Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 112 Lützen, St. Viti um 1510/30

Beschreibung

Tafelbild mit Darstellung des hl. Wenzel aus der Chordecke, der 48 gleichartige Heiligenbilder aufgemalt sind. Die Decke wurde 1972/73 in situ konserviert, ist aber noch heute unter einer Stuckdecke des 19. Jh. verborgen.1) Das im Kirchenschiff aufgehängte Bild wurde aus der Decke herausgenommen und gerahmt. Es zeigt eine Konturenmalerei mit blasser, partiell verlorener Farbigkeit. Der bartlose, gelockte Heilige trägt einen Herzogshut und eine Plattenrüstung. Seine rechte Hand umgreift eine Fahnenlanze mit Wappen; seine linke hält einen blaugrauen Wappenschild mit einem orangeroten Kreuz, dessen Wappencharakter fraglich ist. Beiderseits des Hauptes ist auf zwei Zeilen zwischen je zwei Linien der Name des Heiligen mit schwarzer Farbe aufgemalt. Über der oberen Zeilenbegrenzung eine weitere Linie.

Maße: H.: 144,5 cm; B.: 79 cm; Bu.: 8–8,5 cm (1. Zeile), 6–6,5 cm (2. Zeile).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Franz Jäger) [1/1]

  1. WE//NCES/LA//VS

Wappen:
Bistum Merseburg2)

Kommentar

Die Buchstaben zieren unterschiedliche, zumeist strichförmige Sporen. Das A hat einen Deckstrich; der Schrägschaft des N ist kräftig geschwungen. A, N, V und W sind mit Haar- und Schattenstrichen ausgeführt.

Der hl. Wenzel (gestorben 929/935), einst Herzog von Böhmen, wurde oft zusammen mit dem hl. Vitus (Veit) verehrt, dessen Kult er in seinem Herrschaftsbereich gefördert hatte.3) Kultstätten des hl. Wenzel konzentrierten sich auch im mitteldeutschen Raum, unter ihnen die Wenzelskirche im nahegelegenen Naumburg an der Saale.4)

Die Lützener Deckenmalerei kann noch vor der Weihe des Kirchenneubaus 1513, aber auch erst in den beiden Jahrzehnten danach entstanden sein, denn Bau und Ausstattung der Kirche wurden wohl erst mit Vollendung des Kirchturms 1531 abgeschlossen.5) Eine späte Entstehung des Heiligenbildes könnte auch durch das lange Festhalten am römischen Ritus begünstigt worden sein, wurde doch die Reformation des Merseburger Stiftsgebietes erst nach dem Tod des vorletzten katholischen Bischofs von Merseburg, Sigismund von Lindenau, 1544 offiziell vollzogen. Schon seit 1542 mußte aber der Bischof evangelischen Gottesdienst in Lützen dulden.6)

Anmerkungen

  1. Mai/Schneider 1981, S. 3, 5; Denkmale 1983, S. 514. Eine ähnliche Felderdecke im Kirchenschiff wurde wegen starker Schäden aufgegeben (Denkmale a. a. O.).
  2. Nach Siebmacher I, 5, I, Taf. 173 in Gold ein schwarzes Kreuz, hier aber in Silber ein schwarzes Kreuz.
  3. LCI 8, Sp. 595 f.
  4. Reliquien sind außerdem in Bamberg, Erfurt, Quedlinburg und Halberstadt nachgewiesen (LCI 8, Sp. 596).
  5. Vgl. Bürger, Teil 1, 393 f. Zur Baugeschichte vgl. a. Nr. 60 und Anhang I, Nr. 3, 5. Die Fußbodenverlegung 1535 und die Ausmalung der Kirche 1545 waren wohl Instandsetzungmaßnahmen gewesen; der Einbau von Gestühl und Emporen 1543 geschah sicherlich im Zusammenhang mit einer Umgestaltung der Kirche, die nach Einführung des evangelischen Gottesdienstes 1542 nötig geworden war. Die Baudaten auch bei BKD Prov. Sachsen 8, S. 85 f.; Fuchs 1910, S. 30 f.; Mai/Schneider 1981, S. 2 f.; Jacob 1997, S. 1 und Dehio 1999, S. 441.
  6. Schmekel 1858, S. 190–193; Küstermann 1889, S. 383; Voccius 1913, S. 6 f.

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 112 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di062l001k0011205.