Inschriftenkatalog: Lüneburger Klöster

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 76: Lüneburger Klöster (2009)

Nr. 39 Kloster Wienhausen vor 1433

Beschreibung

Heilsspiegel-Teppich.1) Wollstickerei auf Leinen. Im Textilmuseum ausgestellt. Die Rahmenleisten und sechs untereinander angeordnete Bildstreifen zeigen Darstellungen, denen das Bildprogramm des Speculum Humanae Salvationis zugrundeliegt, zwischen den Bildleisten sieben Leisten mit Inschriften (A–G), die Inschrift C setzt sich im rechten Winkel nach oben auf der rechten Inschriftenleiste fort, die Inschrift D setzt sich im rechten Winkel nach unten auf der rechten Inschriftenleiste fort. Die Inschrift H auf der linken Leiste bezieht sich auf die obere Szene des linken Randstreifens, die Christus zeigt, der Gottvater seine Wundmale vorweist. In der oberen Reihe eine Darstellung der Parabel von der Eiche, der Sturz der Engel sowie Szenen von der Erschaffung Adams und Evas bis zur Vertreibung aus dem Paradies und die Arche Noah. In der zweiten Bildreihe beginnt die Darstellung der typologisch aufeinander bezogenen Szenen mit der Vita Marias bis zur Geburt Christi, in der dritten bis sechsten Bildreihe sowie auf dem Rahmenstreifen Szenen aus der Vita Christi bis zum Jüngsten Gericht. Jeder dieser Szenen des Neuen Bundes sind jeweils drei typologisch darauf bezogene Szenen des Alten Bundes nachgeordnet.2) In der Szene der Erschaffung von Adam und Eva die Tituli I, in der Szene der Verkündigung der Engel mit Schriftband J. Die Inschriften sind in wortweisem Farbwechsel rot/schwarz auf weißem Grund ausgeführt, die in Schwarz gestickten Buchstaben zum Teil ausgefallen, aber noch in der Kontur erkennbar, daher hier in eckigen Klammern wiedergegeben. Die Worttrenner als Quadrangeln mit Zierhäkchen nach oben und unten in Gelbgrün gestickt. In den Randleisten sind unregelmäßig acht Wappenschilde verteilt, die Wappen oben rechts und unten links nur noch als kleine Fragmente erhalten.3)

Maße: H.: 367 cm; B.: 610 cm; Bu.: 8–10 cm (A–H), 5 cm (I, J).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Kloster Wienhausen [1/8]

  1. A

    vp · [ener] · heide · [steit] · en · [ek]·boim · [dar] · af · [helde] · en · [iewelik] · sin · [ghe]voch · en · lerer · nicht · sal · der · scrift · mer · vt · leghen · wen · em · to · sine(n) · rede(n) · komet · eb[en]

  2. B

    [doa) ghot] · den · [e(n)ghel]b) · stote · [va]n · den · hemel · ne der · do · wolde · he · den · mi(n)schen · maken · in dat · paredis · he · solde · ewech · leven · vn(de) · sali(ch)c)

  3. C

    d[o] · de · [mi]nsche · brach · dat · bot · noch · der · dvvel · [rade] · do warp · [e]ne · ghot · vt · gnaden · hadde · he · nicht · over · trede(n) hene not /· here · make · v[ns] · svnt berodtd)

  4. D

    do · quam · vp de · erden · ghot ·vn(de) · wat · minsche · vn(de) · leit · de[..]ote) · sin · smaheit · vn(de) · si(n) · dot · si(n) · marter · vn(de) · si(n) · f)heft · vns · ghe·/[....] · vt · [aller] · no[t] g)

  5. E

    dat · [.....] bi·wisit · an · der · [n]eghenh) · scrift · dar · van · me · leset · de · pr[ofe]ten · hebbet dat · in · der · olden · e · be·wiset · in boke(n) · de · me leset

  6. F

    [dit] · ist · [van] · anbeghinne · [de]r · werlt · [vn(de)] · alle · [bewisi(n)g]he · vn(de) · [fighv]re(n) · vn(de) · [gho]des · minscheit · vn(de) · siner · moder · ere · vn(de) · werdicheit

  7. G

    minsche · [svn]deg[het] · anei) · [not] · de · [vor]·nighet ghode · vvnde(n) · vn(de) · de(n) dot · des · mach · men · se(n) · in · desse · [f]ig[hure(n)] · wa[t] · [na] · ghodes · [rihte]j) · wil · [iamers] · sche(n)

  8. H

    de · sone · [w]iset · den · vader · s[i]ne · vunde(n) · he · vor·biddet [ · .. · ] to · [a..e. · st]vnden · [... ..] · [.....] k)

  9. I

    eva // ada(m)

  10. J

    ave · gracia · 4)

Übersetzung:

In einer Landschaft steht eine Eiche, von der ein jeglicher das erhält, was er braucht. Ein Lehrer soll die Schrift nicht mehr auslegen, als es ihm für seine Vorträge zukommt. (A)

Als Gott den Engel aus dem Himmel stieß. Da wollte er den Menschen machen. Im Paradies sollte er ewig leben und selig sein. (B)

Als der Mensch das Gebot brach nach dem Rat der Teufel, da warf ihn Gott aus der Gnade, hatte er doch keinen Anlaß, (das Gebot) zu übertreten. Herr, mach uns gesund (und) gib (uns) Rat. (C)

Da kam Gott auf die Erde und wurde Mensch und erlitt den Tod. Seine Schmach und sein Tod, seine Marter und seine Pein hat uns aus aller Not ge(rettet). (D)

Das ... ist im Neuen Testament bezeugt, in dem man liest. Die Propheten haben das im alten Bund bewiesen in den Büchern, die man liest. (E)

Dies handelt vom Beginn der Welt und von allen beweiskräftigen Beispielen und Darstellungen und Gottes Menschwerdung und seiner Mutter Ehre und Würde. (F)

Der Mensch sündigt ohne Not, der Gottes Wunden und den Tod verleugnet, das kann man an diesen Darstellungen sehen, was nach Gottes Gericht an Jammer geschehen wird. (G)

Der Sohn zeigt dem Vater seine Wunden, er bittet (ihn, allen ihre Sünden) zu (vergeben). (H)

Sei gegrüßt, Gnaden(reiche). (J)

Wappen:
oben:HoyaBayernLüneburg
links:Oldenburg
rechts:Brandenburg
unten:BraunschweigAnhaltPommernSachsen

Kommentar

Die Ausführung der in ein Zweilinienschema gestellten gotischen Minuskel in auffallend großen Buchstaben, die auf einen weiter entfernt stehenden Leser zugeschnitten sind, läßt eine detaillierte Gestaltung mit dünnen Zierstrichen und -häkchen zu. Die Buchstaben sind zum Teil so eng zusammengerückt, daß dazwischen kein Hintergrund sichtbar bleibt, ohne daß es sich um Ligaturen handeln würde, es kommen aber auch zahlreiche Ligaturen vor, de ist durchgängig ligiert.

Dargestellt ist auf dem Teppich das komplette Bildprogramm des Speculum Humanae Salvationis in der Kurzfassung, die in einem nicht in allen Handschriften enthaltenen Prolog die Eichbaumparabel darstellt, in zwei Eingangskapiteln die Erschaffung des Menschen und den Verlust des Heils durch den Sündenfall schildert und in weiteren 32 Kapiteln die Wiedergewinnung des Heils durch die Menschwerdung Christi unter Mitwirkung von Maria. Die auf dem Teppich dargestellten Szenen entsprechen diesem Programm exakt. Die Inschriften A–C kommentieren das Bildgeschehen in dem oberen Bildstreifen, die Szenen der Heilsgeschichte in den folgenden Bildstreifen werden von der Inschrift D zusammenfassend behandelt, während die Inschriften E–G das Bildprogramm des Teppichs allgemein und das typologische Konzept des Heilsspiegels zum Thema haben, die Inschrift H kommentiert eine einzelne Szene.

Direkt auf den Text der Handschriften greifen die Inschriften A und H zurück. Auf dem Teppich wird die Eiche nicht wie in der mitteldeutschen Wolfenbütteler Handschrift HAB Cod. Aug. 81. 15. von 1456 In einer aptyen (‚in einer Abtei‘) lokalisiert, obwohl dies gut in den Zusammenhang des Klosters Wienhausen gepaßt hätte, sondern in Inschrift A sehr allgemein vp ener heide. Die beiden die Eichbaumszene ausdeutenden Verse der Inschrift A finden sich in derselben Handschrift in leichter Abweichung: Ein lerer sal die schrifft nit mer uß geben / wan yme nach der rede der zeit komet eben. Anders als Kohwagner-Nikolai meint, die in der Eichbaumszene „eine Lebensbaumallegorie“ für die „lebensspendende Kraft Gottes“ sieht,5) handelt es sich dem Prolog des Heilsspiegels zufolge – sehr viel spezieller auf die Funktion des Werks bezogen – um ein Gleichnis dafür, daß jeder sich aus dem explizit für Geistliche wie Laien bestimmten Heilsspiegel nur das herausnehmen soll, was er für sich selbst braucht, ebenso wie die verschiedenen Handwerker die verschiedenen Teile der Eiche nutzen. Um dies zu verdeutlichen wiederholt der Prolog nach der Schilderung der einzelnen sich am Baum bedienenden Handwerker noch einmal die Eingangsverse: Der sich an nutze lere wyl prysen / der sal von der schrifft das uß legen / Das yme zu seiner lere komet eben / Uff das seine lere nycht werde droßsam (‚verdrießlich‘) / Heldet er das so wirt seine lere lobesam. Besonderer Wert wird damit auf den didaktischen Zweck des Heilsspiegels und – mit der Übernahme der Verse als Inschrift – des Teppichs gelegt.6) Im Hinblick auf eine handschriftliche Vorlage des Teppichs ist der Begriff fighure interessant, der in den Inschriften F und G den Bezug zwischen den Darstellungen und den Inschriften herstellt und in derselben Funktion in der Prosafassung der Wolfenbütteler Handschrift HAB Cod. Aug. 1. 12. verwendet wird, wo in jedem Kapitelabschnitt mit den Worten Die erst figuren ..., Die ander figuren ..., Die dritt figuren ... auf die Illustration der alttestamentlichen Typen hingewiesen wird. Abgesehen von der Inschrift A nimmt nur noch die Inschrift H Bezug auf eine einzelne dargestellte Szene, die kommentierenden Verse sind direkt dem entsprechenden Kapitel des Heilsspiegels entnommen (vgl. Anm. k). Für die anderen, sehr allgemein gehaltenen Versinschriften konnte keine Vorlage ermittelt werden, sie könnten speziell für den Teppich verfaßt worden sein.

Es ist auffällig, daß sich die Wappen des Teppichs bis auf die Wappen Anhalt und Sachsen auch auf dem von der Äbtissin Katharina von Hoya (vgl. Nr. 41) gestifteten Heiligen Grab (Nr. 44) finden, das dort vorkommende Wappen Holstein fehlt hier. Die Wappen Bayern, Pommern und Sachsen sind nicht mit den in den Stammtafeln aufgeführten Vorfahren der Katharina von Hoya in Einklang zu bringen, es sei denn, man wollte in den Wappen Bayern und Sachsen einen Bezug auf die Herzogstitel Heinrichs des Löwen sehen. Die anderen Wappen beziehen sich auf ihre direkten Ahnen väterlicher- und mütterlicherseits.7) Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß der im Wienhäuser Notizbuch der Äbtissinnen befindliche Eintrag, wonach sie und ihre Mutter Mechthild von Braunschweig-Lüneburg de groten toppet gestiftet hatten, auf den Heilsspiegel-Teppich zu beziehen ist.8) Da Mechthild 1433 starb, müßte der Teppich vor 1433 begonnen worden sein.9)

Textkritischer Apparat

  1. Kohwagner-Nikolai liest da. Es handelt sich zweifelsfrei um ein o in derselben Ausführung wie in boim und ghot, der Buchstabe oben und unten geschlossen, und nicht um ein doppelstöckiges a.
  2. Ohne Kürzungsstrich.
  3. Der Text bricht am Ende des Schriftbands aus Platzgründen ohne Kürzungszeichen ab, sin zu ergänzen.
  4. Zwischen be und rodt ein großes Spatium und das hier durchlaufende Schriftband A, das t nur noch teilweise erhalten. Schütte und Maier lesen ... bose, Kohwagner-Nikolai be hode. Alle drei übersehen, daß sich hier die Inschrift C fortsetzt. Die Bitte kommt in ähnlicher Form oft in Glockeninschriften als hilf got maria berot vor. Vgl. DI 66 (Landkreis Göttingen), S. 25.
  5. Zu ergänzen zu de[n · d]ot, allerdings ist die Fehlstelle für zwei Buchstaben und einen Worttrenner sehr groß.
  6. Hier ein Wort ausgelassen, Schütte schlägt pine vor, aus Reimgründen wäre aber wohl eher not zu ergänzen.
  7. Der senkrechte Textteil sehr gedrängt, am Schluß eine kleine Fehlstelle, das t aber noch in Umrissen zu erkennen. Kohwagner-Nikolai, Schütte und Maier übersehen, daß sich die Inschrift auf dem rechten Schriftstreifen fortsetzt, der Text fehlt bei Schütte und Maier, ... · vt · a.. · ne bei Kohwagner-Nikolai dem zweiten Teil der Inschrift C zugeordnet.
  8. Schütte und Maier lesen hilghen, Kohwagner-Nikolai e[w]eghen, das schon aus Platzgründen nicht möglich ist, zudem ist die Haste vor dem e unten nach rechts umgebrochen, so daß kein w in Frage kommt.
  9. Bei Schütte und Maier svnde got ave, bei Kohwagner-Nikolai svndeghet ave mit entsprechend unzutreffender Übersetzung auch des folgenden Textes.
  10. Schütte und Maier mochte, Kohwagner-Nikolai ..chte.
  11. Schütte und Maier vor bidet ... to ... n, Kohwagner-Nikolai vor · biddet · ..to · ....en · ...r · ... . Der ausgefallene Text ist entsprechend dem Heilsspiegel zu ergänzen zu vorbiddet · [en] · to [allen · st]vnden, nach dem letzten Worttrenner ist noch eine unten nach rechts gebrochene Haste zu erkennen, am Ende vermutlich noch ein Reimwort sunden. Die Version des Heilsspiegels lautet in der Wolfenbütteler Hs. HAB Cod. Aug. 81. 15., fol. 67v, Nu weiset er seinem vater sein wonden /Vnd biedet fur uns to allen stunden, in der derselben Gruppe des Heilsspiegels zugehörigen Wolfenbütteler Hs. HAB Cod. Blank. 127a, fol. 68r, Nu bewyset he syme vader syne wunden / vnde biddet vor uns to allen stunden.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr. WIEN Ha 6.
  2. Zu dem Bildprogramm im einzelnen vgl. Kohwagner-Nikolai, Bildstickereien, Nr. 6, S. 225–227.
  3. Kohwagner-Nikolai, Bildstickereien, Nr. 6, S. 220, zählt neun Wappen in den Randstreifen und gibt zehn Wappen namentlich wieder. Das von ihr genannte Wappen Neu-Bruchhausen läßt sich auf dem Teppich nicht verifizieren.
  4. Lc. 1,28.
  5. Tanja Kohwagner-Nikolai, Zur Funktion des Heilsspiegel-Teppichs in Kloster Wienhausen. In: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart 69, 2001, S. 105–137, hier S. 113.
  6. Zur Aufhängung des Teppichs zu didaktischen Zwecken ausführlich Kohwagner-Nikolai (ebd., passim), die eine Verwendung in der Fastenzeit für wahrscheinlich hält.
  7. Vgl. Nr. 44, Kommentar.
  8. Klosterarchiv Wienhausen, Notizbuch der Äbtissinnen, Fach 3, Nr. 1/1, p. 53.
  9. Vgl. Isenburg, Stammtafeln, N. F. Bd. 1, Tafel 64 (Hoya).

Nachweise

  1. Schütte, Bildteppiche, Bd. 1, S. 19 (A–H) u. Tafel 14–18.
  2. Maier, Kunstdenkmale Wienhausen, S. 158 u. Abb. 208f. (A–H).
  3. Kohwagner-Nikolai, Bildstickereien, Nr. 6, S. 219f. (A–H).
  4. Tanja Kohwagner-Nikolai, Zur Funktion des Heilsspiegel-Teppichs in Kloster Wienhausen. In: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart 69, 2001, S. 105–137, hier S. 108 (A–H).

Zitierhinweis:
DI 76, Lüneburger Klöster, Nr. 39 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di076g013k0003903.