Inschriftenkatalog: Die Inschriften des Landkreises Weilheim-Schongau

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 84: Lkr. Weilheim-Schongau (2012)

Nr. 91 Bernried, Pfarrkirche St. Martin (ehem. Stiftskirche) um 1510

Beschreibung

Bildbeischriften auf den Seitenflügeln des sog. Hl.-Sippe-Altars. Innen an der Südwand. Im Mittelschrein des Altars Anna Selbdritt, hinter ihr die drei Ehemänner, hinter Maria der Hl. Josef. Auf dem linken Seitenflügel Maria Salome auf einem Lehnstuhl sitzend mit Johannes auf dem Schoß und Jakobus dem Älteren zu ihren Füßen kniend. Alle drei mit Nimben, die Namensbeischriften tragen (I). Im Hintergrund, hinter einer halbhohen Brüstung, unter einem gedrückten Bogen Zebedäus auf die Brüstung gelehnt, über ihm ein Schriftband (II), Kragen- und Ärmeleinfassung mit hebraisierenden Schriftzeichen versehen, stark verblichen, ornamental. Auf dem rechten Seitenflügel Maria Kleophas mit ihren Kindern Judas Thaddäus, Simon, Jakobus dem Jüngeren und Josef Justus, mit Nimben, die Namensbeischriften tragen (III). Hinter ihr in gleicher Weise wie Zebedäus auf der linken Seite Alphäus, ein aufgeschlagenes Buch mit unleserlicher Schrift in der Hand, auf das er deutet, ebenfalls mit einem Schriftband (IV). Zwischen 1940 und 1942 und 1969 restauriert1).

Maße: Maße des Altarflügels H. 142 cm, B. 58 cm, B. des Schriftbandes 35 cm, Bu. 3 cm (II, IV), 1,5 cm (I, III).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (I, III), Gotische Minuskel mit Elementen der Fraktur (II, IV).

© BAdW München, Inschriftenkommission [1/5]

Linker Altarflügel

  1. I.

    S. Maria ∙ Salome ∙ S. Johan(ne)s eva(ngelist)e S. Jacob(us) maior

  2. II.

    Zebvdevsa) ∙ // Ein ∙ Man Mariab) ∙ // Salomec)

Rechter Altarflügel

  1. III.

    Maria ∙ Cleophe S. Judas ∙ S. Simon ∙ S. Jacobus ∙ S. Josephus ∙

  2. IV.

    Alphevsd) // ∙ Ein Man ∙ Mariab) ∙ // Cleophec)

Kommentar

Auf dem Altar lassen sich zwei Ausprägungen der Gotischen Minuskel unterscheiden, die mutmaßlich nicht gleichzeitig entstanden sind. Bei der einen (älteren) handelt es sich um die Beschriftungen der Nimben in Gotischer Minuskel. Sie besitzen ein eher schmales gestrecktes Erscheinungsbild, wie es für diese Schrift typisch ist. Es treten hier auch Formen der vollausgeprägten Gotischen Minuskel, wie sie in erster Linie im 15. Jahrhundert zufinden sind, auf. Hierzu ist besonders das kastenförmige a zu zählen. Bei näherer Betrachtung fallen jedoch Einzelheiten auf, die die Vermutung nahelegen, daß die Schrift später überarbeitet wurde. So ist das Schaft-d bei Judas eine völlig unübliche Form, gewöhnlich wird gebrochenes unziales d verwendet. Auch das ursprüngliche kastenförmige a erscheint an manchen Stellen missverstanden, wie beispielsweise bei Johan(ne)s, wo es unten offen ist und der linke senkrechte Abschnitt unten nach links anstatt nach rechts gebrochen wird.

Neben dieser doch eher „klassischen“ Gotischen Minuskel wird auf den beiden Schriftbändern (II und IV) eine (jüngere) Minuskel verwendet, die im Duktus bereits stark an die Fraktur erinnert. Die Versalien sind durchwegs in Schwellzüge, die mit Zierlinien versehen sind, gegliedert. a tritt in der einstöckigen Form auf, wobei der Bogen gebrochen und geschwungen ist. Der Schaft des p läuft unten spitz aus. Ober- und Unterlängen neigen zu Verzierungen. Ungewöhnlich erscheint rundes u mit diakritischem Zeichen, bei dem der linke(!) Bogen unten nach Art eines Schaftes gespalten ist. Zur Schrift vgl. auch Einleitungskapitel XLV.

Der Altar ist ein Werk der Münchner Schule, er dürfte um das Jahr 1510 geschaffen worden sein2). Wer den Altar für Bernried stiftete ist unklar. Der Parnassus Boicus berichtet von einer Altarstiftung Herzog Sigmunds (1460–1467, + 1501) unter dem Propst Georg Molitor, ob es sich hierbei um den Hl.-Sippe-Altar handelte ist unklar, die kunsthistorische Datierung spricht jedoch gegen die Zuordnung3). Die unsichere Überlieferung über die Bernrieder Altäre des Spätmittelalters und der paläographische Befund lassen die Vermutung zu, daß es sich bei dem heutigen Hl.‑Sippe‑Altar auch um eine Kompilation aus Teilen mehrere Altäre (alter St.‑Anna‑Altar, alter Hl.‑Sippe‑Altar) handeln könnte oder daß es sich bei dem heutigen Befund um Überreste eines ursprünglichen Anna‑Altares handeln könnte, der später eine Erweiterung zum Hl.‑Sippe‑Altar erfuhr4).

Textkritischer Apparat

  1. Diakritisches Zeichen über v. Folgendes Trennzeichen ein Punkt. Es folgt Knick im Schriftband.
  2. Es folgt der Knick im Schriftband.
  3. Trennzeichen paragraphenförmig, teilweise schrägliegend.
  4. Diakritisches Zeichen über v. Es folgt Knick im Schriftband.

Anmerkungen

  1. Angaben aus den Ortsakten zu Bernried im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (u.a. Rechnung von Hans Pfohmann, München, vom 02.07.1942 und Verwendungsnachweis der Pfarrei Bernried vom 14.01.1970 mit Auflistung der Ausgaben an den Restaurator Richard Harzenetter im Jahre 1969).
  2. Vgl. Pechloff, Bernried 9; Dehio OBB 128; DiB I,23 (Weilheim-Schongau) 54 schlägt als Datierung um 1490/1500 vor.
  3. Vgl. dazu Scherbaum, Augustinerchorherrenstift 26. Hundt/Gewold, Metropolis Salisburgensis 2, 152 gibt an, der von Herzog Sigismund gestiftete Altar sei dem Hl. Kreuz gewidmet.
  4. Zum Anna-Altar vgl. Scherbaum, Augustinerchorherrenstift 20, zum Hl.‑Sippe‑Altar vgl. ebenda 26.

Nachweise

  1. Kdm OBB III (Weilheim) 700; DiB I,23 (Weilheim-Schongau) 54 (mit Abb.).

Zitierhinweis:
DI 84, Lkr. Weilheim-Schongau, Nr. 91 (Manfred Merk), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di084m015k0009109.