Die Inschriften des ehemaligen Landkreises Mergentheim

5. Die Schriftformen

5.1. Romanische und gotische Majuskel

Die frühesten erhaltenen Inschriften des Bearbeitungsgebiets entstammen der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Da auch für das 14. Jahrhundert der Bestand an erhaltenen Majuskelinschriften recht gering ist, läßt sich eine eigentliche Schriftentwicklung natürlich nicht nachzeichnen. Erschwerend kommt hinzu, daß bis auf zwei Ausnahmen sämtliche Inschriften undatiert und daher nur ungefähr und unsicher zeitlich einzuordnen sind. An in Stein ausgeführten Inschriften haben nur zwei die Zeit überdauert. Den Großteil bilden Glockeninschriften und Inschriften auf Wandmalereien, wobei letztere aufgrund der weitgehenden Zerstörung des originalen Schriftbefunds und zum Teil wegen erheblicher Verfälschungen durch Übermalung kaum zur Auswertung herangezogen werden können.

Zwei Glocken in Creglingen und Neunkirchen (nrr. 2, 3) weisen noch Inschriften in romanischer Majuskel auf und sind vermutlich noch in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden. Beide Schriften sind relativ dünnstrichig, haben aber aufgrund der unterschiedlichen Herstellungstechniken abweichende Formen. Die Buchstabenmodelle der Creglinger Glocke wurden in ihren Konturen aus einer flachen Wachsplatte mit dem Messer ausgeschnitten und auf das Glockenmodell aufgeklebt. Die Schaft-, Balken- und Bogenenden sind leicht keilförmig verdickt, lediglich die Balkenenden des schmalen kapitalen E sind stärker erweitert zu breiten Dreiecken, die sich mit den Spitzen berühren und den Buchstaben dadurch nach rechts abschließen. Das (spiegelverkehrte) unziale E scheint sogar bereits durch einen durchgehenden Abschlußstrich geschlossen zu sein. Auch das kreisrunde C, dessen Bogenenden sich fast berühren, ist einmal durch einen kurzen Abschlußstrich geschlossen. Neben E kommt auch M sowohl in kapitaler als auch in unzialer Form vor. Bogenschwellungen sind noch nicht vorhanden, Bogenverstärkungen nur zaghaft angedeutet. Neben flachgedecktem A mit beidseitig weit überstehendem Deckbalken und geknicktem Mittelbalken ist auch einmal ein pseudounziales A eingesetzt. Auf der Neunkirchener Glocke wurden die Buchstaben einzeln mit der Hand geformt, dann auf eine Wachsplatte geklebt. Anschließend wurden sie mitsamt ihrer Wachsunterlage ausgeschnitten, [Druckseite LI] diese rechteckigen Plättchen wurden dann auf dem Glockenmodell befestigt. Die Buchstaben sind im Querschnitt wesentlich unregelmäßiger als die der Creglinger Glocke; Schaft-, Balken- und Bogenenden weisen keine einheitliche Gestaltung auf und sind nur selten keilförmig, allenfalls keulenartig erweitert. Die Cauda des R und das Bogenende des unzialen H sind spitz ausgezogen. Unzial sind außerdem das E und das fast vollrunde, unten durch einen Abschlußstrich geschlossene M. E und C lassen dagegen noch keinerlei Tendenz zur Abschließung erkennen. Auch hier kommen sowohl flachgedecktes als auch pseudounziales A vor.

Creglingen, nr. 2

Neunkirchen, nr. 3

Zwei kurze Namenbeischriften zu Wandmalereien in Mergentheim (nr. 9) und Frauental (nr. 13) entziehen sich aufgrund ihrer starken Übermalungen und Ergänzungen einer paläographischen Auswertung. Sie dürften in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden sein, die Mergentheimer Inschrift ist vielleicht auch etwas älter. Ihre Buchstaben weisen noch keine Bogenschwellungen auf und sind noch der romanischen Majuskel zuzuordnen. Die Frauentaler Inschrift scheint bereits kräftige Bogenschwellungen zu besitzen; ob die langen Sporen des unzialen E auch im ursprünglichen Schriftbefund noch nicht zu einem Abschlußstrich verbunden waren, läßt sich nicht mehr entscheiden. Der Übergang zur gotischen Majuskel deutet sich zumindest in dem etwas größeren Volumen der Einzelbuchstaben an. Alle weiteren Majuskelinschriften des 14. Jahrhunderts sind dann eindeutig der gotischen Majuskel zuzurechnen.

Noch nicht mit Modeln hergestellt, sondern noch einzeln aus der Wachsplatte ausgeschnitten sind die breit proportionierten Buchstaben der ältesten Elpersheimer Glocke (nr. 11). Sie zeigen bereits aufgeblähte Bögen mit deutlichen Bogenschwellungen, keilförmige Verbreiterungen der Schaft-, Balken- und Bogenenden und kräftige Abschlußstriche bei C und unzialem E. Das symmetrische unziale M ist unten offen. Sporen finden sich nur ansatzweise bei S und V. Als Zierelemente dienen Nodi und Halbnodi an den Schäften von I und M. Die wohl bereits mit Hilfe von Buchstabenmodeln beschriftete Alphabetglocke in Lichtel (nr. 15) weist eine einheitlich stilisierte Schrift mit annähernd quadratischen, nur leicht gestreckten Proportionen auf. C, unziales E und symmetrisches unziales M sind durch Abschlußstriche geschlossen. Im Unterschied zu der Elpersheimer Glockeninschrift haben hier fast alle Buchstaben relativ breite Sporen, die oft keilförmig verdickt sind. Einzig das A hat eine Doppelform (pseudounziales neben flachgedecktem A). Die Balken des Z und die Cauda des Q haben aufgesetzte tropfenförmige Schwellungen. Von den Buchstabenformen und der Gestaltung der Sporen vergleichbar ist eine Glocke aus Schäftersheim (nr. 17), allerdings sind die Proportionen schmaler. Hier trägt auch der Balken des L eine tropfenförmige Schwellung. Als Doppelformen begegnen kapitales neben rundem N sowie V neben U. Letzteres ist oben geschlossen und somit fast nicht von dem runden, rechts geschlossenen T zu unterscheiden. Die Glocken in Lichtel und Schäftersheim dürften beide in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden sein und sind Werke fränkischer Gießer.

Elpersheim, nr. 11

Lichtel, nr. 15

[Druckseite LII]

Schäftersheim, nr. 17

Quadratische Proportionen besitzt auch die gotische Majuskel der Rüsselhausener Wandmalereiinschriften aus der ersten Jahrhunderthälfte (nr. 16). Auffällige Merkmale dieser Schrift sind – soweit noch erkennbar – die bisweilen sehr langen, fast senkrechten Abschlußstriche von C und unzialem E, der starke Kontrast von haarfeinen Linien und kräftigen Hasten, keilförmigen Balken und breiten Bogenschwellungen, die oft eine gerade Innenkontur aufweisen, sowie eingestellte senkrechte Zierstriche (in E und O). Wesentlich unregelmäßiger in Gesamtduktus und Einzelformen scheinen die in ihren Schriftformen stellenweise stark verfälschten Wandmalereiinschriften in der Niederstettener Friedhofskapelle zu sein (nr. 14). Auffällig ist der Gegensatz zwischen teils haarfein ausgezogenen, durchgebogenen Sporen an Schaft- und Bogenenden und den zu klobigen Dreiecken erweiterten nach außen umgebogenen Bogenenden des pseudounzialen A, des unzialen M und des runden N. Auch die Sporen des B sind zu unförmigen Dreiecken verdickt. Die konsequente und einheitliche Umgestaltung aller Sporen und aller umgebogenen Bogen- und Caudenenden zu flachen Dreiecken, deren stumpfer Winkel auch abgerundet sein kann, ist eines der Merkmale einer Ausprägung der gotischen Majuskel, wie sie in Unterfranken – zuerst wohl in Würzburg – ab den 30er Jahren des 14. Jahrhunderts in Inschriften zu beobachten ist152). Als weitere charakteristische Eigenheiten dieser Schriftausformung kommen eine deutliche Streckung der Buchstaben (bis zum Verhältnis von 2:1) und spitz ausgezogene Bogenschwellungen hinzu. Letzteres ist bei den Niederstettener Inschriften aufgrund des unklaren Befunds nicht (mehr?) nachzuweisen, die Sporengestaltung setzt aber wohl die Kenntnis entsprechender Vorbilder voraus, so daß die Wandmalereien eher in das zweite als in das erste Viertel des 14. Jahrhunderts zu datieren sind.

Rüsselhausen, nr. 16

Niederstetten, nr. 14

Zumindest ansatzweise spitz ausgezogene kräftige Dreiecksporen und schmale Proportionen hat die erste datierte in Stein ausgeführte Inschrift153) auf einer Weikersheimer Grabplatte von 1385 (nr. 28), die freilich insgesamt sehr unbeholfen ausgeführt ist. Die langen Sporen bewirken zum Teil verhältnismäßig große Buchstabenabstände, wodurch die Einzelbuchstaben gegeneinander weitgehend abgeschlossen sind und ein unharmonisches Gesamtbild bieten. Wesentlich sorgfältiger gearbeitet ist der eingehauene Kreuztitulus am Portal der Niederstettener Friedhofskapelle (nr. 19). Auch hier sind die Sporen zu Dreiecken umgeformt, die allerdings durch ihre zierliche Gestaltung ganz gegenüber den tief eingehauenen Schäften und Bögen zurücktreten. Die Bogenschwellung des R ist spitz ausgezogen. Eine Entstehung der Inschrift in der Mitte des 14. Jahrhunderts erscheint demnach plausibel. Spitz ausgezogene Bogenschwellungen, verbunden mit runden Bogeninnenschwellungen, zeigen die erhaben gravierten, email-negativen Inschriften auf einem Reliquiar (nr. 21). Die flachen Dreiecksporen sind in spitz auslaufende Wellenlinien umgeformt, wodurch oben und unten am Schriftband fast der Eindruck einer durchgehenden Wellenlinie entsteht. Genau dasselbe Gestaltungsprinzip zeigt die gotische Majuskel, die der Nürnberger Gießer Hermann Kessler (II.) und seine Nachfolger auf ihren ab 1358 bis ins frühe 15. Jahrhundert nachweisbaren Glocken154) verwendeten. Von Kessler stammt die [Druckseite LIII] undatierte Glocke vom Creglinger Stadtzinkenistenturm (nr. 33), von einem seiner Nachfolger eine weitere Creglinger Glocke von 1401 (nr. 37). Kessler setzte als zusätzliche Zierelemente Halbnodi und dornenförmige oder gewellte Ansätze an Schäften und Bögen ein. Eine wesentlich ausgiebigere Verwendung von Nodi, Halbnodi und Zierpunkten bei gleichzeitig etwas zurückhaltenderer Sporengestaltung zeigt die Inschrift einer Wachbacher Glocke, die von dem 1352 bis 1367 urkundlich nachweisbaren Gießer Conrad von Würzburg gegossen wurde (nr. 25).

Niederstetten, nr. 19

Niederstetten, nr. 21

Weikersheim, nr. 28

Creglingen, nr. 33

Wachbach, nr. 25

Münster, nr. 34

Keine Dreiecksporen hat die Glockeninschrift des Meisters Albuertus in Münster (nr. 34), deren Alphabet allerdings offenbar aus verschiedenen Modelsätzen zusammengesetzt wurde, wie unterschiedliche Größe, Proportionen und Stilisierung lehren. Die spitz ausgezogenen Bogenschwellungen sind in dieser Inschrift am deutlichsten ausgeprägt. Der Gießer ist anderweitig bislang nicht nachweisbar, so daß die Inschrift nur grob in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts zu datieren ist. Nach 1401 wurde im Kreis Mergentheim die gotische Majuskel dem Überlieferungsbefund zufolge nicht mehr als Textschrift eingesetzt, allenfalls noch als Auszeichnungsschrift in Versalfunktion innerhalb von Inschriften in gotischer Minuskel.

5.2. Gotische Minuskel

Die gotische Minuskel als Schrift von in Stein ausgeführten Inschriften läßt sich im Bearbeitungsgebiet erstmals 1371 nachweisen. Eine nicht erhaltene Grabplatte in Wachbach (nr. 23) war nach zuverlässigem Zeugnis mit einer „sehr lesbaren Umschrift in der eckigten Minuskel“ versehen. Das Aufkommen der gotischen Minuskel in inschriftlicher Verwendung liegt damit im Kreis Mergentheim etwas – wenn auch unwesentlich – früher als in den bislang edierten Inschriftenbeständen im Bereich der ehemaligen Diözese Würzburg und der westlich anschließenden Regionen155). Ein 1382 oder [Druckseite LIV] früher gefertigter Bildstock in Harthausen-Reckerstal (nr. 27) trug einen nur mehr durch Fotografien dokumentierten Kreuztitulus in gotischer Minuskel. Auch die früheste erhaltene Minuskelinschrift des Bearbeitungsgebiets auf dem Epitaph der Katharina von Finsterlohr in Laudenbach (nr. 29) ist noch in den 80er Jahren des 14. Jahrhunderts entstanden. Die Inschrift ist in einer regelmäßigen Textura ohne Versalien ausgeführt. Während die Buchstaben mit Unterlängen (g) ganz in den Mittellängenbereich eingefügt sind, sind die leicht rechtsschräg geschnittenen Oberlängen deutlich ausgeprägt; der auffällig weit aufragende obere Bogen des a füllt den gesamten Oberlängenbereich aus. An die Fahne des r ist ein Zierhaken angesetzt. Das Grabmal wurde in einer vermutlich in Würzburg beheimateten Werkstatt hergestellt, von der eine große Zahl weiterer Grabmäler für den gräflichen, edelfreien und niederen Adel vorwiegend in Unterfranken erhalten ist156). Weitere epigraphische Merkmale dieser Werkstatt sind Worttrenner in Form von auf der Kante liegenden Quadrangeln sowie eine Rosette anstelle des Invokationskreuzes am Beginn der Inschrift. Die Laudenbacher Inschrift wurde noch zu Lebzeiten der Katharina von Finsterlohr begonnen, und das Sterbedatum wurde später von einem Steinmetz derselben Werkstatt nachgetragen, worauf leichte Abweichungen in der Schriftausführung hindeuten. Wohl derselben Werkstatt ist ferner ein Grabmal von 1412 in Waldmannshofen (nr. 39) zuzuweisen, dessen Minuskel weitgehende Übereinstimmungen mit der (jüngeren) Laudenbacher Inschrift zeigt. Besonders signifikant sind die identischen Formen von k und x, t mit beidseitig überstehendem, etwas nach unten gerücktem Balken, sowie die erwähnten Worttrenner. Als Versalien sind ein vergrößertes Minuskel-a und ein durch Bogenbrechung an die Form der Textura angepaßtes, links geschlossenes unziales M eingesetzt. Die gotische Minuskel scheint, soweit sich dies aus dem spärlichen Material ablesen läßt, die gotische Majuskel als epigraphische Schrift gegen Ende des 14. Jahrhunderts völlig verdrängt zu haben.

Insgesamt ist die Verwendung von Versalien in den Minuskelinschriften des 15. Jahrhunderts eher selten, meist beschränkt sie sich auf das einleitende A von Anno oder auf die Buchstaben in Funktion römischer Zahlzeichen. Das beigefügte Schaubild gibt einen Überblick über die Versalien der in gotischer Minuskel in Stein und Metall ausgeführten Inschriften. Mit einem reicheren Einsatz von Versalien wartet eine mit sorgfältiger Vorritzung eingemeißelte Bauinschrift von 1412 in Laudenbach auf (nr. 38), die nur kurze Ober- und Unterlängen aufweist. Bemerkenswert ist das kastenförmige a, das als Doppelform im Wortinnern und am Wortende auftritt neben einem a mit rundem, als Haarlinie ausgeführtem oberen Bogen, das nur am Wortanfang steht. Das kastenförmige a ist sonst im südwestdeutschen Raum in Inschriften kaum nachzuweisen. Eine nur wenig jüngere Bauinschrift in Weikersheim (nr. 42) wirkt mit ihren dünnen, weit auseinanderstehenden Schäften und der unterschiedlichen Höhe der Oberlängen recht ungelenk. Sehr unregelmäßige Minuskelinschriften finden sich vor allem auf Grabplatten in Creglingen, die von Steinmetzen gefertigt wurden, die offensichtlich Schwierigkeiten mit der Ausführung gleichförmiger Brechungen und gleich ausgerichteter Senkrechten hatten. Auf einer Grabplatte von 1488 (nr. 70) behalf sich der Steinmetz damit, das besonders schwierige Schluß-s in Form einer eckigen 8 aus zwei übereinandergesetzten Rauten wiederzugeben. Eine Schriftentwicklung läßt sich aus den Minuskelinschriften des 15. Jahrhunderts nicht ablesen. Neben Inschriften mit kurzen und stumpf oder schräg endenden Oberlängen finden sich ab der Mitte des 16. Jahrhunderts (nr. 57) auch solche mit tief gespaltenen Oberschäften. Auch bei der Verwendung von Zierelementen – vor allem von haarfeinen Häkchen an c, e, r und t – ist keine Entwicklung im Sinne einer Zunahme festzustellen. Ausgesprochen schmale Proportionen und eng aneinandergefügte Buchstaben hat eine Inschrift von 1488 in Archshofen (nr. 71). Sie verzichtet zudem, wie bereits zwei Creglinger Inschriften aus der Jahrhundertmitte (nrr. 58, 59), auf Worttrenner.

Nachdem als Versalien zuvor hauptsächlich vergrößerte Gemeine, gotische Majuskeln oder im Bereich der Buchschrift entwickelte Textura-Versalien zum Einsatz kamen, verwendet eine Laudenbacher Bauinschrift von 1476 (nr. 62) erstmals ein A der frühhumanistischen Kapitalis mit weit überstehendem Deckbalken und geknicktem Mittelbalken. Dieselbe Form, aber wesentlich feingliedriger, mit leicht eingebogenen Schrägschäften und mit schräg geschnittenen Balkenenden, kommt in einer Bauinschrift von 1494 in Markelsheim vor (nr. 76). Diese charakteristische Ausformung des Versals, zusammen mit einer übereinstimmenden, sehr auffälligen Form des x, verbindet die Markelsheimer Inschrift mit einer Bauinschrift von 1510 an der Mergentheimer Wolfgangskapelle (nr. 107), die vom selben Steinmetzen gefertigt sein dürfte.

Eigenartige feinstrichige und zum Teil bis zur Unkenntlichkeit in ihre Einzelteile zergliederte Versalien besitzt die Sterbeinschrift des Mergentheimer Deutschordenskomturs Graf Georg von Henneberg [Druckseite LV][Druckseite LVI] von 1508 (nr. 101). Leider ist die Inschrift in weiten Teilen zerstört, so daß gerade die nur schwach ausgehauenen feinen Linien der Versalien kaum noch zu erkennen sind. Vorbilder dürften in Zieralphabeten der Schreibmeister und in Auszeichnungsbuchstaben der Bastarda und verwandter Kanzleischriften zu suchen sein157). Die Gemeinen sind sehr schmal und stehen eng gefügt, so daß trotz der etwas unregelmäßigen Ausrichtung der Schäfte und senkrechten Teile der gebrochenen Bögen der Eindruck eines kompakten Schriftbandes entsteht. Der Meister des auch stilistisch hervorragenden Grabmals konnte bislang noch nicht ermittelt werden.

Die jüngeren Minuskelinschriften des 16. Jahrhunderts erreichen das strenge Schriftbild der Textura nicht mehr, vielmehr werden sie – zum Teil unter Aufnahme von Frakturelementen – verfremdet. So weist die kurze Inschrift eines Laudenbacher Bildstocks von 1518 (nr. 118) zwar noch die Proportionen der gotischen Minuskel auf, das e hat aber bereits einen mit dem Balken zum Schwellzug verschmolzenen oberen Bogenabschnitt, während der linke Bogenabschnitt noch nach Art der Textura als senkrechter Schaft ausgeführt ist. Die Bögen von g und p sind annähernd rechteckig gebrochen, und die Linien haben fast alle die gleiche Strichstärke. Weit vom Kanon der Textura entfernt ist eine Mergentheimer Gedenkinschrift von 1540 (nr. 143), die ohnehin unbeholfen gehauen ist, darüber hinaus aber auch zahlreiche ausgerundete Bögen und vereinfachte Brechungen zeigt. Auffällig sind das einstöckige a, dessen Schaft unten nicht nach rechts gebrochen ist, und b mit stark eingeschnürtem Bogen. Die schlichten Versalien sind größtenteils Anleihen aus der frühhumanistischen Kapitalis. Wesentlich gleichmäßiger gehauen, aber durch eigenwillige Stilisierung ähnlich verfremdet erscheint die Minuskel auf einem Wachbacher Epitaph von 1545 (nr. 152). Die Ober- und Unterlängen sind lang ausgezogen, i erscheint stets als i-longa, a stellt durch Einschnürung des Bogens eine Mischung zwischen ein- und zweistöckiger Form dar, und o und d haben eine gestreckte sechseckige Grundform. Auch bei dieser Schrift ist kaum mehr ein Strichstärkenwechsel zwischen Senkrechten, Links- und Rechtsschrägen zu bemerken. Die Abstände der Einzelbuchstaben voneinander sind geringer als die Binnenabstände der Senkrechten innerhalb eines Buchstabens. Dadurch wird die Lesung trotz gleichmäßiger Schriftausführung erheblich erschwert.

Als nächstes müssen die Schriftprodukte einer Werkstatt in den Blick genommen werden, von der im Bearbeitungsgebiet nicht weniger als sieben Grabmäler mit Minuskelschrift sowie zwei weitere, in Kapitalis beschriftete, erhalten sind. Die völlig einheitliche Schriftausführung auf allen diesen Grabmälern legt es nahe, von der Hand ein und desselben ausführenden Bildhauers auszugehen. Es handelt sich durchweg um Denkmäler des Niederadels, die zwischen 1542 und 1560 in Wachbach, Niederstetten und Laudenbach errichtet wurden158). Anneliese Seeliger-Zeiss hat schon darauf hingewiesen, daß der Werkgruppe weitere Inschriftendenkmäler in den Landkreisen Karlsruhe, Heilbronn, Ludwigsburg, Schwäbisch Hall sowie im Hohenlohekreis anzureihen sind159). Insgesamt erweitert sich die Zahl der Werke dadurch um achtzehn: Schwaigern (Lkr. Heilbronn): 1534 (?) und 1536; Unterriexingen (Lkr. Ludwigsburg): 1531, 1543, zweimal 1544160); Flehingen (Lkr. Karlsruhe): 1542, um 1542161); Dörzbach (Hohenlohekreis): 1540, 1543, 154(.); Schöntal (Hohenlohekreis): 1541, 1553; Künzelsau: 1545; Vellberg-Stöckenburg (Lkr. Schwäbisch Hall): 1545, 1551, 1560; Schrozberg (Lkr. Schwäbisch Hall): 1546. Eine Lokalisierung der produktiven Werkstatt, die offenbar ausschließlich den ritterschaftlichen Adel mit Figurenepitaphien und -grabplatten belieferte, ist nach wie vor nicht gelungen. Als Notnamen schlage ich aufgrund des Produktionsschwerpunkts über einen längeren Zeitraum „Meister von Niederstetten und Wachbach“ vor. Die Minuskel weist in der Regel große Wortabstände auf, Worttrenner finden sich nicht auf allen Inschriftenträgern. Einigen Denkmälern sieht man deutlich an, daß die Inschriften flüchtiger ausgeführt wurden. Vor allem die zeilenweise eingehauenen Inschriften der späteren Epitaphien (nrr. 162, 181, 182) wirken durch auf fehlende Vorzeichnung zurückzuführende unregelmäßige Zeilenführung und -höhe sehr unruhig. Gemeinsame [Druckseite LVII] Merkmale aller Inschriften sind kurze, gleichwohl markante Ober- und Unterlängen (Oberlängen rechtsschräg geschnitten oder gespalten), schmale, gestreckte Proportionen und geringe Buchstabenabstände. Wie bei der Wachbacher Inschrift von 1545 (nr. 152) sind auch hier die Abstände der Senkrechten innerhalb der Buchstaben größer als die Abstände zu den benachbarten Schriftzeichen. Besonders auffällig sind die weiten Spatien zwischen den unverbundenen Schäften von m, n und u. Die Hasten des v sind meist beide nach außen schräggestellt und verbreitern den Buchstaben dadurch überproportional. Die in der strengen Textura zu senkrechten Linien umgebrochenen Teile der Bögen (bei b, d, g, h, o) werden häufig nach innen durchgebogen. Da der Grad der Krümmung sehr stark schwankt, haben die Einzelbuchstaben eine große Variationsbreite. Ein weiteres Charakteristikum der Werkstatt sind die Versalien. Das markante A am Beginn der Sterbeinschriften wird konsequent immer in derselben Form gebildet: pseudounziale Grundform, aufgesetzte doppelbogige Schwellung auf dem geschwungenen linken Schaft und begleitende haarfeine Zierlinien. Der Kanon der Versalien beschränkt sich sonst ganz rigoros auf kapitales A und C (jeweils nur einmal), zweibogiges E, Fraktur-J, ausgesprochen breites symmetrisches unziales M, S und – auf den Grabmälern der Rosenberger – R mit kleinem Bogen und steiler, auswärts gebogener oder geschwungener Cauda. Für alle übrigen Buchstaben werden – auch bei Eigennamen – ausschließlich die Gemeinen gesetzt.

Weitgehende Übereinstimmungen mit der beschriebenen Schrift zeigt die Umschrift einer nur mehr fragmentarisch erhaltenen Äbtissinnengrabplatte aus Kloster Frauental, die 1529 oder 1530 entstanden ist (nr. 135). Die Proportionen sind noch etwas schmaler, auf die Durchbiegung der senkrechten Bogenteile ist verzichtet, und die Worttrenner-Quadrangeln sind oben und unten mit Zierhäkchen besetzt. Ansonsten entspricht die Schrift aber in allen Einzelheiten der der vorgestellten Werkgruppe, besonders hervorzuheben sind die seltene Form des k und die E- und M-Versalien162). Da – soweit erkennbar – die Gestaltung des Faltenwurfs in dem Bildrelief und auch die Form und Gestaltung der Wappenschilde von den späteren Werken des Bildhauers erheblich abweichen und eine höhere Qualität erkennen lassen, ist der Befund wohl nur so zu erklären, daß das Bildrelief von einem älteren Meister geschaffen, die Inschrift aber von dem späteren Bildhauer „von Niederstetten und Wachbach“, der 1529/30 vermutlich noch Geselle war, hinzugefügt wurde. Von der Hand des älteren Meisters rühren übrigens nach Ausweis der identischen Form der Wappenschilde zwei in Kapitalis beschriftete Epitaphien von 1529 in Niederstetten (nrr. 133, 134) her.

In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wird die gotische Minuskel als Schrift für in Stein ausgeführte Inschriften sehr schnell von Kapitalis und Fraktur verdrängt. Eine Brückenbauinschrift von 1560 in Creglingen (nr. 184) nimmt mit der Ausrundung der Bögen bei b, h, g und Schluß-s sowie der Fahne des langen s wesentliche Merkmale der Fraktur auf, o erscheint neben der Texturaform auch spitzoval. Langes s ist allerdings noch auf der Grundlinie gebrochen, und die für die Fraktur typischen Schwellschäfte und Schwellzüge fehlen noch ganz. Ebenfalls um eine Mischschrift handelt es sich bei einer unbeholfen ausgeführten Inschrift auf einer Creglinger Grabplatte von 1568 (nr. 200). Ein letztes Mal begegnet die gotische Minuskel in Stein auf einem nur mehr fragmentarisch erhaltenen Epitaph in Markelsheim, das wohl in die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zu datieren ist. Diese Spätform der Minuskel mit langen Ober- und Unterlängen und rechteckig abknickenden c und s, die aber noch ganz dem Kanon der Textura verpflichtet ist, wenngleich das Schriftbild durch unregelmäßige Buchstabenabstände und durch uneinheitliche Versalien aufgelockert ist, erinnert an die – freilich qualitätvollere – Schrift der Ulmer Bildhauerwerkstätten von Hans Schaller († 1594) und seinen Schülern Michael Schaller (1613 †), Peter Schmid († 1608) und Georg Huber († 1628/48)163). Da Georg Huber aus Mergentheim stammte, könnte diese typische Schriftausprägung vielleicht von ihm in seine Heimat vermittelt worden sein.

Auf Glocken finden sich die frühesten Inschriften in gotischer Minuskel im Bearbeitungsgebiet um 1400. Die Schrift der beiden Oberstettener Glocken (nrr. 31, 32) ist zwar regelmäßig, durch Gußfehler aber erheblich beeinträchtigt und schwer lesbar. Die Minuskel beherrscht dann im 15. und 16. Jahrhundert das Schriftbild der Glockeninschriften völlig. Während die Glocken aus dem 1. Viertel des 15. Jahrhunderts keine Schriftbesonderheiten aufweisen, zeigen die Nürnberger Glocken des Meisters Ulrich und seiner Nachfolger von 1429 und 1433 (nrr. 46, 47) charakteristisch gespaltene und beidseitig eingerollte Oberschäfte sowie unten nach rechts hochgebogene und meist perlartig verdickte Abstriche an den Balken von f und t, am oberen Bogenabschnitt des c, an der Fahne des r sowie am rechten Fortsatz des g. Die gesamte Schrift ist in ein Zweilinienschema gezwängt. Ganz ähnlich ist die Minuskel des Konrad Gnoczhamer, die aber noch zusätzlich zahlreiche Zierhäkchen [Druckseite LVIII] einsetzt. An einige Buchstaben sind in Blattranken mündende Zierlinien angefügt. Die Minuskel der Heilbronner Lachaman-Glocken unterscheidet sich von der der Nürnberger Glocken deutlich durch ausgeprägte Ober- und Unterlängen. Bemerkenswerte Zierformen haben schließlich die Nürnberger Glocken des späten 16. Jahrhunderts aus den Gießhütten von Pankraz Bemer und den beiden Christoph Glockengießer: Sowohl die Ober- als auch die Unterlängen sind tief gespalten und beidseitig eingerollt, die Buchstaben mit Oberschäften haben in Höhe der Oberlinie des Mittelbandes oft einen dornartigen Ansatz links am Schaft. Da die Alphabetmodel innerhalb der Gießhütten von Generation zu Generation weitergegeben wurden, hielt sich die gotische Minuskel im Bereich der Glockeninschriften im Kreisgebiet – wie auch andernorts – bis weit ins 17. Jahrhundert. Die letzten nachweisbaren Minuskelglocken wurden 1613 von Christoph Glockengießer d. J. in Igersheim gegossen (nrr. 405, 406).

Die späteste Anwendung im inschriftlichen Bereich überhaupt fand die gotische Minuskel auf den beiden geschmiedeten Uhrtafeln des Mergentheimer Bläserturms von 1620 (nr. 433). Bei der Wiedergabe der römischen Zahlzeichen des Zifferblatts hat sich die Schreibung in Textura bezeichnenderweise vielfach bis heute gehalten.

Auf Messingtafeln und -epitaphien sind insgesamt acht Inschriften des 15. und 16. Jahrhunderts in erhabener gotischer Minuskel auf uns gekommen. Die älteste, 1471 entstandene (nr. 61) zeichnet sich durch große Regelmäßigkeit aus. Wie bei erhabenen Minuskelinschriften häufig zu beobachten, ist auch hier die Breite der Schäfte größer als der Abstand zwischen den Senkrechten. Dies ergibt, zusammen mit den Quadrangeln an Ober- und Unterlinie des Mittellängenbereichs, den für die Textura typischen Gittercharakter. Die Schrift ist dennoch aufgrund der deutlichen Ober- und Unterlängen gut lesbar. Sie verzichtet auf jegliche Zierformen sowie auf Versalien und Worttrenner. Die Oberlängen sind rechtsschräg geschnitten. Auch eine Inschrift von 1485 (nr. 67) zeigt eine ausgeprägte Gitterstruktur, deren Eindruck noch verstärkt wird durch leicht eingeschnürte Schäfte und kräftigere Quadrangeln. Der rechtsschräge Schnitt der Oberschäfte ist stark eingebogen, gelegentlich fast eingekerbt. Die in einer Rothenburger Werkstatt hergestellte Inschrift weist Zierhäkchen an g, r und t auf, die am Zeilenende in lange Zierlinien auslaufen können. Der Schriftgrund ist rechtsschräg schraffiert. Bei mittellangen Buchstaben ist das obere Ende des linken Schafts in bestimmten, einer festen Regel folgenden Fällen rechtsschräg geschnitten statt mit einem Quadrangel versehen. Die Versalien sind dem Breitfederduktus der Textura angepaßt, lediglich am Beginn der Inschrift steht eine Lombarde. Schmalere Proportionen hat die Minuskel einer ebenfalls in Rothenburg gefertigten Inschrift von 1502 (nr. 94), die bereits eine deutliche Tendenz zur Ausrundung von Bögen (g, Schluß-s, v) sowie als Zierelemente eingerollte Bogenenden bei g, h und z zeigt. Die Ober- und Unterlängen ragen weit in die zwischen den Zeilen stehenden Stege hinein; runder i-Punkt ist konsequent gesetzt. Die Textura-Versalien sind ausgesprochen schmal und durchbrechen das Mittelband kaum. Der Schriftgrund ist wiederum schrägschraffiert, als Worttrenner dienen Parallelogramme. Qualitätvolle Frakturversalien mit feinen, Kontraschleifen bildenden Zierlinien hat die Minuskel des 1539 in der Nürnberger Vischer-Werkstatt gefertigten Epitaphs für Hochmeister von Kronberg (nr. 139). Die völlig regelmäßigen Gemeinen sind dagegen bemerkenswert schlicht mit nur mäßiger Betonung der zu Quadrangeln umgeformten gebrochenen Schaftenden. Einige Oberschäfte sind mit Zierbögen überwölbt oder mit Kontraschleifen versehen, wo die Zeilenzwischenräume dafür Platz lassen. Einfache, weitgehend schmucklose Versalien aus verschiedenen Alphabeten finden sich in drei Creglinger Inschriften von 1546 und 1560 (nrr. 156, 157, 183), die mit Sicherheit in Nürnberg hergestellt wurden. Die Brechungen an den unteren Schaftenden sind links gelegentlich fast ausgerundet, die Oberlängen sind spitz ausgezogen und leicht nach rechts gebogen. Auf Worttrenner ist verzichtet; der Schriftgrund ist bei zwei der Inschriften mit Punktpunzen strukturiert. Ein spätes Beispiel einer gotischen Minuskel mit überbetonten Quadrangeln mit eingebogenen Kanten, mit auffällig großen viereckigen i-Punkten sowie mit plumpen Frakturversalien bietet schließlich ein Weikersheimer Epitaph von 1588 (nr. 270), dessen Werkstatt noch nicht ermittelt werden konnte. Das l kommt auch in Frakturform mit leicht geschwungenem, nach oben hin spitz zulaufendem Schaft vor.

Gemalte Inschriften in gotischer Minuskel erscheinen im Bearbeitungsgebiet erstmals im ausgehenden 14. Jahrhundert in den Glasmalereien der Creglinger Herrgottskapelle (nr. 30). Weder die in Schwarzlot aufgemalten noch die negativ aus dem schwarzen Schriftgrund ausgeschabten Inschriften weisen paläographische Besonderheiten auf. Allenfalls ist eine gewisse Häufung von Bogenverbindungen in einer der Inschriften zu erwähnen, da solche in den in Stein ausgeführten Inschriften des Kreisgebiets nur selten vorkommen. Versalien sind nicht verwendet. Die Wandmalereiinschriften des 15. Jahrhunderts sind schlecht erhalten und teilweise zudem durch Übermalungen verfälscht, so daß keine sinnvolle Auswertung des Schriftbefunds möglich ist (nrr. 55, 56, 68, 83, 90). Einen reicheren Bestand bietet lediglich die Kreuzgangausmalung der Mergentheimer Dominikanerkirche aus der [Druckseite LIX] Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert (nr. 93). Hier lassen sich als Schmuckelemente geschwungene und an beiden Enden perlartig verdickte lange Zierlinien an c, e, r und t benennen. Als Versalien sind Großbuchstaben verwendet, die im Bereich der Buchschriften in Anpassung an den Breitfederduktus der Textura entwickelt wurden. Ebenfalls eine Übernahme aus der Buchschrift ist die Auszeichnung dieser Versalien durch eingemalte rote Schrägstriche.

5.3. Frühhumanistische Kapitalis

Die frühhumanistische Kapitalis ist als inschriftlich verwendete Schriftart im Bearbeitungsgebiet zumindest nach dem Befund der Überlieferung unbedeutend. Wie auch andernorts häufig, kommt die Schrift zum ersten Mal auf Tafelbildern eines Altarretabels vor. Die von Jakob Mülholzer gemalten Altarbilder von 1496 in der Creglinger Herrgottskapelle (nr. 78) zeigen die frühhumanistische Kapitalis in ihrer typischen Verwendung als dekorative Schrift in Spruchbändern, Nimben und auf Gewandsäumen. Sie hat die charakteristischen schmalen Proportionen, ist ausgesprochen feinstrichig ausgeführt und weist an den freien Enden der Schäfte, Balken und Bögen kräftige Dreiecksporen auf. Auffällig ist eine Häufung ungewöhnlicher Nexus litterarum.

Creglingen, nr. 78

Ein weiteres Milieu, in dem die Schriftart im allgemeinen bevorzugt eingesetzt wurde, sind die geschnitzten Inschriften. Eine Markelsheimer Bauinschrift von 1539 an einem Fachwerkständer (nr. 138) zeigt eine hervorragend stilisierte, schlanke Kapitalis mit keilförmig verbreiterten Balken- und Schaftenden, wobei die Keile schräg geschnitten sind. Typische Buchstabenformen sind links offenes D, zweibogiges E, M mit schrägen Schäften und kurzem Mittelteil, R mit kleinem Bogen und steiler Cauda sowie zweistöckiges Z. Völlig gleichbleibende Strichstärke hat die 1536 gravierte Umschrift auf einer Becherschraube im Deutschordensschatz (nr. 137). Als charakteristische Elemente der frühhumanistischen Kapitalis kommen hier neben zweibogigem E spitzovales O, großbogiges P, A mit einseitig überstehendem Deckbalken und (sparsam eingesetzte) Verzierungen der Schäfte in Form von Ausbuchtungen und Halbnodi vor.

Weniger der Duktus als vielmehr die Einzelbuchstaben lassen die Klassifizierung der Schrift einer Creglinger Grabplatte von 1520 als frühhumanistische Kapitalis zu (nr. 120). Die Buchstaben sind breitstrichig mit flach-rechteckiger Kerbe eingehauen und ohne Sporen ausgeführt. Vermutlich waren sie ursprünglich mit einer farblich kontrastierenden Füllmasse ausgegossen. Durch diese Herstellungstechnik ist die die Schriftart sonst kennzeichnende Dünnstrichigkeit nicht erreichbar. Die relativ schmal proportionierte Schrift hat auffällig viele Doppelformen. Die Zierformen beschränken sich auf Ausbuchtungen von Schäften und Schrägschäften. Schließlich weisen noch zwei kurze Baudaten auf Burg Neuhaus und am Mergentheimer Rathaus von 1546 und 1564 eine feinstrichige frühhumanistische Kapitalis auf. Im Bereich der Wandmalereien sind nur die weitgehend zerstörten Beschriftungen der Schriftbänder in den Gewölbemalereien der Waldmannshofener Kirche aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts (nr. 56) dieser Schriftart zuzurechnen.

5.4. Kapitalis

Die früheste Kapitalisinschrift des Bearbeitungsgebiets ist eine eingeschnitzte kurze Gewandsauminschrift am Creglinger Riemenschneider-Altar (nr. 75, nach 1493). Sie ist mit ihren schmalen Proportionen, der keilförmigen Verbreiterung der sporenlosen Schaft- und Balkenenden und einigen Einzelformen (M mit kurzem Mittelteil, eckiger OR-Nexus) noch weit von dem – hier sicherlich auch nicht angestrebten – Idealbild der klassischen Kapitalis entfernt. Aus dem 1. Viertel des 16. Jahrhunderts [Druckseite LX] sind lediglich gemalte Kapitalisinschriften erhalten. Die Gewölbemalereien in Archshofen (nr. 122) zeigen zumindest in den Proportionen eine Annäherung an das klassische Vorbild, bei A ist zum Teil Linksschrägenverstärkung zu beobachten. Unklassische Formen sind M mit senkrechten Schäften und kurzem Mittelteil, R mit geschwungener Cauda sowie Ausbuchtungen an Balken und Schrägschäften von A, H und N. Einen ausgeprägten Wechsel von Haar- und Schattenstrichen sowie regelmäßige Linksschrägenverstärkung und linksschräge Schattenachse der Bogenverstärkungen bieten die Inschriften einer vermutlich aus Mergentheim stammenden Wappenscheibe (nr. 129); auch hier haben freilich M einen kurzen Mittelteil und R eine geschwungene Cauda, H einen ausgebuchteten Balken.

In Stein ausgeführt begegnet die Kapitalis erst 1529 auf zwei Epitaphien in Niederstetten (nrr. 133, 134). Sie ist geprägt durch insgesamt dünnstrichige Ausführung und den Gegensatz zwischen sehr breiten Buchstaben mit quadratischen Proportionen (D, G, H, O) und ausgesprochen schmalen Buchstaben (A, B, C, E, F, L, S, T). V hat eine schwache Linksschrägenverstärkung, N ist durchweg retrograd, und R hat eine steile, bisweilen nach außen durchgebogene Cauda. Das obere Bogenende von B und R kann gegenüber dem Schaft leicht eingezogen sein. Die beiden Grabmäler wurden nach Ausweis der Wappenformen vom selben Meister geschaffen wie eine Äbtissinnengrabplatte in Frauental (nr. 135). Wie bereits oben gezeigt164), wurde deren Beschriftung in gotischer Minuskel höchstwahrscheinlich von einem anderen Bildhauer vorgenommen, von dessen Hand etliche, vorwiegend in gotischer Minuskel beschriftete Grabmäler aus dem 2. Drittel des 16. Jahrhunderts erhalten sind. Im Bearbeitungsgebiet tragen vier davon, entstanden zwischen 1544 und 1560, Inschriften in Kapitalis (nrr. 149, 162, 173, 182). Die Schrift dieses „Meisters von Niederstetten und Wachbach“ weist ganz ähnliche Merkmale wie die des älteren Meisters auf, Proportionen und Strichstärke sind gleich. In den Einzelformen gibt es allerdings prägnante Unterschiede. B und R sind fast durchweg mit leicht eingezogenem oberen Bogenende gebildet, wobei der Bogen gegenüber dem oberen Schaftende aufgebläht erscheint. M hat meist schräggestellte Schäfte, der Mittelteil kann vereinzelt (nr. 149) bis zur Grundlinie reichen; L hat eine Oberlänge, I hat regelmäßig den Punkt. Zweibogiges E, J und breites unziales M kommen als Doppelformen neben den kapitalen Buchstaben vor, freilich nur am Wortanfang. Sie haben somit dieselbe „Versalfunktion“, auch wenn sie nicht als solche ins Auge fallen, wie in den Minuskelinschriften desselben Meisters.

Eine Wappentafel von 1546 an Burg Neuhaus (nr. 158) scheint mit einer ausgewogenen Renaissancekapitalis beschriftet zu sein, die jedoch aufgrund der weitgehenden Verwitterung nur schwer zu beurteilen ist. Erstmals erscheinen überhöhte Anfangsbuchstaben. Dieses Phänomen bleibt, verglichen mit anderen Regionen, im Bearbeitungsgebiet bis 1650 bemerkenswert selten. Einen krassen Kontrast zu dieser qualitätvollen Schrift bieten eine Grabplatte in Finsterlohr von 1547 (nr. 160) mit ungeschlachter, mit zahlreichen Minuskeln durchmischter Kapitalis, mit unzialem D und A mit geknicktem Mittelbalken, sowie eine Creglinger Grabplatte von 1551 (nr. 168) mit dünnstrichig und ungelenk eingehauenen, relativ schmalen Buchstaben mit teilweise überbetonten Sporen.

Zwei Inschriften von 1562 und 1563 (nrr. 186, 187) zeigen jeweils einheitlich durchgeformte, manieriert wirkende Schriften, die einen wenig ausgeprägten Strichstärkenwechsel, aber deutliche Serifen aufweisen. Als verfremdende Elemente der frühhumanistischen Kapitalis sind spitzovales O, zweibogiges E und A mit ein- oder beidseitig überstehendem Deckbalken verwendet, Inschrift nr. 187 hat außerdem Frakturversalien. Weitere bewußt dekorativ verfremdete Kapitalisschriften finden sich in dieser Zeit auf Wappensteinen in Weikersheim (nr. 197) und Markelsheim (nr. 193). Erstere durchmischt die Kapitalis mit Minuskelbuchstaben (e, d, t, l), A hat einen Deckbalken und einen geknickten Mittelbalken, und Balken und Schrägschaft von H und N sind ausgebuchtet. Die Ausbuchtung als Zierelement findet sich auch auf dem Markelsheimer Wappenstein, zudem D mit verkürztem Schaft und weit nach links übergreifendem oberen Bogenende. Links offenes D mit Kurzschaft sowie A mit Deckbalken sind auch in einer ansonsten weitgehend den klassischen Proportionen entsprechenden Inschrift in Archshofen (nr. 207) zu beobachten. Statt der Schrägenverstärkungen sind die Schaftenden hier durchweg leicht keilförmig verdickt.

Die Inschriften des 3. Viertels des 16. Jahrhunderts, zumeist auf schlichten Grabplatten von Bürgerlichen, sind dann im allgemeinen weit vom antiken Vorbild entfernt, sie sind meist dünnstrichig und wenig sorgfältig ausgeführt. Ein höchstwahrscheinlich in Creglingen ansässiger Steinmetz fällt durch einige paläographische Besonderheiten auf: Worttrenner in Form doppelter kurzer Schrägstriche auf Zeilenmitte, A mit geknicktem Mittelbalken (und mitunter auch mit Deckbalken) neben der Normalform, M mit schräggestellten Schäften und extrem kurzem Mittelteil, S mit weit eingebogenen Enden, [Druckseite LXI] G mit nach rechts überstehendem oberen Bogenende, charakteristische Sporenausrichtung und prägnante Ziffernformen sowie bei einigen Inschriften eine Häufung von Nexus litterarum. Nach vier zwischen 1572 und 1574 entstandenen Inschriften (nrr. 212, 213, 217, 218) lassen sich zwei Spätwerke von 1599 und 1602 (nrr. 319, 350) aufgrund der Schrifteigentümlichkeiten demselben Steinmetzen zuweisen. Die letzte Inschrift ist recht nachlässig gehauen und verzichtet bereits auf die typischen Worttrenner.

Eine Verfremdung bis hin zu völlig unproportionierten Einzelformen ist bei den erhaben gehauenen Initialen auf zwei Wappensteinen von 1574/75 in Frauental zu beobachten, die sicherlich von einer Hand stammen (nrr. 219, 224). Auffällig sind besonders das Z mit schräggestellten Balken und langem Mittelbalken und in einem Fall die originelle Verzierung der Ziffern der Jahreszahl, die zugleich, mit Gesichtern versehen, als Wappenhaltermännchen fungieren. Eine äußerst schmale, gestreckte Kapitalis verwendete der Windsheimer Bildhauer Georg Beringer auf dem Epitaph des Hochmeisters Hund von Wenkheim (nr. 214). Die Bögen des B bzw. Bogen und Cauda des R setzen jeweils unverbunden untereinander am Schaft an.

Herausragendes Schriftprodukt ist die besten antiken Mustern verpflichtete Kapitalis auf einem Niederstettener Epitaph von 1576 (nr. 226), das vermutlich in der Werkstatt des Haller Bildhauers Sem Schlör gefertigt wurde. Konsequente Linksschrägenverstärkung, linksschräge Schattenachse der Bogenlinien, M mit bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil sind besondere Qualitätsmerkmale. Unklassische Elemente sind nur die senkrechten Schäfte des M, die geschwungene Cauda des R, der untere Sporn am rechten Schaft des N und die Quadrangel-Worttrenner.

Die im Kreisgebiet mit Abstand produktivste Werkstatt war im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts die des Reinsbronner Bildhauers Michel Niklas. Niklas’ Inschriften sind teils in Kapitalis, teils in Fraktur ausgeführt, oft sind beide Schriftarten nebeneinander auf einem Inschriftenträger kombiniert165). Die äußerst charakteristische Kapitalis findet sich im Kreis Mergentheim auf insgesamt 16 Inschriftenträgern aus dem Zeitraum von 1575 bis 1608166). Am Duktus fällt besonders die Betonung der Senkrechten auf. Die Schäfte erhalten die volle Breite des Schattenstrichs, die Schattenachse der Bogenverstärkungen steht senkrecht. Die Balkensporen sind sämtlich rechtsschräg angesetzt, während die Bogensporen stark eingebogen bis s-förmig geschwungen sind; alle Bögen sind kreisrund ausgeführt. Insgesamt sind meist die klassischen Proportionen beachtet, mit Ausnahme einiger aus Platzmangel mitunter deutlich gestreckter Inschriften. Zu den Einzelformen: A ist oben spitz ohne Sporn; die Linksschrägenverstärkung ist nicht immer deutlich. Der obere Bogen des B ist deutlich kleiner, die Bögen können (selten) getrennt untereinander am Schaft ansetzen. Oberer und unterer Balken des E sind annähernd gleich lang, der Mittelbalken ist deutlich kürzer. Die senkrechte Cauda des G ist in den früheren Inschriften Niklas’ nach links eingerückt, so daß das untere Bogenende nach rechts über die Cauda hinausgreift, das obere Bogenende reicht weit hinab. Die Einrückung der Cauda kommt nach 1580 fast nicht mehr vor167). I hat in den früheren Inschriften meist keinen Punkt, in der Folge wird er zunächst unregelmäßig gesetzt, erst ab etwa 1600 konsequent. M hat senkrechte Schäfte und einen Mittelteil, der nur knapp unter die Zeilenmitte reicht, die oberen Schaftsporen sind nach beiden Seiten ausgezogen. Der Schrägschaft des N ragt über beide Schäfte leicht hinaus und bildet deutliche Serifen aus. Nur einmal erscheint ein geschwungener, weit über die Schäfte ausgreifender Schrägschaft (nr. 258). In der Bildhauersignatur Niklas’ ist der Schrägschaft als Haarstrich mit Ausbuchtung ausgeführt. O ist zunächst mit senkrechter Schattenachse, bei späten Inschriften (nrr. 281, 354) gelegentlich mit gleichbleibender Strichstärke ausgeführt, ab 1578 selten auch spitzoval (nrr. 239, 258, 387). Q ist kreisrund mit geschwungener, die Kreislinie rechts relativ weit oben durchschneidender Cauda. Nur einmal ist auf die Unzialform mit kleinem Bogen zurückgegriffen (nr. 239). Die geschwungene Cauda des R läuft in eine Haarlinie aus und bildet keine Sporen. Bogen und Cauda setzen nur selten getrennt untereinander am Schaft an. Die Bogenenden des S sind weit eingebogen, der Mittelteil hat eine kräftige Bogenverstärkung. V hat in der Regel eine Linksschrägenverstärkung. Y hat die Form einer linksgewendeten spitzen Fünf oder besteht aus einem kurzen und aus einem langen, unverbunden nebeneinander stehenden Schaft mit zwei Punkten. Z hat keinen Mittelbalken. Prägnante Ziffernform ist in den frühen Inschriften eine 5 mit waagerechtem, weit nach rechts reichendem Deckbalken. Ab 1580 erscheint daneben eine 5 mit linksschrägem Balken. Eine Inschrift von 1602 (nr. 349) fällt durch ihre Häufung von sonst nicht nachweisbaren Buchstabenvarianten auf: A, M, N und V mit geschwungenen Schäften und Schrägschäften, Z mit einem gebogenen und einem [Druckseite LXII] geschwungenen Balken. St-Ligatur und Oe-Nexus sind nur einmal auf einem Taufstein von 1578 (nr. 239) zu belegen. Als Worttrenner kommen in einigen Inschriften Kommata vor (nrr. 223, 308, 349, 354).

Die Lebensdaten des Michel Niklas sind nicht bekannt. Nach den erhaltenen Werken zu schließen, scheint er bald nach 1612 gestorben zu sein. Auch über seine Familienverhältnisse sind wir nicht unterrichtet. Er hatte aber mit Sicherheit einen Sohn, der die Werkstatt weiterführte. Die Fraktur dieses jüngeren Niklas unterscheidet sich von der des Vaters168), wohingegen die Kapitalis fast völlig identisch ist. Nur unmerkliche Unterschiede lassen sich feststellen. So sind die linken Schäfte von H, M und N geringfügig breiter als die rechten Schäfte, O ist durchweg spitzoval, A hat meist eine Rechtsschrägenverstärkung, und die Bögen des B bzw. der Bogen und die Cauda des R setzen in der Regel getrennt untereinander am Schaft an. Die s-förmige Krümmung der Bogensporen ist vielleicht noch etwas prägnanter als bei der Kapitalis des älteren Niklas, und neben V wird bei vokalischem Lautwert nunmehr U verwendet (nr. 457). Insgesamt tragen vier der Werke des jüngeren Niklas, die zwischen 1607 und 1628 entstanden sind, neben Fraktur- auch Kapitalisinschriften (nrr. 380, 412, 415, 457). Glücklicherweise ist auf einem Bildstock in Igersheim (nr. 415) die Signatur des Bildhauers angebracht. Die beiden letzten Initialen der Buchstabenfolge PN B sind sicherlich mit N(iklas) B(ildhauer) aufzulösen. Der Vorname dürfte P(eter) sein, jedenfalls kommt dieser Name im 16. Jahrhundert in der Familie vor; ein Träger des Namens war Maurermeister in Weikersheim (vgl. nr. 197, 284).

Aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert sind drei Holzkanzeln mit sorgfältig stilisierten eingelegten Kapitalisinschriften erhalten (nrr. 247, 266, 275), die allerdings weit von der klassischen Kapitalis entfernt sind. Sie weisen im allgemeinen eine gleichbleibende Strichstärke und dreieckig verdickte Schaft-, Balken- und Bogenenden auf. Vergleichbar sind die Schriftformen der gemalten Inschriften auf einer weiteren Kanzel von 1594 (nr. 299). Die 1598 entstandenen Stuckdeckenreliefs im Weikersheimer Schloß (nr. 313) sind mit gemalten Inschriften in Kapitalis versehen, die durch ihre Technik bemerkenswert sind: Die Schrift ist in Goldfarbe ausgeführt und schwarz schattiert. Variationen ergeben sich vor allem bei der Gestaltung der Schaft- und Bogenenden mit oder ohne Sporen. Wechsel von Haar- und Schattenstrichen und quadratische Proportionen sind meist beachtet.

Die dichte Abfolge der erhaltenen Creglinger Grabplatten aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts ermöglicht die Zusammenstellung einzelner Werkgruppen anhand des Schriftvergleichs. So verraten zwei Grabplatten von 1579 eindeutig dieselbe Hand (nrr. 240, 241). Die Kapitalis ist nachlässig gehauen, A hat einen geknickten Mittelbalken, M schräggestellte Schäfte und einen kurzen Mittelteil, H eine Ausbuchtung am Balken. Auffällig ist aber vor allem der Einsatz von b, d und t der humanistischen Minuskel. Eine weitere, umfangreiche Werkgruppe zeichnet sich wiederum durch eine wenig sorgfältige, dünnstrichige Ausführung aus. Die Inschriften sind ohne Vorzeichnung zeilenweise eingehauen und oft über den Rahmen des Schriftfelds hinausgeschrieben. Der Steinmetz benutzte einige Doppelformen: A mit geradem und mit geknicktem Balken, D mit langem und mit verkürztem Schaft sowie J mit Mittelbalken am Wortanfang neben I. Als Worttrenner dienen Quadrangeln, Nexus litterarum ist selten. M hat gerade Schäfte und einen kurzen Mittelteil, O ist oval, R hat eine gerade Cauda, und S ist meist nach rechts geneigt. Insgesamt acht Inschriften aus dem Zeitraum von 1584 bis 1604 sind eindeutig das Werk dieses Steinmetzen169). Wohl trotz einiger Abweichungen ebenfalls derselben Hand sind weitere sechs zwischen 1584 und 1610 entstandene Werke zuzuordnen – darunter auch ein Wappenstein in Kloster Frauental –, deren gemeinsames Merkmal ein R mit eingezogenem oberen Bogenende ist170). Einzelne dieser Inschriften zeigen Sonderformen: L mit schräger Haste (nr. 271), Z mit leicht schräggestellten Balken und mit Mittelbalken (nrr. 263, 271), Minuskel-g und Fraktur-B neben den kapitalen Formen (nr. 291) sowie Minuskel-f und -h neben den entsprechenden Kapitalisbuchstaben (nr. 246B). Der Steinmetz läßt sich wohl namhaft machen, denn auf dem nach Ausweis der Schriftformen ebenfalls von ihm gefertigten Taufstein von 1603 in Niederrimbach (nr. 359) ist neben den Stiftern und dem Pfarrer der Maurer Hans Reisner inschriftlich genannt. Die Reisner/Reusner waren eine in Creglingen ansässige Familie, der weitere Maurer angehörten (vgl. nr. 292).

Eine recht qualitätvolle Kapitalisinschrift aus dem letzten Jahrhundertviertel bietet ein Weikersheimer Messingepitaph von 1588 (nr. 270). Klassische Maßverhältnisse, M mit bis zur Grundlinie [Druckseite LXIII] reichendem Mittelteil und R mit stachelförmiger Cauda zeigen die Orientierung an guten Schriftmustern, allerdings gerät die erhaben gehauene Schrift, bedingt durch das kleine Format und die Herstellungstechnik, verhältnismäßig breitstrichig. Sie hat kräftige Dreiecksporen und einen lediglich angedeuteten Wechsel von Haar- und Schattenstrichen. Überaus regelmäßig und mit gleichbleibender Strichstärke ausgehauen ist die erheblich zerstörte Inschrift auf der undatierten Stiftergrabplatte des Andreas von Hohenlohe in Mergentheim (nr. 337). Die Schaft-, Balken- und Bogenenden sind sorgfältig zu kurzen Serifen ausgezogen, die kreisrunden Bogenlinien sind mit dem Zirkel geschlagen. Zwei Grabmäler von 1571 und 1572 in Öhringen (Hohenlohekreis) weisen dieselben Schriftmerkmale auf und könnten vom selben Bildhauer stammen.

Im 1. Viertel des 17. Jahrhunderts zeigen etliche Kapitalisinschriften verhältnismäßig schmale Proportionen. Besonders manieriert ist die Kapitalis einer Neunkirchener Grabplatte (nr. 386), die zahlreiche Varianten von A (mit durchgebogenen Schrägschäften oder geknicktem Mittelbalken) und R (mit geschwungener, nach unten durchgebogener oder stachelförmiger Cauda), eine Häufung von Nexus litterarum, V fast durchweg mit schrägen Doppelstrichen als diakritischen Zeichen sowie ein Minuskel-t mit Oberlänge aufweist.

Eine größere Werkgruppe von Figurengrabplatten und -epitaphien, die von der Hand eines vermutlich in Creglingen ansässigen Steinmetzen stammen, zeigt im Stil der Bildreliefs und des Ornaments eine enge Orientierung an den Werken der Niklas-Werkstatt, ist aber von schwächerer Qualität. Die Inschriften dieser Grabmäler, für die wie bei denen des älteren und jüngeren Niklas sowohl Fraktur als auch Kapitalis eingesetzt werden, lassen jedoch keine Bemühung um Nachahmung der Niklas-Schriften erkennen. Von den Werken dieses Steinmetzen tragen fünf, die zwischen 1616 und 1622 entstanden sind, Kapitalisinschriften171). Die Buchstaben sind äußerst schmal, statt Schrägenverstärkungen weisen die Schrägschäfte von A, V und W sowie die schräggestellten Schäfte des M keilförmige Verdickungen auf; O ist spitzoval, M hat einen kurzen Mittelteil. Neben V steht bei vokalischem Lautwert durchweg U mit parallelen, unten durch einen flachen Schrägbalken verbundenen Schäften. Die Anfangsbuchstaben sind in einigen Inschriften erhöht. Als Zeilenfüller dient, ähnlich wie bei Michel Niklas, eine liegende doppelte Kontraschleife oder eine liegende, von einer Raute überschnittene Acht.

Die früheste in Kapitalis beschriftete Glocke des Bearbeitungsgebiets wurde 1626 von lothringischen Wandergießern gegossen (nr. 448). Die Schrift ist ausgezeichnet gestaltet, die Schaft-, Balken- und Bogenenden sind gleichmäßig mit kurzen Serifen geformt. Nach dem Vorbild der klassischen Kapitalis reicht der Mittelteil des M bis zur Grundlinie, und Schrägschaft und rechter Schaft des N treffen in einer Spitze ohne Sporn zusammen. Eine sehr ausgewogene Kapitalis mit regelmäßiger Linksschrägenverstärkung und schräger Schattenachse findet sich auch auf einer bemalten Weikersheimer Totenfahne von 1645 (nr. 496). Einzelne unklassische Formen sind R mit gerader Cauda, M mit kurzem Mittelteil und vor allem S mit nach Art der Fraktur gebrochenem Mittelteil. Die oberen Bogenenden von C, G und S sind mit s-förmig geschwungenen Sporen versehen.

Die meisten in Stein gehauenen Kapitalisinschriften des 2. Viertels des 17. Jahrhunderts sind dagegen recht nachlässig und von ungeübter Hand ausgeführt. Eine Ausnahme bildet das Epitaph des Hochmeisters von Stadion (nr. 492), in dessen im übrigen in Fraktur abgefaßter Sterbeinschrift für die Fremdwörter eine Kapitalis mit quadratischen Proportionen und fetten Schattenstrichen verwendet ist. Alle Anfangsbuchstaben sind erhöht.

Zuletzt sei noch erwähnt, daß sich im Deutschordensschatz einige Kunstkammerobjekte mit meisterhaft stilisierten, dem Vorbild der klassischen Kapitalis quadrata weitgehend verpflichteten Kapitalisinschriften befinden, die jedoch als Importstücke für die epigraphische Schriftentwicklung des Bearbeitungsgebiets unerheblich sind. Hervorzuheben sind die sicherlich in Oberitalien entstandene, in Goldstanzenpressung hergestellte Inschrift auf einer Portraitplakette Kaiser Karls V. aus der Mitte des 16. Jahrhunderts (nr. 165), die eingepunzten Beschriftungen des 1570 in Nürnberg gefertigten Erd- und Himmelsglobus (nr. 208) sowie die gravierte Widmungsinschrift auf dem Reiterportrait des Hoch- und Deutschmeisters Erzherzog Maximilian, das um 1600 vermutlich vom kaiserlichen Hofgoldschmied Jan de Vos geschaffen wurde (nr. 329).

Abschließend sollen einige Beobachtungen zur Schriftentwicklung zusammengestellt werden, die einen raschen Zugriff für überregionale Vergleiche ermöglichen. Der I-Punkt wird 1544 erstmals verwendet, ab dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts dann relativ häufig. Y mit zwei Punkten ist zuerst 1572 belegt. J kommt in Steininschriften ab 1556 in Versalfunktion vor, 1584 erstmals mit Mittelbalken. Z hat in den Inschriften des 1. und 2. Drittels des 16. Jahrhunderts noch die zweistöckige [Druckseite LXIV] Form, die auch danach noch vereinzelt, vorwiegend innerhalb von insgesamt verfremdeten Kapitalisschriften, begegnet. Letztes Vorkommen in einer in Stein ausgeführten Inschrift ist 1582, bei einer gemalten Inschrift 1605. Kapitales Z mit Mittelbalken läßt sich ab 1570 nachweisen. Der waagerechte Mittelbalken tritt meist in Kombination mit der linksschrägen Ausrichtung des oberen und unteren Balkens auf. Eine Schrägstellung des Mittelbalkens bei gleichzeitig waagerechter Ausrichtung des oberen und unteren Balkens findet sich ab 1610. Die rechtwinklig nach links geknickte senkrechte Cauda des G ist in den Kapitalisinschriften des 2. und 3. Viertels des 16. Jahrhunderts fast die Regel, kommt danach aber nur noch sporadisch vor (nrr. 418, 504). Das Einrücken der senkrechten Cauda nach links ist, wie gesehen, eine von 1575 bis 1603 auftretende Besonderheit der Schrift des Michel Niklas. W ist ausnahmslos in Form zweier verschränkter V gebildet. U mit vokalischem Lautwert, gebildet aus zwei Schäften mit Verbindungsbogen, ist erst ab 1616 nachzuweisen. Rundes symmetrisches U ist lediglich in den unsicher datierten gemalten Inschriften auf den Durchzugsbalken der Creglinger Herrgottskapelle zu finden (nr. 508), wobei der Grad der Überarbeitung ungewiß ist. Für das Vorkommen von Nexus litterarum ist kein zeitlicher Schwerpunkt auszumachen, vielmehr sind die Vorlieben einzelner Werkstätten und Steinmetzen für gelegentliche auffällige Häufungen der Buchstabenverbindungen ausschlaggebend. Die schrägliegende Variante der Kapitalis ist bei in Stein gehauenen Inschriften nur einmal 1584 von Michel Niklas verwendet worden und kommt im übrigen nur bei gemalten und gravierten Inschriften vor, die außerhalb des Bearbeitungsgebiets entstanden sind (nrr. 364, 434).

Auf Inschriftenträgern, die sowohl Inschriften in Kapitalis als auch in Fraktur aufweisen, ist der Grund für die Schriftvariation im 16. Jahrhundert ausschließlich der Sprachwechsel. Die deutschsprachigen Texte – meist Sterbeinschriften auf Grabmälern – sind in Fraktur geschrieben, in Kapitalis hingegen lateinische Bibelzitate, Bibelstellenangaben, Lobgedichte, Devisen und Sprüche sowie Kreuztituli. Bei zwei um 1600 entstandenen Taufsteinen, auf denen die deutschsprachigen Bibelzitate oben am Rand des Beckens in Kapitalis, die Stifternamen am Balusterschaft in Fraktur ausgeführt wurden, könnte auch eine Schrifthierarchie beabsichtigt gewesen sein, indem dem Gotteswort die höherrangige, dekorativere Kapitalis zugeordnet wurde. In der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts begegnen weiterhin lateinische Trostsprüche in Kapitalis neben deutschsprachigen Sterbeinschriften, häufig hat die Kapitalis jetzt aber auch eindeutige Auszeichnungsfunktion. So werden einzelne Wörter innerhalb der Frakturinschriften durch Kapitalis hervorgehoben, wie der Name Mariae (nr. 385), Eigennamen (nr. 446) oder der Inschriftenbeginn (nr. 475). Weniger Hervorhebung als wiederum Sprachdifferenzierung zeigt sich in deutschsprachigen in Fraktur ausgeführten Inschriften, in denen nur die Fremdwörter in Kapitalis geschrieben, aber in den Mittellängenbereich des Schriftbandes eingefügt sind (nrr. 396, 492).

5.5. Fraktur

Vor der inschriftlichen Umsetzung der fertig ausgebildeten und durchgestalteten Frakturschrift finden sich im Bearbeitungsgebiet ab 1540, wie gesehen, zunächst einige Mischschriften aus gotischer Minuskel und Fraktur oder vielmehr Inschriften in gotischer Minuskel mit gelockertem Schriftkanon und einzelnen Frakturelementen172). Die früheste in Stein gehauene reine Frakturinschrift datiert dann von 1562 (nr. 185). Die leider weitgehend zerstörte Inschrift des vielleicht von Thomas Kistner gefertigten Epitaphs des Hochmeisters Schutzbar gen. Milchling ist von hervorragender Qualität mit ausgeprägten Schwellschäften und Schwellzügen. Die rechte Bogenhälfte des o und der obere Bogen des g sind ausgerundet, d aber noch in Form eines gestreckten Sechsecks gestaltet. Eine fast gleichzeitige Mergentheimer Frakturinschrift (nr. 189) ist dagegen steif und eckig. Ihre Bögen sind grundsätzlich seckseckig gebrochen, lediglich als Doppelform kommt ein spitzovales d vor. Das a ist zweistöckig, nähert sich aber durch die fast vollständige Reduktion des oberen Bogens der einstöckigen Form an. Der Schrift fehlen noch die für die Fraktur typischen Schwellschäfte, vielmehr ist der Schaft des s in voller Breite und senkrecht unter die Grundlinie verlängert. Die Versalien sind uneinheitlich und ungeschickt gestaltet. Ähnlich ungelenk präsentiert sich eine Inschrift von 1565 in Neunkirchen (nr. 192), die noch weitgehend die Formen der gotischen Minuskel bewahrt (zweistöckiges a), deren langes s aber eine gebogene und spitz unter die Grundlinie gezogene Haste besitzt und deren Schluß-s ganz ausgerundet und nur im Mittelteil gebrochen ist. Auch hier sind die Versalien plump.

[Druckseite LXV]

Die Fraktur des Würzburger Bildhauers Veit Baumhauer auf einer Wachbacher Grabplatte von 1565/66 (nr. 195) ist wiederum einheitlich durchgeformt und hat lange Ober- und Unterlängen; f und langes s haben eine markante Schaftschwellung und ein haarfein unter die Grundlinie gezogenes unteres Schaftende. Die Oberlängen von h und l sind tief gespalten, ein Phänomen, das im Bearbeitungsgebiet äußerst selten bleibt. Konservativ sind das zweistöckige a und die sechseckige Grundform der geschlossenen Bögen. Eine um 1567 gefertigte, aus Weikersheim stammende Wappentafel (nr. 198) ist in einer eigentümlich stilisierten Fraktur beschriftet, deren Bögen weitgehend ausgerundet sind und eine ovale bis spitzovale Grundform aufweisen; o und d sind ganz ohne Brechungen gebildet, a und g haben eingebogene Schäfte. Der Duktus wird bestimmt von einem deutlichen Strichstärkenwechsel mit steiler linksschräger Schattenachse. Besonderes Merkmal ist das u, dessen obere Schaftenden jeweils ohne Brechung nach außen abgeschrägt sind. Beeinträchtigt wird das Schriftbild freilich durch einfache, aus runden Schwellzügen nicht besonders geschickt zusammengesetzte Versalien. Eindeutig vom selben Bildhauer wurde eine weitere – jetzt freilich völlig verfälschte – Weikersheimer Inschrift (nr. 202) geschaffen sowie zwei Wappentafeln von 1564 am Schloß und an der Walkmühle in Neuenstein (Hohenlohekreis) und ein Epitaph von 1566 in Öhringen (Hohenlohekreis)173), so daß man wohl nicht fehlgehen wird, den Bildhauer in einer der hohenlohischen Residenzstädte zu suchen. Er war noch um 1580 tätig, auch wenn für die Zwischenzeit bislang keine Werke nachgewiesen werden können. 1580 und 1581 schuf er zwei Wappentafeln und eine Grabplatte in Mergentheim (nrr. 242, 243, 251), die genau die geschilderten Schriftmerkmale aufweisen. Unklar ist, ob der Bildhauer zu diesem Zeitpunkt noch immer an seiner alten Wirkungsstätte ansässig war.

Die folgenden Frakturinschriften bis 1580 bieten ein insgesamt recht vielfältiges Bild. Es finden sich uneinheitliche, zwischen eckigen und runden Formen schwankende Schriften mit Anklängen an die Textura, wie zweistöckiges a oder auf der Grundlinie gebrochenes langes s neben der unter die Grundlinie reichenden Frakturform (nr. 199), ferner sehr schmale, insgesamt ungeschickt mit weitgehend gleichbleibender Strichstärke eingehauene Schriften mit spitzovalen Bögen und kurzen Ober- und Unterlängen (nr. 211) bis hin zu völlig primitiven und verfremdeten Inschriften, die teilweise Elemente der humanistischen Minuskel aufnehmen (nrr. 237, 246). Die Schrift des Windsheimer Meisters Georg Beringer (nr. 214) bewegt sich wenig überzeugend zwischen schmalen und breiten Formen mit mehr oder weniger ausgerundeten Bögen.

Zwei Niederstettener Epitaphien von 1576 (nrr. 225, 226) zeichnen sich durch eine klar gestaltete Fraktur mit deutlichem Strichstärkenwechsel und charakteristischen Einzelformen aus, darunter besonders a mit eingedrücktem Bogen und spitzovales bis tropfenförmiges, rechts oben eingedrücktes o. Die Schrift weist auf die Werkstatt des Haller Bildhauers Sem Schlör. Das links eingedrückte a findet sich auch in der insgesamt gleichwohl viel ungleichmäßigeren und steiferen Schrift des Weikersheimer Bildhauers Michael Schlör, vermutlich eines Sohns des Haller Meisters, in einer Creglinger Inschrift von 1580 (nr. 248A), die auffällige Parallelen zu einer im selben Jahr geschnitzten Inschrift an einer Creglinger Kanzel (nr. 247) zeigt. Möglicherweise hat demnach Schlör auch die Ausführung der Kanzelinschrift besorgt.

Ab 1580 beginnt Michel Niklas von Reinsbronn, seine Werke außer mit Kapitalisinschriften auch in Fraktur zu beschriften. Insgesamt können 21 zwischen 1580 und 1612 entstandene Inschriftenträger mit Frakturinschriften dem älteren Niklas mit einiger Sicherheit zugewiesen werden, von denen neun auch Kapitalisinschriften tragen174). Die Ausführungsqualität der Schrift schwankt gelegentlich175), doch sind die charakteristischen Einzelformen von Gemeinen und Versalien wie auch der Gesamtduktus stets gleich. Man wird also davon ausgehen dürfen, daß Niklas die Inschriften größtenteils eigenhändig ausgeführt hat. Die recht einheitliche Fraktur Niklas’ läßt eine geringfügige Weiterentwicklung erkennen. Ursprüngliche Grundform der Rundbuchstaben ist das leicht gestreckte Sechseck, wobei die Schrägen meist keilförmig zur Spitze hin zulaufen. Zunächst sind lediglich die Bögen von b, h und p sowie die rechten Schrägschäfte von v und w ausgerundet, die übrigen Bögen sind gebrochen. Ab 1587 verwendet Niklas auch das Bogen-r neben der geraden Form. Die Tendenz zur [Druckseite LXVI] Ausrundung und Krümmung weiterer Buchstabenteile erfaßt zuerst den Schaft des a, der ab 1590 bisweilen nach links durchgebogen wird. Ab 1596 verdrängt allmählich o mit ausgerundeter rechter Bogenhälfte die sechseckige Form, ganz vereinzelt findet sich auch spitzovales o. Spitzovales bzw. in der rechten Hälfte gerundetes d erscheint erstmals 1600 und bleibt ab da in Gebrauch. Schließlich wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts das etwas steif wirkende e mit zu einem nach rechts umgebogenen Zierstrich reduzierten Balken ersetzt durch eine für die Fraktur typischere Form mit einem den Balken und den oberen Bogenabschnitt zusammenfassenden Schwellzug. Ab 1596 kommt vereinzelt zweistöckiges a mit kurzer Oberlänge vor. Diese schrittweise Schriftveränderung könnte zumindest teilweise beeinflußt sein von dem jüngeren Niklas, dessen Frakturschrift diese „neuen“ Schriftmerkmale des älteren Niklas von Beginn an aufweist (s. unten). Neben und vor den Gemeinen ist für die Fraktur des Michel Niklas sein Repertoire an Versalien kennzeichnend. Die sehr ausgewogenen, mit Ausnahme des einleitenden A nur selten verzierten Versalien haben nur wenige Doppelformen (A, G, T), sind aber sehr variabel, indem sie durch mehr oder minder weit nach links ausholende, meist s-förmige Anschwünge erheblich verbreitert werden können. Mit dieser Methode lassen sich die Versalien effektiv als Zeilenfüller einsetzen, ohne die Einheitlichkeit des Schriftbilds zu beeinträchtigen. Als weitere Zeilenfüller werden liegende doppelte Kontraschleifen verwendet.

Michel Niklas, Frakturversalien

Neben Niklas’ Werken sind in der Zeitspanne von 1580 bis 1600 weitgehend unbeholfen oder recht flüchtig ausgeführte Frakturinschriften zu beobachten. Einheitliche Stilisierung weisen nur zwei Inschriften auf. Zum einen handelt es sich um die Fraktur eines Niederstettener Epitaphs von 1596 (nr. 303) mit einheitlicher s-förmiger Durchbiegung aller Kurzschäfte, starker Krümmung der langen Schäfte von f und s und mit spitzovaler Grundform der Rundbuchstaben; auch bei den mäßig verzierten Versalien sind die Schäfte, Bögen und Balken stark durchgebogen und gekrümmt. Zum anderen ist eine Wachbacher Inschrift aus demselben Jahr zu nennen (nr. 307) mit sehr schmalen Proportionen und einer – unbeabsichtigten – leichten Rechtsneigung fast aller Schäfte. Die Versalien bilden häufig Kontraschleifen aus. Eine Lokalisierung der Werkstätten scheitert bei beiden Inschriftenträgern daran, daß die Schriften bislang anderweitig nicht nachzuweisen sind.

Die Fraktur des P(eter?) Niklas ist mit der des Vaters zwar in den meisten Grundformen der Buchstaben verwandt, sie hat aber einen einheitlich deutlich abweichenden Duktus: Die Proportionen sind gedrungener, und die Strichstärke der Schattenstriche ist breiter, so daß das gesamte Schriftbild fetter wirkt. Die Bögen sind durchweg runder durchgebogen, und die die Schäfte jeweils nach beiden Seiten weit überragenden Balken des f, k, p und t sind mit langen rechtsschrägen Sporen versehen. Die Oberlänge des l bildet eine Schleife; der obere Bogenabschnitt des runden s ist als Schwellzug gestaltet und etwas nach oben versetzt wie ein Sporn an den restlichen Bogen angefügt. Die linke Bogenhälfte des o ist senkrecht gebrochen, die rechte dagegen ausgerundet. Dieser Grundform folgen die meisten runden Buchstaben. Der Schaft des a ist meist nach links durchgebogen, der untere Bogen des g holt weit nach rechts aus. Das zweistöckige a mit linksschräg aufragendem oberen Bogen kommt häufiger vor als bei Michel Niklas’ Fraktur, und die Oberlänge ist höher gezogen. Die Versalien sind ähnlich wie die des älteren Niklas. Allerdings sind sie insgesamt etwas breiter, und teilweise werden durchgebogene oder s-förmig geschwungene Sporen angesetzt, ganz wie bei den Kapitalisbuchstaben der Niklas-Werkstatt. Außerdem fehlen gerade die für Michel Niklas typischen Varianten mit den langen Anschwüngen. Insgesamt sind von P(eter?) Niklas aus der Zeit zwischen [Druckseite LXVII] 1607 und 1635 neun Inschriftenträger mit Frakturinschriften erhalten, von denen die vier frühesten auch Kapitalisinschriften tragen176).

Die Fraktur des Forchtenberger Bildhauers Michael Kern auf der 1610 geschaffenen Tumba des Grafen Wolfgang II. von Hohenlohe in Weikersheim (nr. 396) ist die auch auf anderen Werken Kerns zu findende schmale, wenig regelmäßige Schrift mit uneinheitlichen Buchstaben- und Wortabständen und mit teilweise aufwendig mit Zierlinien versehenen Versalien177). Bereits bei der Behandlung der Kapitalis wurde auf einen – vermutlich Creglinger – Steinmetzen hingewiesen, der eine ganze Reihe von Figurengrabplatten und -epitaphien in Anlehnung an die Werke der Niklas-Werkstatt schuf, der sich in seiner Schriftgestaltung aber von dieser unterschied. Von seiner Hand sind auch insgesamt sieben Grabmäler mit Frakturinschriften erhalten aus dem Zeitraum von 1616 bis 1627, zwei davon tragen zusätzlich Kapitalisinschriften178). Das o, das als Grundform auch die Gestalt des b, h, p und v bestimmt, besteht aus einem linken Schaft, einem sehr breiten rechtsschrägen oberen Abschnitt und einem nur flach ausgebogenen rechten Bogenteil, der unten fast spitz mit dem Schaft zusammentrifft. Besonders auffällig ist das d, dessen oberes freies Bogenende annähernd waagerecht nach links abknickt und, leicht nach unten durchgebogen, deutlich über den verkürzten linken Bogenabschnitt hinausragt. Die Schäfte der insgesamt steif wirkenden Schrift sind häufig leicht nach rechts geneigt. Als Schluß-s kommt neben rundem s auch die aus dem kursiven Schleifen-s abgeleitete Form zum Einsatz, die sich aus Schaft und zwei Bögen zusammensetzt und fast wie ein kapitales B aussieht. In der Versaliengestaltung könnte die Schrift des Michel Niklas als Vorbild gedient haben, die Umsetzung ist jedoch erheblich schwächer und uneinheitlicher, und auf die langen Anschwünge ist auch verzichtet. Eine sehr eckige, ungefüge Fraktur mit primitiven Versalien verwendet ein Steinmetz auf einem Epitaph von 1631 und für eine Nachbestattungsinschrift von 1630 (nrr. 469, 462) in Creglingen. Der zeitlichen Abfolge der Werke nach könnte er der Nachfolger des älteren Creglinger Meisters gewesen sein. Bemerkenswert an seiner Schrift sind sehr breite a, g und u, r mit nach unten gerücktem Fahnenquadrangel sowie der in zwei übereinandergesetzte Bögen umgewandelte rechte Schaft des w.

1622 ist eine weitere Figurengrabplatte entstanden (nr. 437), die sich in der Gestaltung an Niklas-Werken orientiert, aber wesentlich plumper ausfällt. Der Schöpfer dieses Werks, der wohl ebenfalls in Creglingen oder der näheren Umgebung ansässig war, bedient sich einer eng gefügten, schmalen Fraktur mit ovaler bis spitzovaler Bogengrundform, rundem s ohne Bogenbrechung (neben gebrochenem Schleifen-s) und locker aus Schwellzügen zusammengesetzten, zum Teil sehr großen, weit in den Ober- und Unterlängenbereich ragenden Versalien. Derselben Hand sind eine Creglinger Wappengrabplatte von 1625 (nr. 444) und eine Figurengrabplatte von 1623 in Waldmannshofen (nr. 439) zuzuweisen.

Eine bei weitem besser stilisierte, aber ebenso schmal proportionierte Fraktur weisen zwei Mergentheimer Grabmäler von 1627 auf (nrr. 450, 451). Das Epitaph des Hochmeisters von Westernach und die Grabplatte eines Mergentheimer Bürgermeisters verraten auch in der figürlichen Gestaltung die Hand eines geübten Meisters, dem vielleicht auch eine Kindergrabplatte von 1620 in Krautheim (Hohenlohekreis) zugeschrieben werden kann179). Eine etwas ungelenke, aber prägnante Fraktur, kombiniert mit einer Mischschrift aus Fraktur und humanistischer Minuskel, weist eine Grabplatte von 1632 in Wachbach auf (nr. 472). Breites ovales o, r mit in den Oberlängenbereich ragender Fahne und teilweise zu Dreiecken verdickte Sporen an den rund nach rechts umgebogenen Oberlängen von b, f und s sind die wichtigsten Merkmale. Die Versalien sind teilweise reich mit Kontraschleifen und weiteren Zierlinien ausgestattet. Der Werkstatt lassen sich dem Schriftbefund nach Grabmäler von 1621 und 1623 in Adelsheim (Neckar-Odenwald-Kreis)180) und in Adolzfurt (Hohenlohekreis) sowie eine ganze Serie von sechs 1631 angefertigten Grabmälern in Neunstetten (Hohenlohekreis)181) zuweisen, ferner im Bearbeitungsgebiet eine nur in der Mischschrift beschriftete Wappentafel in Wachbach (nr. 488).

Der Meister des Stadion-Epitaphs in Mergentheim von 1642 (nr. 492) verfügt über eine manierierte, relativ breit proportionierte Fraktur. Die Oberlängen sind entweder rechtsschräg geknickt und [Druckseite LXVIII] ragen, in einer Spitze endend, hoch auf, oder sie sind flach nach rechts umgebogen und enden mit einem Gegenschwung in einer perlförmigen Verdickung. Die Versalien variieren stark, zum Teil sind sie der Kapitalis entnommen.

Für in Metall erhaben ausgehauene Frakturinschriften lassen sich nur zwei Beispiele aus Creglingen anführen: zum einen eine Grabplattenauflage von 1600 (nr. 168B, C) mit verhältnismäßig einfachen, nicht sonderlich geschickt geformten Versalien, mit sehr eng gefügten Gemeinen, die zahlreiche Bogenverschmelzungen eingehen, und mit einzelnen breiten Zierschleifen an den Unterlängen von g und h, die als Raum füllendes Ornament dienen; zum andern ein Messingepitaph von 1634 (nr. 475). Letzteres zeigt die typische, regelmäßige Fraktur des Nürnberger Meisters Jakob Weinmann mit linksschräger Schattenachse. Das o ist spitzoval, der Schaft des f und des langen s hat keine Schwellung, ist aber in voller Breite unter die Grundlinie verlängert und rechtsschräg geschnitten. Die Bogenenden und umgebogenen Schaftenden sind perlförmig verdickt.

Bei gemalten Frakturinschriften stellt sich vielfach das Problem, daß der Grad der Verfälschung durch Restaurierung oder Übermalung nicht sicher bestimmbar ist und der Schriftbefund daher nur bedingt inschriftenpaläographisch auswertbar ist. Fast völlig zerstört ist eine vielleicht noch in die 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts gehörende Stifter(?)inschrift an einem hölzernen Kruzifixus in Creglingen (nr. 166). Die älteste datierte erhaltene gemalte Fraktur findet sich auf einem Epitaph von 1594 (nr. 297). Sie ist kunstlos und hat einfache Versalien. Von höchster Qualität waren dagegen – nach den wenigen erhaltenen Fragmenten zu schließen – die Inschriften der Ausmalung des Mergentheimer Schlosses aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts (nr. 332) mit bemerkenswert sorgfältiger Ausführung, deutlichem Strichstärkenwechsel und aufwendigst mit eingerollten, geschwungenen und sich überschneidenden Zierlinien geschmückten Versalien. Eine schlichte Schrift mit einfachsten Versalien setzte Balthasar Katzenberger für die Beischriften seiner Gemälde im Weikersheimer Schloß ein (nr. 366, um 1604). Alle Oberschäfte sind leicht nach rechts gebogen und spitz ausgezogen182). Für die Beischriften zu den Wappenfriesen im Mergentheimer Schloß (1606?, nr. 378) ist eine relativ schmale, fette Schrift verwendet mit fast regelmäßiger Schleifenbildung an den Oberschäften von b, h, k und l sowie mit Kontraschleife am Unterbogen des g. Auch die insgesamt sehr unterschiedlich gestalteten, offenbar ohne konkrete Vorlagen improvisierten Versalien sind mit Kontraschleifen versehen.

Die mehr oder minder sorgfältig ausgeführten gemalten Frakturinschriften der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts weisen unterschiedlichen Duktus auf, das Spektrum reicht von breit angelegten bis zu sehr schlanken Buchstaben. Durch die Technik bedingt, wirken die gemalten Inschriften meist fetter als die in Stein eingehauenen. Besonders schlicht sind die von Wolf Dieterich ausgeführten Inschriften am Weikersheimer Altar von 1618 (nr. 420). Dagegen verdient die feine Ausführung der Fraktur auf dem 1621 gefertigten Epitaph der Anna Maria von Rosenberg in Niederstetten (nr. 436) hervorgehoben zu werden. Die Versalien sind mit haarfeinen Zierlinien ausgestattet, die Oberlängen sind entweder eingerollt, mit Kontraschleifen geschmückt oder – wie die i-Punkte – mit feinen, fast zum Kreis geschlossenen Haarstrichen überwölbt. Um eine wenig sorgsam gemalte, uneinheitliche Fraktur mit kursiven Zügen handelt es sich schließlich bei der wohl im ausgehenden 16. Jahrhundert auf die Wand eines Creglinger Aborts aufgemalte „Benutzungsanweisung“ (nr. 331).

5.6. Humanistische Minuskel

Die inschriftliche Verwendung der humanistischen Minuskel beschränkt sich im Bearbeitungsgebiet auf ganz wenige Beispiele. Den frühesten und gleichzeitig einzigen Beleg aus dem 16. Jahrhundert bietet ein Epitaph von 1576 in Niederstetten (nr. 226), das neben Inschriften in Fraktur und in Kapitalis ein achtzeiliges lateinisches Grabgedicht in humanistischer Minuskel trägt. Das Epitaph ist ein Produkt der Werkstatt Sem Schlörs. Die meisterhaft nach besten Vorlagen eingemeißelte Antiqua findet sich auch auf Werken Schlörs außerhalb des Bearbeitungsgebiets. Qualitätsmerkmale sind feine Serifen, Linksschrägenverstärkungen, linksschräge Schattenachse der kreisrunden Bogenlinien und konsequenter rechtsschräger Schnitt der Unterlängen.

Die humanistische Minuskel des Michel Niklas, die nur einmal als Textschrift auf einer Grabplatte von 1602 (nr. 349) und ein weiteres Mal als Schrift für eine kurze Bibelstellenangabe (nr. 387) nachweisbar ist, ist im Duktus uneinheitlicher und lockerer als die der Schlör-Werkstatt. So sind die spitz nach oben zulaufenden Langschäfte leicht nach rechts, die Schäfte von m, n und r dagegen nach links [Druckseite LXIX] gebogen; o hat eine breite spitzovale Form, das schmale e ist dem Frakturalphabet entnommen, der Schaft des zweistöckigen a ist schräggestellt. Auffällig ist die durchgängige Verwendung der Kapitalisformen von B, P und Q, die jedoch ganz in den Mittellängenbereich eingefügt sind. Auch der jüngere Niklas hatte eine humanistische Minuskel in seinem Schriftenrepertoire. Sie ist nur in einem – zudem stark zerstörten – Exemplar von 1631 (nr. 466) dokumentiert. Die Grundformen stimmen mit denen der Minuskel des älteren Niklas überein, so ist etwa das o ebenfalls spitzoval, und anstelle des Minuskelbuchstabens ist das kapitale P verwendet. Die Buchstaben sind freilich breiter angelegt, durch die Betonung der senkrechten Linien (senkrechte Schattenachse) fetter und außerdem mit kräftigeren, weit ausgezogenen Serifen versehen. Das a kommt nur in der einstöckigen Form vor, sein Bogen ist unten nach Art der Fraktur gebrochen. Analog dazu ist auch der Bogen des d gebrochen. Die Sporen an den Bogenenden sind, wie auch bei der Kapitalis und der Fraktur P. Niklas’, s-förmig geschwungen.

Im übrigen kommt die humanistische Minuskel zwischen 1617 und 1645 nur noch in gemalten Inschriften vor und spielt dort eine ganz untergeordnete Rolle zur Bezeichnung von Bibelstellenangaben oder von Fremdwörtern in ansonsten in Fraktur ausgeführten Inschriften (nrr. 414, 420, 421, 452, 474) oder zur Beschriftung eines Schriftbands mit einer kurzen lateinischen Devise (nr. 496).

Zuletzt sei noch eine Mischminuskel erwähnt, die Elemente der Antiqua mit denen der Fraktur kombiniert und die auf zwei um 1632 angefertigten Inschriftenträgern in Wachbach vorkommt (nrr. 472, 488). Sie kann als charakteristisches Merkmal einer Werkstatt gelten, die auch im angrenzenden Hohenlohe- und im Neckar-Odenwald-Kreis tätig war183). Neben steif wirkenden Antiquabuchstaben mit oben rund umgebogenen und unten stumpf auf der Grundlinie endenden Schäften finden sich als Frakturbuchstaben k, p und Bogen-r. Einzelne Buchstaben vermischen Elemente beider Schriftarten. So ist der Schaft des einstöckigen a und des d sowie der rechte Schaft des u unten spitz gebrochen und leicht unter die Grundlinie geführt, die Fahne des r ist als Quadrangel ausgebildet und ragt – wie in der Fraktur derselben Werkstatt – in den Oberlängenbereich.

5.7. Zeitliche Verteilung der Schriftarten

In die Tabelle sind alle erhaltenen und in Foto oder Abzeichnung überlieferten Inschriften aufgenommen sowie die verlorenen, deren Schriftart aus den Quellen eindeutig zu erschließen ist. Inschriftenträger, auf denen sich verschiedene Schriftarten finden, erscheinen in der Aufstellung mehrfach, wobei aber Versalien nicht berücksichtigt sind. Auf eine Aufnahme der in Sammelnummern zusammengefaßten Kritzelinschriften wurde verzichtet. Die in Klammern gesetzten Ziffern bezeichnen unsicher datierte Inschriften.

–1300 –1350 –1400 –1450 –1500 –1550 –1600 –1650 Summe
Romanische Majuskel 2 (1) 3
Gotische Majuskel 8 5 (1) 1 15
Gotische Minuskel 6 17 22 (2) 28 (1) 10 2 (2) 90
Frühhum. Kapitalis 1 6 1 8
Kapitalis 1 8 81 82 (9) 181
Kapitalis/Minuskel 2 4 1 7
Got. Minuskel/Fraktur 1 1 2
Fraktur 48 59 (5) 113
Humanist. Minuskel 2 13 15
Fraktur/hum. Minuskel 2 2
Gotische Kursive 4 1 1 6
  1. Vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis) Einl. XLVf. »
  2. Die Umzeichnung einer verlorenen Wachbacher Grabplatte aus dem 2. oder 3. Viertel des 14. Jahrhunderts (nr. 26) ist zu ungenau, als daß sie zu einer paläographischen Analyse taugte. Immerhin lassen sich kräftige Bogenschwellungen, Hastenstärke erreichende Abschlußstriche bei unzialem E sowie Nodi am Schaft des I erschließen. »
  3. Vgl. Dt. Glockenatlas Mittelfranken 12f., 84f. Anm. 35. »
  4. In Würzburg 1378, vgl. DI 27 (Stadt Würzburg I) nr. 99; im badischen Teil des Main-Tauber-Kreises 1382, vgl. DI 1 (Bad. Main- u. Taubergrund) nr. 116; in Rothenburg 1389, vgl. DI 15 (Rothenburg o. T.) nr. 29; im Landkreis Haßberge 1390, vgl. DI 17 (Haßberge) nr. 11; im östlichen Rhein-Neckar-Kreis 1377, vgl. DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis II) nr. 211; im Neckar-Odenwald-Kreis 1399, vgl. DI 8 (Mosbach, Buchen, Miltenberg) nr. 151a»
  5. Vgl. den Kommentar zu nr. 29 mit Anm. 8. »
  6. Am ehesten vergleichbar sind die Versalien auf einem Grabmal von 1491 in Leonberg (vgl. DI 47 [Böblingen] nr. 101) sowie auf den Epitaphien der Domherren Herzog Johann von Bayern von 1487 und Graf Berthold von Henneberg (!) von 1495 im Straßburger Münster; vgl. Jos. M. B. Clauss, Das Münster als Begräbnisstätte und seine Grabinschriften, in: Straßburger Münsterbl. 2 (1905) 9–26, hier: 22, 17, Taf. V. Bereits eine Generation früher finden sich gelegentlich ähnlich zergliederte Zierbuchstaben: DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis II) nr. 238 (1468); DI 22 (Enzkreis) nr. 104 (1473). »
  7. Nrr. 145148, 162, 181, 182; Kapitalis: nrr. 149, 173 (vgl. unten S. LX). »
  8. Vgl. DI 20 (Karlsruhe) Einl. XXV; DI 25 (Ludwigsburg) Einl. XXXVIII»
  9. DI 25 (Ludwigsburg) nrr. 270, 272, 273, 253. Die Zuweisung dreier weiterer Inschriftenträger in Unterriexingen an diese Werkstatt (vgl. ebd., Einl. XXXVIII: nrr. 268, 280, 292) ist vom Schriftbefund her nicht aufrechtzuerhalten. Es dürfte sich vielmehr um – auch im Figurenstil schwächere – nachahmende Produkte einer einheimischen Werkstatt handeln, der im übrigen auch DI 25 nr. 304 (1557) und nr. 306 (1558) zuzuschreiben sind. »
  10. DI 20 (Karlsruhe) nrr. 181, 180»
  11. Letzterer zerstört, aber noch in Umrissen zu erkennen. »
  12. Vgl. DI 41 (Göppingen) Einl. LIf. »
  13. S. LVII»
  14. Zur Fraktur vgl. unten S. LXVf. »
  15. Nrr. 222, 223, 228, 239, 245, 250 (erhaben), 276, 281, 290 (erhaben), 302, 308, 327, 344, 249, 354, 387»
  16. Ausnahmen: nrr. 290 (1592), 327 (um 1600). »
  17. Vgl. unten S. LXVIf. »
  18. Nrr. 259262, 298, 318, 341, 361. Bei der Grabplatte von 1604 (nr. 361) stammt nur die Inschrift von der Hand dieses Steinmetzen, das Wappenrelief ist deutlich qualitätvoller und wurde mit Sicherheit in der Niklaswerkstatt hergestellt. »
  19. Nrr. 263, 271, 291, 246B, 359, 395»
  20. Nrr. 411, 426, 429, 431, 437»
  21. Vgl. oben S. LVII»
  22. Epitaph der Barbara Breisenfaden geb. Metz. Fotos im Fotoarchiv der Heidelberger Inschriftenkommission. »
  23. Nrr. 245, 248B, 258 (signiert), 269, 276 (signiert), 282, 290 (signiert), 296, 304, 305, 308, 317, 322, 323, 342, 344, 345, 349, 354, 387, 403. Dazu kommen nach einer vorläufigen Sichtung außerhalb des Bearbeitungsgebiets: Grabplatte von 1587 in Unterschüpf (Main-Tauber-Kreis), vgl. DI 1 (Bad. Main- u. Taubergrund) nr. 267; Bauinschrift an der Georgskapelle zu Röttingen (Lkr. Würzburg) von 1588, vgl. Schneider, Aspectus Populi 52 (Abb.); Fragment der Grabplatte des Valentin von Berlichingen († nach 1590) in Dörzbach (Hohenlohekreis), vgl. Foto im Fotoarchiv der Heidelberger Inschriftenkommission. »
  24. Vgl. vor allem die relativ flüchtige Ausführung von nr. 282 (1590). »
  25. Nrr. 380, 412, 415, 457, 461, 465, 466, 471, 476»
  26. Vgl. etwa die Inschriften auf dem Epitaph des Michael Kern d. A. und seiner Frau von 1603 in Forchtenberg (Hohenlohekreis), die Wappentafel von 1604 am Rappentor in Forchtenberg sowie die Bauinschrift von 1608 an der Kocherbrücke in Ingelfingen (Hohenlohekreis). Fotos im Fotoarchiv der Heidelberger Inschriftenkommission. »
  27. Nrr. 411, 425, 426, 428, 429, 443, 449»
  28. DI 8 (Mosbach, Buchen, Miltenberg) nr. 388. »
  29. Ebd. nr. 390»
  30. Ebd. nrr. 400, 401, 405, 408, 411, 413 (mit falschen Datierungen). »
  31. Einzelne gespaltene Oberlängen sind offensichtlich das Resultat einer Restaurierung. »
  32. Vgl. oben S. LXVII»