Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 68† Markoldendorf, St. Martin 1488

Beschreibung

Glocke. Die Glocke, die 1940 noch vorhanden war und in der Liste des Provinzialkonservators wie ihr Gegenstück von 1489 (Nr. 69) unter D – aus historischen und künstlerischen Gründen erhaltenswert – eingestuft wurde, wurde 1948 von Franz Schilling in Apolda neu gegossen.1) Vermutlich war sie zuvor gesprungen; beim Neuguss wurden die Inschriften der alten Glocke nachgeahmt. Inschrift A, die von Letzner bis zu Mithoff von zahlreichen Autoren als einzige überliefert wurde, war vermutlich unterhalb der Schulter angebracht.2) Die Inschriften B und C standen an der Flanke.3)

Hans Arnemanns erhaltene Glocke von 1489 (Nr. 69) zeichnet sich dadurch aus, dass der Gießer die vier als Versalien schreibt. Dass dies auch auf der vorliegenden Glocke der Fall war, darauf deutet die Wiedergabe bei Mithoff hin, die am meisten um eine Nachbildung der Inschrift bemüht ist. Die Inschriften B und C fanden sich, in zusammenhängender Reimform, auch auf einer Glocke des Meisters in Dielmissen (Lkr. Holzminden).5) Zu dem von 1487 bis 1508 nachgewiesenermaßen aktiven Meister vgl. den Kommentar zu Nr. 69.

Inschriften nach Mithoff (A) u. Fragebogen 1917 (B–C).

Schriftart(en): Gotische Minuskel4)

  1. A

    Anno . d(omi)ni . M° . C° C° C° C° . L xxxviiia) . sancte . martine . ora . pro . nobisb) .

  2. B

    Maria bin ich geheten De van Markoldendorf hebbet my laten ghegheten Mester Hans Arnemannc)d)

  3. C

    Gott gewe allen Christen [Saelen rad]e)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1488. Heiliger Martin, bitte für uns. (A)

Maria werde ich genannt. Die von Markoldendorf haben mich gießen lassen. Meister Hans Arnemann. (B)

Gott gebe allen Christenseelen Rat (Hilfe). (C)

Versmaß: Deutscher Reimvers (B, Maria … ghegheten).

Kommentar

Eine bereits im 19. Jahrhundert nicht mehr vorhandene Glocke aus dem Jahr 1481 in Markoldendorf trug ebenfalls den an den heiligen Martin gerichteten Wunsch nach Fürbitte (A) als Inschrift; vgl. Nr. 63.

Textkritischer Apparat

  1. M CCCC LXXXVIII Fragebogen; M. CCCC LXXXVIII Letzner, Dasselische Chronik; Letzner, Cod. Ms. Hist. 249, fol. 936v; M. CCCC LXXXIII Letzner, Cod. Ms. Hist. 248. M CCCC LXXXIX Neuguss. Die Jahreszahl wird auf dem Neuguss vermutlich deshalb falsch mit 1489 wiedergegeben, weil die in der Kirche erhaltene Glocke des Hans Arnemann (Nr. 69) aus diesem Jahr stammt.
  2. Auf dem Neuguss in erhabenen Kapitalis-Buchstaben mit Entlehnungen aus der gotischen Majuskel (unziales D, rundes M, rundes T): + ANNO · D(O)M(INI) · M CCCC LXXXIX · SANCTE · MARTINI · ORA · PRO · NOBIS.
  3. Mester Hans Arnemann] Im Fragebogen, wie auf dem Neuguss von 1948, nach laten eingeschoben. Meister Arnemann könnte ghegheten zunächst vergessen oder aber den Einschub seines Namens optisch abgesetzt haben. Auf der neuen Glocke wurde die reimstörende Anordnung wörtlich wiederholt; vgl. die folgende Anm.
  4. An der Flanke der neuen Glocke steht in gotischer Minuskel: Maria bin ich geheten de van / Markoldendorp hebbet / my laten Mester hans / Arnemann ghegheten.
  5. [Saelen rad]] Bael Fragebogen; vermutlich verlesen aus Sael[en]. Gegenüber von (B) steht heute an der Flanke: Gott geive / allen / Christen Seelen Rat; die Cauda des G ist nach unten als Kreuzstamm verlängert.

Anmerkungen

  1. Unter dem Reimvers (B) der als Tafel gestaltete Gießervermerk: FRANZ SCHILLING SÖHNE / IN APOLDA GOSSEN / MICH IM JAHRE 1948.
  2. „In der Haube“, so Fragebogen. Auf dem Neuguss unterhalb der Schulter.
  3. „Im Langfelde“, so Fragebogen.
  4. „Gothische Kleinbuchstaben“; Fragebogen.
  5. Vgl. DI 83 (Lkr. Holzminden), Nr. 20: Maria bin ich geheten / [de van] dedelmissen hebben mi laten gheten / han[es] arneman mi gegoten had / Got geve allen cristen Selen rad. Die Glocke in Dielmissen wurde laut der kopialen Überlieferung im Jahr 1447 (M CCCC XLVII) gegossen; die von mir in DI 83 noch verworfene Überlegung, dass die Glocke von Hans Arnemann, vermutlich 1497, geschaffen wurde, erscheint mir inzwischen als gewiss.

Nachweise

  1. Westfälisches Glockenmuseum in Gescher: Fragebogen betreffend Glocken, ausgefüllt 14. März 1917, in: Unterlagen des Provinzialkonservators, Konvolut Kreis Einbeck; für die Überlassung einer Kopie danke ich Andreas Philipp, Göttingen.
  2. Mithoff, Kdm. Hildesheim, S. 201 (nur A, wie alle folgenden).
  3. Letzner, Dasselische Chronik, 5. Buch, fol. 8v.
  4. Letzner, Klösterchronik (Cod. Ms. Hist. 248), S. 846; (Cod. Ms. Hist. 249), fol. 936v.
  5. Chrysander, Antiquarische Nachricht, Sp. 163 (nach Letzner, Dasselische Chronik).
  6. Krünitz, Oeconomische Encyclopädie, Bd. 19 (s. v. Glocke), S. 103 (nach Chrysander).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 68† (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di096g017k0006804.