Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 21 Unterwerschen, Kirche 2. Hälfte 14. Jh.

Beschreibung

Glocke (Schlagton g)1) mit steiler Haube, die beinahe absatzlos in die Platte überginge, wäre der Plattenrand nicht mit einem Steg abgesetzt. Auf den Bügeln der Krone ein gekerbtes Zopfmuster. An der Schulter zwei Stegpaare, die eine Inschrift (Gebet, Evangelistennamen) aus erhabenen Buchstaben einfassen. Am Wolm ein Steg.

Maße: H.: 47 cm; D.: 60 cm; Bu.: 1,8 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Franz Jäger) [1/2]

  1. + O · REX · GLORIE · VENI · CVM · PACE · LVCAS · MARCVS · MATHEVSa) · IOHANNES

Übersetzung:

O König der Herrlichkeit, komme mit Frieden. (...)

Kommentar

Die überwiegend unzialen bzw. runden Buchstaben der Inschrift sind durch Verschmutzung und Korrosion partiell schlecht lesbar. Bogenschwellungen finden sich – z. T. spitz ausgezogen – an allen entsprechenden Buchstaben. Einzelne Buchstaben ( E, G, O, P, R) weisen auch Bogeninnenschwellungen auf. Das trapezförmige A hat einen schwellenden linken Schaft, einen rechtsschrägen Mittelbalken und einen wenig überkragenden Deckbalken. C, E und S sind geschlossen. Auf dem Schaft des P liegt ein Balken. Das L und das (kapitale) T weisen kräftige keilförmige Balkensporen auf, die bei T in Zierpunkten enden. Die Sporen der übrigen Buchstaben sind tropfenförmig schwellend und gelegentlich eingerollt. Als Worttrenner stehen abwechselnd sechsblättrige Blüten und Glocken. Den Anfang der Inschrift markiert ein gleicharmiges Kreuz mit rautenförmigen Kreuzbalken. Buchstaben und Worttrenner wurden sehr dicht gesetzt.

Entgegen der Annahme von Paul Liebeskind gehört die Glocke in Unterwerschen nicht in eine Gruppe mit den Glocken in Unternessa, Eisdorf (Sachsen) und Korbetha (Landkreis MerseburgQuerfurt),2) die doch ein deutlich abweichendes Schriftbild aufweisen, gleichwohl aber in derselben Zeit entstanden sein könnten.

Die Evangelistennamen stehen stellvertretend für das Evangelium, das durch den Glockenklang verkündet wird.3) Außerdem gehörte die Rezitation der Evangelienanfänge zu den üblichen Formeln des Wettersegens bzw. der Wetterbeschwörung im Spätmittelalter.4) Beides geschah nicht nur auf liturgische Weise, sondern auch durch das Läuten der Glocken, das sogenannte Wetterläuten.5) Auch aus diesem Grunde finden sich wohl die Evangelistennamen in Glockeninschriften.6) Sie sind in vorliegendem Fall weniger in der räumlichen Anordnung, sicherlich aber in der Reihenfolge verschiedenen Himmelsrichtungen zugeordnet, wie es noch beim Wettersegen im 15. und 16. Jh. üblich war. Welcher Himmelsrichtung aber welcher Evangelist zugeordnet war, läßt sich im konkreten Fall nicht sagen, da eine bestimmte Zuordnung nicht allgemeinverbindlich vorgeschrieben war.7) Das Gebet findet sich im Bearbeitungsgebiet erstmals auf einer Glocke in Weißenfels.8)

Textkritischer Apparat

  1. MATHEVS] Mattheus Sommer 1867.

Anmerkungen

  1. Glockenerfassung 1917, o. S.
  2. Liebeskind rechnet noch eine Glocke in Zadelsdorf (Thüringen) dazu (Liebeskind 1905, S. 77–79). Zu Unternessa vgl. Nr. 20. Eine Autopsie der Glocken in Eisdorf und Korbetha (vgl. BKD Prov. Sachsen 8, S, 23 f., 37–40) konnte nicht vorgenommen werden.
  3. Heinz 1998, S. 61.
  4. Franz 1, 1909, S. 52, 58, 64 f.
  5. Vgl. HdA 1, 1927, Sp. 1417 f. (s. v. Blitz); 3, 1930/31, Sp. 827 f. (s. v. Gewitter), 1311 f. (s. v. Hagel); 5, 1933, Sp. 939-941 (s. v. Läuten).
  6. Vgl. Nr. 73; Walter 1913, S. 160 f., 212, 244.
  7. Franz 1, 1909, S. 58.
  8. Vgl. Nr. 9.

Nachweise

  1. Sommer 1867, S. 333.
  2. BKD Prov. Sachsen 3, S. 84.

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 21 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0002109.