Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 44 Weißenfels, St. Mariae 1465

Beschreibung

Werksteine aus Sandstein an der Stirnseite des ersten Strebepfeilers östlich des Südportals. Dreizehn eingetiefte Schriftzeilen mit erhabenen Buchstaben auf vier Quaderreihen geben eine Bauinschrift mit Namen (A) und das Baudatum mit Namen und eine Anrufung (B) wieder. B durch eine unbeschriftete Quaderlage von A abgesetzt. Größere Partien auf der rechten Hälfte von A verwittert; die fünfte und sechste Zeile von A bei Anbringen einer Straßenlaterne im 19. Jh. beschädigt.1)

Maße: H.: 137 cm (A), 53 cm (B); B.: 82 cm (A, B); Bu.: 10,5 cm (1. Zeile von A), 10 cm (2. bis 9. Zeile von A, B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Franz Jäger) [1/2]

  1. A

    Anno · d(omi)ni · mcccc · l · xva) / feriab) · s(e)c(vn)da · post festv(m)c) / corp(or)is · (christi)d) · inceptv(m) · e(st) / hoc · opvs · p(er) m(a)g(ist)r(v)me) · / ioh(ann)emf) · reynhardg) · / de · mey[se]nh) · existen/tibvs · vit(ri)cis · eccl(es)ie · ot/tonei) · poddelentzj) · et / lavre(n)c(i)o · geynledderk)

  2. B

    corp(or)isl) · (christi)d) · circa · ot/to · podelenczm) · et · loren/cz · keynledern) · vitrici / maria · hilff · vns2)

Übersetzung:

A Im Jahre des Herrn 1465, am Montag nach dem Fronleichnamsfest, ist dieses Werk durch Meister Johannes Reynhard von Meißen unter den derzeitigen Verwaltern der Kirche Otto Poddelentz und Laurencius Geynledder begonnen worden.

B Um das Fronleichnamsfest, Otto Podelencz und Lorencz Keynleder, Kirchenverwalter. Maria hilf uns.

Datum: 1465 Juni 17.

Kommentar

Die erste Zeile der sehr sorgfältig gearbeiteten Inschrift ist durch eine besondere Schriftgestaltung (Bandminuskel) ausgezeichnet. Die Hastenenden der Minuskelbuchstaben sind nicht wie in den übrigen Zeilen einfach umbrochen, sondern durch schräges Überschlagen der Haste gebildet. Die übrigen Buchstaben bleiben weitgehend schmucklos. Ihre Ober- und Unterlängen ragen nur wenig über den eingetieften Mittellängenbereich hinaus; die Oberlängen von h, l und t sind etwas verbreitert und spitz auslaufend. Bemerkenswert ist die Bildung des runden s, dessen im Mittelteil einander berührende Bogenenden versetzt und ineinander geschoben wurden. Außerdem sind das spitze v und das y trotz gleichen Aufbaus klar voneinander geschieden, indem das untere Ende des rechten Schafts des y nicht wie beim v abgeschrägt, sondern bis zum umbrochenen unteren Ende des linken Schafts ganz allmählich spitz ausläuft. Die Worte trennen zumeist Quadrangel. Kürzungen sind durch überschriebene Striche markiert. Da sich die Buchstaben von A und B in Form und Größe (abgesehen von der ersten Zeile in A) nicht unterscheiden, sind beide Inschriften wahrscheinlich zu derselben Zeit und vermutlich auch in derselben Werkstatt entstanden.

Der Inhalt von A ist unstrittig, abweichende Lesungen gibt es nur bei der Jahreszahl (und beim letzten Wort in der vierten Zeile). Für die Datierung 1465 spricht auch der historische Kontext, wie er von Schieferdecker überliefert wird.3) 1463 erhielt der Stadtrat von Weißenfels die Erlaubnis, die Hälfte der in Weißenfels erhobenen Türkensteuer zur Wiederherstellung der verfallenen Kirche einzubehalten. Zum gleichen Zweck erlangte die Kirche auch mehrere Ablässe. Der von Schieferdecker übermittelte Text eines Indulgenzbriefes von 1465 Mai 30 gewährt für Spenden „ad reparationem et reaedificationem“ einen vierzigtägigen Sündennachlaß. 18 Tage nach Ausstellung wäre entsprechend der vorgeschlagenen Datierung der Bau begonnen worden. Auffällig ist der späte Termin, der wohl von den Ablaßeinnahmen unmittelbar abhängig war. Üblicherweise wurden Bauvorhaben zu Ende der Frostperiode zwischen Februar und April in Angriff genommen.4) In einem zweiten, von Schieferdecker im Wortlaut mitgeteilten Ablaßbrief von 1480 Mai 2 wird die Kirche als „novissime reconstructa“, vor kurzem wiederhergestellt, bezeichnet. Alle weiteren in situ befindlichen und datierten mittelalterlichen Inschriften der Kirche5) wären folglich in der Bauzeit entstanden, ein Umstand, der die vorgeschlagene Datierung bekräftigt.

Inhaltlich bezieht sich die Inschrift wahrscheinlich nur auf das Schiff, soll doch der Chor, der durch eine sehr unregelmäßige Verfugung zwischen östlicher Abschlußwand des Südseitenschiffs und dem westlichsten Strebepfeiler der Chorsüdseite vom Schiff abgesetzt ist, schon nach der Belagerung durch die Hussiten 1429 oder 1430 begonnen worden sein.6) Entgegen der Darstellung von Sommer (BKD Prov. Sachsen 3) und Lorenz, daß ab 1465 (oder 1475) nur die Südseite des älteren Kirchenschiffes erneuert worden sei,7) nehmen jüngere Autoren einen umfassenden Neubau des Kirchenschiffes an.8) Möglicherweise ist die unregelmäßige Jochgliederung der Südseite durch den schrittweisen Abbruch des Vorgängerbaus bedingt, dessen Reste einen gleichmäßigen Bauablauf behinderten.

Der Baumeister Johannes Reynhard ist zwischen 1458 und 1497 fast aussschließlich im obersächsischen Raum nachweisbar (Dresden, Schloß Sachsenburg bei Frankenberg an der Zschopau). Seine Ausbildung erhielt er an der Meißner Bauhütte, aus der mehrere bedeutende obersächsische Baumeister hervorgingen. Die ehrenvolle Inschrift bezeugt das Ansehen, das die Bauhütte noch vor Beginn der Bauarbeiten an der Albrechtsburg – ihrem wichtigsten Werk – erworben hatte, und den frühen Ruhm ihres Schülers. Die Marienkirche in Weißenfels ist das früheste sicher zuweisbare Werk Reynhards.9) Wenn auch die Herkunft des Johann Reynhard aus Weißenfels nicht auszuschließen ist, das Attribut „ingenuus“ (lat. eingeboren) also seine Berechtigung hätte und die seit altersher überlieferte Lesung richtig wäre, so vermag doch die Lesung magistrum, die sich auf ein Vergleichsbeispiel aus dem Bearbeitungsgebiet stützen kann, eher zu überzeugen. In einer Bauinschrift im Chorgewölbe der Dorfkirche zu Großkorbetha aus dem Jahre 1480 findet sich eine teilweise gleichlautende Formulierung mit einer der Weißenfelser Inschrift entsprechenden Kontraktionskürzung: m(a)g(ist)r(u)m.10)

Die Familie Poddelentz oder Podelencz gehörte im 15. Jh. offensichtlich zu den führenden Familien der Stadt. Bereits zwischen 1412 und 1423 erscheint ein Heinrich Podelentz als Bürgermeister, und 1423 tritt ein Herman Bodelentz – der trotz abweichender Schreibweise seines Namens sicherlich der Familie zuzurechnen ist – als Wortführer der Kirchengemeinde auf. Otto Podelentz ist zwischen 1480 und 1487 als Bürgermeister belegt.11) Über Lorencz Geynledder/Keynleder gibt nur diese Inschrift Auskunft.

Trotz neuerlicher Nennung der Kirchenverwalter und des jährlich wiederkehrenden Festtages, nach dem der Kirchenbau begonnen worden war, weist Inschrift B signifikante Unterschiede gegenüber Inschrift A auf. A dokumentiert in sachlicher Form Tag und Jahr des Baubeginns, den Vorgang selbst und die für die Bauausführung verantwortlichen Personen. B hingegen entbehrt des dokumentarischen Charakters, ist in der Aussage an kein bestimmtes Jahr gebunden und schließt mit einem persönlichen Segenswunsch. Die unvollständige Datumsangabe ließ Schieferdecker vermuten, daß die Inschrift „unvollkommen“, d. h. unvollendet oder fragmentiert sei,12) doch weisen die sorgfältig geglätteten und passgenau gearbeiteten Quader zwischen A und B – der Ort, wo die fehlende Jahresangabe zu erwarten wäre – keinerlei Be- oder Umarbeitungsspuren auf. Die ungewöhnliche Form der Inschrift ist auch nicht irrtümlich oder zufällig zustandegekommen, was an solch einem exponierten Ort ohnehin ausgeschlossen werden kann. Die Inschrift B muß einem anderen Zweck gewidmet gewesen sein als die Inschrift A und ist wohl so zu verstehen, daß an jedem Fronleichnamsfest, an dem der Baubeginn sich jährt, die Kirchenpatronin Maria den Bauverantwortlichen neuerlich ihre Hilfe zum Fortgang des Werkes gewähren möge. Inschrift A trägt urkundlichen Charakter; Inschrift B hingegen gleicht eher einer privaten Anrufung, ohne aber den offiziellen Charakter gänzlich zu verlieren, denn die Gottesmutter sollte den mit ihrem Amtstitel genannten Kirchenverwaltern doch wohl bei ihrer Amtsausübung beistehen. Sicherlich war es nur in diesem Zusammenhang möglich gewesen, die Inschrift, die den Segenswunsch zweier einzelner Personen vorträgt, mit einem solchen Aufwand und an so herausragender Stelle anzubringen. Ob die Verwendung volkssprachlicher Formen (der Vorname lorencz und die Anrufung Mariae) den anderen Charakter der Inschrift B unterstreichen sollte, sei dahingestellt.13)

Textkritischer Apparat

  1. mcccclxv] Mo. CCCCo. XV. Förstemann (danach 1415 bei Otte 1885, S. 522), MCCCCLXXV Lorenz.
  2. feria] fecia Bach.
  3. festvm] fest(v)m BKD Prov. Sachsen 3.
  4. christi] Die Minuskelbuchstaben x, p und i für die griechischen Majuskelbuchstaben Chi, Rho und Jota. In der kopialen Überlieferung stets transkribiert und ergänzt.
  5. magistrvm] Lesung unsicher; davor kein Wortabstand. magistrum wie Förstemann hatte auch Sommer (BKD Prov. Sachsen 3) nach eigenem Bekunden an dieser Stelle erwartet, doch schien ihm die seit Büttner beständig tradierte Lesart inge(nu)um „unzweifelhaft“. So auch Schieferdecker, Otto und Lorenz. ingennum Bach.
  6. iohannem] Johann Büttner, Schieferdecker, Otto.
  7. reynhard] Reinhard Büttner, Schieferdecker, Otto, BKD Prov. Sachsen 3, Lorenz, Bach.
  8. meysen] Meusen Büttner, Schieferdecker, Otto; meyszen Förstemann; Meysen Lorenz; meissen Bach.
  9. ottone] Otto Büttner, Schieferdecker, Otto.
  10. poddelentz] Potelenz Büttner, Otto; POTELENTZ Schieferdecker, Bach; podelentz Förstemann, BKD Prov. Sachsen 3.
  11. lavrencio geynledder] Laurentio Peynleder Büttner, Schieferdecker, Otto; laurentio gerntrader Förstemann; Laureno geynledder Bach.
  12. corporis] Opis Bach.
  13. podelencz] Potelenz Büttner, Schieferdecker, Otto; podelenz Förstemann; podelentz BKD Prov. Sachsen 3, Lorenz, Bach.
  14. lorencz keynleder] Lorenz Peynleder Büttner, Otto; LORENTZ PEYNLEDER Schieferdecker; lorenss reynhart Förstemann; lorentz keynleder Sommer, Lorenz; Lorentz keynledder Bach.

Anmerkungen

  1. Lorenz 1903, S. 10.
  2. Es folgt ein erhabenes Steinmetzzeichen (vgl. Anhang II, Nr. 1), das Johann Reynhard zugeschrieben wird (Diener v. Schönberg 1931, S. 328). Dieselbe Marke erscheint auch auf einem Wappenschild im Scheitel des Südportals. Die auf der Sachsenburg und am Rathaus in Plauen nachgewiesenen und Reynhard zugeschriebenen Steinmetzzeichen sind von anderer Form (BKD Sachsen 6, S. 84 f.; BKD Sachsen 9, S. 60 f.).
  3. Schieferdecker 1703, S. 20–25.
  4. Binding 1993, S. 137, 140 f. Vgl. a. Nr. 57.
  5. Vgl. Nr. 46, 47.
  6. Vgl. Nr. 32.
  7. BKD Prov. Sachsen 3, S. 73; Lorenz 1903, S. 4.
  8. Gross 1967, S. 115–137; Köhler 1993, S. 6 f.; Dehio 1999, S. 478.
  9. BKD Prov. Sachsen 3, S. 68–76; BKD Sachsen 6, S. 84 f. (Sachsenburg); BKD Sachsen 21, S. 10 f. (Kreuzkirche Dresden), 337 (Schloß Dresden); Diener v. Schönberg 1931, S. 327 f.; Thieme/Becker 28, 1934, S. 123; Mrusek 1972, S. 43, 46, 48, 58, 70, 76 f., 82; Karsch 1995, S. 178 f.
  10. Vgl. Nr. 52.
  11. Thielitz, Bürgermeister, o. S.; Thierbach 1986, o. S. Vgl. a. Nr. 31.
  12. Schieferdecker 1703, S. 21.
  13. Auch ist in B die Konsonantendoppelung poddelentz und geynledder aufgehoben.

Nachweise

  1. Büttner, Teil 2, S. 93 f.
  2. Schieferdecker 1703, S. 21.
  3. Otto 1796, S. 54.
  4. Förstemann 1835/1836, S. 643.
  5. BKD Prov. Sachsen 3, S. 70 f.
  6. Lorenz 1903, S. 10–13.
  7. Bach 1, 1996, S. 80 f.

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 44 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0004402.