Inschriftenkatalog: Die Inschriften des Landkreises Weilheim-Schongau

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 84: Lkr. Weilheim-Schongau (2012)

Nr. 5† Wessobrunn, Klosterkirche St. Petrus (abgegangen) 1200–1220

Beschreibung

Inschrift auf Wandteppich mit Bildern zu Visionen aus der Apokalypse. Ehemals wohl Pendant zu einem weiteren Wandteppich (vgl. Nr. 6†). Genauer Standort unbekannt1). Zu welchem Zeitpunkt der Teppich verloren ging, ist nicht bekannt. Mitte des 18. Jahrhunderts war er bereits nicht mehr auffindbar2). Mehrfach überliefert durch den Mönch Stephan Leopolder3).

Das genaue Aussehen des Wandteppichs ist unbekannt. Leopolder schreibt nur von zwei unter Abt Adalbert (Albertus) II. (1200–1220) geschaffenen Teppichen (vgl. auch Nr. 6†), die mit bewundernswerten Bildern und verschiedenen Beschriftungen versehen waren4). Als Beischriften überliefert er zwei Reihen (linea prima und linea secunda), die er nacheinander bietet.

Da die als linea prima und linea secunda überlieferten Verse erst Sinn gewinnen, wenn je ein Vers der linea prima und linea secunda zusammengefaßt wird, werden sie abweichend von den Handschriften in sinngemäßer Folge wiedergegeben. Es wird auch, wie bei Hager5), bei den einzelnen Versen durch die Ziffern 1 oder 2 am rechten Rand die Überlieferung der Verse gemäß Leopolder kenntlich gemacht. In zwei Handschriften6) ist nach den Versen der linea secunda der Name Sibot Chennich de hohemos angegeben7).

Text nach BHStA KL Wessobrunn Nr. 3a8).

  1. Que celum celat Christus secreta revelat (1)Hic enudatis donis trine deitatis (2)Johanni digna per bis septem data signa (1)Per quoda) cunctarum status enitetb) ecclesiarumy (2)5Agno factori seniores atque leoni (1)Grates octo modis referunt resonantibus odis (2)Telis sedatur hec fraus quam mucro minatur (1)Cismaticamc) sortem lanx signat lancea mortem (2)Istis cum signis in terram mittitur ignis (1)10Fumo fuscatur sol atque locusta creatur (2)Tercia pars istis hominum cecidit nece tristis (1)Vita sectemur ipsos ut eis sociemurd) (2)Hii nece prostrati gaudent celoe) vegetati (1)Princeps errorum seu cultor Demoniorum (2)15Femina vexatur pariendo Draco superatur (1)Hiis et ab indignis veneratur bestia signis (2)Hii congaudere celis agno meruere (1)Ranarum more serpens spumat virisf) oreg) (2)Ebria mille dolis fertur meretrix babilonis (1)20Scorti cultricis regnum cecidit meretricis (2)Rex regum fortis pugnat cum Principe mortis (1)Messia misso connectitur hostis abysso (2)Dignis digna dabit stix iniustosque vorabit (1)Hic per Adam nati sunt Christo rege renatih) (2)

Übersetzung:

Hier offenbart Christus durch die Enthüllungen der Gaben des dreieinigen Gottes Geheimnisse, die der Himmel verbirgt (vgl. Apc 1,1). (Z. 1–2)

Johannes sind zweimal sieben schlüssige Zeichen gegeben worden, wodurch der Stand aller Gemeinden deutlich wird (vgl. Apc 1,11–12.16.20). (Z. 3–4)

Die Ältesten erweisen dem Lamme, dem Schöpfer und dem Löwen mit Liedern, die auf acht Weisen erklingen, Dank (vgl. Apc 4,10–11; 5,5–6.8–10; auch 1 Par 15,21). (Z. 5–6)

Dieser Trug, den das Schwert (des zweiten Reiters) drohend kündet, wird von den Pfeilen (des ersten Reiters) behoben; die Waage (des dritten Reiters) bedeutet das Los der Kirchenspaltung, die Lanze (des vierten Reiters) den Tod (vgl. Apc 6,2.4–5.8). (Z. 7–8)

Bei diesen Zeichen wird Feuer auf die Erde geworfen, verfinstert sich die Sonne vor (lauter) Rauch, und ein Heuschreck(enschwarm) wird erschaffen (vgl. Apc 8,1.5; 9,1–3). (Z. 9–10)

(Bei) diesen (Zeichen) ist der dritte Teil der Menschheit jämmerlich des Todes gestorben (vgl. Apc 9,15.18): Lasset uns ihnen (noch) im Leben folgen, auf daß wir zu ihnen gesellt werden! (Z. 11–12)

Diese (beiden Männer sind) eines gewaltsamen Todes gestorben, (nun aber) freuen sie sich, da sie vom Himmel (zu neuem Leben) erweckt worden sind (vgl. Apc 11,3.7.11). (Z. 13)

Der Fürst der Irrungen oder auch der Götzenverehrer (vgl. evtl. Io 12,31? Eph 5,5?). (Z. 14)

Die Frau leidet Geburtswehen (vgl. Apc 12,1–2). Der Drache wird überwunden (vgl. Apc 12,7–11). (Z. 15)

(Bei) diesen Zeichen wird das Tier gerade von den Unwürdigen verehrt (vgl. Apc 13,8.12–13). (Z. 16)

Diese (Menschen) haben verdient, sich im Himmel gemeinsam mit dem Lamme zu freuen (vgl. Apc 14,1.3–5). (Z. 17)

Nach der Art der Frösche läßt der Drache ... Schaum aus seinem Maule dringen (vgl. Apc 16,13). (Z. 18)

Von tausend Listen trunken, wird die Hure Babylon vorgeführt (vgl. Apc 17,1–2.4.6). (Z. 19)

Das Reich der Dirne, der Verehrerin, der Hure ist gefallen (vgl. Apc 18,2). (Z. 20)

Der tapfere König der Könige kämpft mit dem Fürsten des Todes (vgl. Apc 19,16.19–21). (Z. 21)

Nach der Entsendung des Messias wird der Feind (= der Teufel) im Abrund gefesselt (vgl. Apc 20,1–3). (Z. 22)

Den Würdigen wird das Jenseits Würdiges geben, und die Ungerechten wird es verschlingen (vgl. Apc 20,12–15; 21,3–4.7–8). (Z. 23)

Hier sind die (Menschen), die durch Adam geboren sind, in Christus, dem König, wiedergeboren (vgl. Apc 22,2–5; vgl. auch Rm 5,12–21; 1 Cor 15,11.45). (Z. 24)

Versmaß: Zweisilbig, außer in Vers 5 und 19, rein gereimte leoninische Hexameter9).

Kommentar

An mindestens drei Stellen zeigt sich, daß der Dichter oder seine Vorlage – für die Zeit ungewöhnlich – den griechischen Text vor Augen hatte10).

Szenenfolge11): Den Interpretationen von Hager nach sieht der Teppich wie folgt aus: zwei Bildregister mit jeweils 12 Szenen. Darunter jeweils eine Inschriftenzeile mit den Szenen zugeordneten Tituli. Die Szenenfelder sind durch Pfeile markiert, welche die Leserichtung angeben. Die Inschriften sind nach der Zeilennummerierung der Transkription angegeben.

1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23
.
2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24

Das wäre eine ungewöhnliche, aber nicht ausgeschlossene Leserichtung des Teppichs und würde den Inschriften gemäß ein paar Bildwiederholungen oder Doppelungen aufweisen, denn viele auf einander folgende Inschriften aus linea prima (entspricht den ungeraden Zahlen) und linea secunda (entspricht den geraden Zahlen) beziehen sich auf denselben Inhalt. Vergleicht man den Behang aber mit dem zeitgleich entstandenen Petrus- und Paulus-Teppich (Nr. 6†) und dem Rekonstruktionsversuch der im Apokalypsenteppich dargestellten Szenen, wäre eine andere Gliederung wahrscheinlicher, vor allem da Leopolder die Gliederung des Teppichs nicht konkret beschreibt. Doppelszenen, also synchrone Darstellungen bei einzelnen Szenen sind üblicher und damit wahrscheinlicher, als Wiederholungen. Die einzelnen Szenen werden mit B und der fortlaufenden Nummer angegeben:

B1 B2 B3 B4 B5 B6 B7 B8 B9 B10 B11 B12
1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23
2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24

oder:

1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23
B1 B2 B3 B4 B5 B6 B7 B8 B9 B10 B11 B12
2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24

Szene Ikonographie
B1 Johannes auf Patmos mit dem Engel, der ihm ein Buch mit dem Befehl reicht, es zu essen.
B2 Vision der 7 Leuchter, die für die 7 Gemeinden stehen, denen Johannes Sendschreiben schicken soll. Mitten unter den Leuchtern steht einer, der aussieht wie ein Mensch und in seiner rechten 7 Sterne hält.
B3 Um den Thron des Lammes stehen 24 Throne mit den 24 Ältesten (entspricht 12 Propheten und 12 Apostel).
B4 Die Öffnung der ersten 4 Siegel und die 4 Reiter.
B5 Die 5. Posaune: Heuschreckenplage.
B6 Die 6. Posaune: die 4 Engel werden vom Euphrat losgebunden, um ein Drittel der Menschheit zu töten.
B7 Sieg über die Feinde, sowie Auferstehung von Enoch und Elias.
B8 Das apokalyptische Weib mit dem Kampf Michaels gegen den Drachen (und der Anbetung des Tieres ?).
B9 Anbetung des Lammes durch die 144 000 mit Ausgießen der 6. Schale des Zorns (ein Drache mit Schaum aus dem Maul)
B10 Die Hure Babylon und ihr Sturz.
B11 Christus kämpft mit dem Fürsten des Todes und besiegt ihn.
B12 Himmlisches Jerusalem (Jüngstes Gericht?).

Einordnung: Interessant ist, daß eine trotz der Verluste noch immer größten vorhandenen, einst etwa 550 cm hohe Teppichfolge, die sich in Angers im Musée des Tapisseries befindet, Szenen aus der Apokalypse zeigt. Die Folge bestand ursprünglich aus sechs Teppichen mit mehr als 600 Quadratmetern und entstand zwischen 1375 und 1382. Links befand sich jeweils eine große Figur, daneben 14 Einzelszenen in zwei Registern. „Die Apokalypse war in ihren in der Offenbarung des Johannes geschilderten Ereignissen seit Jahrhunderten Bildquelle vor allem für die Buchmalerei, wovon aus dem 13. und 14. Jahrhundert mehrere Gruppen von Handschriften aus Frankreich Zeugnis ablegen12).“ Apokalypsenzyklen sind – obwohl sich keine erhalten haben – spätestens vom 6. Jahrhundert an vorauszusetzen und gehören dann zum Repertoire vor allem in der frühmittelalterlichen Buchmalerei sowie etwas später in der Glasfenster- und Teppichkunst, nachfolgend dann auch in vielen Holzschnittfolgen.

Für den verlorenen, hier vorgestellten Wandbehang ist eine Länge, wenn man von erhaltenen Behängen mit vergleichbarer Anzahl von Szenen pro Register ausgeht, von mindestens 5 m denkbar. Es handelte sich wohl um eine im süddeutschen Raum hergestellte Wirkerei, wobei die Kette aus Leinen, die Schußfäden überwiegend aus Wolle bestanden haben dürften. Bei der Schriftart ist von einer Majuskel- oder Kapitalisschrift auszugehen.

Textkritischer Apparat

  1. preter quod Clm 1211.
  2. eminet Clm 27160, möglicherweise Verlesung von Leutner.
  3. Schismaticam Clm 27160, mutmaßlich Schreibweise Leutners.
  4. Dieser Vers doppelt in Clm 1927. Der Vers paßt an dieser Stelle nicht gut; vielleicht gehörte er ursprünglich an die Stelle nach Z. 13; für den Hinweis sei Herrn Dr. Uwe Dubielzig, München, gedankt.
  5. in celo Clm 1211, Clm 1928.
  6. viris in dieser Form (vgl. Versmaß) fehlerhaft; mutmaßlich von virus; für den Hinweis sei Herrn Dr. Uwe Dubielzig, München, gedankt.
  7. Zeile in Clm 1927 am Rande nachgetragen (zeitgenössisch); Zeile besonders gekennzeichnet: Clm 1211 mit Paragraphenzeichen, Clm 1928 rot; Zeile am Ende aufgeführt Clm 27160.
  8. Sibot Chennich de hohemos folgt Clm 1211, Clm 1928.

Anmerkungen

  1. In BHStA KL Wessobrunn Nr. 3a und in Clm 1927 findet sich jeweils nur die Angabe ut videre licet cum ipsa in ecclesia pendeant, aus der hervor geht, daß die Teppiche wohl in der Klosterkirche aufgehängt waren. Hager, Wessobrunn 228, nimmt an, die Teppiche könnten ähnlich wie in St. Ulrich und Afra in Augsburg an den Wänden des Chores über den Chorstühlen angebracht gewesen sein.
  2. Leutner, Historia 235; vgl. Andrian-Werburg, Wessobrunn 42.
  3. Vgl. auch zu seinen Werken Höppl, Traditionen 15*ff.
  4. Clm 1927 p. 128: Hic venerabilis Abbas Albertus duo fieri fecit Tapetia sive vela mirabilis picture ac varie texture. In uno continentur visiones libri Apocalypsis sancti Johannis apostoli. In altero Gesta divorum Petri et Pauli apostolorum que his versibus ornantur ut videre licet cum ipsa in ecclesia pendeant, so auch BHStA KL Wessobrunn Nr. 3a. Vgl. Nr. 6 †.
  5. Hager, Wessobrunn 225f.
  6. Clm 1211; Clm 1928.
  7. Hager vermutet hier eine Künstlernennung, vgl. Hager, Wessobrunn 227–228. Die Namensnennung ist nicht als Teil der Teppichbeschriftung anzusehen.
  8. Varianten nach Hager, Wessobrunn 225f. werden nicht ausgewiesen, da Hager, Wessobrunn 225, Anm. 1, angibt, er habe den Text der zu seiner Zeit üblichen Orthographie angepaßt.
  9. An dieser Stelle sei Herrn Prof. Dr. Sebastian Scholz, Universität Zürich, sowie Herrn Dr. Uwe Dubielzig, München, für Hilfen bei Interpretationsfragen gedankt.
  10. Z. 6 odis vgl. Apc 5,9 ᾿ῳδήν, nicht Vulgata canticum; Z. 7/8 mucro/lancea vgl. Apc 6,4/8 μάχαιρα/ῥομϕαίᾳ, nicht Vulgata gladius/gladio; Z. 14 cultor daemoniorum vgl. Eph 5,5 εἰδωλολατρης, nicht Vulgata idolorum servitus. Für diesen Hinweis und für Interpretationshilfen beim lateinischen Text sei Herrn Dr. Uwe Dubielzig, München, gedankt.
  11. Kommentar mit Rekonstruktionsversuch von Dr. Tanja Kohwagner-Nikolai, München.
  12. Wilckens, Textile Künste 270.

Nachweise

  1. Clm 1211 fol. 240v–241r; Clm 1927 p. 128–129; Clm 1928 p. 15–16; Clm 27160 fol. 16v (nur Teil der Inschrift enthalten); BHStA KL Wessobrunn Nr. 3a (Fotoband 45), p. 117; Hager, Wessobrunn 225f.

Zitierhinweis:
DI 84, Lkr. Weilheim-Schongau, Nr. 5† (Manfred Merk), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di084m015k0000509.