen Herrn, welchem sie verfertiget worden“10. Gottfried von Brauneck, Sohn Gottfrieds (II.) von Brauneck und der Margareta von Gründlach, war mit Agnes von Castell verheiratet11. Eine seiner Schwestern, Margareta, war Äbtissin in Frauental12. Sein Sohn Konrad war der Stifter der Creglinger Herrgottskapelle (vgl. nr. 30). Der urkundlichen Überlieferung zufolge starb Gottfried zwischen dem 15. März 1367 und dem 24. August 136813. Ob die Angaben in Vers 3 daher eine genaue Berechnung des Todestages zulassen, erscheint fraglich14. Der vorletzte Vers der Grabschrift spielt auf ein militärisches Engagement Gottfrieds im Auftrag des englischen Königs an, offenbar hat er auf englischer Seite an den Kämpfen des später sog. „Hundertjährigen Kriegs“ teilgenommen. Die Bedeutung des letzten Verses, in dem der französische König (?) erwähnt wird, ist unklar.

Der Wortlaut der Inschrift (pictus … descriptus quasi Gottfrid) läßt eher auf ein Gemälde mit Liegefigur des Verstorbenen schließen, das möglicherweise an der Wand über dem Grabmal (Tumba?) angebracht war, als auf eine Tumba mit plastischer Liegefigur. In der Frauentaler Klosterkirche waren weitere Angehörige der Herren von Brauneck bestattet. Ihre „Denck- und Merckmale“ sollen jedoch während der Verpfändung des Klosters an Würzburg in den Jahren 1700 bis 1712 vom damaligen Verwalter Scholten „zum Pflastern und anderem Gebrauch verwendet“ worden sein, Wibel sah um 1748 noch etliche „zerbrochene Stücke, darauf noch etwas von Schrifften und Wappen zu sehen war“15. An Bestattungen werden genannt16: Gebhard von Brauneck († 1300)17, Andreas von Brauneck († 1318)18, Gottfried von Brauneck († 1354), der Vater des 1368 Verstorbenen, sowie Konrad von Brauneck († 1383)19.

Textkritischer Apparat

  1. Tricenis … denis Wibel, Frauenthal; danach auch Schönhuth; der offenbar unvollständige Vers ist dann bei Wibel, Hohenloh. Kyrchen- u. Reformations-Historie, getilgt. Vor quoque ist vermutlich analog zu den ersten beiden Versen ein (zwei- oder dreisilbiger) Multiplikator zu denis zu ergänzen.
  2. Aus inhaltlichen und formalen Gründen muß an dieser Stelle auf den Ausfall eines Verses in der Überlieferung geschlossen werden. Das Gedicht bestand ursprünglich sicherlich aus 20 Versen, von denen jeweils fünf untereinander durch Endreim verbunden waren. Der ausgefallene Vers endete höchstwahrscheinlich auf -ictus. Inhaltlich umfaßte er wohl eine verbale Ergänzung (Partizip?) zu den Objekten palmam bzw. victus/amictus in der Bedeutung „erstrebend“ o. ä. sowie die Nennung einiger Laster oder schlechter Eigenschaften, auf die im folgenden Vers mit his … malis Bezug genommen wird.
  3. So wohl statt Francigenusque? Vgl. du Cange III, 591; Lexicon Mediae et Infimae Latinitatis Polonorum IV, Sp. 361.

Anmerkungen

  1. Nach Schönhuth, Creglingen u. seine Umgebungen 129, befand sich die Inschrift auf einem „Grabstein“, als Quelle dafür gibt er ein „alte(s) Manuscript“ an; die Abhängigkeit von Wibel, Frauenthal 502 („in einem Manuscripto gefunden“) ist offensichtlich. Da Wibel freilich nichts von einem Grabstein erwähnt, beruht diese Angabe Schönhuths auf reiner Vermutung.
  2. Der Formulierung liegt wohl die Vorstellung der stillenden Gottesmutter zugrunde.
  3. Namen-Etymologie als Wortspiel: Gottfried ist abgebildet als ein in Gottes Frieden Ruhender.
  4. tumba: prosodischer Fehler, zweite Silbe kurz gemessen.
  5. proelio: prosodischer Fehler, o kurz gemessen.
  6. victus und amictus als übliche Almosen, auch als Gaben an den höfischen Dichter; vgl. u. a. Archipoeta, carm. 7, 11. Freundlicher Hinweis von Herrn Clemens Bayer M.A., Bonn.
  7. peregrinalis kann hier nicht wie üblich auf Mönchsleben oder Pilgerschaft hindeuten, sondern muß eine weltliche Bedeutung haben. Möglicherweise ist auf die Beteiligung Gottfrieds an einem der Kreuzzüge des 14. Jahrhunderts angespielt („als Kreuzfahrer“); vgl. du Cange VI, 271 s. v. „peregrinus“.
  8. König David hier als Inbegriff des lobenswerten Helden. David gehört in die seit dem frühen 14. Jahrhundert in Dichtung und bildlicher Darstellung begegnende Reihe der Neun guten Helden; vgl. RDK III, Sp. 1110f.
  9. Ich verdanke meinem Bonner Kollegen Clemens Bayer M.A. ganz entscheidende Hinweise zum Verständnis der Inschrift, die erst eine sinnvolle Übersetzung ermöglichten. Auch die hier gebotene Textanalyse geht im wesentlichen auf ihn zurück.
  10. Wibel, Frauenthal 543.
  11. Vgl. Eur. Stammtaf. NF XVII, Taf. 5.
  12. Zu 1342 bezeugt; vgl. Schurr, Chronik Frauental 26, 30.
  13. Vgl. Eur. Stammtaf. NF XVII, Taf. 5.
  14. In Frauental wurde wie in allen Zisterzienserklöstern der Annunziationsstil beachtet. Das Jahr 1368, das in der Inschrift als Todesjahr genannt wird, dauerte nach diesem Stil vom 25. März 1368 bis zum 24. März 1369. Ein Zurückrechnen der angegebenen Stundenzahl vom Jahresende ab ergäbe als Todestag den 12. oder 13. März 1369, bei Ergänzung eines Multiplikators zu denis (vgl. Anm. a) frühestens (bei Ergänzung von novies) den 8. Mai 1369. Nimmt man als Fixdatum für die Stundenberechnung dagegen Weihnachten 1368 an, ergäbe sich als Todestag der 12. oder 13. Dezember, frühestens der 8. Dezember 1368. Bei beiden Berechnungen liegt das ermittelte Datum nach dem 24. August 1368, zu dem Gottfried als verstorben bezeugt ist. Die Frage muß offenbleiben.
  15. Wibel, Frauenthal 501f.; vgl. auch Schurr, Chronik Frauental 57, 68. Nur ein stark verwittertes Fragment einer Grabplatte hat sich erhalten, das aus dem 14. Jahrhundert stammen dürfte. Es zeigt in Flachrelief einen Lilienstab unter einem Dreipaßbogen; als Rahmen läuft eine doppelte Ritzlinie um, die keine Spuren von Beschriftung (mehr?) aufweist (jetzt innen an der Chorsüdwand der Klosterkirche).
  16. Wibel, Frauenthal 501f.
  17. Wohl Gebhard I. zu Haltenbergstetten, Sohn Heinrichs I. von Brauneck; vgl. Eur. Stammtaf. NF XVII, Taf. 5.
  18. Sohn Gottfrieds I. Allerdings befindet sich die Grabplatte für ihn und seine Frau Eufemia von Taufers († 1329) in der Dominikanerinnenkirche in Rothenburg, vgl. DI 15 (Rothenburg o. d. T.) nr. 17; Eur. Stammtaf. NF XVII, Taf. 5 gibt als Grablege Andreas’ die Rothenburger Barfüßerkirche an.
  19. Gemeint ist vermutlich Gottfrieds Sohn, der aber erst 1389/90 gestorben ist; vgl. Eur. Stammtaf. NF XVII, Taf. 5.

Nachweise

  1. Wibel, Frauenthal 502f.
  2. Ders., Hohenloh. Kyrchen- u. Reformations-Historie I, 37f.
  3. Schönhuth, Creglingen u. seine Umgebungen 129.

Zitierhinweis:
DI 54, Landkreis Mergentheim, Nr. 22† (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di054h014k0002200.