Inschriftenkatalog: Mainz

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 1: Mainz (2011)

SN1, Nr. 28† Dom, Westturm 1298?

Beschreibung

Glocke im westlichen Hauptturm. Die zweitgrößte Glocke des Domes1) wurde beim Dombrand im Jahr 1767 zerstört.2) Aufgrund des hohen Alters gelang es Bourdon nicht, die Inschrift vollständig zu lesen.3)

Nach Bourdon.

Schriftart(en): Wahrscheinlich wenigstens teilweise Gotische Majuskel.

  1. Anno D(omi)ni MCCXCVIII vincula petria)osannab) heisin ich[– – –] aller Meinzer glockin uberdon ich4)fulmen quando sono pluvias cum grandine pelloamonc) Albrech machend) mich.

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1298, am Fest Petri in Ketten (1. August), Osanna heiße ich [– – –], alle Mainzer Glocken übertöne ich, (?) Albrech (hat) machen mich. Wenn ich läute, vertreibe ich Blitz, Regenguss und Hagelschlag.

Versmaß: Deutsche Reimverse, ein Hexameter, leoninisch einsilbig gereimt.

Kommentar

Die Verwendung der deutschen Sprache vor dem 14. Jahrhundert ruft Bedenken gegen die zugewiesene Zeitstellung hervor, denn die frühesten Glockeninschriften in deutscher Sprache lassen sich erst im Laufe des 14. Jahrhunderts nachweisen.5) Der deutschsprachige Gussvermerk findet sich im Trierischen und in den Niederlanden erst ab der Mitte des 14. Jahrhunderts, in Mainz schon in dessen erster Hälfte6), wenig später auch die volkssprachliche Umsetzung des „rheinischen“ Glockenspruchs in Köln.7) Dort folgt der Namensansage die Funktionsbezeichnung, eben der Glockenspruch, und abschließend der Gussvermerk. Deshalb hat Bourdon wohl nicht den richtigen Anfang der Inschrift erkannt, deren Datierung höchstwahrscheinlich ans Ende zu stellen ist. Nicht nur die Kombination der Sprachen, der deutschen Verse und des lateinischen Hexameters, auch der Wetterbann, der nur inhaltlich mit dem des „rheinischen Glockenspruchs“ übereinstimmt, könnte ein Hinweis auf eine jüngere Entstehungszeit sein. Denkbar wäre eine Verlesung der Jahreszahl bei Bourdon um ein ganzes oder halbes Jahrhundert oder gar die Integration einer älteren Inschrift in einen Neuguss. Diese Annahme ist jedoch nicht zwingend, da eine frühe hochstiftische Großglocke mehr Text haben kann. So gab es immerhin in Rüdesheim eine Glocke des Gießers Johannes von Mainz, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wirkte, mit der ähnlichen Inschrift: OSANNA HEISSEN IC / MEISTER IOHAN VON MENTZ GOC MIC8) Auch die von Bourdon überlieferte Abfolge der Textteile ist nicht gesichert, da der Hexameter innerhalb der Reimverse steht und den Gussvermerk abtrennt.

Ein Glockengießer namens Albrecht lässt sich in Mainz zu keiner Zeit nachweisen. Die Identifizierung mit einem gleichnamigen Glockengießer Albraht, der 1296 für Seligenstadt goss9), ist denkbar10), jedoch nicht zwingend.

Textkritischer Apparat

  1. Nach Bourdon virgula per; Falk unterstellt Bourdon eine fehlerhafte Lesung und löst virgula per als vigilia Petri auf; ihm folgt Walter. Schrohe hält eine Datumsangabe wie VI kal. Apr. für denkbar; Arens lässt beides offen. Die Verlesungsmöglichkeit von virgula zu vincula besteht vor allem bei Majuskelschriften.
  2. Schreibweise bei Arens o Sanna. Im Nachtrag Berichtigung zu osanna als Namen der Glocke; vgl. Arens, Nachtrag in DI 2, Mainz (1958) 707.
  3. Falk zieht Anton für Amon vor, ihm folgt Walter. Arens dagegen bevorzugt stattdessen Amen; vgl. Arens, Nachtrag in DI 2, Mainz (1958) 707.
  4. Falk und Arens lesen aus Bourdons machen das Wort mache, Falk hält macht für richtig. Man wird wohl machin nicht ausschließen dürfen, da diese Endung wie bei glockin eine Vokalerhöhung darstellt, wie sie auf den Bopparder Maßen (vor 1327), vgl. DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004) Nr. 23f., vorkommt.

Anmerkungen

  1. Campana secundae magnitudinis, quam vocamus Sociorum […] Bourdon.
  2. Walter, Glockenkunde (1913) 203.
  3. […] continet litteris per antiqui et vix logibilis (sic!, ganzer Satz verschrieben) Bourdon.
  4. Der einzige Augenzeuge Bourdon, der selbst von unleserlicher Schrift spricht, gibt hier als Text uber doy in; das muss nach Aussage und Reimvers zum Vorgeschlagenen emendiert werden.
  5. Walter, Glockenkunde (1913) 168ff. gibt zwar ältere, teils undatierte an, aber seine Datierungen sind oft falsch; vgl. zur deutschsprachigen Herstellerinschrift auch Ploss, Inschriftentypus (1958) 38.
  6. Vgl. etwa DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004) Nr. 39 zur Oberweseler Glocke eines Mainzer Gießers; ähnlich DI 43, Rheingau-Taunus-Kreis (1997) Nr. 68f.
  7. Vgl. Poettgen, Trierer Glockengießer (1993) 75f.
  8. DI 43, Rheingau-Taunus-Kreis (1997) Nr. 72.
  9. Vgl. Schaefer, Kdm. Offenbach (1885) 197.
  10. Diese Vermutung zuerst bei Falk.

Nachweise

  1. Bourdon, Epitaphia (1727) 283.
  2. Falk, Ehemalige Glocken (1884–1885) Sp. 246.
  3. Schrohe, Mainzer Kunstgeschichte (1912) 183.
  4. Walter, Glockenkunde (1913) 202.
  5. Arens/Bauer, Einführung (1945) Nr. 15.
  6. Fritzen, Glockengiesser I (1949/50) 83 (unvollst.).
  7. DI 2, Mainz (1958) Nr. 26.
  8. Ploss, Inschriftentypus (1958) 38.
  9. Link, Glocken (1959) 60 (unvollst.).

Zitierhinweis:
DIO 1, Mainz, SN1, Nr. 28† (Rüdiger Fuchs, Britta Hedtke, Susanne Kern), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di002mz00k0002803.