Inschriften: St. Michaeliskloster und Kloster Lüne bis 1550

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 24: Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne (1984)

Nr. 11† St. Michaeliskirche 1401

Beschreibung

Grabplatte des Vikars Volrad Lassan. Nach den Angaben des 1755 angefertigten Lageplans der Michaeliskirche, der vor allem über die dort vorhandenen Grabstätten Aufschluß gewährt, befand sich die Sepultur Lassans unmittelbar vor dem Aufgang zum Chor, der sich bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts im Unterschied zur heutigen Gestaltung um ein weiteres Joch nach Westen erstreckte1). Der Begräbnisplatz lag genau in der Mitte zwischen den beiden Pfeilern, die das letzte Chorjoch seitlich begrenzten. Über die Gestaltung der Grabplatte ist nichts bekannt, doch dürfte sie, der aus demselben Jahre stammenden Platte für den Prior Wilkinus von Ilten ähnlich2), im Mittelfeld eine Darstellung des Verstorbenen getragen haben. Der folgende, von Rikemann überlieferte Text3) gibt vermutlich die Umschrift wieder:

  1. Anno domini 1401 in die beati Clementis martyris obiit magister Volradus Lassan, sacerdos, S. Cyriaci in Lunaeborch et Johannis in Lunaeborch ecclesiarum vicarius, praepositiusa); orate pro eo.

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1401, am Tage des heiligen Märtyrers Clemens, starb Magister Volrad Lassan, ein Priester, an den Kirchen St. Cyriaci in Lüneburg und St. Johannis in Lüneburg Vikar, ein Propst. Bittet für ihn.

Datum: 1401, November 23.

Kommentar

Im vorliegenden Wortlaut der Inschrift überrascht das praepositus unmittelbar vor der Abschlußformel. Wahrscheinlich liegt hier ein Lesefehler Rikemanns vor. Denn erstens ist das Amt eines Propstes für Volrad Lassan aus anderen Quellen nicht nachzuweisen. Zweitens ist kaum glaubhaft, daß die Inschrift eine so hohe geistliche Würde erst zu Ende des Textes verzeichnet hätte, nachdem die weitaus geringer zu bewertende Benennung vicarius bereits aufgeführt ist. Schließlich widerspricht es dem Üblichen, daß die Angabe nicht näher spezifiziert ist, also ein Hinweis auf die geistliche Institution fehlt, der Lassan als Propst vorgestanden haben sollte4). Es ist anzunehmen, daß an der fraglichen Stelle ein gekürztes Wort gestanden hat, dessen Grundbestand ein doppeltes p war. Die ergänzenden Schriftzeichen hat Rikemann offensichtlich mißverstanden und das Ganze als praepositus gelesen. Es ist zwar nicht mehr eindeutig zu klären, wie die korrekte Auflösung gelautet haben könnte, doch ist im Hinblick auf das vorausgehende vicarius an perpetuus zu denken5).

Die Gestalt Volrad Lassans gewinnt kaum persönliche Konturen. Vermutlich stammte er nicht aus Lüneburg. Da er in Urkunden mehrfach de Lassan genannt wird6), ist eine Herkunft aus Lassahn am Schaal-See (Mecklenburg-Vorpommern, LK Ludwigslust, ca. 30 km westlich Schwerin) nicht auszuschließen. Für eine solche Annahme könnte außerdem sprechen, daß er 1387 als Inhaber einer Vikarie am Johanniskloster in Lübeck bezeugt ist7). Lassahn ist nur etwa 35 km von Lübeck entfernt, und die Aufnahme der Beziehungen zum dortigen Kloster kann durch die lokalen Gegebenheiten begünstigt worden sein. Sollten diese Vermutungen zutreffen, könnte er in Lübeck auch den auf ein Studium vorbereitenden Unterricht erhalten haben. Sein Studienort hat sich nicht ermitteln lassen, sicher ist jedoch, daß er den Magistergrad besessen hat8).

Eine Verbindung zum Michaeliskloster in Lüneburg läßt sich erstmals für 1376 belegen. Als Zeuge erscheint Volrad Lassan in der von Bischof Heinrich von Verden ausgestellten Urkunde, in der die Grundsteinlegung für den Klosterneubau innerhalb der Stadtmauern Lüneburgs bestätigt wird. Es heißt im Text: ... Volrado Lassan et Hermanno Holthusen presbyteris beneficiatis in Luneborg9). Zu dieser Zeit besaß Lassan also bereits hier nicht näher bezeichnete Pfründen in der Stadt. Aus späteren Nachweisen geht hervor, daß er Vikarien an der Johannis- und der Cyriacuskirche innehatte10). Darauf nimmt auch der Text der Inschrift Bezug. 1399 ist von ihm als perpetuo beneficiato in capella sancti spiritus prope novum forum in Lüneburg die Rede11). Es handelt sich um die Ratskapelle zum Heiligen Geist, die nach Gründung des gleichfalls mit einer Kapelle ausgestatteten Heiligengeisthospitals bei der Saline häufig „zum Kleinen Heiligen Geist“ genannt wurde. Sie lag an der Nordfront des damaligen Rathauses und wurde nach der Reformation profaniert. Teile ihrer Bausubstanz wurden in die Rathauserweiterung des 16. Jahrhunderts einbezogen12). Bei seinen Bindungen an die Stadt Lüneburg verwundert es nicht, daß Volrad Lassan auch der Kalandsbrüderschaft zu St. Johannis angehörte13).

Daß er jedoch in St. Michaelis begraben wurde, kann nur durch enge Beziehungen zum Kloster, wahrscheinlich besonders zu dessen Abt, erklärt werden. 1384 bezeugte Lassan die Wahlakte Ulrichs von Berfeld, der Nachfolger Werner Grotes im Abtsamt wurde14). Lassan wird hier Rektor der dem Kloster inkorporierten Kirche in Bienenbüttel (ca. 14 km südsüdostwärts Lüneburg) genannt15). Welcher Art seine Verbindungen zum Kloster waren, wird nicht hinreichend deutlich. Sicher ist nur, daß er durch finanzielle Zuwendungen den Neubau der Abtei förderte. So gab er 1387 zu diesem Zweck einen Betrag von 320 lüb. Mark16), und auch der Nekrologeintrag erwähnt eine namhafte Stiftung17). Ob Volrad Lassan auch, wie später Johannes Steinberg18), beratende und administrative Funktionen als Vertrauter des Abtes ausübte, ließ sich anhand des verfügbaren Quellenmaterials nicht klären. Unwahrscheinlich wäre eine solche Vermutung nicht, wie gerade das Beispiel Steinbergs zeigt, der im übrigen einer der Testamentsvollstrecker Lassans wurde19).

Textkritischer Apparat

  1. vermutlich Lesefehler; vgl. Kommentar.

Anmerkungen

  1. Lageplan in: Gebhardi, Coll. VI, 1772, S. 381.
  2. Vgl. Nr. 12.
  3. Fol. 57 v.
  4. Auch wäre es wenig wahrscheinlich, daß Lassan, wäre er Propst gewesen, nicht an dem Ort beigesetzt worden wäre, an dem er die Präpositur bekleidet hätte.
  5. Diese Überlegung wird durch eine schriftliche Quelle gestützt: in einer Urkunde von 1399 wird Volrad Lassan beneficiatus perpetuus genannt: Hodenberg, Lüneburger Urkundenbuch, 7. Abt., S. 534, Nr. 826 c.
  6. Zum Beispiel: Hodenberg (wie Anm. 5), S. 502–504, Nr. 793; S. 508, Nr. 798 a; S. 518 f., Nr. 808; S. 524, Nr. 815; S. 534, Nr. 826 c.
  7. Hodenberg (wie Anm. 5), S. 463, Nr. 750 a (Regest). – Das Johanniskloster in Lübeck war als Benediktinerniederlassung gegründet worden, nahm seit Anfang des 13. Jahrhunderts auch Nonnen auf und wurde 1245 in ein Kloster für Zisterzienserinnen umgewandelt. Der Benediktinerkonvent wurde nach Cismar verlegt. Vgl. Eilermann, Art. Lübeck, St. Johannes, S. 322.
  8. Bezeugt durch den Text der Inschrift, aber auch mehrfach durch schriftliche Quellen. Vgl. Hodenberg (wie Anm. 5), S. 508, Nr. 798 a; S. 518 f., Nr. 808; S. 534, Nr. 826 c.
  9. Hodenberg (wie Anm. 5), S. 416–419, Nr. 684.
  10. Hodenberg (wie Anm. 5), S. 502–504, Nr. 793 (1394, Oktober 2); für St. Cyriaci allein: ebd., S. 511, Nr. 801 (1395, November 26); allgemein als beneficiatus in Lüneburg: ebd., S. 524, Nr. 815 (1398, März 8).
  11. Wie Anm. 5.
  12. Vgl. Kdm, S. 175 f.
  13. Bodemann, Brüderschaften, S. 97: Eintrag im Totenregister: Mester Vollert. Darauf folgt der Name des zwei Tage später, am 25. November 1401, verstorbenen Priors Wilkinus von Ilten (s. Nr. 12).
  14. Hodenberg (wie Anm. 5), S. 445 f., Nr. 732.
  15. Zur Inkorporation Bienenbüttels vgl. Reinhardt, Art. Lüneburg, St. Michaelis, S. 340.
  16. Gebhardi, Coll. XIV, 1796, S. 251. – Auf denselben Sachverhalt verweist vermutlich das von Hodenberg (wie Anm. 5), S. 463, Nr. 750 a, mitgeteilte Regest, nach dem das Kloster „dem Vicare Volrad Lassan zu St. Johannis in Lübeck eine Geldrente von 20 lübecker Mark auf Wiederkauf“ verkauft (1387, April 24).
  17. Nekrologium des Klosters St. Michaelis in Lüneburg, hg. von Wedekind, S. 89: Anno domini M. CCCC. primo obiit Volradus Lassan, sacerdos fr. nr., qui dedit annuatim quinque marcas denariorum de bonis monasterii, de quibus dantur XXX personis, VI choralibus maioribus et scolaribus unicuique IIII den. et campanatori II ss. Der Eintrag steht unter dem 26. November. Wie bei Wilkinus von Ilten (s. Nr. 12) wird es sich hier um den Begräbnistag handeln. – Gebhardi (wie Anm. 16), S. 274, spricht mit Recht von einem ansehnlichen Vermächtnis Lassans für das Kloster.
  18. Vgl. Nr. 31.
  19. Hodenberg (wie Anm. 5), S. 548 f., Nr. 838. Ein anderer Testamentar war der Caritator Ludolf von Heimbruch (vgl. Nr. 13).

Zitierhinweis:
DI 24, Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne, Nr. 11† (Eckhard Michael), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di024g002k0001109.